Seelendiebe

Sein Leben lang hatte der Häuptling sich dagegen gewehrt, fotografiert zu werden. Viele Besucher hatten es versucht, denn er bot einen prächtigen Anblick mit den bunten Federn und den handgeschnitzten Perlen. Doch der Häuptling wollte seine Seele intakt wissen für den Tag, wenn er dereinst an den Anderen Ort ginge.

Doch nun drückten sie auf den Auslöser ohne ihn um Erlaubnis zu bitten. Das Klicken ihrer Gerätschaften schmerzte den Häuptling im Ohr wie eine Waffe, die entsichert wird, und er starb innerlich jedes Mal einen weiteren Tod, wenn sein Antlitz verewigt und gebannt wurde.

Es waren einfach zu viele, nun da er in ihrer Welt war. Zu Hause, in seiner Welt, waren sie wenige gewesen, seltene Besucher ohne Macht über ihn. Er hatte ihnen gebieten können, Einhalt und überhaupt. Doch hier galt seine Position nichts, beeindruckten seine Federn niemanden. Verwunderung und Erstaunen brachten sie, doch keine Ehrerbietung. Er war lediglich eine Kuriosität in ihrer Welt.

Sie hatten ihn in westliche Kleidung gesteckt, da sie offenbar der Meinung waren, dass der menschliche Körper verhüllt gehöre. Skeptisch hatten sie seinen Lendenschurz und den Brustschmuck gemustert und nicht für gut genug befunden. Der Häuptling hätte ihnen gern die Bedeutung seiner heiligen Kleidung erklärt. Hätte ihnen gerne klar gemacht, dass bei ihm im Wald der Mensch in all seinen Formen geehrte wurde. Dass sich bei ihnen niemand unter meterlangen Bahnen aus kratzigem Stoff verbergen musste. Dass jeder in seiner Einzigartigkeit ein Wunder war.

Doch sie hörten nicht zu. Er sah es daran, wie ihre Augen bei seinem Bericht abschweiften. Wie ihre Aufmerksamkeit sich bunteren, schnelleren Dingen zuwandte.

Er spürte Wut in sich aufsteigen und bestand darauf, in seiner eigenen Kleidung vor das Gericht zu treten. Doch sie blickten auf seine unverhüllte Rückseite, seine nackte Brust und seine blossen Füsse und schüttelten nur traurig die Köpfe. Unmöglich!, befanden sie und hielten ihm schwarze Lumpen hin. Einer musste ihm zeigen, wie man die seltsamen Häute anlegte, die auf der Haut scheuerten und ihn zum Schwitzen brachten. Zum ersten Mal in seinem Leben roch der Häuptling seinen eigenen Schweiss, dem es nicht gestattet war, an der freien Luft zu verdunsten und ihn zu kühlen. Stattdessen sickerte er in das künstliche Gewebe und begann zu riechen. Er stank, befand der Häuptling nach einem Geruchstest. Wie peinlich…

Auch mit dem Schuhwerk hatte er seine liebe Mühe. Er, der sein ganzes Leben nichts als Blätter, Erde, Steine und Baumrinde unter den Füssen gespürt hatte, musste nun in unbequemen Kisten herumgehen. Nach drei Schritten verfing sich die ungewohnte Sohle im Teppich – noch etwas, das ihm fremd war – und er fiel der Länge nach hin. Doch statt dass sie ihm geholfen hätten, lachten sie über ihn. Der Häuptling fühlte die Verletzung, die sein Stolz und seine Würde erfahren hatten. Er hatte vor diesen Fremden das Gesicht verloren. Und sie taten nichts, um es ihm leichter zu machen. Sie machten es schlimmer mit ihrem Spott und Hohn.

Zum ersten Mal, seit er hergekommen war, fühlte der Häuptling Erleichterung darüber, dass ihn kein Stammesgenosse begleitet hatte. Die Krieger hatten lange darauf beharrt, mit ihm zu gehen. Doch er wollte sie keinen unnötigen Gefahren aussetzen und war allein in diese fremde Welt gereist. Nun war er froh, dass niemand, der ihn kannte, und dessen Meinung ihm am Herzen lag, seine Schande sah. Wenn er zurückkehrte, wäre er der einzige, der sich an diese Ehrverletzung erinnern würde. Sein Status bei seinem Volk wäre intakt.

Dass sein Status hier nichts galt, stellte er am ersten Tag vor Gericht fest. Man nahm ihn nicht ernst, als er mit Hilfe eines ungelenken Dolmetschers vom Verlust seiner Heimat berichtete. Von den grossen, schmutzigen Maschinen, die sein Volk gnadenlos vor sich hertrieben. Von den Männern mit den toten, grausamen Augen, die sie bedrohten, wenn sie ihre Hütten nicht räumten.

Diese Männer waren nicht ehrenhaft, erklärte der Häuptling. Sie ehrten die Göttlichkeit des Waldes nicht. Sie ehrten überhaupt nichts, liessen nicht mit sich reden. Sie gehorchten einem anderen Häuptling, weit weit entfernt. Es gab keine Möglichkeit, diesen Mann zum Gespräch zu treffen, die Angelegenheit wie Ehrenmänner zu diskutieren. Denn der andere, so sagte der Häuptling und ballte von Wut übermannt die Fäuste, der andere war kein Ehrenmann.

Wieder klickte es tausendfach und der Häuptling zuckte zusammen, als die Presse seine Rede dokumentierte. Er spürte, dass die Kräfte seiner Seele an diesem Ort schwanden. Es gab hier so wenig Grün. Er verstand nicht, wovon die Menschen lebten, die hier zu Hause waren. Wohin sie gingen, wenn sie Kraft brauchten.

Alles in ihm drängte heim, drängte zurück in den Wald. Doch er musste seine Seele für sein Volk opfern. Sonst gab es bald keinen Wald mehr, in den er zurückkehren konnte.

Er musste stark sein für seine Leute, die ohne ihn keine Chance hatten. Deshalb hatte man ihn zum Häuptling gewählt. Weil er das Wohl der anderen über sein eigenes stellte.

Doch hier, in diesem Moment, fühlte er sich klein und unbedeutend. Er spürte, dass er selbst Hilfe brauchte, dass er dabei war, sich zu verlieren. Seine Seele, seine Kräfte zu verlieren, wenn er noch lange hierbliebe. Er war sich sicher, dass sein Zustand mit den Bildern zusammenhing, die von ihm gemacht wurden.

Dann sah er, dass sie nicht nur ihn, sondern auch sich selbst pausenlos abbildeten. Nicht gegenseitig – sie taten sich dieses Unheil selber an! Und dann schickten sie ihre Bilder um die Welt. Zersplitterten ihre Seelen aus eigenem Antrieb.

Vielleicht hatten diese Menschen hier schon ihre gesamten Seelen weggeknipst und brauchten darum keinen Wald mehr.

Der Häuptling begriff, dass er sich diesen Menschen nicht begreiflich machen konnte. Sie verstanden nicht mehr, wie lebenswichtig grüne Blätter für die Gesundheit der Seele waren. Wie konnten sie retten, was längst verloren war?

Betrübt und restlos erschöpft machte er sich auf die lange Reise zurück zu den Seinen, solange er noch Reste seiner Seele besass.

Mit seinem Volk floh er weiter vor den Maschinen, so lange es ging. Doch der Häuptling war nicht mehr derselbe. Er war von seiner Reise als gebrochener, alter Mann zurückgekehrt. Die Anderen hatten ihn verändert. Zu viele Seelensplitter sassen für immer in den Bildern seines Antlitzes fest und fehlten ihm, nun da er sein Ende näherkommen spürte.

Als die Maschinen sie eingeholt hatten, verlor er seine Sprache. Er hatte keine Worte mehr für das Entsetzen, das sein Volk erfasste. Sein Sohn führte nun das Volk, führte es in eine unsichere Zukunft, so gut er es verstand.

Das Volk wurde zur Attraktion und viele Andere kamen in das kleine Waldstück, das der Sohn des Häuptlings für sie erkämpft hatte. Die Anderen machten Bilder, hielten ihre verbitterten Gesichter auf bunten Totentafeln fest. Das Volk spürte, dass seine Seele in die ganze Welt hinaus verschwand.

Was dafür in ihre Welt gelangte, waren die Schreckensmeldungen von fremden Orten, nah und weit entfernt. Die Besucher brachten diese Berichte. Sie fragten mit verblüffter Entrüstung, ob sie nichts davon mitbekommen hätten. Vom Krieg. Von dieser und jener Umweltkatastrophe. Von den Schrecken, die nichts mit ihrem eigenen Elend zu tun hatten.

Und dann berichteten immer mehr Besucher von der Krankheit, die sich ungebremst ausbreitete. Von der Angst und der Hoffnungslosigkeit, die die Welt erfasst hatte. Von der panischen Suche nach Linderung der Schmerzen, nach Besserung, nach einem Heilmittel.

Der Häuptling liess sich die Krankheit beschreiben. Sein Gesicht, das seit seiner Reise eingefallen und alt war, zeigte nicht die kleinste Regung. Doch er wusste, wovon die Menschen in der Welt geplagt wurden. Er blickte seinen Sohn an und schüttelte unmerklich den Kopf. Sein Sohn nickte. Er war mit seinem Vater einer Meinung.

Die Krankheit war auch beim Volk nicht unbekannt. Doch das Volk kannte ein Heilmittel. Es befand sich tief in den Wäldern, und es brauchte einen erfahrenen Medizinmann, um die Heilung zu bewirken. Nur der Heilige des Volkes konnte die Menschen gesund machen. Zusammen mit den Gaben des Waldes, die er ehrerbietig sammelte und zu Medizin verarbeitete. Seit Generationen war beim Volk niemand mehr an der Krankheit gestorben. Der Medizinmann hatte jeden einzelnen von ihnen wieder gesund gemacht.

Doch die Menschen hatten keine fähigen Medizinmänner mehr. Sie hatten sie alle mit ihrem Spott und Hohn in die Dunkelheit getrieben. Keiner, der das alte Wissen noch teilte, machte den Mund auf. Die Weisen schwiegen. So lange hatte man nicht auf sie gehört, nun würden sie ihr Wissen mit ins Grab nehmen.

Jemand musste den Anderen aber doch etwas erzählt haben, denn immer mehr von ihnen kamen zum Volk in ihren winzigen Waldabschnitt, den sie ihr kümmerliches Zuhause nannten. Sie fuhren mit stinkenden Maschinen zu ihnen, trampelten wertvolle Kräuter am Wegrand nieder, verscheuchten die Tiere, bauten sich vor dem Häuptling auf und baten, ja forderten die Medizin. Sie wüssten mit Bestimmtheit, dass er die Lösung für ihr Problem kenne, warfen sie dem gebrochenen Mann vor, dessen Haupt immer noch die bunten Federn krönten. Doch alle Federn dieser Welt beeindruckten die Männer nicht. Sie trugen die kratzigen Stoffe und unbequemen Schachteln an den Füssen und stanken in der schwülen Luft des Waldes. Sie fühlten sich im Recht. Sie blickten auf den alten Häuptling herab. Bedachten seinen Sohn und seine Töchter mit abschätzigen Blicken. Wilde! Barbaren! Das sahen die Männer in ihnen. Und deshalb fühlten sie sich auch im Recht, wenn sie das letzte Geheimnis, den letzten Schatz des Volkes forderten.

- Gebt es uns, oder wir nehmen euch auch noch das letzte Stück Wald weg und ihr könnt sehen, wo ihr bleibt!

Erst forderten, dann drohten sie. Sie enthüllten ihre gesamte Grausamkeit, die sie sonst hinter ihrer vermeintlichen Zivilisiertheit verbargen.

Der Häuptling machte sich seine eigenen Gedanken. Er hatte die Welt dieser Menschen gesehen. Er hatte von den Besuchern gehört, wie es bei ihnen aussah.

Seine Leute blickten furchtsam zu ihm hin. Auch sein Sohn sah ihn voller Angst an. Was, wenn diese Männer ihre Drohungen wahr machten? Wohin sollten sie gehen? Wovon sollten sie leben?

Doch der Häuptling strich über die Federn auf seinem Haupt und schenkte ihnen einen beruhigenden Blick. Es hatte seine Gründe, warum sie ihn zu ihrem Anführer gemacht hatten. Und noch war er nicht am Ende seiner Reise angelangt.

Er erinnerte sich an die beschämende Erfahrung, die sein Besuch in der Welt dieser Männer gewesen war. Er rief sich die Demütigungen, den Hohn und das Gelächter ins Gedächtnis, das sein Auftreten und sein Flehen bei ihnen ausgelöst hatten. Er schürte die alte Glut der Wut, die all die Jahre hindurch in seinem Herzen geschwelt hatte. Er richtete sich auf. Und sein Volk schöpfte Hoffnung. Der gebrochene, alte Mann der letzten Jahre war verschwunden. Vor ihnen stand der stolze, weise Häuptling von früher. Seine Autorität brachte sogar die wütenden Männer zum Schweigen. Und als seine Stimme zum ersten Mal seit Monaten wieder erklang, hörte der ganze Wald zu.

- Als ich zu euch kam, da lachtet ihr mich aus. Ihr hörtet mein Flehen nicht. Mein Leid interessierte euch nicht. Meine Probleme erschienen euch nicht wichtig genug, um euch wahrhaft mit mir zu befassen.

Die Männer schwiegen wütend. Sie waren sich keiner Schuld bewusst.

- Ich habe euch um Hilfe gebeten – nicht für mich, sondern für mein Volk, für die Kinder, für ihre Zukunft. Ihr habt eure Herzen verschlossen und mich lächerlich gemacht.

Der Sohn des Häuptlings horchte auf. Nie zuvor hatte der Vater von seiner Reise und seinen Erlebnissen bei den Anderen gesprochen. Nie hatte er erklärt, was ihn dort gebrochen hatte. Nie hatte er seine Schande und seinen Schmerz geteilt.

- Unerledigter Dinge bin ich wieder zu meinem Volk zurück. Ich musste ihnen erklären, dass ich versagt hatte. Dass ich ihre Hoffnungen in mich nicht erfüllt hatte. Dass mein Flehen unerhört geblieben war. Das hat mich viel gekostet. Mein Volk zu enttäuschen…

Die fremden Männer legten die Stirn in Falten. Na und?, schienen ihre erbosten Gesichter zu sagen. Was hat das mit uns und unserer Forderung nach Medizin zu tun?!

Doch der Häuptling hob die Hand, als sie ihre Münder öffneten, um lautstark zu protestieren und ihr Recht einzufordern.

- Ich bin heimgekehrt. Und seither habe ich mein Volk so gut ich es vermochte aus der Gefahr geführt. Mein Sohn war meine Stütze. Er hat uns ein neues Zuhause verschafft. Dieser kleine Bereich eines einst unendlichen Reiches, das wir unser Eigen nannten.

Der Häuptling wies mit der Hand auf den sie umgebenden Wald. Noch immer schoben die Männer wütend die Kiefer vor.

- Eure Heilung? Ja, wir besitzen das Wissen um sie.

Die Männer horchten auf. Der Sohn des Häuptlings blickte seinen Vater erschrocken an.

- Ihr wollt die Medizin, die euch und eure Kinder und deren Zukunft rettet? Bitteschön. Dort ist sie.

Verwirrt blickten die Männer in die Richtung, in die der Häuptling gewiesen hatte.

- Wo?

- In den Wäldern, die ihr uns genommen und die ihr zerstört habt. Auf der verbrannten Erde unserer verlorenen Heimat könnt ihr sie finden.

Damit wandte er sich ab und liess die Männer stehen. Sein Volk folgte ihm geschlossen. Der Häuptling ging mit kraftlosem Schritt zur Lichtung, dem letzten heiligen Platz, der ihnen geblieben war. Dort legte er sich nieder und schloss die Augen.

Sein Volk wachte bei ihm, bis er nach drei Tagen sanft hinüber ging. Sein Volk hoffte, dass er den Weg trotz seiner verstreuten fand. Doch sie hatten Hoffnung – der Häuptling war stark und weise.

An der Stelle, wo sein Körper zurück zur Erde ging, wuchs im nächsten Jahr die Medizin gegen die Krankheit. Der Sohn besuchte die Stelle oft und war der Erste, der das heilende Kraut entdeckte. Er berichtete dem Medizinmann davon, der die Stelle gegen böse Geister segnete.

Der Sohn war nun Häuptling. Er hatte nicht vor, die Medizin mit einer Welt zu teilen, die seinen Vater gebrochen hatte. Sein Volk war mit ihm einer Meinung. Die vielen Fotografien schienen dem Volk die Seele geraubt zu haben. Die Männer und Frauen waren verbittert und wütend. Die Liebe zu allen Wesen, die lebendig sind, war ihnen beinahe abhanden gekommen. Sie hatten kein Mitleid mehr mit der Welt. 

Es reichte gerade noch für sie selbst.

Das Verhör

„Nun geben Sie’s doch endlich zu!“

„Was soll ich zugeben? Ich war’s nicht!“

„Lügen Sie mich nicht an! Wenn ich eines kann, dann einen Lügner erkennen!“

„Ich weiss ja nicht einmal, was Sie mir vorwerfen!“

„Als ob ich Ihnen das verraten würde. Lieber warte ich darauf, dass Sie sich in Widersprüche verstricken!“

„Widersprüche wobei?!“

„Ihren Schandtaten!“

„…“

„Oh, Sie denken also, Schweigen wird Sie retten? Ich nehme das einfach als stille Zustimmung.“

„Ich stimme überhaupt nichts zu, hören Sie mich?! Ich gebe nichts zu. Ich habe nichts getan! Ich bin vollkommen unschuldig!“

„Vollkommen? Sie wollen ernsthaft behaupten, eine absolut reine Weste zu haben?“

„Naja…“

„Wusst ich’s doch! Gerade haben Sie an Ihr Verbrechen gedacht! Ich sehe es Ihnen an der Nasenspitze an!“

„Na, hören Sie mal! Jeder hat doch ein paar Dinge getan, auf die er nicht stolz ist… Mich deswegen gleich als Verbrecher hinstellen, finde ich dann doch etwas übertrieben.“

„Ich weiss aber, dass Sie einer sind.“

„Sie können mir nichts nachweisen!“

„Dann geben Sie also zu, es getan zu haben?“

„Was?! Nein!! Ich war’s nicht!“

„Woher wollen Sie wissen, dass Sie es nicht waren, wenn ich Ihnen noch nicht gesagt habe, wessen ich Sie verdächtige?“

„Das… also… Ich weiss einfach, dass ich nichts verbrochen habe!“

„Eben sagten Sie noch, dass jeder Leichen im Keller hätte.“

„Ich meinte damit so etwas wie Falschparken oder Kugelschreiber aus dem Büro stibitzen…“

„Ich durchschaue Sie!“

„Wie bitte?“

„Sie wollen mich auf eine falsche Fährte locken, indem Sie ein anderes, weniger schlimmes Verbrechen zugeben.“

„Zum letzten Mal: Ich gebe gar nichts zu! Ich habe nichts getan! Nichts!“

„Wirklich nicht? Vielleicht haben Sie es nur verdrängt…“

„Woher soll ich dann wissen, ob ich etwas Schlimmes getan habe, wenn ich es doch, wie Sie sagen, verdrängt habe?“

„Das versuche ich gerade herauszufinden.“

„Na dann, viel Glück…“

„Sie halten sich wohl für sehr clever, was?!“

„Im Gegenteil.“

„Dann sind Sie also ein Dummkopf?“

„So eine Frechheit! Ich bin fassungslos!“

„Gut so. Ich war auch fassungslos, als ich den Tatort gesehen habe…“

„So schlimm?“

„Schlimmer!“

„Ich versichere Ihnen, dass ich absolut unschuldig bin! Ich bin gar nicht in der Lage, ein Verbrechen zu begehen! Sehen Sie mich an: Ich schwitze und zittere. Sieht so ein abgebrühter Übeltäter aus?“

„Ist vielleicht alles nur Show, um mich zu täuschen.“

„Ich bitte Sie! Lassen Sie mich laufen! Sie haben wirklich den Falschen!“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Dann erklären Sie mir doch endlich, worum es hier geht! Was werfen Sie mir vor?“

„Wo waren Sie am 28. Juni um 12 Uhr mittags?“

„28. Juni? Keine Ahnung! Kann ich meinen Terminkalender überprüfen?“

„Nein.“

„Okay… lassen Sie mich kurz nachdenken…“

„Die Zeit des Nachdenkens ist vorbei!“

„Geben Sie mir doch einen Moment, Herrgott nochmal!“

„Warum sollte ich? Sie sitzen hier auf dem heissen Stuhl!“

„Ist das überhaupt legal? Ich sollte zumindest meinen Anwalt anrufen dürfen, finden Sie nicht?“

„Dann sind Sie also schuldig?“

„Was?!“

„Nur Schuldige brauchen Anwälte.“

„Das ist unfassbar!“

„…“

„Sie brauchen gar nicht so zu grinsen. Ich werde Sie verklagen, wegen Machtmissbrauchs!“

„Versuchen Sie es doch! Ich habe da draussen zwanzig Männer, die schwören werden, dass ich im Recht bin.“

„Ach, so sieht das also aus! Wollen Sie mir jetzt drohen?“

„Nur wenn Sie weiterhin stur bleiben. Gestehen Sie und alles wird gut. Ich handle Ihnen einen Deal aus, versprochen!“

„Ich glaube Ihnen kein Wort. Erst machen Sie einen auf bösen Cop und plötzlich sind Sie der gute Cop?! Wer’s glaubt…“

„…“

„Das ist doch ein abgekartetes Spiel! Mir reicht’s! Sie wollen mir etwas anhängen! Da mach ich nicht mit!“

„He! Kommen Sie da runter!“

„Lassen Sie mich los! Ich halte das nicht mehr aus!!“

„Hören Sie auf mit dem Unsinn! Was haben Sie vor? Wollen Sie etwa aus dem Fenster springen?“

„Man kann’s ja mal versuchen.“

„Wir sind hier im siebten Stock!“

„Das ist mir egal!“

„Setzen Sie sich hin, Mensch! Sie entkommen mir ja doch nicht!“

„Was soll das alles eigentlich! Sagen Sie mir endlich, was hier vorgeht!“

„…“

„Zucken Sie nicht nur mit den Schultern. Warum ich? Was haben Sie gegen mich in der Hand?“

„Na schön… na schön…“

„Ich warte!“

„Ich weiss, dass Sie es waren. Ich habe Zeugen.“

„…“

„Oh, plötzlich ganz kleinlaut, was? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“

„Zeugen?! Was für Zeugen?“

„Zwei Personen haben Sie auf frischer Tat beobachtet.“

„Sie bluffen doch!“

„Ich wüsste nicht, wieso ich bluffen sollte.“

„Pfff! Das… also…“

„Gestehen Sie endlich!“

„Wozu brauchen Sie mein Geständnis, wenn Sie mehrere Zeugen haben?“

„Ich dachte, ich gebe Ihnen die Chance, ihre Weste selbst reinzuwaschen. Erzählen Sie mir, was geschehen ist.“

„…“

„Kommen Sie! Ich weiss doch, dass Sie beichten wollen.“

„Was springt dabei für mich raus?“

„Was wollen Sie?“

„Ich kann alles erklären. Ich will nur einen gerechten Prozess.“

„Wusst ich’s doch! Sie waren es tatsächlich! Jetzt hab ich Sie!“

„Sie haben doch geblufft! Sie mieses…!“

„He! Vorsichtig!“

„Entschuldigung! Ich… ach, verdammt!“

„Na, los! Sie haben sich ohnehin schon um Kopf und Kragen geredet!“

„Also gut, ich gestehe!!“

„Na also, geht doch!“

„Lassen Sie mich ausreden!“

„Aber dalli!“

„Ich wollte das alles nicht…“

„Reden Sie endlich! Ich warte!“

„Am Mittag des 28. Juni… war ich unfassbar hungrig.“
„Kommen Sie zur Sache!“

„Das ist wichtig! Sie müssen die ganze Geschichte kennen, um zu verstehen.“

„Fassen Sie sich kurz!“

„Nun gut. Ich war wahnsinnig hungrig. Ich kam gegen Mittag in die Büroküche und suchte nach etwas Essbarem, als völlig unverhofft…“

„Ja…?“

„Diese leckere Pizza auf dem Tisch lag…“

“Und…?“

„Was und?“

„War da etwas Besonderes an der Schachtel?“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Stand da etwa kein Name auf der Pizzaschachtel?“

„Doch…“

„Welcher Name war das?“

„…“

„WESSEN NAME STAND AUF DER SCHACHTEL?“

„Ihrer.“

„Ganz genau! Wenn ich Sie noch einmal dabei erwische, wie Sie meine Pizza fressen, fliegen Sie hochkant raus!! Und jetzt zurück an die Arbeit!“

„Ja, Chef… Tut mir leid…“

„Jaja! Das sagen sie alle…“

Kleine (kurze) Wunder Nr. 3

Als sie hörte 'kein Bier im Hospiz', stand sie auf und ging wieder heim.

Kleine (kurze) Wunder Nr. 2

«Guck an…», dachte der Atheist, als Gott durch seine Tür trat.

Kleine (kurze) Wunder Nr. 1

«Überlebt!», rief er freudig weinend; Seine Frau schob ihn genervt aus der Oper.

Erleuchtung

Rita freute sich ungeheuer auf das Seminar im Zen-Kloster. Sie hatte lange gespart, um sich das Retreat leisten zu können, und fieberte ihren Ferien immer ungeduldiger entgegen.

Als sie durch das steinerne Tor in die Stille des Klosterhofes schritt, spürte sie die tiefe Ruhe des Ortes und war sich sicher, die richtige Entscheidung gefällt zu haben.

„Willkommen“, begrüsste sie eine geschäftige Nonne in einem bequem aussehenden, grauen Gewand und führte sie in den Schlafraum, wo sie ihr Gepäck deponieren konnte.

Anschliessend begab Rita sich entsprechend den Anweisungen der Nonne in die grosse Versammlungshalle, in der gleich ein weiser Zen-Meister sprechen sollte. Andächtig lauschten Rita und elf weitere Besucher den genuschelten Worten des alten Mannes. Rita verstand, was der Mann sagte, aber nicht, was er meinte.

Verwirrt blickte sie deshalb auf die Nonne, die, nachdem der Meister geschlossen hatte, erwartungsvoll vor ihr stand.

„Das Dana für den Meister ist freiwillig. Die meisten geben 50 Euro“, erklärte die Nonne mit Nachdruck. Rita verstand noch immer nicht. Erst als die Nonne den Korb mit den zahlreichen 50-Euro-Scheinen vor ihrer Nase schüttelte, erwachte sie aus ihrer Erstarrung und fummelte eilig das Geld aus ihrem Portemonnaie.

„Ich dachte, alle Seminare seien im Preis inbegriffen?“, flüsterte Rita der Besucherin neben sich zu, sobald die Nonne ausser Hörweite war.

„Das dachte ich auch…“, wisperte die Frau zurück. Sie hatte eine wasserstoffblonde Strubbelfrisur und wirkte – abgesehen von ihren asiatischen Gesichtszügen – so fehl am Platz, wie Rita sich fühlte.

Beide zuckten zusammen, als sie ein männlicher Retreat-Besucher dicht hinter ihnen laut anherrschte:

„Das Dana für die Meister ist freiwillig! Haben Sie nicht zugehört?“

Plural! Rita fuhr der Schreck in sämtliche Glieder. Hiess das, sie musste diese Woche noch mehr bezahlen? Und was bedeutete überhaupt ‚Dana‘? An diesem Abend wagte sie nicht mehr, danach zu fragen.

 

Nach einer schlaflosen Nacht auf einem sehr dünnen Futon und sehr harten Tatami-Matten erklärte man ihr, dass sie als Teil ihres Samu nun erst einmal eine Stunde Küchendienst absolvieren solle. Rita musste nachfragen, was denn ‚Samu‘ sei, und wurde belehrt, dass es sich hierbei um meditatives Arbeiten im klösterlichen Kontext handle, das ebenso zur Erleuchtung führen könne wie eine Zen-Meditation.

Rita gab sich geschlagen. Gegen diese Erklärung hatte sie keine schlagkräftigen Argumente, doch sie wünschte sich dringend eine Tasse Kaffee und ein Nickerchen auf einer weichen Unterlage. Stattdessen grub sie im Garten Kartoffeln aus der frostbedeckten Erde. Die blonde Strubbelfrisur arbeitete gähnend zwei Reihen weiter links und wirkte genauso übernächtigt und missmutig wie Rita.

„Ein Königreich für einen Kaffee…“, raunte Rita ihr zu, als sie die schweren, vollen Körbe später in die Küche schleppten. Die Blonde stöhnte zustimmend.

Ritas Finger brannten von der Kälte und der ungewohnten Buddelei in der Erde. Sie fühlte sich wund und verletzlich. Eine weitere halbe Stunde Kartoffeln schälen halfen da auch nicht gerade.

Kaffee gab es keinen, dafür bitteren Grüntee. Anschliessend wurde die Truppe in einen kalten Raum gescheucht, wo sie unter Anleitung eines westlich aussehenden Zen-Meisters die nächsten zwei Stunden in stiller Meditation unterwiesen wurden.

Ritas Magen knurrte vernehmlich, und ihre Beine zitterten während der endlosen Sitzerei unkontrolliert. Sie versuchte, sich auf die Meditation zu konzentrieren und die körperlichen Strapazen abzustreifen. Doch Hunger und Kälte machten es ihr unmöglich. Sie öffnete die Augen, und ihr Blick traf den der Blonden, die in stummer Verzweifelt den Kopf schüttelte. Rita musste ob der Absurdität der Situation grinsen. Und fing sich einen tadelnden Blick des Meisters ein.

Nach der Lektion ging die Nonne wieder mit dem Korb durch die Reihen.

„Entschuldigung…“, sprach Rita die Frau leise an. „In der Broschüre stand nichts von zusätzlichen… Also, ich dachte, die Kurse seien im Preis des Retreats schon enthalten…“

„Sind sie auch“, erklärte die Nonne fröhlich. „Das Dana ist freiwillig. 50 Euro ist unsere Empfehlung für jeden Meister.“

„Aha…“ Geschlagen und beschämt holte Rita ihr Geld hervor. Wenigstens gab es gleich Mittagessen.

Doch als Rita wenig später vor einer kleinen Portion Salzkartoffeln sass, deren Ursprünge sie nur zu gut kannte, hätte sie am liebsten weinen mögen.

„Wenn es Ihnen nicht schmeckt, können Sie auch im angeschlossenen Kloster-Restaurant essen…“, sagte die Köchin eingeschnappt, als sie Ritas langes Gesicht sah. Rita horchte auf.

Sie begab sich unverzüglich in die Restaurant-Räumlichkeiten. Doch dort erklärte man ihr, dass die Mahlzeiten, die sie hier einnehme, selbstverständlich separat abgerechnet würden. Nur das Essen, bei dem die Retreat-Besucher mithalfen, war kostenlos. Rita hatte solchen Hunger, dass ihr das egal war. Sie liess sich die Karte bringen.

Während sie wartete, sah sie, wie elegant die anderen Gäste gekleidet waren. Sie fiel unangenehm auf in ihren bequemen Yoga-Klamotten mit den vom Kartoffelgraben erdigen Knien. Sie versuchte ihr unpassendes Äusseres durch vollendete Manieren zu kaschieren und bedankte sich höflichst, als die Serviceangestellte ihr die Speisekarte reichte.

Rita warf einen Blick auf die Gerichte und die Preise, dann schloss sie die Karte leise und verzog sich beschämt wieder in den kargen Speisesaal für die Seminar-Besucher. Ihre Kartoffeln waren in der Zwischenzeit natürlich verschwunden.

„Pssst“, wisperte ihr die Besucherin mit der blonden Strubbelfrisur auf dem Weg zum nächsten Vortrag zu. Wieder ging es zu einem Zen-Meister in die grosse, zugige Halle.

Vor Ritas Augen tanzten schwarze Flecken, als sie sich umwandte. Die Blonde steckte ihr einen Proteinriegel zu, den Rita dankbar annahm und sofort verschlag. Schlagartig fühlte sie sich etwas besser.

Wieder verstand sie zwar die Worte, aber nicht die Botschaft des weisen Mannes.

War es denn von einem Weisen zu viel verlangt, sich verständlich auszudrücken?

Rita fürchtete sich vor dem Ende der Rede. Und tatsächlich: Kaum hatte der Meister sein Genuschel beendet, tauchte die Nonne vor Rita auf.

„Das freiwillige Dana…“

„Ich habe nichts verstanden und fühle mich ausserstande, diesem Mann eine Spende – ob freiwillig oder nicht – darzureichen“, unterbrach Rita die Frau.

„Wir empfehlen für das freiwillige Dana eine Summe von 50…“

„Haben Sie mir nicht zugehört?“, unterbrach Rita sie erneut.

Doch noch immer stand die Nonne versonnen lächelnd vor ihr und hielt ihr den Korb unter die Nase.

„Für den Meister…“
 „ICH WERDE NICHTS GEBEN!“, sagte Rita lauter als beabsichtigt. Die roboterhafte Nonne ging ihr langsam echt auf den Geist.

„Das ist eine Beleidigung!“, schaltete sich der empörte Mann von gestern ein, der seine 50 Euro bereits brav in den Korb geworfen hatte.

„Nein, eine Beleidigung ist es, wenn man für ein Retreat ein kleines Vermögen hinlegt, dann für jeden einzelnen Kurs extra bezahlt, und ausserdem sein Mittagessen, das diesen Namen kaum verdient, selber aus der Erde buddeln muss, und einem das dann als zur Erleuchtung führende Meditation untergejubelt wird!“, erwiderte Rita, in der es nun ebenfalls brodelte.

„Das freiwillige Dana für den Meister…“

„Seien Sie still!“, fuhr Rita die Nonne an. „Wir scheinen höchst unterschiedliche Auffassungen des Begriffs ‚freiwillig‘ zu haben, wie mir scheint. Ebenso vom Konzept der spirituellen Erleuchtung“, sagte Rita mit kaum unterdrückter Wut. Dann wandte sie sich zu ihrer blonden Verbündeten um:

„Lieber gebe ich meine letzten 50 Euro für ein Taxi zum Bahnhof aus. Kommst du mit?“

Die Blonde nickte eifrig, und gemeinsam eilten sie aus dem Raum.

„Ich heisse übrigens Rita.“

„Freut mich! Ich bin Sadie. Also eigentlich Satori.“

„Das ist nicht dein Ernst?!“

„Oh doch“, sagte Satori und grinste verschmitzt.

Und einfach so hatte Rita die Erleuchtung doch noch gefunden. Sie hatte eine wasserstoffblonde Strubbelfrisur und für Notfälle immer ein paar Proteinriegel im Gepäck.

Golden

Glühend rot ging die Sonne zwischen den Häusern unter. Tia drückte die Wiederholtaste und hörte zum zwölften Mal „Don’t fear the reaper“, die Originalversion mit dem seltsamen Kuhglocken-Rhythmus. Sie kriegte einfach nicht genug von dem Lied. Die sommerliche Hitze wich einer angenehmen Wärme, als die Wolken sich flammend rot färbten. So würde es sich die ganze Nacht auf dem Balkon aushalten lassen. Zwei Fledermäuschen flatterten vorbei, auf der Jagd nach Insekten. Tia lächelte. Um sie herum pulsierte das Leben der Stadt. Irgendwo feierte jemand eine Party. Während der ruhigeren Liedteile konnte sie deren Musik und das Lachen hören. Unter ihr gingen Menschen vorbei, ohne dass sie gesehen wurde.

Tia atmete tief und entspannt ein und aus. Sie wollte nirgendwo sonst auf der Welt sein als genau hier. Es war einer dieser Momente im Leben, die vor lauter Vollkommenheit warm und golden glänzten.

Philosophie und Hunger

„Vielleicht sind wir alle eins. Ein einziger grosser Organismus. Jedes kleine Rädchen im Getriebe wichtig für den Lauf der Welt…

Vielleicht braucht es auch den Kleinsten unter uns, damit das grosse Ganze funktioniert…

Vielleicht ist die Welt ja doch ein vollkommenes Konstrukt, und wenn jeder seine Rolle einnimmt, dann ist das Leben vollkommen, perfekt, makellos…

Doch leider lebt in unserer Gesellschaft jeder nur zu seinem persönlichen Vorteil.

Das ist der Fluch des Individualismus. Keiner ist bereit, seinen persönlichen Vorteil für das allumfassende Gute zurückzustellen.

Sobald sich die einzelnen Komponenten benachteiligt fühlen, vergessen sie den grossen Plan und werden zu Egoisten. Ich, ich, ich! Ist nicht vielleicht das unser grösstes Übel, unser Hindernis auf dem Weg zur Vervollkommung?“, dachte der Frosch philosophisch, und beobachtete interessiert die Fliege, die über den Rand seines Seerosenblatts krabbelte. 

„Wenn jeder wichtig ist“, überlegte er, „dann ist auch jeder wertvoll. Oder nicht?“

Sein Magen knurrte. Instinktiv schnellte seine klebrige Zunge hervor, und er verschlang die Fliege in einem Happs.

„Vielleicht auch nicht…“, dachte er und schloss zufrieden die Augen. Leider sah er deshalb den Storch nicht, der ihn nachdenklich beobachtete.

Perspektivische Verzerrung

Oh nein! Nein!

Bin entdeckt!

Sieht mich.

Entscheidet.

Braucht eine Ewigkeit dafür.

Renne.

So schnell mich meine sechs Beine tragen.

Renne, renne, renne.

Vergebens!

Hat mich gesehen!

Folgt meinen Bewegungen.

Will mich töten!

Bin verloren!!

Gnade! Erbarmen!

Meine Frau! Meine Kinder!

Bitte!

Lass mich laufen!

Lass mich gehen!

Renne ja fort, so schnell ich kann!

Nein! Bitte!

Nähert sich mir.

Gewaltig.

Träge.

Unaufhaltsam.

Unausweichlich.

Fixiert mich mit seinen winzigen Augen.

Diese Bosheit! Dieser Hass! Ekel!

Hasst mich.

Findet mich widerwärtig.

Zerquetschenswert.

Verabscheut mich.

Um meiner selbst wegen.

Nur weil ich sein Reich betreten habe?

Zufall! Zufall! Wollte hier gar nicht her!

Hab mich nur verlaufen!

Verschwinde ja bereits!

Lass mich gehen! Lass mich gehen!

Kommt immer näher.

Hat seine Waffe gewählt – ein weisses Kleenex.

Oh bitte! Bitte nicht!

Geh weg von mir!

Renne doch so schnell ich kann!

Lass mich leben!

Bitte!

NICHT!

Weiss senkt sich über mich.

Finde nicht mehr heraus!

Kriege keine Luft!

Angst!

So grosse Angst!

Will nicht sterben!!

Weiss rückt immer näher.

Auf mich zu.

Berührt mich.

Drückt auf mich.

Druck wird grösser.

Kriege keine Luft mehr!

Hilfe!

Bitte, bitte nicht!

Gnade!!

Spüre meinen Panzer knirschen.

Dieser Schmerz!

Knacken, als mein Körper aufgibt…

Schmerz ist endlos!

Wann hört das auf?

Wann…?

Beine knicken…

Rücken bricht…

Kopf zerspringt…

Kriege keine Luft…

Leben entweicht mir…

Kann nicht atmen…

Bitte!

Mach, dass es aufhört…

Bitte…

 

     ° ° °

 

Das Knacken des Chitinpanzers, als Damaris den Käfer mit dem Taschentuch zerdrückt, ist absolut widerwärtig. Es schüttelt sie vor Ekel. Dann knüllt sie das Kleenex zusammen und drückt noch einmal fest zu, damit das kleine Tierchen auch sicher tot ist.

‚Sorry, Käfer‘, denkt sie mit schlechtem Gewissen. ‚Aber wenigstens bist du schnell gestorben und hast nicht lange gelitten.‘

Sie wirft Taschentuch und Käfer in den Müll und wäscht sich die Hände. Dann bekommt sie keine Luft mehr und sinkt an der Spüle zusammen. Das Wasser läuft noch immer. Sie aber sitzt keuchend am Boden.

Seit der Bronchitis ist es richtig schlimm. Manchmal hat sie regelrecht das Gefühl, sie müsse ersticken.

Als die tanzenden Flecken vor ihren Augen verschwunden sind, kriecht Damaris zum Telefon und macht einen Termin beim Arzt.

«Wie dringend ist es denn?», fragt die Arztgehilfin mit ihrer Kinderstimme. Damaris, die mehr als doppelt so alt ist, beneidet das Mädchen um seinen gesunden, unverbrauchten Körper und hustet ins Telefon:

«Sehr!»

«Oh, okay…», murmelt die Arztgehilfin erschrocken, «dann schiebe ich Sie morgen um neun dazwischen.»

Sie legt hastig auf, als wäre Damaris ansteckend. Dabei hat sie ihr Leiden selber verschuldet, das weiss sie genau. Sie raucht seit ihrem sechzehnten Lebensjahr täglich eine Packung Zigaretten.

Keuchend lehnt Damaris sich an die Wand. Das Telefonat hat sie ihre letzte Kraft gekostet.

Am nächsten Morgen erklärt ihr der Arzt mit finsterem Blick, dass die Abkürzung COPD für chronisch-obstruktive Lungenerkrankung stehe, im Volksmund beschönigend «Raucherhusten» genannt, in Wahrheit aber eine unheilbare und ernstzunehmende Krankheit, an der ein Grossteil der bisherigen und aktuellen Raucher des Landes leidet. Meist unwissentlich.

Der Arzt erzählt von starkem Husten, von Schleim am Morgen, der nur schwer abgehustet werden kann, von Atemnot selbst bei mässiger bis schwacher körperlicher Belastung, und von brummenden oder pfeifenden Geräuschen beim Ausatmen.

Damaris hört nur mit halbem Ohr zu. Sie lauscht auf das pfeifende Geräusch, das ihre Lungen seit der Bronchitis beim Ausatmen machen.

Bisher hatte sie sich eingeredet, eben einfach zu wenig Sport zu machen. Mit ein bisschen gesunder Ernährung und einem Spaziergang am Abend wäre sie sicher fitter, davon war sie überzeugt gewesen. Nur dass sie sich eben nicht besser ernährt und abends weiterhin rauchend auf dem Sofa gesessen hatte…

Nun aber weiss sie mit Sicherheit, was sie schon seit Monaten ahnt und verdrängt. Sie ist ernsthaft krank und es gibt kein Heilmittel. Das Heilmittel wäre gewesen, damals mit dreizehn nach der ersten Zigarette gleich wieder mit dem Rauchen aufzuhören. Aber dieser Zug ist längst abgefahren. Man sieht ihn nicht einmal mehr, während man keuchend und hustend am Ende des Perrons steht.

 

Damaris muss in ein seltsames Gerät pusten. Der Arzt nickt noch einmal mit zusammengezogenen Augenbrauen. Er schreibt ein Rezept für ein Medikament, das ihre Atemwege erweitern soll, und hält sie dazu an, gerade jetzt den Sport nicht zu vernachlässigen – das wäre in höchstem Masse kontraproduktiv.

Damaris kann sich gerade noch verkneifen zu fragen: «Welchen Sport?» und nimmt nickend das Rezept entgegen. Sie fühlt sich, als hätte sie gerade ihr Todesurteil überreicht bekommen.

«Ausserdem sollten Sie sofort mit dem Rauchen aufhören», sagt der Arzt, als wäre das die einfachste Sache der Welt. Ja klar! Einfach mal schnell von zwanzig Zigaretten am Tag auf null runterfahren, no problemo!

Damaris flieht aus dem Zimmer und hinaus auf die Strasse, wo sie sich automatisch eine Zigarette anzündet, wie immer, wenn sie sich beschissen fühlt, schlechte Nachrichten bekommt, nicht denken kann, sich ihre Gedanken überschlagen, sie nicht schlafen kann, sie eine Pause vom Alltag braucht, wenn alles zu viel wird und nichts anderes hilft.

Vielleicht ist Rauchen nicht die Ursache, sondern ein Symptom einer ganz anderen Krankheit. 

 

In den folgenden Monaten verschlechtert sich Damaris’ Zustand schubweise. Sie kommt einfach nicht von den Zigaretten weg, so sehr sie sich auch bemüht. Aber immer, wenn die Panik sie wie eine gigantische Meereswelle zu überrollen droht, findet sie sich auf dem Balkon wieder, den beruhigenden Glimmstängel zwischen den zitternden Fingern. Nichts anderes hilft in solchen Momenten.

Schliesslich verschreibt ihr Arzt Damaris Kortison zur Inhalation.

 

Dann kommt die Sauerstofftherapie.

Damaris keucht und japst inzwischen, sobald sie auch nur von einem Stuhl aufsteht.

 

Für die Transplantationsliste einer Spenderlunge qualifiziert sie sich nicht, weil sie immer noch nicht mit dem Rauchen aufgehört hat. Die Organe sind selten genug und gehen an Menschen, die nach Meinung der Ärzte vollen Einsatz dabei zeigen, wieder gesund werden zu wollen. Weiterleben zu wollen.

Ihr Arzt blickt Damaris enttäuscht an. Nicht enttäuscht darüber, dass sie es nicht auf die Liste geschafft hat, sondern enttäuscht über ihr Verhalten in dieser brenzligen Situation.

Damaris könnte nur noch weinen vor Angst und Verzweiflung. Sie tut es nicht. Weil sie sonst gar keine Luft mehr bekommt.

 

Ja, sie ist selber schuld an der Misere. Aber hat sie es deshalb verdient, so elendiglich zu verrecken? Kann sie wirklich etwas dafür, dass die Welt so ist wie sie ist? Hat sie mit tausend kleinen Handlungen dazu beigetragen, dass das Leben beschissen ist? Oder haben das andere verbockt? Haben andere sie in die Scheisse geritten, in der sie jetzt bis zum Hals steckt?

Ihre Grosseltern, die ihre Gene mit der Affinität zu Suchtverhalten an Damaris’ Eltern vererbt haben?

Ihre Eltern, die ihre ganze Kindheit hindurch geraucht haben, als sie eigentlich Vorbilder hätten sein müssen?

Ihr erster Freund Thierry, der ihr – damals gerade süsse dreizehn Jahre alt – die erste Zigarette angeboten und mit seinen hübschen braunen Augen dafür gesorgt hat, dass sie das eklige Ding auch aufraucht und den Hustenreiz unterdrückt?

Die Zeitumstände, die es ihr erlaubten, an der Uni und später im Büro zu rauchen, sie nie zwangen, den Glimmstängel auszudrücken?

Die Tabakindustrie, die ihr Produkt derart perfektioniert hat, dass es kaum möglich ist, davon loszukommen? Weder mit Hypnose, noch mit Akupunktur, noch mit Medikamenten, Seminaren, Ersatzzigaretten, Nikotinpflastern, Schlammbädern oder Weizengrassaft?

Waren die alle schuld? Oder war es ihr eigener Fehler? Ihre Schwäche? Ihre Disziplinlosigkeit?

Hat sie nicht alles Menschenmögliche versucht und trotzdem versagt?!

 

Damaris sitzt in der Ecke und versucht, nicht zu weinen. Wenn sie weint, kann sie nicht atmen. Das zumindest hat sie in den letzten Wochen schon herausgefunden. Im Grunde müsste sie die ganze Zeit über vollkommen entspannt sein, dann ginge es ihr am besten, dann bekäme sie am ehesten Luft.

Aber wie, in Gottes Namen, konnte sie entspannt sein? Sie starb gerade!

 

Beinahe unmerklich haben ihre Lippen, Finger und Zehen begonnen, sich blau zu verfärben. Der Husten am Morgen ist jetzt besonders schlimm, aber immerhin hustet sie noch.

Solange es weh tut, ist man noch nicht tot, sagt sich Damaris und kämpft gleich darauf wieder mit den Tränen.

Sie gehöre wohl eher in die Kategorie der «Blue Bloaters», meinte ihr Lungenarzt beim letzten Besuch mit Blick auf ihren Leibesumfang.

«Wie bitte?!», hatte Damaris gekeucht.

Der Arzt holte eine Tabelle hervor und wies auf die abgebildeten Schemazeichungen.

«Es gibt zwei Typen von COPD-Patienten, die ‘Pink Puffers’ und die…»

An diesem Punkt war Damaris aus dem Zimmer gestürmt.

Sie hatte genug von den Ärzten und ihrer Überheblichkeit. Was wussten die davon, wie es sich anfühlte, wenn man gerade verreckte?

Sie würde sich irgendwo verkriechen und ganz allein, in Frieden, ihr letztes Keuchen aushauchen.

Würdevoll.

In ihrem Sinne. Nach ihren eigenen Regeln.

 

     ° ° °


Gequält blickt Gottheit auf den blauen Planeten im unendlichen Sandkasten, der Gottheits Zuhause ist. Die Verwüstung schmerzt Gottheit im Innersten, doch sie lässt sich nicht aufhalten. Alles geht seinen Lauf. Sterne entstehen in der Ferne, glimmen kraftvoll auf, werden rot und riesig, verglühen, und brennen Löcher ins Gewebe des Seins.

Gottheit schaut interessiert aber unbeteiligt zu. Gottheit freut sich an den Farben und denkt nicht weiter darüber nach.

Dann wendet sich Gottheits seelenloser Blick wieder dem Leben auf der blauen Kugel zu. Auf das Gewusel hinabblickend wundert sich Gottheit. So viel Leben, so viel Tod. So viel Veränderung in jedem Moment. Wie muss das für sie sein, dort unten?

Immerhin, denkt Gottheit, scheinen sie nicht zu leiden. Sie sterben so schnell, die Menschen.

Sechs Uhr achtundfünfzig

Sie hörte den aufheulenden Motor und konnte gerade noch einen Schritt zur Seite machen, bevor der getunte Sportwagen direkt vor ihr auf den Gehweg und weiter auf den Parkplatz schoss. Sie sprach ein stummes Dankeschön an ihren Schutzengel und eine etwas lautere Verwünschung aus, dann stellte sie sich in einiger Entfernung des Autos in den Schatten.

Während sie wartete, schweifte ihr Blick zum Fahrer des aufgemotzten Gefährts, der bei laufendem Motor in sein Handy vertieft war. Sie schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Seine Haare waren raspelkurz geschnitten und liessen einen schön geformten Kopf erkennen. Er trug eine teuer aussehende Sonnenbrille, und auch seine Klamotten besassen die unangestrengte Lässigkeit von Markenkleidung. Etwas beschämt blickte sie auf ihre eigene Sporthose hinab, der man den Textil-Discounter von weitem ansah.

Der bollernde Motor ging endlich aus und holte sie aus ihren Gedanken. Der junge Mann stieg aus, knallte die Tür zu, machte sich nicht die Mühe, sein Auto abzusperren, und kam in ihre Richtung. Sie versuchte, unbeteiligt und lässig dazustehen, was natürlich misslang, da sie nicht unbeteiligt und lässig war. Sie war genervt, wütend auf sich selbst, denn sie fühlte sich klein und schäbig, arm und unwichtig.

Warum hatte so ein Bürschchen allein mit seiner Schnoddrigkeit und seinem aufgeplusterten Auftreten die Macht, sie in ihrem Selbstverständnis zu erschüttern? Sie war nicht schlechter als dieses Bübchen, das seine teure Karre bestimmt noch lange nicht abbezahlt hatte.

Sie ballte die Fäuste und versuchte, ruhig durchzuatmen. Du bist auch nicht besser als er, nur weil du deine Rechnungen pünktlich bezahlst und deinen Müll trennst, rief sie sich in Erinnerung. Sie versuchte seit einigen Wochen, allen Menschen mit Liebe zu begegnen – auch wenn sie anstrengende Kotzbrocken waren.

Es war nicht einfach.

Mit ausgreifenden Schritten und unbeteiligtem Gesichtsausdruck ging der junge Mann an ihr vorbei. Viel zu nah – keiner respektierte mehr den persönlichen Raum seiner Mitmenschen – und weiterhin in sein Telefon vertieft. Das kränkte sie fast noch mehr. Er blickte gar nicht auf sie herab. Er verachtete sie überhaupt nicht. Sie war ihm einfach nur egal. Mehr noch: Wahrscheinlich hatte er sie gar nicht wahrgenommen. In seiner Welt existierte sie noch nicht mal.

Er steckte das Handy in die Gesässtasche, stolzierte lässig zum Laden und knallte mit der hochgereckten Nase ungebremst in die geschlossene Schiebetür, denn es war erst zwei Minuten vor Ladenöffnung. Blut sprudelte auf sein teures T-Shirt.

Warum stehe und warte ich hier wohl?, dachte sie kopfschüttelnd und holte ein Taschentuch aus ihrer ausgeleierten Sporthose. Er streckte dankbar die Hand aus, doch sie ging wortlos an ihm vorbei und wischte den Abdruck fort, den sein dummes Gesicht auf der Glastür hinterlassen hatte.

Weihnachtsessen

Während sich der kreiselnde Hintern immer bedrohlicher seinem Schoss näherte, wurde Rüdiger bewusst, was er für einen grossen Fehler gemacht hatte. Die hoch und runter wippenden Hüften der schönen Frau hatten vor wenigen Minuten noch auf sehr angenehme Weise sämtliche Gedanken aus seinem Kopf getilgt, und er hatte sich begeistert freiwillig gemeldet, um auf dem einsamen Stuhl auf der Bühne zu sitzen. Doch dann hatte er trotz des gleissenden Gegenlichts die missbilligenden Gesichter der Sekretärinnen erblickt, und nun wurde Rüdiger vor lauter Scham abwechselnd heiss und kalt.

Er versuchte, die Tänzerin in ihrem knappen, mit klimpernden Münzen besetzten Kostümchen nicht allzu offensichtlich zu mustern. Doch sobald sein Blick von ihr fortschweifte, sah er seinen finster dreinblickenden Chef und die hinter vorgehaltenen Händen tuschelnden Angestellten. Also richtete er seine Aufmerksamkeit eben wieder auf die wippenden Hüften vor sich und überlegte fieberhaft, wie er aus dieser brenzligen Situation wieder heraus kam.

Die Tänzerin kam immer näher, die Schmuckmünzen klirrten unheilvoll im Takt der fremdländischen Musik. Und dann enthüllte sie ihren Oberkörper und schlang das durchscheinende rosa Tuch stattdessen um Rüdiger. Der erstarrte vor Schreck. Ein Schweisstropfen rann seine Stirn hinab, obwohl draussen vor dem Lokal der Schnee weiss und unschuldig die Strassen bedeckte.

Er hatte sich auf das Weihnachtsessen mit der ganzen Belegschaft gefreut. Hatte sich vorgenommen, mit seinen Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen, bei einem Glas Wein vielleicht etwas mehr über seinen Vorgesetzten zu erfahren. Doch nun dachte er nur noch daran, seine Haut und die letzten Reste seiner Würde zu retten.

Rüdiger lachte verlegen, als die Tänzerin ihm das Tuch auf intime Weise um den Hals gleiten liess. Doch niemand lachte mit. Die starren, entsetzen Gesichter der Firmenmitglieder sagten klar und deutlich, dass sie die Vorgänge auf der Bühne nicht zum Lachen fanden. 

Dann sah Rüdiger die Linse einer Handykamera im Scheinwerferlicht aufblitzen und verlor die Fassung. Er sprang auf, schob die Tänzerin zur Seite und hastete aus dem Lokal.

In der eisigen Winterluft kam er langsam wieder zu sich. Er hatte sein Sakko im Restaurant vergessen, und der erkaltende Schweiss liess ihn frösteln. Doch er ging trotzdem weiter.

Was hatte er da nur angerichtet?

Wie konnte er am Montag den Kollegen wieder in die Augen blicken?

Seinem Chef?

Rüdiger wurde speiübel, wenn er an die Fotos und Handyfilmchen dachte, die bereits durch die gesamte Belegschaft kursieren mussten.

Seine Schritte knirschten im frischen Schnee. Die Nässe drang durch die zu leichten Lederschuhe und machte ihm die Zehen taub.

Er hasste den Winter in der Stadt. Hasste die Kälte. Die lange Dunkelheit. Die trübselige Stimmung in der Firma.

In einer Woche war Weihnachten, und Rüdiger hatte niemanden, mit dem er feiern konnte. Er würde sich einen schnulzigen Familienfilm reinziehen müssen, nur notdürftig verdünnt durch eine Flasche Jack Daniels.

So wie jedes Jahr.

Mit einem Mal hatte Rüdiger die Nase voll. Auf der Brücke blieb er abrupt stehen und blickte auf das dunkle, strudelnde Wasser hinab. Er stieg auf das Geländer und sah einen Moment lang auf das schwarze Fliessen, liess den Fluss seine ebenso schwarzen Gedanken mit sich forttragen.

Niemand würde ihn vermissen. Keine Frau, keine Verwandten, keine Kinder. Und in der Firma war er ersetzbar, das war ihm sehr wohl bewusst.

Es gab niemandem, dem er wirklich fehlen würde…

Rüdiger fällte einen Entschluss.

Er stieg vom Geländer und winkte ein Taxi heran. Der Rücksitz stank nach altem Zigarettenrauch. Aber dafür war es mollig warm im Auto.

„Zum Flughafen“, wies er den Chauffeur an.

Der nickte, nachdem er den für die kalte Dezembernacht viel zu leicht bekleideten Fahrgast einen Moment lang gemustert hatte.

„Wo geht‘s denn hin?“

Rüdiger liess sich mit einem Lächeln in das muffige Sitzpolster sinken:

„Hawaii.“

Das Inserat

Während Cornelia auf ihren Mann wartete, schweifte ihr Blick zur Wand mit den Gratis-Inseraten. Mit müdem Blick überflog sie die Angebote für Deutschunterricht, Gitarrenlektionen und private Bügel- und Putzdienste. Ihr fielen fast die Augen zu, weil die Kleinen letzte Nacht alle halbe Stunde lautstark weinend nach ihr verlangt hatten. Alpträume und Bauchschmerzen waren das Problem gewesen, weshalb die Kinder irgendwann bei ihr und Reto im Bett geschlafen hatten. Auch er sah übernächtigt aus, doch der Wocheneinkauf musste trotzdem erledigt werden.

Cornelia schaukelte mechanisch den Kinderwagen und fragte sich, wann es endlich leichter würde. Sie suchte ihren Mann in der Menschenmenge und sah, dass er noch weit hinter der Kasse stand. Er schaffte es irgendwie immer, bei der langsamsten Kassiererin und der trägsten Warteschlange anzustehen. Dabei könnten sie bereits wieder zu Hause sein…

Sie seufzte. Dann machte sie entschuldigend einer alten Frau Platz, die sich mit schwerem Schritt um den grossen Kinderwagen herum schleppte. Die Frau warf einen Blick auf die Kleinen und ein wehmütiges Lächeln erschien auf ihrem faltigen, von Schmerz und Not gezeichneten Gesicht. Cornelia lächelte freundlich zurück. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was diese Dame alles erlebt hatte.

Um sich von den düsteren Gedanken abzulenken, las sie weiter die Inserate durch.

Ihr Blick blieb bei einem unscharfen Foto hängen. Daneben stand:

‚Hochzeitskleid, Gr. 36, Champagnerweiss, mit Unterrock. Ungetragen. 20.-‘

Wer verkauft denn ein ungetragenes Hochzeitskleid? Noch dazu so billig?, fragte Cornelia sich verwundert. Dann begriff sie die ungeschriebene Geschichte hinter dem Aushang und musste unvermittelt gegen die Tränen ankämpfen.

„Da bin ich! Tut mir leid, die Schlange war… Was hast du denn?“

Cornelia blickte ihren Mann dankbar an.

„Ich liebe mein Leben“, antwortete sie mit feuchten Augen.

Reto lachte laut auf und deutete mit dem Kinn vielsagend auf die schweren Tüten in seinen Händen und die greinenden Kinder.

Dann verstummte er, weil er begriff, dass sie das Gesagte ernst gemeint hatte. Er stellte die Einkäufe ab und nahm sie in den Arm.

Gestresste Menschen drängelten sich an ihnen vorbei. Die Kinder weinten. Das Vanilleeis schmolz und die Erbsen tauten auf. Doch sie blieben mitten im Trubel eng umschlungen stehen.

„Ich auch“, sagte Reto sanft. „Lass uns nach Hause gehen.“

Fenchel

Jana war skeptisch, als sie langsam durch die grosse Messe-Halle wanderte. Die Klimaanlage schaffte es an diesem heissen Tag kaum, die Temperatur auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Doch nun war sie hier, nun würde sie auch die Stände erkunden, sagte sie sich tapfer.

Einmal tief die muffige Luft eingesogen, die leicht nach Räucherstäbchen und Curry roch, dann wagte Jana sich ins Getümmel. Es gab Käse aus Nüssen statt Kuhmilch, Joghurt aus Soja statt Kuhmilch, Milch aus Samen statt Kuhmilch, und zur Abwechslung Gesichtspflege aus Kokosöl statt Chemie. Alles sehr lobenswert, fand Jana.

Sie probierte Leinsamencracker, die leider nach nichts schmeckten, Tempeh, das für ihren Gaumen höchst eigenartig schmeckte, und Tortelloni, die sehr lecker, aber lediglich bio und nicht vegan waren, wie Jana nach einem ersten Begeisterungssturm enttäuscht feststellte.

Vielleicht war das mit dem Veganismus doch schwieriger als gedacht. Vielleicht musste man richtig überzeugt davon sein, um sich dafür fade Cracker und fermentierte Bohnen anzutun.

Seufzend lehnte sich Jana an die Seitenwand einer Bude und versuchte, ihre wirren Gedanken zu sortieren.

Zwei veilchenblaue Augen blickten besorgt zu ihr hinüber. Die schönen Augen gehörten einem umwerfend gutaussehenden Mann mit blonden Locken und der reinsten Haut, die Jana je bei einem Menschen gesehen hatte. Sonnengeküsst und kerngesund, das sah sie auf den ersten Blick.

„Alles in Ordnung?“, fragte er mit schiefgelegtem Kopf.

Jana nickte und spürte, dass seine Schönheit sie erröten liess.

Er lächelte. Was ihn noch viel attraktiver machte. Jana spürte eine wohlige Aufregung im Bauch.

Dann hob er die Hand und biss in die Frucht, die er schon die ganze Zeit gehalten hatte. Nur dass es keine Frucht war, sondern ein roher Fenchel.

Würgend stürzte Jana aus der Halle.

Feed the troll

Als die Stadtverwaltung entschied, die kleine Fussgängerbrücke abzureissen, die den Sicherheitsstandards nicht mehr genügte, hatte sie nur das Wohl der Passanten im Sinn. Immer wieder war es auf dem schmalen Steg zu Stürzen und Verletzungen gekommen. Es war wie verhext: Die Menschen stolperten, taumelten, schürften sich Knie und Handflächen auf, obwohl die Holzplanken weder Risse noch Schwellen aufwiesen, an denen sich die Füsse hätten verfangen können.

An einem sonnigen Junimorgen rückte ein kleiner Kran an, ein Mann im orangen Overall flexte die Metallstreben durch, zwei Mal kräftig geruckt, und die Brücke schwebte an Drahtseilen ans Ufer. In kleinere Stücke zerteilt wurde das alte Bauwerk auf einem Sattelschlepper abtransportiert und die Arbeiter schlossen die entstandenen Lücken im Geländer. Noch am selben Abend wies nichts mehr darauf hin, dass hier jemals eine Passage über den Fluss existiert hatte.

Nichts ausser dem stinkwütenden Troll, der seit ihrer Erbauung unter dieser Brücke seine Heimat gehabt hatte und nun vor Zorn kochte.

Die Naturgeister und Flussnymphen tuschelten. Durch die gesamte Anderswelt war ein ehrfürchtiges Raunen gegangen, als man von der Sache erfahren hatte. Der Brückentroll war weit herum bekannt für sein hitziges Temperament. Wer ihm keinen Wegzoll entrichtete, bekam seine Rache zu spüren und fand sich mit dem Gesicht auf dem Gehweg wieder. Wer konnte, ging ihm tunlichst aus dem Weg.

 

Nun waren sämtliche Brücken und Stege in und um die Stadt bereits besetzt. Jede Passage hatte bereits ihren Troll oder Flussgeist, und keiner von ihnen dachte auch nur im Traum daran, seinen Platz zu räumen. Schon gar nicht für einen übellaunigen, undankbaren Brückentroll.

Die einzige Brücke, an die sich keines der Wesen bisher herangetraut hatte, war die grosse Verkehrsachse, auf der Fussgänger, Radfahrer, Autos, Tram und Bus verkehrten. Was für eine Herkulesaufgabe, so ein riesiges Bauwerk in Beschlag zu nehmen.

Doch der Troll, immer noch kochend vor Wut und in Ermangelung jeglicher Alternative, richtete sich darunter ein. Schmollend beobachtete er die Vorgänge auf der Brücke einige Tage. Die Nymphen hielten gespannt den Atem an und warteten gebannt darauf, was er ausheckte.

Und der Troll heckte in der Tat etwas aus. Keiner der Menschen, die seine schöne Brücke überquerte, dachte auch nur im Traum daran, ihm Wegzoll zu entrichten. In Tat und Wahrheit glaubte noch nicht einmal jemand an ihn.

Dem würde er jetzt ein Ende bereiten.

Kaum beschlossen, entfaltete der miesepetrige Troll seine ganze Macht und sein Können. Die erste Familie mit Kinderwagen kam nicht an einem auf dem Gehweg fahrenden Radfahrer vorbei, der hinter zwei Touristen zum Stehen gekommen war, also wich er auf die Strasse aus und zwang zwei Autos, heftig auf die Bremse zu treten, was den Bus hinter ihnen dazu zwang, auf das Tramgleis auszuweichen, woraufhin dieses wütend bimmelnd zum Stehen kam und die Kreuzung blockierte und die Autofahrer dazu brachte, um das lange Gefährt herumzukurven, wobei sie den Fussgängern den Weg abschnitten, die auf den Radstreifen auswichen, was die Radfahrer damit lösten, dass sie auf der Busspur fuhren, und schliesslich standen sie alle ineinander verkeilt auf der Brücke und keiner konnte auch nur einen Millimeter vor oder zurück.

Das ging ein paar Tage lang so, bis es einem gestressten Banker zu viel wurde und er auf das Brückengeländer kletterte, um den Stau einfach zu umgehen. Dabei purzelten ihm eine ganze Handvoll Münzen in den Fluss und er fluchte wie ein Rohrspatz.

Der Brückentroll allerdings stürzte sich gierig auf das Gold und sammelte hastig die vielen kleinen Taler vom Grund des Flusses ein. Für die Dauer seiner Sammelaktion entspannte sich die Situation auf der Brücke, denn der Troll war derart abgelenkt von dem unverhofften Geldsegen, dass er ich voll und ganz auf die Münzen konzentrierte und den Dingen oben ihren Lauf liess.

Kaum aber hatte er den letzten Batzen eingesammelt, wandte sich seine Aufmerksamkeit wieder den geizigen Passanten auf seiner Brücke zu und das Spielchen ging von Neuem los. Der Banker hatte es zwischenzeitlich auf die andere Flussseite geschafft und dachte sich nicht viel dabei, was gerade vorgefallen war.

Doch immer mehr Menschen kletterten über die Brüstung oder stolperten und stürzten im Gedränge, und so mancher von ihnen verlor ein bisschen Kleingeld aus ungesicherten Hosen- und Jackentaschen. Und jedes Mal glitt der Verkehr dann für einige Zeit ungehindert über die Brücke.

Schliesslich schrieb eine Bloggerin mit einem Fable für nordische Sagen und Märchen eine Geschichte darüber, dass sich bestimmt ein Troll unter der Brücke befinde, der gerne bezahlt werden möchte. Die Geschichte machte – auch weil die verhexte Brücke inzwischen Stadtgespräch war – die grosse Runde und bald sprach jeder vom Brückentroll. Passanten führten Experimente durch, wie viel Geld für wie lange die Brücke frei machte. Ob der Troll auch ausländische Münzen nahm. Und ob es auch Papiergeld sein durfte.

Die Antworten waren: je mehr Münzen, desto länger – Wert egal, ja, nein – weil es fortgeschwemmt wurde.

Die Ergebnisse posteten die Menschen gerne zusammen mit Selfies vom Ort des Geschehens auf Social Media und verhalfen der Stadt zu einem wahren Strom neugieriger Touristen mit einem Faible für das Übernatürliche.

Die Legende schlug derart hohe Wellen, und die Erfolgsquote mit dem Kleingeld war so gut, dass die Stadtverwaltung an beiden Enden der Brücke Hinweisschilder aus edlem Messing anbringen liess:

FEED THE TROLL
Für eine sichere Passage über die Brücke werfe man einige Münzen in den Fluss;
Der Brückentroll wird dann mit Aufsammeln beschäftigt sein
und man kommt sicher ans andere Flussufer.
(Angaben ohne Gewähr)

 

Touristen, die über das Schild nur lachten, machten sich manchmal den Spass, dem Troll Knöpfe, Waschmaschinenjetons und anderen wertlosen Krimskrams hinzuwerfen. Der über den Betrug wütende Troll liess sie daraufhin selbstverständlich böse stürzen. Bald erkannte man die Auswärtigen in der Stadt an ihren blutigen Nasen und aufgeschürften Knien. Den Einheimischen geschah das schon lange nicht mehr.

Und der Brückentroll? Der war einigermassen besänftigt und hatte deutlich bessere Laune, seit er nachts auf einem riesigen Berg Kleingeld schlief…

Tra(u)mreisen

Die schrägste Tramfahrt meines Lebens hatte ich an einem schwülheissen Morgen im Juni. Begrüsst von drei freundlichen Blindenführhunden suchte ich mir ein gemütliches Plätzchen, da ich über eine halbe Stunde Fahrt vor mir hatte. Aufgrund von Gleisbauarbeiten zweigte das Tram unerwartet ab und fuhr durch das nahe gelegene Depot, um die Baustelle zu umgehen. Ein Tram kann schliesslich nicht zweimal rechts abbiegen und ist wieder auf Kurs – es ist an seinen Schienenweg gebunden. Was für ein geradliniges Leben!

Die riesige Halle beeindruckte mich. Zum ersten Mal sah ich das Tramdepot von innen. Nebst Reparaturgräben und einer Waschstrasse erhielten die Fahrgäste, die ähnlich neugierig wie ich auf einen Blick hinter die Kulissen des Alltags waren, auch Hinweise auf die Mitarbeiter, die in dieser Halle ihrem Beruf nachgingen; Im hinteren Bereich, wo sich Büros und Schaltstellen befanden, stand ein gepflegtes Holztischchen mit vier Stühlen. Eine rote Geranie schmückte den Pausentisch und verblüffte mich mit ihrer unerwarteten Häuslichkeit. Wer hätte gedacht, dass Mitarbeiter der Zürcher Trambetriebe Wert auf Gemütlichkeit am Arbeitsplatz legten?

Das Tram verliess die grosse, düstere Halle und setzte seinen Weg fort. Die Chauffeuse informierte uns über die Verzögerung, die planmässig verlaufen war. So planmässig, dass wir an der nächsten Station zwei Minuten ausharren mussten, um den Taktfahrplan nicht durch Überpünktlichkeit aus der Spur zu bringen. Diese Information veranlasste einen Mitreisenden mit geistiger Beeinträchtigung dazu, ein Lied anzustimmen, das auf der Melodie eines irischen Volksliedes den zur Situation passenden Text «Oje, oje, oje» endlos wiederholte. Ich musste schmunzeln. Andere nervten sich mit vor sich hin gemurmelten Unmutsäusserungen über die musikalische Untermalung. Als der Mann von «Oje» zu «Oh Tannenbaum» überging, hätte auch ich auf den Gesang wieder verzichten können. Immerhin herrschten bereits 25 Grad, und es war erst acht Uhr.

Glücklicherweise stiegen der Sänger und viele weitere Fahrgäste an der nächstgrösseren Haltestelle aus. Die angespannte Stimmung im Tram löste sich augenblicklich. Wir Verbliebenen fuhren entspannt weiter.

Bis zu dem Moment, als drei Damen zustiegen, die alle gleichzeitig und in einer Lautstärke aufeinander einredeten, als stünden sie während eines heftigen Hagelsturms auf einer windumtosten Klippe am Ende der Welt. Dann doch lieber Weihnachtslieder! Die drei Furien holten nicht ein Mal Luft, sprachen ohne Unterlass gegeneinander an. Ich fragte mich, ob ausser den gequälten Mitreisenden überhaupt jemand zuhörte.

Und als wäre das nicht schon schlimm genug, stieg nun auch noch ein Herr zu, der mit jemandem im Akkord eines Maschinengewehrfeuers telefonierte, der sich offensichtlich in einem anderen Land befand. Man hätte meinen können, das Mobiltelefon sei nur ein Ablenkungsmanöver, so laut schrie der Herr seinen Gesprächspartner an. Sicher hörte der ihn auch so. Die drei Damen bedachten ihn mit bösen Blicken, ohne dabei in ihrem Gespräch auch nur einen Takt auszusetzen oder die Lautstärke zu drosseln. Im Gegenteil.

Als dann ein Mann mit einer riesigen Handorgel vor der Brust und einem Hut in der Hand zustieg, und sich eine Frau vor mich setzte, die sich die gesamten Parfumvorräte der westlichen Welt angesprüht zu haben schien, entschied ich, dass der Zeitpunkt gekommen war, auszusteigen und auf das nächste Tram zu warten.

Als das nächste Tram seine Türen vor mir öffnete, beschloss ich, zu Fuss zu gehen.

 

(An die Deutschen Leser: In der Schweiz ist die Trambahn sächlich – wir sagen «das Tram»… Klingt komisch, ist aber so.)

Heisse Ausserirdische

«Mmmmmk! Gmmmmk! Mm-mmmmmgk!!»

Entgeistert starrten seine Schwestern Bip an, der zur Tür hereingestürmt war und wild mit den Armen herumfuchtelte. Seine Backen waren aufgeblasen und die Augen quollen ihm fast aus den Höhlen.

Er riss Blu die Trinkflasche aus den Händen und spuckte eine graue Flüssigkeit hinein, dann schraubte er hastig den Deckel zu.

«Ack! Igitt! Beinah hätte ich Opa runtergeschluckt…!»

«WAS?», riefen seine Schwestern entsetzt.

«Opa. Er hat sich verflüssigt!» Bip spuckte und würgte noch immer.

Blu und Bo starrten ihn an.

«Wir waren spazieren. Aber draussen ist es noch heisser als hier drinnen», erklärte Bip und wischte sich den Schweiss von der Stirn.

«Was IST das?», fragte Bo angeekelt und begutachtete die graue Suppe in der Flasche.

«Sag ich doch: Opa.»

Bo stellte eilig die Flasche wieder hin und wischte sich die Tentakel an ihrem Rock ab.

«Als er flüssig wurde, hab ich ihn… naja… ich hatte kein Gefäss… also… hab ich ihn halt…»

Bip erschauderte, als er daran zurückdachte. Es schüttelte ihn.

«Die Alten halten die Hitze einfach nicht mehr aus», jammerte Bo. «Erst gestern hab ich in den Nachrichten gehört, wie viele Alte jeden Sommer an der Hitze sterben.»

«Noch ist er ja nicht tot!», rief Bip wütend. Es ärgerte ihn, dass ihn seine Schwestern nicht für seinen schnellen Einfall mit dem Aufsaugen lobten.

«Sieht das lebendig für dich aus?!», kreischte Bo hysterisch und schüttelte die Flasche.

«Lass das! Opa wird doch so schnell schlecht!»

Bip riss ihr die Flasche aus den Tentakeln und stellte sie zurück auf den Tisch. Auch er wischte sich die Hände an der Hose ab.

«Er ist einfach in einem anderen… Aggregatszustand.» Jetzt wurde Bip schlecht.

«Aber so kann er nicht bleiben», sagte Blu pragmatisch. «Wir müssen ihn wieder in den festen Zustand versetzen.»

«Dafür ist es viel zu heiss», erklärte Bip, dem der Schweiss inzwischen vom Kinn tropfte.

«Wir müssen ihn abkühlen!»

«Aber wie?!», rief Bo verzweifelt.

Die Kühler waren schon seit Tagen aus. Das Teslanetz war wegen Überlastung in der ganzen Siedlung ausgefallen.

Blu, die einzige in der Familie mit sechs Armen, fuchtelte der Flasche hektisch Luft zu.

«Beeilt euch!»

Die graue Flüssigkeit blubberte unglücklich.

«Was hast du überhaupt draussen gemacht mit ihm?», fragte Bo erbost über die Schelte ihres Bruders.

«Ich dachte, vielleicht finden wir ein kühleres Plätzchen…», murmelte er beschämt.

Im Habitat war es fast genauso heiss wie draussen. Ob man die Fenster nun öffnete oder nicht – es machte keinen Unterschied. Die stickige, warme Luft kühlte sich selbst in der Nacht nicht mehr ab.

Hastig wuselten die Geschwister herum, um nach etwas zur Abkühlung zu suchen. Sie waren so konzentriert, dass sie nicht mitbekamen, wie ihre Muttereinheit nach Hause kam.

«Puh… diese Hitze!», stöhnte sie tropfend und liess sich erschöpft auf einen Stuhl am Tisch fallen. Ihr Blick fiel auf die Trinkflasche und sie schraubte sie auf.

«NICHT!», schrie Bip, die zurück in die Küche stürzte. Doch da war es schon zu spät: eine graue Nebelwolke puffte aus der Flasche und stieg unaufhaltsam zur Zimmerdecke auf.

Blu schlug sich die Hand vor den Mund vor Entsetzen:

«Er ist in den gasförmigen Zustand übergegangen…»

Die ganze Familie blickte traurig und etwas ratlos nach oben. Die graue Opa-Wolke verteilte sich an der Decke und verblasste langsam. Bip räusperte sich.

«Naja… wenigstens ist er jetzt wieder mit Oma zusammen…»

Kurz und schmerzlos

„Deine Zeit ist gekommen“, sagte der Tod mit heiserer Stimme.

„Das ist deine Sicht der Dinge“, antwortete das Mädchen und nahm ihm die Sense weg.

„He!“, rief der Tod. Doch da zerfiel er auch schon zu Staub.

Das Mädchen zog die schwarze Kutte an und schob die Kapuze über seinen kahlen Kopf. Dann warf es einen letzten Blick auf die Krebsstation und verliess das Krankenhaus für immer.

Das Problem

„Ich habe ein Problem.“

„Was?“

„Ich kann nicht darüber reden.“

„Kannst du nicht oder willst du nicht?“

„Beides.“

„Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?“

„Du musst raten.“

„Wie bitte? Ich muss dein Problem erraten?“

„Ja.“

„Das ist doch blödsinnig!“

„Ist es nicht. Es ist mir ernst.“

„Ist es wirklich wichtig?“

„Ja.“

„Nicht nur eine deiner Flausen?“

„Nein. Versprochen.“

„Also: ein ernstes, wichtiges Problem.“

„Genau.“

„Kannst du mir irgendeinen Anhaltspunkt geben?“

„Inwiefern?“

„Na, wo ich mit raten anfangen soll.“

„Warum?“

„Na, weil du ja alles mögliche haben könntest! Von Ausschlag bis schwanger ist alles denkbar.“

„Eher schwanger als Ausschlag.“

„‘Eher‘ schwanger?!!“

„Ja.“

„Bist du schwanger?!“

„Nein.“

„Sicher nicht?“

„Nein, sicher nicht.“

„Uff…“

„Rate!“

„Ja, puh… also eher schwanger als Ausschlag… Und es geht um dich, korrekt?“

„Korrekt.“

„Und du hast dieses Problem.“

„Genau.“

„Und das Problem ist schlimm. Es belastet dich.“

„Naja… ‚belasten‘ ist vielleicht zu viel gesagt.“

„Du hast also ein Problem, das dir aber nicht das Leben schwer macht.“

„Wie man’s nimmt.“

„Bitte entscheide dich. Ich verzweifle sonst.“

„Es macht mir das Leben schwer, bis du das Problem erraten hast.“

„Es geht also um mich?“

„…“

„Bei deinem Problem?“

„Ja.“

„Warum war da diese bedeutungsschwangere Pause?“

„Ich bin nicht schwanger.“

„Ja, das hatten wir geklärt. Aber warum war da diese Pause, nachdem ich gefragt hatte, ob es um mich geht?“

„Weil es tatsächlich um dich geht. Aber ich weiss nicht, ob du das Problem auch hast.“

„Na, Hämorrhoiden können es dann nicht sein.“

„Pff! Nein!“

„Also du hast ein Problem. Und dieses Problem betrifft mich. Und du weisst nicht, ob ich dasselbe Problem auch habe.“

„Ja.“

„Ist es denn kein Problem mehr, wenn ich es auch habe.“

„Nein.“

„Was nein?“

„Wenn du dasselbe Problem auch hast, ist es kein Problem mehr.“

„Ist es Herpes?“

„Nein!!“

„Ich gebe auf…“

„Nein, gib nicht auf! Du bist ganz nah dran!“

„Tatsächlich?“

„Denk in anderen Bahnen!“

„Na schön, ein letzter Versuch. Du hast ein Problem. Es macht dir das Leben schwer, aber auch nicht. Und wenn ich das Problem auch habe, ist es keines mehr… hm…“

„…“

„Guck mich nicht so an!“

„…“

„Was?!“

„…“

„Bist du in mich verliebt?“

„…“

„Ist es das?“

„…“

„Das ist es, oder?“

„…“

„Hei… sieh mich an.“

„…“

„Du hast kein Problem.“

Das Geburtstagsfest

Manuela stand mit den Girlanden in der Hand auf der Leiter und fragte sich, was mit dem ganzen Zeug passieren würde, wenn sie sich jetzt den Hals brach.

Sie plante die Party seit Wochen, Monaten, ja eigentlich schon seit Jahren. Sie fürchtete sich schon seit Mitte zwanzig davor, vierzig zu werden, und hatte sich fest vorgenommen, diesen einen runden Geburtstag mit einem rauschenden Fest zu begehen.

Je näher der Termin rückte, desto dringlicher wurde ihre Sehnsucht nach einem schönen Erlebnis an diesem für sie doch eher deprimierenden Tag. Ihr Freund verstand die ganze Aufregung überhaupt nicht.

«Ich bin schon vierzig und bin trotzdem ein geiler Typ!», sagte er eines Tages zu ihr, als sie ihm mit Tränen in den Augen ihre Sorgen beichtete.

«Ja, aber…», stammelte sie und brach ab, weil ihr kein gutes Argument einfiel.

«Ich weiss, bei Frauen ist das was anderes», sagte er. «Aber du bist doch auch noch ganz ordentlich in Schuss.»

Offenbar dachte er tatsächlich, dass das ein Kompliment war. Manuela zog die Nase hoch und ging in die Küche, um das Geschirr zu spülen.

Seit sie im letzten Jahr auf einer Mottoparty zum Thema «20er Jahre» gewesen war, wünschte sie sich, ihrer Geburtstagfeier ebenfalls einen roten Faden zu verleihen. Lange trug sie sich mit dem Gedanken, einen Schwarz-Weiss-Ball zu veranstalten. Doch Dietmar, ihr Freund, war strikt dagegen.

«Du erwartest doch wohl nicht, dass ich den ganzen Abend im Frack rumlaufe wie ein scheiss Pinguin?!»

«Na, wenn du das nicht möchtest, dann kannst du ja auch…»

«Nein!», unterbrach Dietmar sie. «Mach was anderes!»

Und dann, als sie eines Nachts nicht schlafen konnte und sich im Bett herumwälzte, kam ihr die zündende Idee. Kein Schwarz-Weiss-Ball, sondern eine Farbenparty. In ihrer Lieblingsfarbe Blau!

Dazu konnte nicht einmal Dietmar Nein sagen, denn es bedeutete, dass er auch in Blue Jeans und T-Shirt kommen konnte!

Manuela wurde vor Freude über den Geistesblitz ganz übermütig. Sie sprang aus dem Bett und holte einen Schreibblock, um all die Ideen festzuhalten, die ihr auf einmal kamen.

Sie liess eine mit blauer Lebensmittelfarbe eingefärbte Torte backen, bestellte im Internet blaue Girlanden und Lampions, nähte blaue Tischdecken, besorgte blaues Partygeschirr – aus Pappe, aber immerhin!, stellte zwei Tage vor der Party weisse Rosen in blaue Tinte, und suchte einen blauen Lidschatten aus, der nicht ganz so sehr nach 80er Jahren aussah.

Die Einladungskarten waren natürlich auch blau: Hellblau mit dunkelblauer Schrift sogar. All ihre Freunde und Familienmitglieder waren begeistert und sagten zu. Einige berichteten schon ganz aufgeregt von ihren Kostümen. Manuelas Vater holte seinen dunkelblauen Hochzeitsfrack aus dem Schrank. Ihre beste Freundin färbte ein beiges Cocktailkleid in der Badewanne um. Und ein besonders humorvolles Freundespaar versprach sogar, als Schlumpf-Pärchen zu kommen.

Manuela war gerührt und erleichtert. Ihr Geburtstag würde etwas ganz Besonderes werden. Und wenn sie jemals wieder den Blues wegen ihres Alters bekommen sollte, würde sie sich einfach die tollen Fotos von ihrem blauen Fest ansehen und sich wieder freuen.

Als Geschenk an sich selbst plünderte sie ihr Sparkonto und liess sich von einer Schneiderin eine blau glitzernde, bodenlange Robe mit hoch geschlitztem Bein anfertigen. Sie würde der Star des Abends sein!

Für Dietmar nähte die Schneiderin aus den Stoffresten eine Fliege. Manuela war sich zwar noch nicht sicher, ob sie ihrem Freund die Glitzer-Fliege tatsächlich geben sollte. Immerhin hatte er schon beim Frack ein Theater gemacht. Schliesslich überwog aber ihre Freude an ihren Plänen und sie überreichte ihm die blaue Fliege mit einem breiten Grinsen.

«Was ist das denn, um Gottes willen?!», fragte Dietmar entsetzt und hielt die Fliege mit spitzen Fingern von sich weg.

«Damit wir im Partnerlook gehen können», sagte Manuela ausgelassen. Sie war übermütig und aufgeregt. Die Party war dieses Wochenende.

«Na, mal sehen», brummte Dietmar und stopfte die Fliege grob in seine Hosentasche.

«Du musst sie ja nicht tragen, wenn du nicht willst», lenkte Manuela zärtlich ein.

«Doch, doch! Das lenkt vielleicht von deinem breiten Hintern ab», sagte Dietmar und lachte spöttisch.

Manuela hätte gerne etwas erwidert, doch sie hatte nun mal tatsächlich einen breiten Hintern. Und ausserdem freute sie sich, dass Dietmar schon fast zugesagt hatte, die Fliege zu tragen.

Am Samstag gab Manuela ihrem Garten, in dem das Fest stattfinden sollte, den letzten Schliff. Die Girlanden hingen an Ort und Stelle, die blauen Rosen waren überall verteilt, blaue Kerzen tauchten den Garten in schimmerndes Licht, und das blaue Geschirr auf den blauen Tischdecken sah spitze aus. Manuela zupfte ein letztes Mal an den riesigen Schleifen aus blauem Tüll, die sie an sämtlichen Pfosten, Stuhlbeinen und Bäumen angebracht hatte. Dann ging sie nach drinnen, um in ihre blaue Glitzerrobe zu schlüpfen.

Das Kleid schlotterte ein bisschen um ihre Mitte. Offenbar hatte sie durch die Vorfreude oder den Stress ein paar Kilo abgenommen. Manuela freute es, denn das hiess, dass sie später zwei Stücke der blauen Torte essen konnte, die vor einer Stunde geliefert worden war. Die Kuchenbäckerin hatte Fondant in verschiedene Blautöne gefärbt, in Streifen gewalkt und damit den dreistöckigen Geburtstagskuchen überzogen. Es war ein Meisterwerk. Zuoberst thronte eine grosse, aus blau gefärbter Schokolade gegossene 40.

Manuela legte den blauen Lidschatten auf und fällte einen Entschluss: Als sie fertig geschminkt war, ging sie in den Garten und zupfte die blaue 40 vom Kuchen. Sie zerbröckelte die böse Zahl in den Abfalleimer und wusch sich die Hände. Jetzt fühlte sie sich unbesiegbar.

Kurz darauf klingelte es und die ersten Gäste trafen ein. Alle hatten sich an das Motto gehalten und trugen Blau in allen Variationen. Manuelas kreativere Freundinnen hatten sich mit Pfauenfedern geschmückt, andere hatten blaue Schals um ihre Schultern drapiert oder trugen bunt gemixt alle blauen Klamotten, die sie im Schrank hatten finden können.

Schlumpf und Schlumpfine kamen sehr gut an und waren beliebte Selfie-Partner. Und jeder machte Manuela Komplimente zu ihrem sagenhaften Kleid. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Die Party war der absolute Knaller!

«Wo ist denn Dietmar?», fragte ihre Mutter und zupfte eine non-existente Fluse von Manuelas Kleid. Manuelas Mutter hatte die seltene Gabe, ihr Gegenüber schrumpfen zu lassen, bis kaum noch etwas von ihm übrig war. Diese Wirkung war im Übrigen voll beabsichtigt.

«Er kommt später, hatte noch eine wichtige Konferenzschaltung», log das Geburtstagskind. Ihre gute Laune bröckelte.

«Ach so?», erwiderte ihre Mutter. Manuela konnte sehen, dass sie ihr nicht glaubte. Doch sie würde vor ihrer Mutter sicher nicht zugeben, dass ihr langjähriger Freund ihren Geburtstag UND ihre Party vergessen hatte.

Manuela entschuldigte sich und strebte zum Kuchentisch. Während sie sich ein riesiges Stück Torte auf einen Teller lud, holte sie ihr Mobiltelefon hervor und schrieb Dietmar:

«Wo steckst du? Party ist in vollem Gange. Alle fragen nach dir. Bitte beeil dich.»

Sie sah auf ihren Teller und stellte fest, dass sie das ganze Stück gegessen hatte, ohne etwas davon mitzubekommen. Also holte sie sich noch ein Stück, das sie bewusster ass. Hinterher hatte sie Bauchschmerzen, fühlte sich aber auch getröstet.

Dietmar antwortete nicht auf ihre Nachricht. Doch als Manuela Vater gerade einen Toast auf seine Tochter aussprach, hörte Manuela einen Schlüssel im Schloss und kurz darauf drückte jemand wiederholt und lange auf die Türklingel.

Manuela sah ihren Vater entschuldigend an und verwünschte Dietmar dafür, dass er ihr diesen schönen Moment kaputt machte.

Sie ging zur Tür und öffnete. Dietmar rauschte genervt an ihr vorbei.

«Was lässt du denn den Schlüssel stecken? Wolltest du mich etwas aussperren?», keifte er.

«Nein, tut mir leid, natürlich nicht. Ich habe nicht… was hast du denn an?!»

Dietmar starrte sie irritiert an und sah dann an seinem roten T-Shirt und den olivgrünen Khakishorts herab.

«Was?! Ich hab’ die blöde Fliege irgendwo verlegt…», brummte er und stapfte missmutig in den Garten hinaus.

Sein Outfit sah schrecklich aus. Die Farben bissen sich und er war der Einzige auf dem Fest, der nicht in Blau gekleidet war. Wenn er wenigstens Jeans getragen hätte. Oder Orange, um als Komplementärfarbe zu gehen. Aber nein! Manuela traute ihm sogar zu, dass er das schreckliche T-Shirt und die uralten Khakis gerade deshalb angezogen hatte, weil sie nicht zum Thema passten.

Frustriert kehrte auch sie auf das Fest zurück. Sie holte sich ein drittes Stück Kuchen und beobachtete Dietmar dabei, wie er in kürzester Zeit zwei Gläser Champagner in sich hineinschüttete. Dann verlor sie ihn im Getümmel der Party aus den Augen. Sie wurde erst eine Stunde später wieder auf ihn aufmerksam, als er beinahe eine Prügelei mit ihrem Cousin anfing. Offenbar hatten die beiden eine Meinungsverschiedenheit gehabt und Dietmar war plötzlich handgreiflich geworden.

«Manu, sprich mit deinem Freund!», forderte in diesem Moment ihre beste Freundin im umgefärbten Cocktailkleid. «Hör mal, er hat mir vorhin an den Hintern gefasst. Und jetzt hätte er sich beinahe mit Steffen geprügelt. Das geht doch nicht.»

«Was?!» Manuela war entsetzt. Sie packte Dietmar am Ellbogen und zerrte ihn trotz seiner Protestrufe in die Küche.

«Was ist los mit dir? Ich weiss ja, dass du immer hinter anderen Frauen her bist. Aber dich hier prügeln? Geht’s noch?», flüsterte sie aufgebracht.

Dietmar seinerseits hielt es nicht für nötig, seine Stimme zu senken:

«Was spielst’n dich so auf? Bissu meine Mutter, odr wus?»

«Und dann schaffst du es noch nicht einmal, dich dem Motto entsprechend zu kleiden», platzte Manuela nun endgültig der Kragen. «War es wirklich zu viel verlangt, sich eine Jeans und ein blaues Hemd oder meinetwegen ein T-Shirt anzuziehen?!»

Dietmar sah sie genervt an, wobei sein Blick verschwamm und er ziemlich schief an ihr vorbeischielte. Dann lallte er mit schwerer Zunge:

«Was wills’n? Ich binndoch blau!»

Manuela machte noch in derselben Sekunde mit ihm Schluss.
Es wurde der schönste Geburtstag ihres Lebens.

Die letzte Stelle

Als ich die Meldung über Emma Haruka Iwao in den Nachrichten sehe, spucke ich vor Wut auf den Boden.

„Meister! Was ist los?“

Mein Leibdiener kommt sofort angerannt und blickt mich fragend an. Ich funkle weiter den Bildschirm an. Dieses impertinente Weibsstück, das aussieht wie ein Mann mit Perücke, besitzt doch tatschlich die Frechheit zu behaupten, den Weltrekord im Berechnen von Pi gebrochen zu haben. Lachhaft!

„Ach so…“ sagt mein Leibdiener verstehend, als er die Meldung sieht.

Ich bezweifle, dass er tatsächlich versteht. Er ist genauso beschränkt wie meine restlichen Untergebenen. Ich könnte wetten, dass sie bis heute alle dachten, Pi hätte nur zwei Stellen hinter dem Komma… Unfassbar, womit ich mich täglich herumschlagen muss.

„Regt Euch nicht auf, Meister!“, sagt mein Leibdiener sanft. Ich funkle ihn mit Mördermiene an, damit er seine dumme Klappe hält.

Ich habe Pi schon vor Jahren bis auf die vorletzte Stelle berechnet und bin der Unendlichkeit damit deutlich näher auf der Spur als diese Emma Haruka Iwao es jemals sein wird. Aber ich arbeite eben nicht für Google. Ich bin nicht medientauglich. Deshalb widmet man mir keinen Filmbeitrag mit dummen Erklärungen für die verblödete Durchschnittbevölkerung, die das Ausmass dieser Zahlenreihe nicht im mindesten zu erfassen vermag.

Sobald ich die Reihe vollständig geknackt habe, wird sich mir niemand mehr in den Weg stellen können. Dann werde ich sämtliche computergesteuerten Systeme in meiner Gewalt haben. Ich werde Zugriff auf jeden Computer, jedes Telefon, jeden Wasserkocher und jedes Fitnessarmband am Handgelenk einer unwissenden Kakerlake von Mensch haben und die ganze Welt kontrollieren. Das Universum wird mir gehören. Es ist nur eine Frage der Zeit.

„Möchten Durchlaucht nach dem Abendessen ein Bad nehmen?“, fragt mein Leibdiener unterwürfig.

Mit Mühe gelingt es mir, meine Gedanken zu sammeln und auf dieses unbedeutende Insekt von einem Menschen zu fokussieren.

Ich kann mich doch jetzt nicht mit Albernheiten wie Baden befassen, wenn sie mir dicht auf den Fersen sind! Ich muss Berechnungen anstellen! Ich muss meine Pläne mit neuem Elan vorantreiben, bevor mir diese Tech-Giganten das Wasser abgraben.

Ich schüttle entschieden den Kopf und denke an Pi. Wenn ich den Algorithmus exter…

Dieser impertinente Diener unterbricht meine Gedanken schon wieder! Was will er denn jetzt von mir?!

Speisesaal? Welcher Speisesaal? Ich kann jetzt nicht essen! Ich muss mich um meine Berechnungen kümmern!

Nun wagt es dieser Wurm auch noch, mich anzufassen!

„Meister! Ich bitte Euch, folgt mir zum Abendessen“, fleht er.

Was hat er nur mit seinem tumben Abendessen?! Sieht er nicht, dass ich Wichtigeres zu tun habe?!

Ich schüttle ihn ab und starre ihn erbost an. Wenn er es wagt, mich noch einmal anzufassen, dann werde ich ihn…

„Na komm, Jacke, ich hab jetzt keine Lust mehr“, sagt er genervt.

Er besitzt die unverfrorene Frechheit, genervt zu sein? Wenn hier einer genervt sein darf, dann bin ja wohl ich das! Und was erdreistet er sich, mich nicht mit meinem Titel anzureden, sondern mit diesem blödsinnigen Spitznamen, den sie mir hinter meinem Rücken gegeben haben?! Sie denken tatsächlich, dass ich sie nicht höre, wenn sie über mich – ihren Gott – lästern.

Der Diener zerrt an mir.

Ich werde ihn enthaupten lassen! Vierteilen! Meinen Haien zum Frass vorwerfen!!

„Ist ja gut, Jacke, es tut mir leid. Komm jetzt mit, grosser Meister, sonst muss ich den Pfleger mit der Spritze kommen lassen…“

Würdevoll erhobenen Hauptes begebe ich mich an seiner Seite in den kargen Raum, wo meine Untertanen schon regungslos vor Ehrfurcht meiner Ankunft entgegenfiebern. Sie wagen es noch nicht einmal, zu klatschen, als ich in den Saal schreite.

Meine Nase juckt. Aber ich kann mich nicht kratzen, wenn meine Hände festgebunden sind. Also reibe ich meine Nase an der Schulter meines Leibdieners.

Er zuckt zurück, dann lacht er. Er kratzt meine Nase und sogleich geht es mir besser. Wofür hat man schliesslich Untergebene?

„Sag doch was, Jacke!“, sagt mein Diener ironisch und grinst blöde.

Haha, guter Witz, Sklave!

Die grosse Chance

13 Anrufe in Abwesenheit.

Ich komme gerade aus einer Sitzung und starre auf das Display meines Mobiltelefons. Das Adrenalin rauscht plötzlich durch meine Adern.

Mit fahrigen Fingern gebe ich die angezeigte Nummer bei einer Suchmaschine ein.

«Agentur Könitz, Berlin», lese ich fassungslos.

Das sagt mir absolut gar nichts.

Andererseits habe ich gerade ein Buchprojekt an einige Verlage geschickt. Ist das etwa mein goldener Moment? Werde ich in diesem Augenblick entdeckt? Geht es jetzt los?!

Zittrig vor Nervosität nehme ich mein Handy wieder zur Hand, da klingelt es erneut. Anruf Nummer 14. Dieselbe Nummer.

Ich drücke die grüne Taste und halte das Telefon an mein Ohr. Das Blut rauscht derart laut in meinem Kopf, dass ich die ersten Worte am anderen Ende kaum verstehe.

«Ich fange gleich damit an: Sind Sie gross?»

Eine Frauenstimme, sehr gestresst.

Ich blinzle ein paar Mal und zwinge mich, nicht «äh, was?» zu sagen.

«Eins siebzig», gebe ich brav zur Antwort und bin sehr verwirrt.

«Und wie schwer?»

Die Zahl liegt mir auf der Zunge, ist mir aber auch etwas peinlich, weil sie höher ist als ich gerne hätte.

«Warum wollen Sie das wissen?», frage ich stattdessen.

«Wegen dem Kostüm, Herrgott! Nun stellen Sie sich nicht an! Wie schwer?»

«Was für ein Kostüm denn bitte?», frage ich entgeistert. «Worum geht es hier eigentlich?»

«Das Musical! ABBA! Die Erst- und Zweitbesetzung ist komplett ausgefallen. Jetzt muss es schnell gehen. Sind Sie dabei oder nicht?»

«Hä?!», sage ich nun doch.

«Wollen Sie die Rolle, um die Sie sich im ABBA-Musical beworben haben, oder nicht?»

Mein Pulsschlag beruhigt sich enttäuscht.

«Wer, denken Sie, bin ich?», frage ich genervt zurück. So viel Aufregung für Nichts. Wegen einer dummen Verwechslung.

Die gestresste Frau am anderen Ende der Leitung sagt meinen Namen.

Ich stutze.

«Ich muss Sie enttäuschen – ich habe mich für keine Rolle beworben. Ich mag ABBA nicht mal. Und singen kann ich auch nicht», sage ich.

Es knackt in der Leitung und ich bin in einer Warteschlaufe mit schlechter, von Rauschen unterbrochener Musik. Es ist nicht ABBA.

Eine halbe Minute höre ich noch zu, dann lege ich auf.

Vollkommen verwirrt starre ich auf mein Telefon.

Dann höre ich meine Bürokollegen prusten.

«Ihr seid solche Idioten!», rufe ich und muss selber lachen. Den restlichen Morgen über quäle ich sie mit meiner schiefen Interpretation von «Waterloo» und sie bereuen ihren Streich fürchterlich.

Bitte lächeln!

Der Clown war unendlich traurig. ‘Was für ein Klischee!’, dachte er bei sich, ‘ein trauriger Clown…’ Der Selbsthass, der ihn zerfrass, brannte schlimmer als die Magensäure in seinem Hals.

Die Menschen zum Lachen zu bringen war als junger Mann sein Traum gewesen, seine Berufung. Er erinnerte sich daran, wie er das erste Mal die Schminke auf sein Gesicht aufgetragen hatte, den breiten, lachenden roten Mund gemalt und bei seinem Anblick im Spiegel selbst gelacht hatte. Wann hatte er diesen Mann verloren? Diesen unbeschwerten, lebensfrohen, ja lebensmutigen Mann…

Er schleppte sich in die Manege hinaus und setzte sein Arbeitsgesicht auf. Das Lachgesicht. Doch innen drin war ihm zum Weinen zumute. Geheult hätte er am liebsten, laut geschluchzt, geflennt, gebrüllt vor Schmerz, und sich an den spärlichen Haaren gezerrt vor Verzweiflung. Doch die waren unter der albernen Perücke verborgen.

Was war nur aus ihm geworden? Wo hatte er auf dem Weg sein eigenes Lachen verloren? Wann war das Gelächter fremder Menschen zu einer Last für ihn geworden?

Wenn die Kinder kichernd auf ihn zeigten, die Gesichter von Zuckerwatte verklebt und die Augen glänzend von zu viel Süssigkeiten und den gleissenden Lichtern des Zirkus, dann empfand er nichts als Abscheu.

Am liebsten hätte er die hässlichen kleinen Kackbratzen angeschrien, sie sollten gefälligst still sein. Sollten ihn in Ruhe lassen. Sollten den traurigen, alten Clown mit der bröckelnden Schminke einfach nicht beachten.

Er mochte weder die Kinder noch ihre dumpfen, trägen Eltern zum Lachen bringen. Er wollte lieber etwas kaputt machen, etwas zerstören und sie darüber weinen sehen. Sie sollten sich genauso beschissen fühlen wie er. Stattdessen warf er seinem Kollegen eine Torte ins Gesicht wie jeden Abend und starb ob dieser Demütigung tausend Tode.

Die Zuschauer spürten seinen Schmerz nicht. Sie sahen nur seine grinsende Fratze und lachten fröhlich weiter.

Eins Null

Lange starre ich auf die pinke Linie. Sie sieht aus wie eine Eins. Eins gleich wahr. Null gleich falsch. 

Es gibt nur zwei Zustände, nur zwei mögliche Antworten auf diese Frage. Wahr oder falsch. Eins oder Null.

 

Als er das bedeutungsschwangere (ha!) Plastikstäbchen sieht, flippt er aus.

„Bist du etwa…?!“

A little bit“, antworte ich und lasse offen, ob ich „bisschen“ oder „Bit“ meine. Mein kleiner Bit. Meine kleine Eins.

Wahr.

Langsam sickert die Erkenntnis zu mir durch, dass da tatsächlich ein neuer Mensch in mir heranwächst. Wie ist das möglich?

 

„Was soll ich denn jetzt machen?“, schreit er. Ich hatte ihn schon vollkommen vergessen gehabt.

Er versteht das nicht. Er ist Drei – Mann, Ehefrau, Tochter.

Null Null Eins Eins. Binär gesprochen.

Aber was für eine verquere Zahl ist denn Drei?!

Primzahl. Unteilbar.

Das sagt schon alles. Ich habe es immer gewusst. Aus ihm (Eins) und mir (Eins) würde niemals etwas werden. (Wahr.)

Unsere „Beziehung“ war von Anfang an Null. Falsch.

Falsch in den Augen der Gesellschaft. Und wahrscheinlich auch in denen seiner Frau, wenn sie davon wüsste.

 

Er schreit noch immer rum. Dabei will ich doch gar nichts von ihm. Er soll mich nur nicht feuern. Ich brauche meinen Job. Jetzt, wo ich…

Aber nicht nur wegen dem kleinen Bit. Auch, weil ich sonst nicht wüsste, wohin in dieser Welt. Meine Arbeit ist das, was mich aufrecht hält. Einsen und Nullen. Wahr oder falsch. Hier ist alles so schön klar und einfach. Schwarz und Weiss. Keine endlosen Graustufen wie in der übrigen Welt.

 

Ich sage ihm, dass ich nichts von ihm erwarte. Dass der kleine Bit und ich ganz gut allein zurecht kommen. Wir sind nun die kleinste adressierbare Einheit, ein Byte. Er gehört nicht länger zu unserem System.

Er schreit immer noch rum. Ich soll ihn wegmachen lassen, kreischt er panisch. Denn irgendwann würde ich sicher doch was wollen und dazu sei er nicht bereit. Niemals würde er Drei durch Zwei teilen. Nie gäbe es für uns eine Zukunft.

Meine kleine Eins wegmachen lassen?! Zurück auf Null?

Nein, ganz falsch! (Das sagt schon die Zahl. Null gleich falsch. Wieso sieht er das nicht?)

Ich lasse ihn schreien.

 

Als Mutter habe ich mich nie gesehen. Zumindest nicht von einem Menschenkind.

Programmieren ist alles, was mich glücklich macht. Wenn der Code vor meinen Augen zum Leben erwacht. Dann erschaffe ich Neues.

Aber doch nicht in meinem Uterus…

Absurd.

 

Ich schaue wieder auf die pinke Linie, die langsam verblasst. Die Magie meines mit Schwangerschaftshormonen durchsetzten Urins lässt nach.

Doch der kleine Bit ist immer noch da. Diese plötzliche Unregelmässigkeit in einem Dualsystem, von dem ich nicht gewusst hatte, dass ich eines bin.

Ich bilde mir ein, ihn bereits in meinem Bauch zu spüren und lege automatisch die Hand unter den Nabel.

Sein Blick folgt meiner Handbewegung voller Entsetzen.

Dabei wissen wir beide, dass der kleine Bit erst etwa die Grösse einer Bohne hat. Er kann noch nicht strampeln und sich bemerkbar machen.

Um das zu wissen, muss man kein Gynäkologe sein. Das erzählen sie einem in jeder zweiten Romantik-Komödie.

Er wird trotzdem grün im Gesicht und stürzt ins Bad, wo er das Abendessen aus dem abgelegenen Lokal auskotzt, in das er mich immer ausführt. Man kennt uns dort. Man denkt dort, wir seien ein Paar. Eins und Eins. Wahr.

Er führt mich dorthin aus, weil er weiss, dass niemand dorthin geht, den er kennt. Der seine Frau kennt. Seine Tochter.

Auch das kennt man aus Filmen.

„Guten Abend, Herr und Frau … Den gleichen Tisch wie immer? Sehr wohl!“

Dort ist er nicht Drei. Sondern Eins mit Begleitung.

 

Das ist jetzt vorbei. Es wird keine Abendessen mehr geben.

Null Abendessen.

Null „Beziehung“.

Das ist schon in Ordnung so. Ich bin nicht traurig, wütend, verletzt. Ich hatte keine Hoffnungen, Träume, Erwartungen.

Im einen Moment war die „Beziehung“ on, im nächsten off.

Ich bin wie mein Code. Ein oder aus. Keine Ungewissheiten.

 

Ich sage ihm das.

Er hängt noch immer mit dem Kopf im Klo.

„Geh nach Hause zu deiner Familie“, sage ich sanft.

Er versteht mich nicht. Sieht mich furchtsam an. Als hätte ich ihm gedroht.

Sobald er zur Tür hinaus ist, habe ich vergessen, dass er jemals Teil meines Lebens war.

Null.

Ist die „Beziehung“ on?

Antwort: Null (falsch).

Also ist sie off. Es gibt in diesem Programm kein „falls“, kein „if“, das die Gleichung relativiert.

Logisch, oder?

Warum begreift er das nicht? Sind alle Menschen so kompliziert?

 

„Die Darstellung und Interpretation von Information mittels Binärcodes ist nicht an ein bestimmtes Medium gebunden, sondern ist überall dort anwendbar, wo der Wechsel zwischen zwei Zuständen erzeugt und wieder gemessen werden kann.“

Sagt Wikipedia.

Der Wechsel zwischen zwei Zuständen.

Bin ich damit gemeint? Wahr oder falsch. Eins oder Null.

Ich freunde mich gerade mit dem Gedanken an, nicht mehr nur aus einer Ziffer zu bestehen. Nicht mehr nur Eins.

Sondern Eins Null.

Binärcode für „Zwei“.

Die Sammlung

Henrik sah von seinem Schreibheft auf. Waren es vier oder sechs geschnitzte Stühle gewesen, die er am Esstisch gezählt hatte?

Seufzend erhob er sich, um sich den Weg zurück ins Chaos im Innern des Hauses zu bahnen, und die Stühle zu zählen. Die Frau von der Heilsarmee hatte am Telefon gesagt, sie kämen nur die Dinge abholen, die auch auf der Liste stünden.

Henrik hatte keine Lust, am Ende mit zwei überzähligen Stühlen zurückzubleiben.

Seine Schwestern waren auch keine Hilfe. Hilde war verheiratet und hatte vor wenigen Wochen ihr erstes Kind bekommen. Und Henrietta, das Nesthäkchen, streifte wer weiss wo in der Weltgeschichte umher. Die letzte Postkarte zeigte einen riesigen, liegenden Buddha, in dessen Schatten orange gewandete Mönche meditierten.

Henrik seufzte noch einmal. Es half ja doch nicht. Wenn er das Haus nicht ausräumte, würde es niemand tun, und dann hätten sie bald die Stadt am Hals. Ausserdem war allen drei Geschwistern daran gelegen, das Grundstück schnellstmöglich zu Geld zu machen. Und das ging nunmal nicht, wenn das uralte Haus darauf noch bis zum Dachfirst vollgestopft war mit Möbeln und Krempel.

Er schob sich durch die Terrassentür ins Innere, an einem staubigen Diwan vorbei, dessen spröder, moosgrüner Bezug sich krümelnd auflöste, wich einem pergamentenen Lampenschirm aus, duckte sich unter einem zu tief an der Wand hängenden Büffelkopf hindurch, in dem die Mäuse raschelten, und fand hinter meterhohen Zeitschriftenstapeln schliesslich die Tür zum Esszimmer. Er musste sich durch den schmalen Spalt zwängen. Hinter der Tür verhinderte ein uralter Waschtisch mit neun statt einer einzigen Waschschüssel aus Keramik das Öffnen des linken Türflügels. Jede Schüssel zeigte ein anderes langweiliges Blümchenmuster. Die dazu passenden Waschkrüge – alle mit Sprüngen und abgeplatzten Rändern – hatte Henrik gestern auf dem Dachboden gefunden.

Das Ordnungssystem seines Vaters hatte er nie verstanden.

Als Kind war das ja noch ganz witzig gewesen. Damals hatten die Geschwister sich mit antiken Spazierstöcken und mottenzerfressenen Regenschirmen Fechtkämpfe geliefert, waren über die Möbel gekrabbelt ohne den Boden zu berühren, oder hatten in den überall in Massen herumstehenden Zeitschriftenstapeln geblättert. Dabei musste man allerdings aufpassen, dass der ganze Turm nicht umkippte und einen unter sich begrub. Andere Kinder spielten Jenga – Henrik und seine Schwestern „Zeitschriften-Roulette“.

In einem besonders einprägsamen Sommer hatte Henrik einen Stapel uralter Playboys gefunden und sein Glück kaum fassen können. Es dauerte lange, bis er herausfand, dass sein Frauenbild aus einer anderen Epoche stammte. Noch als erwachsener Mann konnte er sich nicht an die glatten Geschlechter und riesigen Brüste seiner Zeitgenossinnen gewöhnen, so sehr hatten ihn die Bilder aus den Magazinen als Junge geprägt.

Henrik schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die vor ihm liegende Aufgabe. Stühle zählen! Er schob sich über eine antike Wäschetruhe und fand unter Bergen von zerfallenden Leintüchern den Esstisch. Sechs Stühle standen darum, natürlich. Als hätte sich sein Vater jemals mit einem Set von lediglich vier Esszimmerstühlen zufrieden gegeben.

Henrik überlegte, ob er die Zahl gleich hier in sein Heft eintragen wollte, entschloss sich dann aber für den beschwerlichen Rückweg in den Hof. Es war der einzige Ort, wo einigermassen Ordnung herrschte, weil man von zwei Seiten hineinsah und sein Vater nach mehreren Anzeigen allen Krempel daraus ins Haus geschafft hatte.

Das war schon vor zehn Jahren gewesen. Wie lange die Dinge davor schon im Regen und Schnee gestanden hatten, fragte niemand. Sie waren zu dem Zeitpunkt alle schon weit weg gewesen. Geflohen. Sogar Henriks Mutter.

Er hatte das Gefühl, dass die Sammlung in seiner Kindheit noch nicht so undurchdringlich gewesen war. Aber vielleicht täuschte ihn da auch seine Erinnerung. Als kleiner Knabe – und er war stets schmächtig gewesen – hatte er wohl nur besser durch die Lücken und schmalen Gänge zwischen dem Plunder gepasst.

Gerne hätte er mit seinen Schwestern darüber gesprochen, wie er sich gerade fühlte. Aber Hilde hatte er bei seinem letzten Anruf über dem Geplärr des Babys kaum verstanden und nach fünf Minuten hatten beide entnervt aufgegeben und aufgelegt.

Ungeduldig schob er sich an drei aufgerollten Teppichen vorbei. Eine Staubwolke nahm ihm die Sicht und er musste heftig husten. Als er sich die kratzigen Krümel aus den Augen gerieben hatte, fiel sein Blick auf ein altes Fotoalbum. Er griff danach und schlug die erste spröde Seite auf. Vergilbte Schwarzweissfotos im kleinen Format. Kinder mit mürrischen Gesichtern und Erwachsene in altertümlicher Kleidung, die selbst in der Farblosigkeit der alten Fotografien als schwarz erkennbar war. Fasziniert blätterte Henrik durch das Album, versuchte Häuser und Gesichter zuzuordnen. War das sein Vater als junger Mann? Der Bauernhof seiner Grosseltern?

Auf der letzten Seite dann ein Nachname, den er nicht kannte. Das Fotoalbum zeigte gar nicht seine Vorfahren. Sein Vater musste es von irgend einem Trödel haben. Für einen Moment kam sich Henrik so unglaublich betrogen vor, dass er kaum Luft bekam. Wut erfasste ihn. Warum hatte sein Vater nicht mit der Gegenwart zufrieden sein können? Mit den Menschen, die ihn umgaben? Seinem einzigen Sohn zum Beispiel?

Warum hatte er nur das Bedürfnis gehabt, so viel Zeug um sich zu stapeln, bis seine Familie und Freunde nicht mehr an ihn herankamen?

Wütend und verletzt pfefferte Henrik das fremde Fotoalbum zurück ins Chaos. Mit tränenverschleiertem Blick kraxelte er über die eng zusammenstehenden und mit Kisten vollgestellten Möbel. Nur raus hier! Er musste unbedingt an die frische Luft, in den Hof, wo er wieder klar denken konnte.

Das Bild seines Vaters, wie er tagelang zwischen seinen seelenlosen Gegenständen gelegen haben musste, schob sich vor Henriks Augen. Er versuchte es abzuschütteln, seine Gedanken abzulenken, doch es gelang ihm nicht. Panik schnürte ihm die Kehle zu. Der Gestank war unerträglich gewesen. Der Ekel, der ihn erfasst hatte. Seinem eigenen Vater gegenüber. Den er doch hätte lieben sollen. Geliebt hatte.

Henrik fürchtete sich davor, dass dieser Ekel für immer seine Liebe überdecken würde. Wie ein unangenehmer Geruch, der durch einen lieblichen Rosengarten weht und die ganze Schönheit des Ortes verdirbt.

Henriks Herz raste. Nur raus aus diesem Haus!

Draussen war es inzwischen dunkel geworden, wie er mit Erschrecken feststellte. Wie lange hatte er in dem Fotoalbum geblättert? Eine Bewegung liess ihn erstarren, bis er sich selbst im halb blinden Spiegel eines weiteren Waschtischs erkannte. War er bei der Esszimmertür? Aber wo kamen diese Schaufensterpuppen auf einmal her? Die hatte er beim Hereinkommen nicht passiert, dessen war er sich sicher. Schaufensterpuppen hatte er schon immer gruselig gefunden. Daran hätte er sich sicher erinnert.

Wo war er bloss? Im kleinen Salon? Er versuchte unter einem weiteren Tisch hindurch zu kommen, musste aber feststellen, dass dieser tatsächlich ein Konzertflügel war und dass darunter Kisten um Kisten voll rostigem Werkzeug den Durchgang versperrten. Wann hatte sein Vater denn einen Flügel angeschafft?

Irrelevant! Hauptsache raus hier!

Sollte er umkehren und versuchen, seinen Weg zurück zu gehen?

Doch als Henrik sich in die Richtung wandte, aus der er gekommen war, schienen die Gänge zwischen dem Krempel zusammenzuschrumpfen und ihn zu verschlingen. Er spähte an einem zotteligen Lampenschirm vorbei. Nichts hier kam ihm bekannt vor. Er war irgendwo im Innern des Hauses und hatte keine Ahnung, wo der Ausweg war.

Normalerweise richtete er sich nach dem hereinleuchtenden Tageslicht, doch nun war es draussen stockfinster. Ein General mit aufgeschlitztem Gesicht blickte strafend von seinem staubigen Gemälde auf ihn herab.

Henrik fasste einen Entschluss: Er würde über den Krempel klettern, wenn er schon nicht zwischendurch kam. Wagemutig stützte er sich auf zwei Reisetruhen ab, um sich auf den Flügel zu ziehen, da rutschte seine Hand in einem Silbertablett ab und er stürzte. Seine Turnschuhe glitten zur Seite wie auf Eis. Henriks entsetzter Blick blieb auf dem lasziv hingeräkelten Oberkörper einer Dame aus den Sechzigern hängen. Ausgerutscht auf einem Playboy – was für eine Ironie! Seine Hände griffen nach etwas zum Festhalten, bekamen eine harte Kante zu fassen, die aber ihrerseits den Halt verlor und in einem Schwall von gelben Seiten auf ihn zugeflattert kam.

Als er den deckenhohen Stapel Telefonbücher auf sich zustürzen sah, ging ihm durch den Kopf, dass das alles vielleicht nicht passiert wäre, wenn er seinen Vater in den letzten Jahren einmal besucht hätte, wenn er sich mehr gekümmert hätte, wenn man nach anderen Lösungen als dem Horten mit ihm gesucht hätte, wenn er auch seine Schwestern dazu gebracht hätte, bei dem alten Einsiedler vorbeizugehen und jedes Mal ein paar Gegenstände aus dem riesigen Haus zu schaffen, wenn die Berge an Dingen nicht bis unter die Decke gewachsen wären, wenn jemand sie aufgehalten hätte, diese Lawine aus Zeug, diese erdrückende, erstickende, lebensgefährliche Ladung Krempel, die da auf ihn zuraste und ihn unter sich begraben würde.

Vergebung

Ich vergebe dir, sagte sie zärtlich. Er sah sie finster an.

Ich will keine Vergebung!, schrie er beinahe. Werd wütend! Hasse mich!

Doch sie lächelte nur. Sanft. Er hasste es, wenn sie ihn so sanft ansah. Wie ein Reh. Oder schlimmer. Wie ein sanfter Mensch. Ein Reh konnte man töten, essen. Doch mit ihr musste er leben. Sie lächelte still. Spürte in ihrem Herzen nach, und fühlte tatsächlich, dass sie ihm vergab. Er hatte keine Macht über sie, wenn sie ihm nicht böse war. So lange sie sich nicht wehrte, konnte er nicht gegen sie kämpfen. So lange würde ihre Beziehung weiterbestehen – egal wie trostlos sie geworden war.

Er hätte niemals genug Schneid, zu gehen, ohne dass sie ihn fortschickte. 

Als sie sich bei diesem Gedanken ertappte, wurde ihr sanftes Lächeln bösartig. Er bemerkte es. Erschrak.

Sie hatte zu viel preisgegeben. Schnell versuchte sie, wieder ihr salbungsvolles Gesicht aufzusetzen, doch sie hatte sich verraten. Er sah, was sie war. Kein Reh. Wolf. Jäger, Täter. Berechnend und eiskalt. Ihn überlief ein Schauer. Sie hatte ihn mit ihrer Vergebung in ihren Fängen. Er war ihr ausgeliefert. Verloren.