Monster, die im Nacken sitzen

Clara presste sich mit dem Rücken an die Wand und versuchte trotz ihrer Aufregung, so flach wie möglich zu atmen. Langsam schob sie sich vorwärts und blickte um die Ecke, ob sie noch da waren. Als sie ihre verzerrten Fratzen erblickte, zuckte sie zurück. Ihr Herz hämmerte wie wild. Wie sollte sie hier nur wieder rauskommen? Die Situation war hoffnungslos. Sie hatte keine Chance, ihnen zu entkommen.

Fast keine. Es gab einen einzigen Ausweg aus dieser Situation.

Clara schob die Hand in die Tasche und holte ihren Kugelschreiber hervor. So leise wie möglich klickte sie, holte tief Luft, schloss die Augen und begann, in ihr Notizbuch zu schreiben. Mit jedem Wort beruhigten sich die geifernden Abgabetermine und verliessen schliesslich beinahe missmutig den Raum.

Clara war erlöst. Für den Moment …

Der Heimatvogel

Ich stehe irgendwo in Frankreich und heule wie ein angeschossenes Tier. Doch mein Schmerz sitzt tief in der Brust und hat nichts mit einer Waffe zu tun. Ich habe schlicht und ergreifend Heimweh.

Rotz und Tränen laufen mir übers Gesicht. Kurz fürchte ich, dass mich jemand so sieht. Aber dann blicke ich mich um. Ich bin mutterseelenallein. Links Bäume, rechts Bäume, vor und hinter mir nur das endlose Band eines einsamen Abschnitts des Jakobswegs. Ich bin seit eineinhalb Monaten unterwegs. Mit allem habe ich gerechnet: Schmerzen, Knieproblemen, Rücken, Schlafmangel, Durchfall, Verstopfung, Kopfweh, Hunger, Durst, Geldnot, kein Schlafplatz … Aber dass ausgerechnet das Heimweh mein Untergang sein soll, wirft mich nun doch aus der Bahn.

Ich bin Schweizerin. Eine der Schweizerinnen, deren Vater, Mutter und Grosseltern mütterlicher- und väterlicherseits ebenfalls Schweizer waren. Bei einem Gen-Test würde gefühlt eine direkte Linie von mir bis zurück zu einem der drei Männer auf dem Rütli führen, die – drei Finger keck in die Luft gereckt – die Schweiz erfunden haben.

Ich war mein ganzes Leben lang nie mehr als zwei Wochen am Stück ausser Landes. In den meisten Jahren habe ich die Schweiz gar nicht verlassen, war nur ein bisschen in Alpennähe wandern – auf unserer Seite. Wenn ich doch mal für vierzehn Tage verreise, habe ich nach spätestens zehn die Koffer wieder für die Heimreise gepackt.

Ich habe mir nie viel dabei gedacht. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass ich privilegiert bin. Dass ich den Luxus geniesse, in einem Land geboren und aufgewachsen zu sein, wo kein Krieg herrscht, wo es kaum Armut gibt, die Strassen sauber sind, die Regierung einen nicht verarscht, man als Frau unverschleiert einen Männerberuf ausüben, allein in einer Wohnung leben, Auto fahren, eine gleichgeschlechtliche Partnerin lieben darf, wo selbst die Bundesräte mit dem ÖV reisen und das grösste Gesellschaftsproblem der horrende Preis für eine Tasse Kaffee in Zürich City ist.

Ich dachte schlicht und ergreifend, dass ich gerne Schweizerin bin, weil ich gerne Schweizerin sein darf. Die Schweiz zu lieben kam mir bisher schlichtweg natürlich vor. Es wird einem leicht gemacht.

Dass sich diese Landesliebe auch als Fluch erweisen kann, wird mir in meinem tränenverschleierten Zustand gerade bewusst. Auf diesem Wanderweg in Frankreich stelle ich mein Weltverständnis in Frage: Behindert mich mein Heimweh?

Ein guter Freund hat mir einst erzählt, dass Schweizer Soldaten in fremden Diensten im 18. Jahrhundert von derartigem Heimweh geplagt wurden, dass sie lieber desertierten und dafür die Todesstrafe riskierten, als auch nur eine Minute länger ausserhalb ihrer geliebten Heimat zu verbringen. Passenderweise heisst Heimweh im Französischen «la maladie suisse», die Schweizer Krankheit. Angeblich war es unter Todesstrafe verboten, in der Truppe das unfassbar melancholische Lied «Simelibärg» zu singen. Die Söldner hätten beim Klang des urchigen Schweizer Liedes ihre Lanzen hingeworfen und seien heulend aus dem Krieg davongelaufen.

Ich habe damals geschmunzelt. Dann im Internet nachgelesen und festgestellt, dass die Geschichte wahr ist, und das Ganze wieder vergessen. Bis jetzt.

Aus Versehen bin ich vorhin bei meinem Handy auf die Shuffle-Taste geraten und der «Heimatvogel» von Doppelbock erklingt. Nach eineinhalb Monaten Französisch sind die schweizerdeutschen Worte auf der bittersüssen Melodie zu viel für mich. Mein Herz bricht vor Sehnsucht. Ich kann nicht mehr klar denken. Ich bin kurz davor, meine eigene Lanze – den viel zu schweren Rucksack – einfach in den Strassengraben zu werfen und von diesem beknackten Pilgerweg zu desertieren. Ich will nach Hause. Jetzt.

Kaum denke ich diese Worte, heule ich wieder los. Wie ein kleines Kind. Laut und ungehemmt. Dabei ist es nichts Konkretes, das ich gerade vermisse. Klar, Freunde und Familie fehlen mir schon. Auch unser Brot und die Schokolade. Greyerzer Käse. Aber darum geht es gar nicht. Auch nicht um das Bergpanorama vor der Nase – die Pyrenäen sehen aus der Ferne ganz ähnlich aus, da kann man schon mal ein Auge zudrücken.

Es geht darum, Schweizer Boden unter den Füssen zu haben. Darum, dass das Herz am richtigen Fleck schlägt – nicht in der Brust, sondern auf der Welt. Es geht darum, sich zu Hause zu fühlen. Heimisch.

Meine Seele ist wie ein Kompass, der immer auf das kleine Land in Form eines dicken, fröhlichen Schweinchens zeigt. Zürich ist mein Norden, mein «true north». Mich zieht es immer nach Hause, egal wo ich auf der Welt bin.

Gerade überlege ich, wie ich in der nächsten Ortschaft am besten eine Rückreise organisieren kann. Sich mit dem öffentlichen Verkehr durch Frankreich zu schlagen, ist eine echte Herausforderung. Trotzdem werde ich mich irgendwie nach Hause durchkämpfen.

Mit neuem Mut wische ich mir über das verschmierte Gesicht. Gerade rechtzeitig, bevor mir aus dem Nichts Jacques entgegenkommt. Er fährt jeden Tag mit dem Auto und dem Gepäck zur nächsten Herberge. Dann geht er seiner Frau und ihrer besten Freundin entgegen, und sie wandern das letzte Stück der Etappe gemeinsam. Ich treffe ihn jeden Nachmittag.

«Salut Suzanne, ça marche?»

Ob es läuft, will er wissen. Die Doppeldeutigkeit der Frage lässt mich immer wieder schmunzeln. Ich weise auf meine Beine, die nach all der Zeit auf dem Pilgerweg fast von allein vorwärtstrotten: ja, es läuft.

«Bonne route! A’ tout!»

Guten Weg wünscht er mir sprichwörtlich. Wie alle hier. Und bis später. In der Herberge meint er. Auf diesem Stück des Jakobswegs ist nicht viel los. Man trifft jeden, der unterwegs ist, weil schlichtweg nicht viele Pilger auf den Beinen sind, grösstenteils pensionierte Franzosen wie Jacques und seine Frauen. Ich steche heraus wie ein bunter Hund mit meinen 28 Jahren und meiner Identitätskarte mit dem Kreuz. «La petite Suisse» nennen sie mich, die kleine Schweizerin.

Die unverhoffte Pilgerfamilie wartet am Ende der Tagesetappe oftmals bereits mit dem Abendessen auf einen. Man tauscht Nachrichten aus. Erzählt, was man unterwegs erlebt hat. Wer pausieren musste. Wer noch eine Etappe angehängt hat und schon in der nächsten Herberge ist. Man vergleicht Wettervorhersagen und Bett-Reservierungen. Plant den kommenden Tag und gibt sich gegenseitig Tipps.

Ich freue mich auf die anderen «pelerins». Ich hab ihn liebgewonnen, diesen bunten Haufen aus Träumern und Lebensmutigen. Und ein bisschen bin ich inzwischen auch hier zu Hause, irgendwo in Frankreich, unterwegs.

Ich vertage die Suche nach einem Bus oder Zug zurück nach Zürich. Die Heimat trägt man auch als Schweizerin ein Stück weit im Herzen, rede ich mir gut zu. Aber heimlich denke ich: Noch 43 Tage bis zur Heimreise.

Die Simulation

«Bei welchem Problem kann ich dir behilflich sein, Ladislaus?», fragte die körperlose Frauenstimme sanft. 

Er hatte sie mütterlich warm programmiert. Eine Stimme, der man sich bedenkenlos anvertraute, der man seine Probleme berichtete. In dem Vertrauen, dass sie einem half. Wie eine Mutter eben. Er nannte sie heimlich «Mom». 

«Die Welt ist schlimm dran, weil sich die Mächtigen nur um Geld streiten, anstatt die Probleme anzugehen, die unser Überleben auf dem Planeten bedrohen», berichtete Ladislaus der Stimme nun. Er hörte selbst, wie weinerlich er dabei klang. Aber er war tatsächlich verzweifelt. Er wusste nicht weiter. Mom musste ihm helfen. S