Weihnachtsessen

Während sich der kreiselnde Hintern immer bedrohlicher seinem Schoss näherte, wurde Rüdiger bewusst, was er für einen grossen Fehler gemacht hatte. Die hoch und runter wippenden Hüften der schönen Frau hatten vor wenigen Minuten noch auf sehr angenehme Weise sämtliche Gedanken aus seinem Kopf getilgt, und er hatte sich begeistert freiwillig gemeldet, um auf dem einsamen Stuhl auf der Bühne zu sitzen. Doch dann hatte er trotz des gleissenden Gegenlichts die missbilligenden Gesichter der Sekretärinnen erblickt, und nun wurde Rüdiger vor lauter Scham abwechselnd heiss und kalt.

Er versuchte, die Tänzerin in ihrem knappen, mit klimpernden Münzen besetzten Kostümchen nicht allzu offensichtlich zu mustern. Doch sobald sein Blick von ihr fortschweifte, sah er seinen finster dreinblickenden Chef und die hinter vorgehaltenen Händen tuschelnden Angestellten. Also richtete er seine Aufmerksamkeit eben wieder auf die wippenden Hüften vor sich und überlegte fieberhaft, wie er aus dieser brenzligen Situation wieder heraus kam.

Die Tänzerin kam immer näher, die Schmuckmünzen klirrten unheilvoll im Takt der fremdländischen Musik. Und dann enthüllte sie ihren Oberkörper und schlang das durchscheinende rosa Tuch stattdessen um Rüdiger. Der erstarrte vor Schreck. Ein Schweisstropfen rann seine Stirn hinab, obwohl draussen vor dem Lokal der Schnee weiss und unschuldig die Strassen bedeckte.

Er hatte sich auf das Weihnachtsessen mit der ganzen Belegschaft gefreut. Hatte sich vorgenommen, mit seinen Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen, bei einem Glas Wein vielleicht etwas mehr über seinen Vorgesetzten zu erfahren. Doch nun dachte er nur noch daran, seine Haut und die letzten Reste seiner Würde zu retten.

Rüdiger lachte verlegen, als die Tänzerin ihm das Tuch auf intime Weise um den Hals gleiten liess. Doch niemand lachte mit. Die starren, entsetzen Gesichter der Firmenmitglieder sagten klar und deutlich, dass sie die Vorgänge auf der Bühne nicht zum Lachen fanden. 

Dann sah Rüdiger die Linse einer Handykamera im Scheinwerferlicht aufblitzen und verlor die Fassung. Er sprang auf, schob die Tänzerin zur Seite und hastete aus dem Lokal.

In der eisigen Winterluft kam er langsam wieder zu sich. Er hatte sein Sakko im Restaurant vergessen, und der erkaltende Schweiss liess ihn frösteln. Doch er ging trotzdem weiter.

Was hatte er da nur angerichtet?

Wie konnte er am Montag den Kollegen wieder in die Augen blicken?

Seinem Chef?

Rüdiger wurde speiübel, wenn er an die Fotos und Handyfilmchen dachte, die bereits durch die gesamte Belegschaft kursieren mussten.

Seine Schritte knirschten im frischen Schnee. Die Nässe drang durch die zu leichten Lederschuhe und machte ihm die Zehen taub.

Er hasste den Winter in der Stadt. Hasste die Kälte. Die lange Dunkelheit. Die trübselige Stimmung in der Firma.

In einer Woche war Weihnachten, und Rüdiger hatte niemanden, mit dem er feiern konnte. Er würde sich einen schnulzigen Familienfilm reinziehen müssen, nur notdürftig verdünnt durch eine Flasche Jack Daniels.

So wie jedes Jahr.

Mit einem Mal hatte Rüdiger die Nase voll. Auf der Brücke blieb er abrupt stehen und blickte auf das dunkle, strudelnde Wasser hinab. Er stieg auf das Geländer und sah einen Moment lang auf das schwarze Fliessen, liess den Fluss seine ebenso schwarzen Gedanken mit sich forttragen.

Niemand würde ihn vermissen. Keine Frau, keine Verwandten, keine Kinder. Und in der Firma war er ersetzbar, das war ihm sehr wohl bewusst.

Es gab niemandem, dem er wirklich fehlen würde…

Rüdiger fällte einen Entschluss.

Er stieg vom Geländer und winkte ein Taxi heran. Der Rücksitz stank nach altem Zigarettenrauch. Aber dafür war es mollig warm im Auto.

„Zum Flughafen“, wies er den Chauffeur an.

Der nickte, nachdem er den für die kalte Dezembernacht viel zu leicht bekleideten Fahrgast einen Moment lang gemustert hatte.

„Wo geht‘s denn hin?“

Rüdiger liess sich mit einem Lächeln in das muffige Sitzpolster sinken:

„Hawaii.“

Das Inserat

Während Cornelia auf ihren Mann wartete, schweifte ihr Blick zur Wand mit den Gratis-Inseraten. Mit müdem Blick überflog sie die Angebote für Deutschunterricht, Gitarrenlektionen und private Bügel- und Putzdienste. Ihr fielen fast die Augen zu, weil die Kleinen letzte Nacht alle halbe Stunde lautstark weinend nach ihr verlangt hatten. Alpträume und Bauchschmerzen waren das Problem gewesen, weshalb die Kinder irgendwann bei ihr und Reto im Bett geschlafen hatten. Auch er sah übernächtigt aus, doch der Wocheneinkauf musste trotzdem erledigt werden.

Cornelia schaukelte mechanisch den Kinderwagen und fragte sich, wann es endlich leichter würde. Sie suchte ihren Mann in der Menschenmenge und sah, dass er noch weit hinter der Kasse stand. Er schaffte es irgendwie immer, bei der langsamsten Kassiererin und der trägsten Warteschlange anzustehen. Dabei könnten sie bereits wieder zu Hause sein…

Sie seufzte. Dann machte sie entschuldigend einer alten Frau Platz, die sich mit schwerem Schritt um den grossen Kinderwagen herum schleppte. Die Frau warf einen Blick auf die Kleinen und ein wehmütiges Lächeln erschien auf ihrem faltigen, von Schmerz und Not gezeichneten Gesicht. Cornelia lächelte freundlich zurück. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was diese Dame alles erlebt hatte.

Um sich von den düsteren Gedanken abzulenken, las sie weiter die Inserate durch.

Ihr Blick blieb bei einem unscharfen Foto hängen. Daneben stand:

‚Hochzeitskleid, Gr. 36, Champagnerweiss, mit Unterrock. Ungetragen. 20.-‘

Wer verkauft denn ein ungetragenes Hochzeitskleid? Noch dazu so billig?, fragte Cornelia sich verwundert. Dann begriff sie die ungeschriebene Geschichte hinter dem Aushang und musste unvermittelt gegen die Tränen ankämpfen.

„Da bin ich! Tut mir leid, die Schlange war… Was hast du denn?“

Cornelia blickte ihren Mann dankbar an.

„Ich liebe mein Leben“, antwortete sie mit feuchten Augen.

Reto lachte laut auf und deutete mit dem Kinn vielsagend auf die schweren Tüten in seinen Händen und die greinenden Kinder.

Dann verstummte er, weil er begriff, dass sie das Gesagte ernst gemeint hatte. Er stellte die Einkäufe ab und nahm sie in den Arm.

Gestresste Menschen drängelten sich an ihnen vorbei. Die Kinder weinten. Das Vanilleeis schmolz und die Erbsen tauten auf. Doch sie blieben mitten im Trubel eng umschlungen stehen.

„Ich auch“, sagte Reto sanft. „Lass uns nach Hause gehen.“

Fenchel

Jana war skeptisch, als sie langsam durch die grosse Messe-Halle wanderte. Die Klimaanlage schaffte es an diesem heissen Tag kaum, die Temperatur auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Doch nun war sie hier, nun würde sie auch die Stände erkunden, sagte sie sich tapfer.

Einmal tief die muffige Luft eingesogen, die leicht nach Räucherstäbchen und Curry roch, dann wagte Jana sich ins Getümmel. Es gab Käse aus Nüssen statt Kuhmilch, Joghurt aus Soja statt Kuhmilch, Milch aus Samen statt Kuhmilch, und zur Abwechslung Gesichtspflege aus Kokosöl statt Chemie. Alles sehr lobenswert, fand Jana.

Sie probierte Leinsamencracker, die leider nach nichts schmeckten, Tempeh, das für ihren Gaumen höchst eigenartig schmeckte, und Tortelloni, die sehr lecker, aber lediglich bio und nicht vegan waren, wie Jana nach einem ersten Begeisterungssturm enttäuscht feststellte.

Vielleicht war das mit dem Veganismus doch schwieriger als gedacht. Vielleicht musste man richtig überzeugt davon sein, um sich dafür fade Cracker und fermentierte Bohnen anzutun.

Seufzend lehnte sich Jana an die Seitenwand einer Bude und versuchte, ihre wirren Gedanken zu sortieren.

Zwei veilchenblaue Augen blickten besorgt zu ihr hinüber. Die schönen Augen gehörten einem umwerfend gutaussehenden Mann mit blonden Locken und der reinsten Haut, die Jana je bei einem Menschen gesehen hatte. Sonnengeküsst und kerngesund, das sah sie auf den ersten Blick.

„Alles in Ordnung?“, fragte er mit schiefgelegtem Kopf.

Jana nickte und spürte, dass seine Schönheit sie erröten liess.

Er lächelte. Was ihn noch viel attraktiver machte. Jana spürte eine wohlige Aufregung im Bauch.

Dann hob er die Hand und biss in die Frucht, die er schon die ganze Zeit gehalten hatte. Nur dass es keine Frucht war, sondern ein roher Fenchel.

Würgend stürzte Jana aus der Halle.

Feed the troll

Als die Stadtverwaltung entschied, die kleine Fussgängerbrücke abzureissen, die den Sicherheitsstandards nicht mehr genügte, hatte sie nur das Wohl der Passanten im Sinn. Immer wieder war es auf dem schmalen Steg zu Stürzen und Verletzungen gekommen. Es war wie verhext: Die Menschen stolperten, taumelten, schürften sich Knie und Handflächen auf, obwohl die Holzplanken weder Risse noch Schwellen aufwiesen, an denen sich die Füsse hätten verfangen können.

An einem sonnigen Junimorgen rückte ein kleiner Kran an, ein Mann im orangen Overall flexte die Metallstreben durch, zwei Mal kräftig geruckt, und die Brücke schwebte an Drahtseilen ans Ufer. In kleinere Stücke zerteilt wurde das alte Bauwerk auf einem Sattelschlepper abtransportiert und die Arbeiter schlossen die entstandenen Lücken im Geländer. Noch am selben Abend wies nichts mehr darauf hin, dass hier jemals eine Passage über den Fluss existiert hatte.

Nichts ausser dem stinkwütenden Troll, der seit ihrer Erbauung unter dieser Brücke seine Heimat gehabt hatte und nun vor Zorn kochte.

Die Naturgeister und Flussnymphen tuschelten. Durch die gesamte Anderswelt war ein ehrfürchtiges Raunen gegangen, als man von der Sache erfahren hatte. Der Brückentroll war weit herum bekannt für sein hitziges Temperament. Wer ihm keinen Wegzoll entrichtete, bekam seine Rache zu spüren und fand sich mit dem Gesicht auf dem Gehweg wieder. Wer konnte, ging ihm tunlichst aus dem Weg.

 

Nun waren sämtliche Brücken und Stege in und um die Stadt bereits besetzt. Jede Passage hatte bereits ihren Troll oder Flussgeist, und keiner von ihnen dachte auch nur im Traum daran, seinen Platz zu räumen. Schon gar nicht für einen übellaunigen, undankbaren Brückentroll.

Die einzige Brücke, an die sich keines der Wesen bisher herangetraut hatte, war die grosse Verkehrsachse, auf der Fussgänger, Radfahrer, Autos, Tram und Bus verkehrten. Was für eine Herkulesaufgabe, so ein riesiges Bauwerk in Beschlag zu nehmen.

Doch der Troll, immer noch kochend vor Wut und in Ermangelung jeglicher Alternative, richtete sich darunter ein. Schmollend beobachtete er die Vorgänge auf der Brücke einige Tage. Die Nymphen hielten gespannt den Atem an und warteten gebannt darauf, was er ausheckte.

Und der Troll heckte in der Tat etwas aus. Keiner der Menschen, die seine schöne Brücke überquerte, dachte auch nur im Traum daran, ihm Wegzoll zu entrichten. In Tat und Wahrheit glaubte noch nicht einmal jemand an ihn.

Dem würde er jetzt ein Ende bereiten.

Kaum beschlossen, entfaltete der miesepetrige Troll seine ganze Macht und sein Können. Die erste Familie mit Kinderwagen kam nicht an einem auf dem Gehweg fahrenden Radfahrer vorbei, der hinter zwei Touristen zum Stehen gekommen war, also wich er auf die Strasse aus und zwang zwei Autos, heftig auf die Bremse zu treten, was den Bus hinter ihnen dazu zwang, auf das Tramgleis auszuweichen, woraufhin dieses wütend bimmelnd zum Stehen kam und die Kreuzung blockierte und die Autofahrer dazu brachte, um das lange Gefährt herumzukurven, wobei sie den Fussgängern den Weg abschnitten, die auf den Radstreifen auswichen, was die Radfahrer damit lösten, dass sie auf der Busspur fuhren, und schliesslich standen sie alle ineinander verkeilt auf der Brücke und keiner konnte auch nur einen Millimeter vor oder zurück.

Das ging ein paar Tage lang so, bis es einem gestressten Banker zu viel wurde und er auf das Brückengeländer kletterte, um den Stau einfach zu umgehen. Dabei purzelten ihm eine ganze Handvoll Münzen in den Fluss und er fluchte wie ein Rohrspatz.

Der Brückentroll allerdings stürzte sich gierig auf das Gold und sammelte hastig die vielen kleinen Taler vom Grund des Flusses ein. Für die Dauer seiner Sammelaktion entspannte sich die Situation auf der Brücke, denn der Troll war derart abgelenkt von dem unverhofften Geldsegen, dass er ich voll und ganz auf die Münzen konzentrierte und den Dingen oben ihren Lauf liess.

Kaum aber hatte er den letzten Batzen eingesammelt, wandte sich seine Aufmerksamkeit wieder den geizigen Passanten auf seiner Brücke zu und das Spielchen ging von Neuem los. Der Banker hatte es zwischenzeitlich auf die andere Flussseite geschafft und dachte sich nicht viel dabei, was gerade vorgefallen war.

Doch immer mehr Menschen kletterten über die Brüstung oder stolperten und stürzten im Gedränge, und so mancher von ihnen verlor ein bisschen Kleingeld aus ungesicherten Hosen- und Jackentaschen. Und jedes Mal glitt der Verkehr dann für einige Zeit ungehindert über die Brücke.

Schliesslich schrieb eine Bloggerin mit einem Fable für nordische Sagen und Märchen eine Geschichte darüber, dass sich bestimmt ein Troll unter der Brücke befinde, der gerne bezahlt werden möchte. Die Geschichte machte – auch weil die verhexte Brücke inzwischen Stadtgespräch war – die grosse Runde und bald sprach jeder vom Brückentroll. Passanten führten Experimente durch, wie viel Geld für wie lange die Brücke frei machte. Ob der Troll auch ausländische Münzen nahm. Und ob es auch Papiergeld sein durfte.

Die Antworten waren: je mehr Münzen, desto länger – Wert egal, ja, nein – weil es fortgeschwemmt wurde.

Die Ergebnisse posteten die Menschen gerne zusammen mit Selfies vom Ort des Geschehens auf Social Media und verhalfen der Stadt zu einem wahren Strom neugieriger Touristen mit einem Faible für das Übernatürliche.

Die Legende schlug derart hohe Wellen, und die Erfolgsquote mit dem Kleingeld war so gut, dass die Stadtverwaltung an beiden Enden der Brücke Hinweisschilder aus edlem Messing anbringen liess:

FEED THE TROLL
Für eine sichere Passage über die Brücke werfe man einige Münzen in den Fluss;
Der Brückentroll wird dann mit Aufsammeln beschäftigt sein
und man kommt sicher ans andere Flussufer.
(Angaben ohne Gewähr)

 

Touristen, die über das Schild nur lachten, machten sich manchmal den Spass, dem Troll Knöpfe, Waschmaschinenjetons und anderen wertlosen Krimskrams hinzuwerfen. Der über den Betrug wütende Troll liess sie daraufhin selbstverständlich böse stürzen. Bald erkannte man die Auswärtigen in der Stadt an ihren blutigen Nasen und aufgeschürften Knien. Den Einheimischen geschah das schon lange nicht mehr.

Und der Brückentroll? Der war einigermassen besänftigt und hatte deutlich bessere Laune, seit er nachts auf einem riesigen Berg Kleingeld schlief…

Tra(u)mreisen

Die schrägste Tramfahrt meines Lebens hatte ich an einem schwülheissen Morgen im Juni. Begrüsst von drei freundlichen Blindenführhunden suchte ich mir ein gemütliches Plätzchen, da ich über eine halbe Stunde Fahrt vor mir hatte. Aufgrund von Gleisbauarbeiten zweigte das Tram unerwartet ab und fuhr durch das nahe gelegene Depot, um die Baustelle zu umgehen. Ein Tram kann schliesslich nicht zweimal rechts abbiegen und ist wieder auf Kurs – es ist an seinen Schienenweg gebunden. Was für ein geradliniges Leben!

Die riesige Halle beeindruckte mich. Zum ersten Mal sah ich das Tramdepot von innen. Nebst Reparaturgräben und einer Waschstrasse erhielten die Fahrgäste, die ähnlich neugierig wie ich auf einen Blick hinter die Kulissen des Alltags waren, auch Hinweise auf die Mitarbeiter, die in dieser Halle ihrem Beruf nachgingen; Im hinteren Bereich, wo sich Büros und Schaltstellen befanden, stand ein gepflegtes Holztischchen mit vier Stühlen. Eine rote Geranie schmückte den Pausentisch und verblüffte mich mit ihrer unerwarteten Häuslichkeit. Wer hätte gedacht, dass Mitarbeiter der Zürcher Trambetriebe Wert auf Gemütlichkeit am Arbeitsplatz legten?

Das Tram verliess die grosse, düstere Halle und setzte seinen Weg fort. Die Chauffeuse informierte uns über die Verzögerung, die planmässig verlaufen war. So planmässig, dass wir an der nächsten Station zwei Minuten ausharren mussten, um den Taktfahrplan nicht durch Überpünktlichkeit aus der Spur zu bringen. Diese Information veranlasste einen Mitreisenden mit geistiger Beeinträchtigung dazu, ein Lied anzustimmen, das auf der Melodie eines irischen Volksliedes den zur Situation passenden Text «Oje, oje, oje» endlos wiederholte. Ich musste schmunzeln. Andere nervten sich mit vor sich hin gemurmelten Unmutsäusserungen über die musikalische Untermalung. Als der Mann von «Oje» zu «Oh Tannenbaum» überging, hätte auch ich auf den Gesang wieder verzichten können. Immerhin herrschten bereits 25 Grad, und es war erst acht Uhr.

Glücklicherweise stiegen der Sänger und viele weitere Fahrgäste an der nächstgrösseren Haltestelle aus. Die angespannte Stimmung im Tram löste sich augenblicklich. Wir Verbliebenen fuhren entspannt weiter.

Bis zu dem Moment, als drei Damen zustiegen, die alle gleichzeitig und in einer Lautstärke aufeinander einredeten, als stünden sie während eines heftigen Hagelsturms auf einer windumtosten Klippe am Ende der Welt. Dann doch lieber Weihnachtslieder! Die drei Furien holten nicht ein Mal Luft, sprachen ohne Unterlass gegeneinander an. Ich fragte mich, ob ausser den gequälten Mitreisenden überhaupt jemand zuhörte.

Und als wäre das nicht schon schlimm genug, stieg nun auch noch ein Herr zu, der mit jemandem im Akkord eines Maschinengewehrfeuers telefonierte, der sich offensichtlich in einem anderen Land befand. Man hätte meinen können, das Mobiltelefon sei nur ein Ablenkungsmanöver, so laut schrie der Herr seinen Gesprächspartner an. Sicher hörte der ihn auch so. Die drei Damen bedachten ihn mit bösen Blicken, ohne dabei in ihrem Gespräch auch nur einen Takt auszusetzen oder die Lautstärke zu drosseln. Im Gegenteil.

Als dann ein Mann mit einer riesigen Handorgel vor der Brust und einem Hut in der Hand zustieg, und sich eine Frau vor mich setzte, die sich die gesamten Parfumvorräte der westlichen Welt angesprüht zu haben schien, entschied ich, dass der Zeitpunkt gekommen war, auszusteigen und auf das nächste Tram zu warten.

Als das nächste Tram seine Türen vor mir öffnete, beschloss ich, zu Fuss zu gehen.

 

(An die Deutschen Leser: In der Schweiz ist die Trambahn sächlich – wir sagen «das Tram»… Klingt komisch, ist aber so.)

Heisse Ausserirdische

«Mmmmmk! Gmmmmk! Mm-mmmmmgk!!»

Entgeistert starrten seine Schwestern Bip an, der zur Tür hereingestürmt war und wild mit den Armen herumfuchtelte. Seine Backen waren aufgeblasen und die Augen quollen ihm fast aus den Höhlen.

Er riss Blu die Trinkflasche aus den Händen und spuckte eine graue Flüssigkeit hinein, dann schraubte er hastig den Deckel zu.

«Ack! Igitt! Beinah hätte ich Opa runtergeschluckt…!»

«WAS?», riefen seine Schwestern entsetzt.

«Opa. Er hat sich verflüssigt!» Bip spuckte und würgte noch immer.

Blu und Bo starrten ihn an.

«Wir waren spazieren. Aber draussen ist es noch heisser als hier drinnen», erklärte Bip und wischte sich den Schweiss von der Stirn.

«Was IST das?», fragte Bo angeekelt und begutachtete die graue Suppe in der Flasche.

«Sag ich doch: Opa.»

Bo stellte eilig die Flasche wieder hin und wischte sich die Tentakel an ihrem Rock ab.

«Als er flüssig wurde, hab ich ihn… naja… ich hatte kein Gefäss… also… hab ich ihn halt…»

Bip erschauderte, als er daran zurückdachte. Es schüttelte ihn.

«Die Alten halten die Hitze einfach nicht mehr aus», jammerte Bo. «Erst gestern hab ich in den Nachrichten gehört, wie viele Alte jeden Sommer an der Hitze sterben.»

«Noch ist er ja nicht tot!», rief Bip wütend. Es ärgerte ihn, dass ihn seine Schwestern nicht für seinen schnellen Einfall mit dem Aufsaugen lobten.

«Sieht das lebendig für dich aus?!», kreischte Bo hysterisch und schüttelte die Flasche.

«Lass das! Opa wird doch so schnell schlecht!»

Bip riss ihr die Flasche aus den Tentakeln und stellte sie zurück auf den Tisch. Auch er wischte sich die Hände an der Hose ab.

«Er ist einfach in einem anderen… Aggregatszustand.» Jetzt wurde Bip schlecht.

«Aber so kann er nicht bleiben», sagte Blu pragmatisch. «Wir müssen ihn wieder in den festen Zustand versetzen.»

«Dafür ist es viel zu heiss», erklärte Bip, dem der Schweiss inzwischen vom Kinn tropfte.

«Wir müssen ihn abkühlen!»

«Aber wie?!», rief Bo verzweifelt.

Die Kühler waren schon seit Tagen aus. Das Teslanetz war wegen Überlastung in der ganzen Siedlung ausgefallen.

Blu, die einzige in der Familie mit sechs Armen, fuchtelte der Flasche hektisch Luft zu.

«Beeilt euch!»

Die graue Flüssigkeit blubberte unglücklich.

«Was hast du überhaupt draussen gemacht mit ihm?», fragte Bo erbost über die Schelte ihres Bruders.

«Ich dachte, vielleicht finden wir ein kühleres Plätzchen…», murmelte er beschämt.

Im Habitat war es fast genauso heiss wie draussen. Ob man die Fenster nun öffnete oder nicht – es machte keinen Unterschied. Die stickige, warme Luft kühlte sich selbst in der Nacht nicht mehr ab.

Hastig wuselten die Geschwister herum, um nach etwas zur Abkühlung zu suchen. Sie waren so konzentriert, dass sie nicht mitbekamen, wie ihre Muttereinheit nach Hause kam.

«Puh… diese Hitze!», stöhnte sie tropfend und liess sich erschöpft auf einen Stuhl am Tisch fallen. Ihr Blick fiel auf die Trinkflasche und sie schraubte sie auf.

«NICHT!», schrie Bip, die zurück in die Küche stürzte. Doch da war es schon zu spät: eine graue Nebelwolke puffte aus der Flasche und stieg unaufhaltsam zur Zimmerdecke auf.

Blu schlug sich die Hand vor den Mund vor Entsetzen:

«Er ist in den gasförmigen Zustand übergegangen…»

Die ganze Familie blickte traurig und etwas ratlos nach oben. Die graue Opa-Wolke verteilte sich an der Decke und verblasste langsam. Bip räusperte sich.

«Naja… wenigstens ist er jetzt wieder mit Oma zusammen…»

Kurz und schmerzlos

„Deine Zeit ist gekommen“, sagte der Tod mit heiserer Stimme.

„Das ist deine Sicht der Dinge“, antwortete das Mädchen und nahm ihm die Sense weg.

„He!“, rief der Tod. Doch da zerfiel er auch schon zu Staub.

Das Mädchen zog die schwarze Kutte an und schob die Kapuze über seinen kahlen Kopf. Dann warf es einen letzten Blick auf die Krebsstation und verliess das Krankenhaus für immer.

Das Problem

„Ich habe ein Problem.“

„Was?“

„Ich kann nicht darüber reden.“

„Kannst du nicht oder willst du nicht?“

„Beides.“

„Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?“

„Du musst raten.“

„Wie bitte? Ich muss dein Problem erraten?“

„Ja.“

„Das ist doch blödsinnig!“

„Ist es nicht. Es ist mir ernst.“

„Ist es wirklich wichtig?“

„Ja.“

„Nicht nur eine deiner Flausen?“

„Nein. Versprochen.“

„Also: ein ernstes, wichtiges Problem.“

„Genau.“

„Kannst du mir irgendeinen Anhaltspunkt geben?“

„Inwiefern?“

„Na, wo ich mit raten anfangen soll.“

„Warum?“

„Na, weil du ja alles mögliche haben könntest! Von Ausschlag bis schwanger ist alles denkbar.“

„Eher schwanger als Ausschlag.“

„‘Eher‘ schwanger?!!“

„Ja.“

„Bist du schwanger?!“

„Nein.“

„Sicher nicht?“

„Nein, sicher nicht.“

„Uff…“

„Rate!“

„Ja, puh… also eher schwanger als Ausschlag… Und es geht um dich, korrekt?“

„Korrekt.“

„Und du hast dieses Problem.“

„Genau.“

„Und das Problem ist schlimm. Es belastet dich.“

„Naja… ‚belasten‘ ist vielleicht zu viel gesagt.“

„Du hast also ein Problem, das dir aber nicht das Leben schwer macht.“

„Wie man’s nimmt.“

„Bitte entscheide dich. Ich verzweifle sonst.“

„Es macht mir das Leben schwer, bis du das Problem erraten hast.“

„Es geht also um mich?“

„…“

„Bei deinem Problem?“

„Ja.“

„Warum war da diese bedeutungsschwangere Pause?“

„Ich bin nicht schwanger.“

„Ja, das hatten wir geklärt. Aber warum war da diese Pause, nachdem ich gefragt hatte, ob es um mich geht?“

„Weil es tatsächlich um dich geht. Aber ich weiss nicht, ob du das Problem auch hast.“

„Na, Hämorrhoiden können es dann nicht sein.“

„Pff! Nein!“

„Also du hast ein Problem. Und dieses Problem betrifft mich. Und du weisst nicht, ob ich dasselbe Problem auch habe.“

„Ja.“

„Ist es denn kein Problem mehr, wenn ich es auch habe.“

„Nein.“

„Was nein?“

„Wenn du dasselbe Problem auch hast, ist es kein Problem mehr.“

„Ist es Herpes?“

„Nein!!“

„Ich gebe auf…“

„Nein, gib nicht auf! Du bist ganz nah dran!“

„Tatsächlich?“

„Denk in anderen Bahnen!“

„Na schön, ein letzter Versuch. Du hast ein Problem. Es macht dir das Leben schwer, aber auch nicht. Und wenn ich das Problem auch habe, ist es keines mehr… hm…“

„…“

„Guck mich nicht so an!“

„…“

„Was?!“

„…“

„Bist du in mich verliebt?“

„…“

„Ist es das?“

„…“

„Das ist es, oder?“

„…“

„Hei… sieh mich an.“

„…“

„Du hast kein Problem.“

Das Geburtstagsfest

Manuela stand mit den Girlanden in der Hand auf der Leiter und fragte sich, was mit dem ganzen Zeug passieren würde, wenn sie sich jetzt den Hals brach.

Sie plante die Party seit Wochen, Monaten, ja eigentlich schon seit Jahren. Sie fürchtete sich schon seit Mitte zwanzig davor, vierzig zu werden, und hatte sich fest vorgenommen, diesen einen runden Geburtstag mit einem rauschenden Fest zu begehen.

Je näher der Termin rückte, desto dringlicher wurde ihre Sehnsucht nach einem schönen Erlebnis an diesem für sie doch eher deprimierenden Tag. Ihr Freund verstand die ganze Aufregung überhaupt nicht.

«Ich bin schon vierzig und bin trotzdem ein geiler Typ!», sagte er eines Tages zu ihr, als sie ihm mit Tränen in den Augen ihre Sorgen beichtete.

«Ja, aber…», stammelte sie und brach ab, weil ihr kein gutes Argument einfiel.

«Ich weiss, bei Frauen ist das was anderes», sagte er. «Aber du bist doch auch noch ganz ordentlich in Schuss.»

Offenbar dachte er tatsächlich, dass das ein Kompliment war. Manuela zog die Nase hoch und ging in die Küche, um das Geschirr zu spülen.

Seit sie im letzten Jahr auf einer Mottoparty zum Thema «20er Jahre» gewesen war, wünschte sie sich, ihrer Geburtstagfeier ebenfalls einen roten Faden zu verleihen. Lange trug sie sich mit dem Gedanken, einen Schwarz-Weiss-Ball zu veranstalten. Doch Dietmar, ihr Freund, war strikt dagegen.

«Du erwartest doch wohl nicht, dass ich den ganzen Abend im Frack rumlaufe wie ein scheiss Pinguin?!»

«Na, wenn du das nicht möchtest, dann kannst du ja auch…»

«Nein!», unterbrach Dietmar sie. «Mach was anderes!»

Und dann, als sie eines Nachts nicht schlafen konnte und sich im Bett herumwälzte, kam ihr die zündende Idee. Kein Schwarz-Weiss-Ball, sondern eine Farbenparty. In ihrer Lieblingsfarbe Blau!

Dazu konnte nicht einmal Dietmar Nein sagen, denn es bedeutete, dass er auch in Blue Jeans und T-Shirt kommen konnte!

Manuela wurde vor Freude über den Geistesblitz ganz übermütig. Sie sprang aus dem Bett und holte einen Schreibblock, um all die Ideen festzuhalten, die ihr auf einmal kamen.

Sie liess eine mit blauer Lebensmittelfarbe eingefärbte Torte backen, bestellte im Internet blaue Girlanden und Lampions, nähte blaue Tischdecken, besorgte blaues Partygeschirr – aus Pappe, aber immerhin!, stellte zwei Tage vor der Party weisse Rosen in blaue Tinte, und suchte einen blauen Lidschatten aus, der nicht ganz so sehr nach 80er Jahren aussah.

Die Einladungskarten waren natürlich auch blau: Hellblau mit dunkelblauer Schrift sogar. All ihre Freunde und Familienmitglieder waren begeistert und sagten zu. Einige berichteten schon ganz aufgeregt von ihren Kostümen. Manuelas Vater holte seinen dunkelblauen Hochzeitsfrack aus dem Schrank. Ihre beste Freundin färbte ein beiges Cocktailkleid in der Badewanne um. Und ein besonders humorvolles Freundespaar versprach sogar, als Schlumpf-Pärchen zu kommen.

Manuela war gerührt und erleichtert. Ihr Geburtstag würde etwas ganz Besonderes werden. Und wenn sie jemals wieder den Blues wegen ihres Alters bekommen sollte, würde sie sich einfach die tollen Fotos von ihrem blauen Fest ansehen und sich wieder freuen.

Als Geschenk an sich selbst plünderte sie ihr Sparkonto und liess sich von einer Schneiderin eine blau glitzernde, bodenlange Robe mit hoch geschlitztem Bein anfertigen. Sie würde der Star des Abends sein!

Für Dietmar nähte die Schneiderin aus den Stoffresten eine Fliege. Manuela war sich zwar noch nicht sicher, ob sie ihrem Freund die Glitzer-Fliege tatsächlich geben sollte. Immerhin hatte er schon beim Frack ein Theater gemacht. Schliesslich überwog aber ihre Freude an ihren Plänen und sie überreichte ihm die blaue Fliege mit einem breiten Grinsen.

«Was ist das denn, um Gottes willen?!», fragte Dietmar entsetzt und hielt die Fliege mit spitzen Fingern von sich weg.

«Damit wir im Partnerlook gehen können», sagte Manuela ausgelassen. Sie war übermütig und aufgeregt. Die Party war dieses Wochenende.

«Na, mal sehen», brummte Dietmar und stopfte die Fliege grob in seine Hosentasche.

«Du musst sie ja nicht tragen, wenn du nicht willst», lenkte Manuela zärtlich ein.

«Doch, doch! Das lenkt vielleicht von deinem breiten Hintern ab», sagte Dietmar und lachte spöttisch.

Manuela hätte gerne etwas erwidert, doch sie hatte nun mal tatsächlich einen breiten Hintern. Und ausserdem freute sie sich, dass Dietmar schon fast zugesagt hatte, die Fliege zu tragen.

Am Samstag gab Manuela ihrem Garten, in dem das Fest stattfinden sollte, den letzten Schliff. Die Girlanden hingen an Ort und Stelle, die blauen Rosen waren überall verteilt, blaue Kerzen tauchten den Garten in schimmerndes Licht, und das blaue Geschirr auf den blauen Tischdecken sah spitze aus. Manuela zupfte ein letztes Mal an den riesigen Schleifen aus blauem Tüll, die sie an sämtlichen Pfosten, Stuhlbeinen und Bäumen angebracht hatte. Dann ging sie nach drinnen, um in ihre blaue Glitzerrobe zu schlüpfen.

Das Kleid schlotterte ein bisschen um ihre Mitte. Offenbar hatte sie durch die Vorfreude oder den Stress ein paar Kilo abgenommen. Manuela freute es, denn das hiess, dass sie später zwei Stücke der blauen Torte essen konnte, die vor einer Stunde geliefert worden war. Die Kuchenbäckerin hatte Fondant in verschiedene Blautöne gefärbt, in Streifen gewalkt und damit den dreistöckigen Geburtstagskuchen überzogen. Es war ein Meisterwerk. Zuoberst thronte eine grosse, aus blau gefärbter Schokolade gegossene 40.

Manuela legte den blauen Lidschatten auf und fällte einen Entschluss: Als sie fertig geschminkt war, ging sie in den Garten und zupfte die blaue 40 vom Kuchen. Sie zerbröckelte die böse Zahl in den Abfalleimer und wusch sich die Hände. Jetzt fühlte sie sich unbesiegbar.

Kurz darauf klingelte es und die ersten Gäste trafen ein. Alle hatten sich an das Motto gehalten und trugen Blau in allen Variationen. Manuelas kreativere Freundinnen hatten sich mit Pfauenfedern geschmückt, andere hatten blaue Schals um ihre Schultern drapiert oder trugen bunt gemixt alle blauen Klamotten, die sie im Schrank hatten finden können.

Schlumpf und Schlumpfine kamen sehr gut an und waren beliebte Selfie-Partner. Und jeder machte Manuela Komplimente zu ihrem sagenhaften Kleid. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Die Party war der absolute Knaller!

«Wo ist denn Dietmar?», fragte ihre Mutter und zupfte eine non-existente Fluse von Manuelas Kleid. Manuelas Mutter hatte die seltene Gabe, ihr Gegenüber schrumpfen zu lassen, bis kaum noch etwas von ihm übrig war. Diese Wirkung war im Übrigen voll beabsichtigt.

«Er kommt später, hatte noch eine wichtige Konferenzschaltung», log das Geburtstagskind. Ihre gute Laune bröckelte.

«Ach so?», erwiderte ihre Mutter. Manuela konnte sehen, dass sie ihr nicht glaubte. Doch sie würde vor ihrer Mutter sicher nicht zugeben, dass ihr langjähriger Freund ihren Geburtstag UND ihre Party vergessen hatte.

Manuela entschuldigte sich und strebte zum Kuchentisch. Während sie sich ein riesiges Stück Torte auf einen Teller lud, holte sie ihr Mobiltelefon hervor und schrieb Dietmar:

«Wo steckst du? Party ist in vollem Gange. Alle fragen nach dir. Bitte beeil dich.»

Sie sah auf ihren Teller und stellte fest, dass sie das ganze Stück gegessen hatte, ohne etwas davon mitzubekommen. Also holte sie sich noch ein Stück, das sie bewusster ass. Hinterher hatte sie Bauchschmerzen, fühlte sich aber auch getröstet.

Dietmar antwortete nicht auf ihre Nachricht. Doch als Manuela Vater gerade einen Toast auf seine Tochter aussprach, hörte Manuela einen Schlüssel im Schloss und kurz darauf drückte jemand wiederholt und lange auf die Türklingel.

Manuela sah ihren Vater entschuldigend an und verwünschte Dietmar dafür, dass er ihr diesen schönen Moment kaputt machte.

Sie ging zur Tür und öffnete. Dietmar rauschte genervt an ihr vorbei.

«Was lässt du denn den Schlüssel stecken? Wolltest du mich etwas aussperren?», keifte er.

«Nein, tut mir leid, natürlich nicht. Ich habe nicht… was hast du denn an?!»

Dietmar starrte sie irritiert an und sah dann an seinem roten T-Shirt und den olivgrünen Khakishorts herab.

«Was?! Ich hab’ die blöde Fliege irgendwo verlegt…», brummte er und stapfte missmutig in den Garten hinaus.

Sein Outfit sah schrecklich aus. Die Farben bissen sich und er war der Einzige auf dem Fest, der nicht in Blau gekleidet war. Wenn er wenigstens Jeans getragen hätte. Oder Orange, um als Komplementärfarbe zu gehen. Aber nein! Manuela traute ihm sogar zu, dass er das schreckliche T-Shirt und die uralten Khakis gerade deshalb angezogen hatte, weil sie nicht zum Thema passten.

Frustriert kehrte auch sie auf das Fest zurück. Sie holte sich ein drittes Stück Kuchen und beobachtete Dietmar dabei, wie er in kürzester Zeit zwei Gläser Champagner in sich hineinschüttete. Dann verlor sie ihn im Getümmel der Party aus den Augen. Sie wurde erst eine Stunde später wieder auf ihn aufmerksam, als er beinahe eine Prügelei mit ihrem Cousin anfing. Offenbar hatten die beiden eine Meinungsverschiedenheit gehabt und Dietmar war plötzlich handgreiflich geworden.

«Manu, sprich mit deinem Freund!», forderte in diesem Moment ihre beste Freundin im umgefärbten Cocktailkleid. «Hör mal, er hat mir vorhin an den Hintern gefasst. Und jetzt hätte er sich beinahe mit Steffen geprügelt. Das geht doch nicht.»

«Was?!» Manuela war entsetzt. Sie packte Dietmar am Ellbogen und zerrte ihn trotz seiner Protestrufe in die Küche.

«Was ist los mit dir? Ich weiss ja, dass du immer hinter anderen Frauen her bist. Aber dich hier prügeln? Geht’s noch?», flüsterte sie aufgebracht.

Dietmar seinerseits hielt es nicht für nötig, seine Stimme zu senken:

«Was spielst’n dich so auf? Bissu meine Mutter, odr wus?»

«Und dann schaffst du es noch nicht einmal, dich dem Motto entsprechend zu kleiden», platzte Manuela nun endgültig der Kragen. «War es wirklich zu viel verlangt, sich eine Jeans und ein blaues Hemd oder meinetwegen ein T-Shirt anzuziehen?!»

Dietmar sah sie genervt an, wobei sein Blick verschwamm und er ziemlich schief an ihr vorbeischielte. Dann lallte er mit schwerer Zunge:

«Was wills’n? Ich binndoch blau!»

Manuela machte noch in derselben Sekunde mit ihm Schluss.
Es wurde der schönste Geburtstag ihres Lebens.

Die letzte Stelle

Als ich die Meldung über Emma Haruka Iwao in den Nachrichten sehe, spucke ich vor Wut auf den Boden.

„Meister! Was ist los?“

Mein Leibdiener kommt sofort angerannt und blickt mich fragend an. Ich funkle weiter den Bildschirm an. Dieses impertinente Weibsstück, das aussieht wie ein Mann mit Perücke, besitzt doch tatschlich die Frechheit zu behaupten, den Weltrekord im Berechnen von Pi gebrochen zu haben. Lachhaft!

„Ach so…“ sagt mein Leibdiener verstehend, als er die Meldung sieht.

Ich bezweifle, dass er tatsächlich versteht. Er ist genauso beschränkt wie meine restlichen Untergebenen. Ich könnte wetten, dass sie bis heute alle dachten, Pi hätte nur zwei Stellen hinter dem Komma… Unfassbar, womit ich mich täglich herumschlagen muss.

„Regt Euch nicht auf, Meister!“, sagt mein Leibdiener sanft. Ich funkle ihn mit Mördermiene an, damit er seine dumme Klappe hält.

Ich habe Pi schon vor Jahren bis auf die vorletzte Stelle berechnet und bin der Unendlichkeit damit deutlich näher auf der Spur als diese Emma Haruka Iwao es jemals sein wird. Aber ich arbeite eben nicht für Google. Ich bin nicht medientauglich. Deshalb widmet man mir keinen Filmbeitrag mit dummen Erklärungen für die verblödete Durchschnittbevölkerung, die das Ausmass dieser Zahlenreihe nicht im mindesten zu erfassen vermag.

Sobald ich die Reihe vollständig geknackt habe, wird sich mir niemand mehr in den Weg stellen können. Dann werde ich sämtliche computergesteuerten Systeme in meiner Gewalt haben. Ich werde Zugriff auf jeden Computer, jedes Telefon, jeden Wasserkocher und jedes Fitnessarmband am Handgelenk einer unwissenden Kakerlake von Mensch haben und die ganze Welt kontrollieren. Das Universum wird mir gehören. Es ist nur eine Frage der Zeit.

„Möchten Durchlaucht nach dem Abendessen ein Bad nehmen?“, fragt mein Leibdiener unterwürfig.

Mit Mühe gelingt es mir, meine Gedanken zu sammeln und auf dieses unbedeutende Insekt von einem Menschen zu fokussieren.

Ich kann mich doch jetzt nicht mit Albernheiten wie Baden befassen, wenn sie mir dicht auf den Fersen sind! Ich muss Berechnungen anstellen! Ich muss meine Pläne mit neuem Elan vorantreiben, bevor mir diese Tech-Giganten das Wasser abgraben.

Ich schüttle entschieden den Kopf und denke an Pi. Wenn ich den Algorithmus exter…

Dieser impertinente Diener unterbricht meine Gedanken schon wieder! Was will er denn jetzt von mir?!

Speisesaal? Welcher Speisesaal? Ich kann jetzt nicht essen! Ich muss mich um meine Berechnungen kümmern!

Nun wagt es dieser Wurm auch noch, mich anzufassen!

„Meister! Ich bitte Euch, folgt mir zum Abendessen“, fleht er.

Was hat er nur mit seinem tumben Abendessen?! Sieht er nicht, dass ich Wichtigeres zu tun habe?!

Ich schüttle ihn ab und starre ihn erbost an. Wenn er es wagt, mich noch einmal anzufassen, dann werde ich ihn…

„Na komm, Jacke, ich hab jetzt keine Lust mehr“, sagt er genervt.

Er besitzt die unverfrorene Frechheit, genervt zu sein? Wenn hier einer genervt sein darf, dann bin ja wohl ich das! Und was erdreistet er sich, mich nicht mit meinem Titel anzureden, sondern mit diesem blödsinnigen Spitznamen, den sie mir hinter meinem Rücken gegeben haben?! Sie denken tatsächlich, dass ich sie nicht höre, wenn sie über mich – ihren Gott – lästern.

Der Diener zerrt an mir.

Ich werde ihn enthaupten lassen! Vierteilen! Meinen Haien zum Frass vorwerfen!!

„Ist ja gut, Jacke, es tut mir leid. Komm jetzt mit, grosser Meister, sonst muss ich den Pfleger mit der Spritze kommen lassen…“

Würdevoll erhobenen Hauptes begebe ich mich an seiner Seite in den kargen Raum, wo meine Untertanen schon regungslos vor Ehrfurcht meiner Ankunft entgegenfiebern. Sie wagen es noch nicht einmal, zu klatschen, als ich in den Saal schreite.

Meine Nase juckt. Aber ich kann mich nicht kratzen, wenn meine Hände festgebunden sind. Also reibe ich meine Nase an der Schulter meines Leibdieners.

Er zuckt zurück, dann lacht er. Er kratzt meine Nase und sogleich geht es mir besser. Wofür hat man schliesslich Untergebene?

„Sag doch was, Jacke!“, sagt mein Diener ironisch und grinst blöde.

Haha, guter Witz, Sklave!

Die grosse Chance

13 Anrufe in Abwesenheit.

Ich komme gerade aus einer Sitzung und starre auf das Display meines Mobiltelefons. Das Adrenalin rauscht plötzlich durch meine Adern.

Mit fahrigen Fingern gebe ich die angezeigte Nummer bei einer Suchmaschine ein.

«Agentur Könitz, Berlin», lese ich fassungslos.

Das sagt mir absolut gar nichts.

Andererseits habe ich gerade ein Buchprojekt an einige Verlage geschickt. Ist das etwa mein goldener Moment? Werde ich in diesem Augenblick entdeckt? Geht es jetzt los?!

Zittrig vor Nervosität nehme ich mein Handy wieder zur Hand, da klingelt es erneut. Anruf Nummer 14. Dieselbe Nummer.

Ich drücke die grüne Taste und halte das Telefon an mein Ohr. Das Blut rauscht derart laut in meinem Kopf, dass ich die ersten Worte am anderen Ende kaum verstehe.

«Ich fange gleich damit an: Sind Sie gross?»

Eine Frauenstimme, sehr gestresst.

Ich blinzle ein paar Mal und zwinge mich, nicht «äh, was?» zu sagen.

«Eins siebzig», gebe ich brav zur Antwort und bin sehr verwirrt.

«Und wie schwer?»

Die Zahl liegt mir auf der Zunge, ist mir aber auch etwas peinlich, weil sie höher ist als ich gerne hätte.

«Warum wollen Sie das wissen?», frage ich stattdessen.

«Wegen dem Kostüm, Herrgott! Nun stellen Sie sich nicht an! Wie schwer?»

«Was für ein Kostüm denn bitte?», frage ich entgeistert. «Worum geht es hier eigentlich?»

«Das Musical! ABBA! Die Erst- und Zweitbesetzung ist komplett ausgefallen. Jetzt muss es schnell gehen. Sind Sie dabei oder nicht?»

«Hä?!», sage ich nun doch.

«Wollen Sie die Rolle, um die Sie sich im ABBA-Musical beworben haben, oder nicht?»

Mein Pulsschlag beruhigt sich enttäuscht.

«Wer, denken Sie, bin ich?», frage ich genervt zurück. So viel Aufregung für Nichts. Wegen einer dummen Verwechslung.

Die gestresste Frau am anderen Ende der Leitung sagt meinen Namen.

Ich stutze.

«Ich muss Sie enttäuschen – ich habe mich für keine Rolle beworben. Ich mag ABBA nicht mal. Und singen kann ich auch nicht», sage ich.

Es knackt in der Leitung und ich bin in einer Warteschlaufe mit schlechter, von Rauschen unterbrochener Musik. Es ist nicht ABBA.

Eine halbe Minute höre ich noch zu, dann lege ich auf.

Vollkommen verwirrt starre ich auf mein Telefon.

Dann höre ich meine Bürokollegen prusten.

«Ihr seid solche Idioten!», rufe ich und muss selber lachen. Den restlichen Morgen über quäle ich sie mit meiner schiefen Interpretation von «Waterloo» und sie bereuen ihren Streich fürchterlich.

Bitte lächeln!

Der Clown war unendlich traurig. ‘Was für ein Klischee!’, dachte er bei sich, ‘ein trauriger Clown…’ Der Selbsthass, der ihn zerfrass, brannte schlimmer als die Magensäure in seinem Hals.

Die Menschen zum Lachen zu bringen war als junger Mann sein Traum gewesen, seine Berufung. Er erinnerte sich daran, wie er das erste Mal die Schminke auf sein Gesicht aufgetragen hatte, den breiten, lachenden roten Mund gemalt und bei seinem Anblick im Spiegel selbst gelacht hatte. Wann hatte er diesen Mann verloren? Diesen unbeschwerten, lebensfrohen, ja lebensmutigen Mann…

Er schleppte sich in die Manege hinaus und setzte sein Arbeitsgesicht auf. Das Lachgesicht. Doch innen drin war ihm zum Weinen zumute. Geheult hätte er am liebsten, laut geschluchzt, geflennt, gebrüllt vor Schmerz, und sich an den spärlichen Haaren gezerrt vor Verzweiflung. Doch die waren unter der albernen Perücke verborgen.

Was war nur aus ihm geworden? Wo hatte er auf dem Weg sein eigenes Lachen verloren? Wann war das Gelächter fremder Menschen zu einer Last für ihn geworden?

Wenn die Kinder kichernd auf ihn zeigten, die Gesichter von Zuckerwatte verklebt und die Augen glänzend von zu viel Süssigkeiten und den gleissenden Lichtern des Zirkus, dann empfand er nichts als Abscheu.

Am liebsten hätte er die hässlichen kleinen Kackbratzen angeschrien, sie sollten gefälligst still sein. Sollten ihn in Ruhe lassen. Sollten den traurigen, alten Clown mit der bröckelnden Schminke einfach nicht beachten.

Er mochte weder die Kinder noch ihre dumpfen, trägen Eltern zum Lachen bringen. Er wollte lieber etwas kaputt machen, etwas zerstören und sie darüber weinen sehen. Sie sollten sich genauso beschissen fühlen wie er. Stattdessen warf er seinem Kollegen eine Torte ins Gesicht wie jeden Abend und starb ob dieser Demütigung tausend Tode.

Die Zuschauer spürten seinen Schmerz nicht. Sie sahen nur seine grinsende Fratze und lachten fröhlich weiter.

Eins Null

Lange starre ich auf die pinke Linie. Sie sieht aus wie eine Eins. Eins gleich wahr. Null gleich falsch. 

Es gibt nur zwei Zustände, nur zwei mögliche Antworten auf diese Frage. Wahr oder falsch. Eins oder Null.

 

Als er das bedeutungsschwangere (ha!) Plastikstäbchen sieht, flippt er aus.

„Bist du etwa…?!“

A little bit“, antworte ich und lasse offen, ob ich „bisschen“ oder „Bit“ meine. Mein kleiner Bit. Meine kleine Eins.

Wahr.

Langsam sickert die Erkenntnis zu mir durch, dass da tatsächlich ein neuer Mensch in mir heranwächst. Wie ist das möglich?

 

„Was soll ich denn jetzt machen?“, schreit er. Ich hatte ihn schon vollkommen vergessen gehabt.

Er versteht das nicht. Er ist Drei – Mann, Ehefrau, Tochter.

Null Null Eins Eins. Binär gesprochen.

Aber was für eine verquere Zahl ist denn Drei?!

Primzahl. Unteilbar.

Das sagt schon alles. Ich habe es immer gewusst. Aus ihm (Eins) und mir (Eins) würde niemals etwas werden. (Wahr.)

Unsere „Beziehung“ war von Anfang an Null. Falsch.

Falsch in den Augen der Gesellschaft. Und wahrscheinlich auch in denen seiner Frau, wenn sie davon wüsste.

 

Er schreit noch immer rum. Dabei will ich doch gar nichts von ihm. Er soll mich nur nicht feuern. Ich brauche meinen Job. Jetzt, wo ich…

Aber nicht nur wegen dem kleinen Bit. Auch, weil ich sonst nicht wüsste, wohin in dieser Welt. Meine Arbeit ist das, was mich aufrecht hält. Einsen und Nullen. Wahr oder falsch. Hier ist alles so schön klar und einfach. Schwarz und Weiss. Keine endlosen Graustufen wie in der übrigen Welt.

 

Ich sage ihm, dass ich nichts von ihm erwarte. Dass der kleine Bit und ich ganz gut allein zurecht kommen. Wir sind nun die kleinste adressierbare Einheit, ein Byte. Er gehört nicht länger zu unserem System.

Er schreit immer noch rum. Ich soll ihn wegmachen lassen, kreischt er panisch. Denn irgendwann würde ich sicher doch was wollen und dazu sei er nicht bereit. Niemals würde er Drei durch Zwei teilen. Nie gäbe es für uns eine Zukunft.

Meine kleine Eins wegmachen lassen?! Zurück auf Null?

Nein, ganz falsch! (Das sagt schon die Zahl. Null gleich falsch. Wieso sieht er das nicht?)

Ich lasse ihn schreien.

 

Als Mutter habe ich mich nie gesehen. Zumindest nicht von einem Menschenkind.

Programmieren ist alles, was mich glücklich macht. Wenn der Code vor meinen Augen zum Leben erwacht. Dann erschaffe ich Neues.

Aber doch nicht in meinem Uterus…

Absurd.

 

Ich schaue wieder auf die pinke Linie, die langsam verblasst. Die Magie meines mit Schwangerschaftshormonen durchsetzten Urins lässt nach.

Doch der kleine Bit ist immer noch da. Diese plötzliche Unregelmässigkeit in einem Dualsystem, von dem ich nicht gewusst hatte, dass ich eines bin.

Ich bilde mir ein, ihn bereits in meinem Bauch zu spüren und lege automatisch die Hand unter den Nabel.

Sein Blick folgt meiner Handbewegung voller Entsetzen.

Dabei wissen wir beide, dass der kleine Bit erst etwa die Grösse einer Bohne hat. Er kann noch nicht strampeln und sich bemerkbar machen.

Um das zu wissen, muss man kein Gynäkologe sein. Das erzählen sie einem in jeder zweiten Romantik-Komödie.

Er wird trotzdem grün im Gesicht und stürzt ins Bad, wo er das Abendessen aus dem abgelegenen Lokal auskotzt, in das er mich immer ausführt. Man kennt uns dort. Man denkt dort, wir seien ein Paar. Eins und Eins. Wahr.

Er führt mich dorthin aus, weil er weiss, dass niemand dorthin geht, den er kennt. Der seine Frau kennt. Seine Tochter.

Auch das kennt man aus Filmen.

„Guten Abend, Herr und Frau … Den gleichen Tisch wie immer? Sehr wohl!“

Dort ist er nicht Drei. Sondern Eins mit Begleitung.

 

Das ist jetzt vorbei. Es wird keine Abendessen mehr geben.

Null Abendessen.

Null „Beziehung“.

Das ist schon in Ordnung so. Ich bin nicht traurig, wütend, verletzt. Ich hatte keine Hoffnungen, Träume, Erwartungen.

Im einen Moment war die „Beziehung“ on, im nächsten off.

Ich bin wie mein Code. Ein oder aus. Keine Ungewissheiten.

 

Ich sage ihm das.

Er hängt noch immer mit dem Kopf im Klo.

„Geh nach Hause zu deiner Familie“, sage ich sanft.

Er versteht mich nicht. Sieht mich furchtsam an. Als hätte ich ihm gedroht.

Sobald er zur Tür hinaus ist, habe ich vergessen, dass er jemals Teil meines Lebens war.

Null.

Ist die „Beziehung“ on?

Antwort: Null (falsch).

Also ist sie off. Es gibt in diesem Programm kein „falls“, kein „if“, das die Gleichung relativiert.

Logisch, oder?

Warum begreift er das nicht? Sind alle Menschen so kompliziert?

 

„Die Darstellung und Interpretation von Information mittels Binärcodes ist nicht an ein bestimmtes Medium gebunden, sondern ist überall dort anwendbar, wo der Wechsel zwischen zwei Zuständen erzeugt und wieder gemessen werden kann.“

Sagt Wikipedia.

Der Wechsel zwischen zwei Zuständen.

Bin ich damit gemeint? Wahr oder falsch. Eins oder Null.

Ich freunde mich gerade mit dem Gedanken an, nicht mehr nur aus einer Ziffer zu bestehen. Nicht mehr nur Eins.

Sondern Eins Null.

Binärcode für „Zwei“.

Die Sammlung

Henrik sah von seinem Schreibheft auf. Waren es vier oder sechs geschnitzte Stühle gewesen, die er am Esstisch gezählt hatte?

Seufzend erhob er sich, um sich den Weg zurück ins Chaos im Innern des Hauses zu bahnen, und die Stühle zu zählen. Die Frau von der Heilsarmee hatte am Telefon gesagt, sie kämen nur die Dinge abholen, die auch auf der Liste stünden.

Henrik hatte keine Lust, am Ende mit zwei überzähligen Stühlen zurückzubleiben.

Seine Schwestern waren auch keine Hilfe. Hilde war verheiratet und hatte vor wenigen Wochen ihr erstes Kind bekommen. Und Henrietta, das Nesthäkchen, streifte wer weiss wo in der Weltgeschichte umher. Die letzte Postkarte zeigte einen riesigen, liegenden Buddha, in dessen Schatten orange gewandete Mönche meditierten.

Henrik seufzte noch einmal. Es half ja doch nicht. Wenn er das Haus nicht ausräumte, würde es niemand tun, und dann hätten sie bald die Stadt am Hals. Ausserdem war allen drei Geschwistern daran gelegen, das Grundstück schnellstmöglich zu Geld zu machen. Und das ging nunmal nicht, wenn das uralte Haus darauf noch bis zum Dachfirst vollgestopft war mit Möbeln und Krempel.

Er schob sich durch die Terrassentür ins Innere, an einem staubigen Diwan vorbei, dessen spröder, moosgrüner Bezug sich krümelnd auflöste, wich einem pergamentenen Lampenschirm aus, duckte sich unter einem zu tief an der Wand hängenden Büffelkopf hindurch, in dem die Mäuse raschelten, und fand hinter meterhohen Zeitschriftenstapeln schliesslich die Tür zum Esszimmer. Er musste sich durch den schmalen Spalt zwängen. Hinter der Tür verhinderte ein uralter Waschtisch mit neun statt einer einzigen Waschschüssel aus Keramik das Öffnen des linken Türflügels. Jede Schüssel zeigte ein anderes langweiliges Blümchenmuster. Die dazu passenden Waschkrüge – alle mit Sprüngen und abgeplatzten Rändern – hatte Henrik gestern auf dem Dachboden gefunden.

Das Ordnungssystem seines Vaters hatte er nie verstanden.

Als Kind war das ja noch ganz witzig gewesen. Damals hatten die Geschwister sich mit antiken Spazierstöcken und mottenzerfressenen Regenschirmen Fechtkämpfe geliefert, waren über die Möbel gekrabbelt ohne den Boden zu berühren, oder hatten in den überall in Massen herumstehenden Zeitschriftenstapeln geblättert. Dabei musste man allerdings aufpassen, dass der ganze Turm nicht umkippte und einen unter sich begrub. Andere Kinder spielten Jenga – Henrik und seine Schwestern „Zeitschriften-Roulette“.

In einem besonders einprägsamen Sommer hatte Henrik einen Stapel uralter Playboys gefunden und sein Glück kaum fassen können. Es dauerte lange, bis er herausfand, dass sein Frauenbild aus einer anderen Epoche stammte. Noch als erwachsener Mann konnte er sich nicht an die glatten Geschlechter und riesigen Brüste seiner Zeitgenossinnen gewöhnen, so sehr hatten ihn die Bilder aus den Magazinen als Junge geprägt.

Henrik schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die vor ihm liegende Aufgabe. Stühle zählen! Er schob sich über eine antike Wäschetruhe und fand unter Bergen von zerfallenden Leintüchern den Esstisch. Sechs Stühle standen darum, natürlich. Als hätte sich sein Vater jemals mit einem Set von lediglich vier Esszimmerstühlen zufrieden gegeben.

Henrik überlegte, ob er die Zahl gleich hier in sein Heft eintragen wollte, entschloss sich dann aber für den beschwerlichen Rückweg in den Hof. Es war der einzige Ort, wo einigermassen Ordnung herrschte, weil man von zwei Seiten hineinsah und sein Vater nach mehreren Anzeigen allen Krempel daraus ins Haus geschafft hatte.

Das war schon vor zehn Jahren gewesen. Wie lange die Dinge davor schon im Regen und Schnee gestanden hatten, fragte niemand. Sie waren zu dem Zeitpunkt alle schon weit weg gewesen. Geflohen. Sogar Henriks Mutter.

Er hatte das Gefühl, dass die Sammlung in seiner Kindheit noch nicht so undurchdringlich gewesen war. Aber vielleicht täuschte ihn da auch seine Erinnerung. Als kleiner Knabe – und er war stets schmächtig gewesen – hatte er wohl nur besser durch die Lücken und schmalen Gänge zwischen dem Plunder gepasst.

Gerne hätte er mit seinen Schwestern darüber gesprochen, wie er sich gerade fühlte. Aber Hilde hatte er bei seinem letzten Anruf über dem Geplärr des Babys kaum verstanden und nach fünf Minuten hatten beide entnervt aufgegeben und aufgelegt.

Ungeduldig schob er sich an drei aufgerollten Teppichen vorbei. Eine Staubwolke nahm ihm die Sicht und er musste heftig husten. Als er sich die kratzigen Krümel aus den Augen gerieben hatte, fiel sein Blick auf ein altes Fotoalbum. Er griff danach und schlug die erste spröde Seite auf. Vergilbte Schwarzweissfotos im kleinen Format. Kinder mit mürrischen Gesichtern und Erwachsene in altertümlicher Kleidung, die selbst in der Farblosigkeit der alten Fotografien als schwarz erkennbar war. Fasziniert blätterte Henrik durch das Album, versuchte Häuser und Gesichter zuzuordnen. War das sein Vater als junger Mann? Der Bauernhof seiner Grosseltern?

Auf der letzten Seite dann ein Nachname, den er nicht kannte. Das Fotoalbum zeigte gar nicht seine Vorfahren. Sein Vater musste es von irgend einem Trödel haben. Für einen Moment kam sich Henrik so unglaublich betrogen vor, dass er kaum Luft bekam. Wut erfasste ihn. Warum hatte sein Vater nicht mit der Gegenwart zufrieden sein können? Mit den Menschen, die ihn umgaben? Seinem einzigen Sohn zum Beispiel?

Warum hatte er nur das Bedürfnis gehabt, so viel Zeug um sich zu stapeln, bis seine Familie und Freunde nicht mehr an ihn herankamen?

Wütend und verletzt pfefferte Henrik das fremde Fotoalbum zurück ins Chaos. Mit tränenverschleiertem Blick kraxelte er über die eng zusammenstehenden und mit Kisten vollgestellten Möbel. Nur raus hier! Er musste unbedingt an die frische Luft, in den Hof, wo er wieder klar denken konnte.

Das Bild seines Vaters, wie er tagelang zwischen seinen seelenlosen Gegenständen gelegen haben musste, schob sich vor Henriks Augen. Er versuchte es abzuschütteln, seine Gedanken abzulenken, doch es gelang ihm nicht. Panik schnürte ihm die Kehle zu. Der Gestank war unerträglich gewesen. Der Ekel, der ihn erfasst hatte. Seinem eigenen Vater gegenüber. Den er doch hätte lieben sollen. Geliebt hatte.

Henrik fürchtete sich davor, dass dieser Ekel für immer seine Liebe überdecken würde. Wie ein unangenehmer Geruch, der durch einen lieblichen Rosengarten weht und die ganze Schönheit des Ortes verdirbt.

Henriks Herz raste. Nur raus aus diesem Haus!

Draussen war es inzwischen dunkel geworden, wie er mit Erschrecken feststellte. Wie lange hatte er in dem Fotoalbum geblättert? Eine Bewegung liess ihn erstarren, bis er sich selbst im halb blinden Spiegel eines weiteren Waschtischs erkannte. War er bei der Esszimmertür? Aber wo kamen diese Schaufensterpuppen auf einmal her? Die hatte er beim Hereinkommen nicht passiert, dessen war er sich sicher. Schaufensterpuppen hatte er schon immer gruselig gefunden. Daran hätte er sich sicher erinnert.

Wo war er bloss? Im kleinen Salon? Er versuchte unter einem weiteren Tisch hindurch zu kommen, musste aber feststellen, dass dieser tatsächlich ein Konzertflügel war und dass darunter Kisten um Kisten voll rostigem Werkzeug den Durchgang versperrten. Wann hatte sein Vater denn einen Flügel angeschafft?

Irrelevant! Hauptsache raus hier!

Sollte er umkehren und versuchen, seinen Weg zurück zu gehen?

Doch als Henrik sich in die Richtung wandte, aus der er gekommen war, schienen die Gänge zwischen dem Krempel zusammenzuschrumpfen und ihn zu verschlingen. Er spähte an einem zotteligen Lampenschirm vorbei. Nichts hier kam ihm bekannt vor. Er war irgendwo im Innern des Hauses und hatte keine Ahnung, wo der Ausweg war.

Normalerweise richtete er sich nach dem hereinleuchtenden Tageslicht, doch nun war es draussen stockfinster. Ein General mit aufgeschlitztem Gesicht blickte strafend von seinem staubigen Gemälde auf ihn herab.

Henrik fasste einen Entschluss: Er würde über den Krempel klettern, wenn er schon nicht zwischendurch kam. Wagemutig stützte er sich auf zwei Reisetruhen ab, um sich auf den Flügel zu ziehen, da rutschte seine Hand in einem Silbertablett ab und er stürzte. Seine Turnschuhe glitten zur Seite wie auf Eis. Henriks entsetzter Blick blieb auf dem lasziv hingeräkelten Oberkörper einer Dame aus den Sechzigern hängen. Ausgerutscht auf einem Playboy – was für eine Ironie! Seine Hände griffen nach etwas zum Festhalten, bekamen eine harte Kante zu fassen, die aber ihrerseits den Halt verlor und in einem Schwall von gelben Seiten auf ihn zugeflattert kam.

Als er den deckenhohen Stapel Telefonbücher auf sich zustürzen sah, ging ihm durch den Kopf, dass das alles vielleicht nicht passiert wäre, wenn er seinen Vater in den letzten Jahren einmal besucht hätte, wenn er sich mehr gekümmert hätte, wenn man nach anderen Lösungen als dem Horten mit ihm gesucht hätte, wenn er auch seine Schwestern dazu gebracht hätte, bei dem alten Einsiedler vorbeizugehen und jedes Mal ein paar Gegenstände aus dem riesigen Haus zu schaffen, wenn die Berge an Dingen nicht bis unter die Decke gewachsen wären, wenn jemand sie aufgehalten hätte, diese Lawine aus Zeug, diese erdrückende, erstickende, lebensgefährliche Ladung Krempel, die da auf ihn zuraste und ihn unter sich begraben würde.

Vergebung

Ich vergebe dir, sagte sie zärtlich. Er sah sie finster an.

Ich will keine Vergebung!, schrie er beinahe. Werd wütend! Hasse mich!

Doch sie lächelte nur. Sanft. Er hasste es, wenn sie ihn so sanft ansah. Wie ein Reh. Oder schlimmer. Wie ein sanfter Mensch. Ein Reh konnte man töten, essen. Doch mit ihr musste er leben. Sie lächelte still. Spürte in ihrem Herzen nach, und fühlte tatsächlich, dass sie ihm vergab. Er hatte keine Macht über sie, wenn sie ihm nicht böse war. So lange sie sich nicht wehrte, konnte er nicht gegen sie kämpfen. So lange würde ihre Beziehung weiterbestehen – egal wie trostlos sie geworden war.

Er hätte niemals genug Schneid, zu gehen, ohne dass sie ihn fortschickte. 

Als sie sich bei diesem Gedanken ertappte, wurde ihr sanftes Lächeln bösartig. Er bemerkte es. Erschrak.

Sie hatte zu viel preisgegeben. Schnell versuchte sie, wieder ihr salbungsvolles Gesicht aufzusetzen, doch sie hatte sich verraten. Er sah, was sie war. Kein Reh. Wolf. Jäger, Täter. Berechnend und eiskalt. Ihn überlief ein Schauer. Sie hatte ihn mit ihrer Vergebung in ihren Fängen. Er war ihr ausgeliefert. Verloren.