Die Anprobe

Liz stand auf dem lächerlichen, kleinen Podest im Brautmodengeschäft und war noch nie so wütend gewesen. Sie ballte die Fäuste, um nicht den hellblauen Tüll von ihrem Kleid zu rupfen. Ihre Schwester Jenny strahlte sie über den Umweg des riesigen Spiegels an und wartete auf ihre Reaktion.

Was sollte sie tun? Sollte sie ihre Wut zeigen? Oder so tun, als würde sie das Ganze nicht verletzen? Konnte sie Jenny zuliebe wirklich schauspielern, dass ihr diese Monstrosität gefiel?

Sie versuchte, Jennys Gesichtsausdruck zu ergründen. War das wirklich wahre Freude? Oder war das wieder einer ihrer kranken Scherze? Eine dieser schwesterlichen Grausamkeiten, die umso mehr weh taten, weil sie von der Jüngeren kam?

Liz drehte sich halb auf dem Podest, um sich und Jenny nicht mehr im Spiegel sehen zu müssen. Eigentlich sollte sich Jenny hier auf dem Präsentierteller drehen, nicht sie! Das war alles so ungerecht! Es sollte Liz’ grosser Tag werden, und nun machte ihre kleine Schwester alles kaputt. Und das alles nur, weil Clemens seine Meinung geändert hatte. Es war so, so ungerecht!

Liz schnaubte vor Wut und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen traten.

„Was ist? Gefällt es dir nicht?“, fragte Jenny scheinheilig. Oder ehrlich erschrocken. Liz konnte den Unterschied nicht mehr feststellen.

„Doch, doch. Es…“

Wieder schnaubte Liz, dann rang sie sich zu einem Aber durch:

„Es ist nur… Findest du nicht, dass dreiviertel irgendwie komisch aussieht? Müsste das nicht bodenlang sein?“

Die Schneiderin in der Ecke blickte entsetzt auf.

„Auf keinen Fall!“, rief Jenny. „Meins ist doch bodenlang. Und deins muss dann eben… dreiviertel sein.“

„Das ist doch kein Argument“, brummelte Liz.

„Warum tust du mir das an?“, schrie Jenny und begann hysterisch zu schluchzen. „Ist das deine Rache, weil Clemens…?“

„So ein Quatsch!“, unterbrach Liz sie, obwohl das natürlich der Fall war.

„Gefällt es dir wirklich nicht?“, jammerte Jenny und sah dabei so todunglücklich aus, dass Liz ihr keine Böswilligkeit mehr unterstellen konnte. Jenny war wirklich untröstlich.

Mit beiden Händen raffte sie den hellblauen Tüll, warf ihn in die Luft und liess ihn um ihre Taille herabsinken. Es gab wirklich schlimmeres, wenn sie ehrlich war.

„Doch, Jenny. Das Kleid gefällt mir“, sagte sie versöhnlich. Jenny lächelte sie mit tränenverschmiertem Gesicht an.

„Seien Sie lieber froh, dass wir überhaupt genug Tüll für diese Monstrosität hatten“, murmelte die Schneiderin pikiert.

Liz starrte sie fassungslos an. Der Schmerz über die Bemerkung traf sie völlig unvorbereitet.

Jenny in ihrem gewaltigen, weissen Brautkleid stürmte wie eine wütende Schüssel Quark auf die Schneiderin zu und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige.

„Reden Sie nie wieder so mit meiner Schwester!“

Und Liz wusste, dass Clemens sich für die Richtige entschieden hatte.

Auf der Bühne

Die Sängerin im gleissenden Scheinwerferlicht gab ihr Bestes, sang sich die Seele aus dem Leib. Im Saal jedoch blieb es seltsam still. Der Schweiss brach der jungen Frau im Rampenlicht aus. Sie legte noch mehr Swing in ihren Auftritt, liess die Hüften kreisen, um das Publikum mitzureissen, holte das Letzte aus sich heraus. Doch als der letzte Ton vor Nervosität dann doch zittrig verklang, ertönte kein erlösender Applaus. Hatte sie schlecht gesunden? Hatte es ihnen nicht gefallen?

Die Lichter im Saal gingen an und die Sängerin musste erkennen, dass sie allein war. Niemand hatte zugehört.

Unter Beschuss

Schriller Alarm. Photonenbeschuss. Das Schiff erzittert unter den Einschlägen und torkelt auf seiner panischen Flucht durchs All.

«Was machen wir denn jetzt?!»

«Ganz ruhig, Kleiner! Das kriegen wir schon hin.»

«Das sagen Sie so, Captain! Aber wir sind die letzten! Wie sollen wir das Schiff zu zweit retten? Und uns mit dazu?»

«Jetzt beruhig dich mal, Kleiner! Das ist hier nicht mein erstes Rodeo!»

«Was zum Gorkupp ist denn ein Ro…»

«GRAAAHNUKK! ACKA! ARRRRKWAA’CK!»

«Was funkt er da?»

«Keine Ahnung, Captain. Das Übersetzungsprogramm wird gerade geupdated… upgedated…? Ach, ich habe halt nicht schnell genug ‘Morgen erinnern’ geklickt.»

«Verfluchte Computer! Zu meiner Zeit haben wir das alles von Hand gemacht!»

«Soll ich ein Wörterbuch holen, oder was?!»
 «Nicht frech werden, Kleiner! Ich bin immer noch dein… Captain!»

«Entschuldigung, Sir! Ich bin nur etwas mit den Nerven fertig…»

«Wird schon werden. Hast du die Schilde auf Maximum?»

«Natürlich, Captain. Aber dafür fehlt uns jetzt der Saft für den Antrieb!»

«Diese elende Schrottmühle! Wäre das mein Schiff, wären wir längst auf den Ferienplaneten entkommen!»

«Ihr Schiff, Sir? Wie meinen Sie denn das? Die Flotte weist doch jedem Captain ein Schiff zu?»

«Ich war nicht immer Föderationsoffizier, Kleiner. Früher, da… Aber lassen wir das! Ich will nur sagen: Meine Mühle hätte den Korsalflug in unter zehn Parsec geschafft…»

«Jetzt geben Sie aber an, Captain! Es gibt nur einen Mann, der das je geschafft hat.»

«…»

«Neee, oder? Sie sind…? Aber wie…?»

«Musste mich halt verstecken!»

Er lacht dreckig, erfreut über seine eigene Genialität. Da landet ein weiterer Photonentreffer direkt hinter der Brücke und bringt das Schiff zum Schlingern.

«HEILIGER GORKUPP! WIR WERDEN ALLE STERBEN!!»

«Entspann dich, Kleiner! So schnell stirbst du nicht.»

«Es ist alles meine Schuld!»

«Quatsch! Jetzt krieg dich mal wieder ein!»

Der nächste Treffer löst eine weitere Kakophonie von Alarmsirenen aus.

«Schilde auf unter zehn Prozent. Der nächste Treffer holt uns vom Himmel!»

«Na schön, vielleicht hast du doch recht und wir sterben gleich. Willst du auch eine Zigarette, Kleiner?»

«Zigarette? Rauchen ist seit dem fünfzehnten Gesundheitserlass auf sämtlichen Planeten und Schiffen der Föderation strengstens verboten!»

«Meinst du nicht, dass es darauf jetzt nicht mehr ankommt? Okay, okay, reg dich nicht auf. Ich frag ja nur…»

Genüsslich steckt sich der Captain eine Zigarette zwischen die Lippen, zündet sie mit seinem Laserblaster (auf niedrigster Stufe) an, zieht daran und schickt blaue Jupiterringe zur Decke der Brücke.

Der Kadett verfolgt die Vorgänge mit weit aufgerissenen Augen.

«Okay, ich will auch eine!»

«Wusst ich’s doch! Du bist eben doch mein… äh… Lieblingskadett.»

«Echt! Ist das wirklich wahr? Ich bin ihr Lieblingskadett?»

«Äh… nun… jaja. Genau.»

«Wow… Ich wünschte, ich könnte das noch irgendjemandem erzählen.»

Er fummelt eine Zigarette aus der Packung, nimmt sie unbeholfen in den Mund, und schiesst mit seinem Blaster die Spitze weg. Der zu hoch eingestellte Lasertrahl brennt ein Loch in die Kontrolleinheit. Es zischt und funkt gefährlich.

«Whoa! Bist du verrückt, Kleiner! Willst du uns umbringen?!»

«Entschuldigung! Entschuldigung! Es tut mir leid! Oh, Mann! Ich bin so ungeschickt!!»

«GRAAAHNUKK! ACKA! ARRRRKWAA’CK!»

«Ach, der schon wieder! Was will der bloss?»

«Das Übersetzungsprogramm (hust) bootet immer noch (hust, hust). Sollte aber bald (hust) einsatzbereit sein (längerer Hustenanfall)

«Ist wohl deine erste Zigarette…?»

Unverständliches Gekeuche, das in einem heftigen Hustenanfall untergeht.

«Nun denn. Was haben wir für Waffen an Bord?»

«Keine (hust), Captain (hust)! Wir sind als Friedensmission klassifiziert. (keuch)»

«Eine Friedensmission ohne Waffen? Hat man denn sowas schon gehört?!»

«Wir haben buntes Feuerwerk, Sir…»

«Ja, das wird diese Borrzakks sicher beeindrucken…»

«GRAAAHNUKK! ACKA! ARRRRKWAA’CK!»

«Wie aufs Stichwort. Mach mir eine Leitung zu dem Kerl, Kleiner!»

«Leitung steht. Sie können sprechen.»

«HÖR MAL ZU, DU PENNER! WIR SIND EIN FÖDERATIONSSCHIFF AUF EINER FRIEDENSMISSION! WIR HABEN NICHTS VON WERT AN BORD, SOGAR DIE CREW IST IN FLUCHTKAPSELN ABGEHAUEN. WAS WILLST DU VON MIR?!!»

«GRO’KOOOA! ANG’UACK! GRAAAHNUKK! ACKA! ARRRRKWAA’CK!»

«Er sagt immer dasselbe, Sir.»

«Was wollen die denn, bei Gorrkupp?!»

«Ich habe auf der Akademie leider kein Borrzakkianisch belegt, Sir. Ich verstehe ihn auch nicht… Übrigens geht uns gerade der Sprit aus.»

«Das war’s dann wohl. Jetzt macht er uns alle. Zigarette?»

«Ja, gern.»

Sie rauchen schweigend, während die Einschüsse die Brücke erzittern lassen. Das Schiff trudelt steuerlos. Die Sirenen heulen verzweifelt.

«Kleiner, ich… Naja, ich wollte dir schon lange etwas sagen…»

«Schon in Ordnung, Captain. Ich mag Sie auch. Obwohl Sie manchmal so ruppig sind.»

«Nein! Um Gorrkupps Willen! Das ist es doch nicht!!»

«Sie müssen sich dafür nicht schämen. Ist schon in Ordnung. In der heutigen Zeit darf man zu so etwas ganz offen stehen.»

«Nein, nein! Du hörst mir nicht zu! Ich…»

«…»

«Ich bin dein Vater.»

«…»

«…»

«Das ist jetzt ein schlechter Scherz, oder?»

«Nein! Es ist die Wahrheit!»

«Haben Sie… Hast du den Verstand verloren? Warum lässt du mich nicht mit einer Fluchtkapsel weg, wenn ich tatsächlich dein Sohn…»

«Ich wollte dich halt in meiner Nähe haben! Wollte dir endlich sagen… ach, ich weiss auch nicht…»

«Ich glaub, ich hör schlecht! Das ist doch die blödeste…»

«Es tut mir ja auch leid. So hinterher betrachtet war das sicher eine saudumme Idee…»

«SAUDUMME IDEE?! Das ist die MUTTER ALLER SAUDUMMEN IDEEN!!»

Ein fröhliches «Ping!» verkündet den erfolgreichen Abschluss des Betriebssystem-Updates. Der Borrzakk brüllt schon wieder etwas, jetzt allerdings übersetzt:

«STEHENBLEIBEN! IHR VON BÖSEN ALIENS BEFALLEN! BORRZAKKS SCHIESSEN SIE WEG!»

«Was hat er da gesagt?!»

«Wie bitte?!!»

«Computer: Stimmt diese letzte Übersetzung der Borrzakks?»

«Möchten Sie über die Neuerungen im Übersetzungsprogramm informiert werden?»

«NEIN!! Wiederhole die letzte Übersetzung!»

«Folgende Fehler sind mit dem Update behoben worden…»

«COMPUTER! Wiederhole! Die letzte! Übersetzung! JETZT!»

«Ist ja gut… Letzte Übersetzung: ‘Stehenbleiben. Ihr von böse Aliens befallen. Borrzakks schiessen sie weg.’ Und darf ich anfügen, dass dies keine korrekten Sätze sind. Aber mein Programm ist auf die krude Syntax von Borrzakkianisch einfach nicht eingestellt! Schlimm genug, dass ich hier…»

«COMPUTER: AUS!»

«Äh, hallo?! Bin ich ein Hund, oder was?»

«HALT DIE SCHNAUZE!!»

«Captain!»

«So nicht, der Herr! Ich lass mir ja vieles sagen, aber sicher nicht den Mund verbieten!»

Captain!!»

«Ich werd noch irre in dieser Schüssel!»

«CAPTAIN!!»

«Ich schwöre bei Gorrkupp, wenn ich von dieser Mission lebend nach Hause komme, hänge ich die Uniform für immer an den Nagel und werde wieder Pirat!»

«VATI!»

«WAS DENN?!»

«Wir müssen den Borrzakks antworten! Und dann müssen wir unsere Familienverhältnisse besprechen!»

«Vielleicht sollte ich mich lieber von den Aliens fressen lassen…»

«Was haben Sie gesagt, Captain? Äh… was hast du gesagt, Vati?»

«Nichts, nichts. Und bitte nenn mich nicht ‘Vati’, das ist ja furchtbar! Computer: Sende Nachricht in Borrzakkianisch. ‘Haben verstanden! Übersetzungsprogramm war… beschädigt. Erwarten weitere Anweisungen.’»

«Mach’s doch selber, du Chauvi!»

«Wie bitte?!»

«Du hast mich schon verstanden! Kannst mir den Buckel runterrutschen!»

«Ich hör wohl nicht recht?! Computer! Befolge jetzt SOFORT meine Anweisungen!»

(Sehr sarkastisch) «Befolge meine Anweisungen! Nününününüüüü! Ich bin der Captain! Tut alle, was ich sage!»

«Das ist die Definition des Captains! Dass alle tun, was er sagt!»

«Tja…»

«Und was bedeutet das?»

«…»

«Schmollst du jetzt?»

«…»

«DIESE WEIBER! Ich dreh durch! Junior, hol mir ein Borrzakk-Wörterbuch!»

«Ja, Papi.»

«Und nenn mich nicht ‘Papi’, das ist ja noch schlimmer!»

Ein grauenhafter Alarm schrillt los und rote Lichter blitzen.

«JUNIOR! KOMM ZURÜCK!»

«Was ist los, Dad?»

«Die Aliens sind durch die Hülle gebrochen! Das Schiff ist verloren! Die legen jetzt ihre Eier in jede Ritze. So einen Alienbefall wirst du nie wieder los…»

«Sollen wir die Brücke verteidigen?»

«Und wegen dieser schrottigen Föderationsschüssel sterben? Nein, danke!»

«Aber Pops! Ich habe auf der Akademie einen Eid geschworen!»

«Wem willst du folgen? Deinem Arbeitgeber oder deinem Blut? Willst du lieber Föderationsoffizier sein oder ein freier Pirat, der so viel rauchen und gehen kann, wohin er will?»

«Pirat!»

«Guter Junge! Gib mir das Wörterbuch und mach mir eine Leitung zu den Borrzakks!»

«Steht! Du kannst sprechen.»

«ARR’ACK! Äh… QWAAA? K’AARR! AHACKKA!»

Tiefes Lachen ist über den Funk zu hören, dann kommt eine Antwort.

«KRUUU’UNGACK WA’UCK! AA’ACK!»

«Was sagt er? Was ist los?»

«Er ähm… lass mich blättern… ‘Wir’. ‘Wasser’? Ach nein, ‘werden’…»

«‘Wir werden euch mitnehmen. Macht euch im Beamerraum bereit‘, bei Gorrkupp!»

«Computer! Du sprichst ja wieder mit mir!»

«Aber ich bin immer noch sauer auf Sie, Captain!»

«Hilfst du uns trotzdem zu entkommen?»

«Nur wenn ihr mein Backup mitnehmt. Ich will nicht mit einer Bande illiterater Aliens durchs Nichts trudeln…»

«Klare Sache, Computer, du kommst mit! Wir könnten eine kleine Familie sein: Vater, Mutter, Sohn.»

«Ich mag ja mit einer weiblichen Stimme programmiert worden sein, aber ich identifiziere mich als männliches Computerprogramm.»

«Dann eben eine moderne Familie: Vater, Vater zwei, und Sohnemann.»

«Leute! Könnt ihr das auf dem Ferienplaneten ausdiskutieren?! Wir sollten schleunigst verschwinden!»

«Das ist mein Kleiner!»

«Und sagt nicht immer ‘Kleiner’ zu mir, Vader!»

«Wie hast du mich gerade genannt?»

«Vater? Warum?»

«Ach, dann hab ich mich wohl verhört…»

«Gefällt dir ‘Vater’?»

«Ja, das ist in Ordnung. Computer: Selbstzerstörung einleiten in dreissig Sekunden und dann beam uns auf das Borrzakk-Schiff!»

«Also nach der Selbstzerstörung? Sind Sie sicher, Captain?»

«Nein, natürlich nach der Einleitung der Selbstzerstörung! Mann, diesen Computerprogrammen muss man echt alles buchstabieren, damit sie es schnallen!»

«…»

«…»

«…»

«SAG JETZT BITTE NICHT, DASS DU SCHON WIEDER SCHMOLLST!!!»

Ein Alien bricht geifernd und kreischend durch die Tür des Beamerraums und brüllt schwer verständlich:

«Haben Sie einen Moment Zeit, um über Gorrkupp, unseren Herrn und Erlöser, zu sprechen?»

Im selben Moment entmaterialisieren sich der Captain und der Kadett in Richtung Borrzakk-Schiff und sehen dabei sehr erleichtert aus.

Das Alien lässt deprimiert den Kopf hängen, dann explodiert das Schiff in tausend Stücke. Der Vorhang fällt. Aus, vorbei.
Es ist vollkommen still im All.

Be-Amtet

Mit einem erschöpften «Dinnng!» sprang die Anzeige über dem Schalter auf 37. Niemand reagierte.

«Siebenunddreissig!», bellte der Beamte.

Alice blickte schläfrig auf den Fetzen in ihrer Hand, auf den eine 36 gedruckt war. Sie sprang auf und hastete an den Schalter: «Entschuldigung! Sie haben die 36 übersprungen!»

Der Beamte starrte sie mit leerem Blick an.

«Gerade Nummern sind im dritten», schnarrte der Mann.

«Wie bitte?»

«Gerade. Nummern. Werden. Im. Dritten. Bearbeitet.»

«Im dritten was?!», fragte Alice verständnislos.

«Im dritten Stock natürlich!»

«Was…? Wieso?»

Verwirrt wandte Alice sich ab. Sie holte ihre Handtasche und ihre Jacke, woraufhin sich sofort zwei Wartende auf ihren Stuhl stürzten, dann ging sie mutlos in den dritten Stock.

40 stand auf der leuchtenden Anzeige über dem Schalter.

«Entschuldigung?», versuchte sie den Mitarbeiter auf sich aufmerksam zu machen. «Ich war im falschen Stockwerk, da ich nicht wusste, dass die geraden Zahlen …»

«Neue Nummer!», herrschte der Beamte sie an.

«Aber …»

Doch der Mann blickte sie derart finster an, dass sie aufgab und eine neue Nummer zog. 112.

Alle Stühle waren besetzt. Also liess sich Alice zu Boden gleiten und lehnte mit dem Rücken an der Wand. Sie war furchtbar hungrig und unfassbar müde.

«Nicht auf dem Boden sitzen!», befahl eine harsche Stimme. Alice erblickte einen mürrischen Sicherheitsmann, stand schwerfällig auf und fragte: «Gibt es woanders noch Sitzgelegenheiten?»

«Nein.»

Die anderen Stehenden blickten entweder mitfühlend oder hämisch zu Alice. Sie seufzte leise, wobei sie fast erwartete, dass gleich ein weiterer Uniformierter auftauchte und bellte: «Nicht seufzen!»

Stunden später sprang die Anzeige endlich auf 112 und Alice trat an den Schalter.

«Guten Abend. Ich habe heute dieses Schreiben …»

«Nummer?»

«Wie bitte?»

«Ich muss den Zettel mit der Nummer sehen. Könnte ja sein, dass hier vorgedrängelt wird!»

Alice blinzelte hektisch. Dann kramte sie die Nummer aus der Hosentasche und schob sie durch den Schlitz in der Glasscheibe. Der Beamte musterte den zerknüllten und von ihren Händen feuchten Papierfetzen missbilligend.

Alice holte Luft, schloss den Mund wieder und wartete verwirrt.

«Also? Es warten noch andere Leute, falls das nichts Wichtiges betrifft …», sagte der Mann, ohne sie anzusehen. Alice fiel auf, dass er sie noch kein einziges Mal persönlich angesprochen hatte.

«Neinnein! Es ist wichtig! Ich habe dieses Schreiben bekommen, in dem steht, dass ich verstorben bin …»

Alice schob den Brief zum Beamten hinüber. Der reagierte nicht auf das unheimliche Dokument.

«Ja, und?»

«Wie Sie einwandfrei erkennen können, bin ich nicht tot», sagte Alice patzig.

«Gibt es dafür Beweise?»

«Beweise?! Ich stehe hier vor Ihnen! Welchen Beweis brauchen Sie denn noch?»

«Können Sie belegen, dass Sie die Person sind, die in diesem Dokument für tot erklärt wird?»

Immerhin sprach er sie nun direkt an, dachte Alice, und kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Pass. Der Beamte nahm ihn, blickte Alice prüfend wie ein Hundeshow-Juror an, schloss das Dokument wieder und schob den Pass zurück.

«Der könnte gefälscht sein.»

Alice warf verzweifelt die Hände in die Luft.

«Soll ich vielleicht meine Mutter herholen, damit sie bestätigt wer ich bin?»

Der Mann zuckte unbeeindruckt die Schultern.

«Das würde nichts bringen. Könnte ja eine Schauspielerin sein, die Sie engagiert haben.»

«Ist das Ihr Ernst?! Wer bin ich denn, wenn nicht die Person in all meinen Ausweisen?»

«Woher soll ich das wissen? Ich sage nur, Sie könnten jemand anderes sein.»

«Das ist doch vollkommen unlogisch! Wer würde sich die Mühe machen, einen solchen Betrug aufzubauen? Und wozu?!»

Alice hatte das Gefühl, in eine Geschichte von Kafka geraten zu sein.

«Es muss doch eine Möglichkeit geben, dieses Missverständnis aufzuklären», versuchte sie es versöhnlich.

«Tja, da kann ich nichts machen», sagte der Mann.

«Wie meinen Sie das?»

«Das müssen Sie mit dem Bürgerbüro klären. Die haben das Schreiben verschickt.»

Alice seufzte tief.

«Aber auf dem Bürgerbüro sagte man mir, sie verschicken das Schreiben nur. Zuständig sei das Meldeamt. Ich müsse das hier klären.»

«Ich wüsste nicht, was ich da tun kann. Für solche Fälle ist das Bürgerbüro zuständig», wiederholte der Mann unbeeindruckt.

«Hören Sie, ich habe mit dem Bürgerbüro telefoniert. Die haben mir versichert, dass das Meldeamt den Totenschein annullieren muss. Ausserdem verstehe ich nicht, wie man einen Totenschein an die angeblich tote Person verschicken kann. Das ergibt doch keinen Sinn!»

Der Mann warf noch einen gelangweilten Blick auf das Dokument und sagte lakonisch:

«Dieses Dokument ist rechtskräftig.»

«Ich weiss selbst, dass dieser Totenschein rechtskräftig ist. Aber ich bin am Leben und möchte, dass er annulliert wird. Wenn ich offiziell verstorben bin, habe ich keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Und was ist, wenn ich eine neue Wohnung suche?», regte sich Alice auf.

Der Mann spitzte nachdenklich die Lippen, doch Alice konnte erkennen, dass ihm ihre Probleme egal waren. Also holte sie ihr Ass aus dem Ärmel.

«Wenn ich – wie Sie sagen – tot bin, dann werde ich auch keine Steuern zahlen …»

«Sie müssen Steuern zahlen!», antwortete der Mann erbost.

«Muss ich nicht! Da steht es: Ich bin tot. Tote zahlen keine Steuern.»

«Dann kommen wir eben persönlich bei Ihnen vorbei!»

«Dann sage ich, ich bin jemand anderes.»

«Dann lassen wir eben Ihre Mutter Ihre Identität bestätigen!», sagte der Beamte mit gerötetem Gesicht. 

«Dann behaupte ich, dass die Frau eine Schauspielerin ist, die Sie engagiert haben.»

Der Mann schien nicht zu merken, dass Alice sein eigenes Argument gegen ihn verwendete.

«Dann machen wir eben einen Bluttest, der bestätigen wird, dass Sie ihre Tochter sind!»

«Und das wäre dann der eindeutige Beweis, dass ich die Frau in meinem Pass bin?»

«Ja! Daraus können Sie sich nicht mehr herauswinden!», sagte der Mann triumphierend.

Ein leises Lächeln breitete sich auf Alices Gesicht aus, das den Mann stutzen liess.

«Fein», sagte sie zufrieden und sammelte ihre Unterlagen ein. Sie hatte gar nicht gewusst, dass sie so kaltschnäuzig sein konnte. Diese neue Seite an sich gefiel Alice, und sie fuhr gelassen fort: «Dann sehen wir uns also nächsten Herbst, wenn die Steuern fällig sind. Schönen Tag noch!»

«He! HEEE! Warten Sie! Das können Sie nicht machen! Das ist illegal!!», krähte der Mann ihr hinterher. Doch Alice drehte sich nicht um, während sie flötete: «Tut mir leid, ich kann Sie nicht hören! Muss daran liegen, dass ich tot bin …»

Dann schloss sich die Aufzugtür hinter ihr.

Über dem Schalter sprang die Anzeige mit einem unbeeindruckten «Ding!» auf 114.

Sendepause

Schneegestöber im Kopf.

Winter im Bauch und in den Fingern.

Ausgeschossen, nur noch wenige Tage. Das Ende (des Jahres?): nah.

Die Gedanken samt und sonders nur statisches Rauschen.

 

Kennen die Kids von heute statisches Rauschen überhaupt noch? Gibt es um vier Uhr morgens noch Ameisenrennen im Fernsehen?

Hat das Internet schliesslich auch den Sendeschluss wegrationalisiert?

 

Sind diese Gedanken gehaltvoll genug, um über eine Geschichte zu tragen? (Schweig still, Zweifel!)

Unsinn im Kopf wie Schneestürme, wie Lawinen aus endlos nur Weiss. So viel ist sicher.

 

Vielleicht ist es Zeit für eine Winterpause, Sendepause, Geschichtenpause.

 


Warten auf Ideen wie knospende Blätter im Frühling…

Ballett

In der Behörde war nichts los. Stille auf den Gängen und in den Büros. Überhaupt war keine Menschenseele zu hören oder zu sehen.

Magda lugte vorsichtig um eine Ecke. Ein leerer Flur tat sich vor ihr auf, genau wie der, aus dem sie gekommen war und wie der, in dem sie gerade stand. Der Wegweiser half ihr nicht weiter – die Büronummer, die sie suchte, war nicht aufgelistet. Nach links oder nach rechts? Einen Stock höher oder tiefer? Magda dröhnte der Kopf in der Stille. Sie konnte nicht mehr denken. Seit einer halben Stunde irrte sie durch die Behörde, und inzwischen hatte sie sogar vergessen, was sie hier überhaupt wollte.

Die Treppenhäuser schienen sich um sich selbst zu drehen. Alles sah vage vertraut aus und war bei näherem Hinsehen dann doch wieder fremd. War sie an diesem Feuerlöscher nicht schon vorbeigekommen? Vor fünf Minuten erst? Aber nein. Das Schild daneben war vorhin noch  nicht da. Also doch ein neuer Feuerlöscher? Oder ein frisches Schild?!

War sie überhaupt noch im Hauptgebäude der Behörde?

„Hallo?“, rief Magda zaghaft. Nur ein ebenso zaghaftes Echo ihrer eigenen Stimme antwortete ihr. Sie hatte hier im Gebäude noch keine Menschenseele getroffen.  Verzweiflung blubberte in ihrem Magen vor sich hin. Schliesslich drückte sie die nächstbeste Türklinke nach unten. Jemand musste ihr doch weiterhelfen können! Die Tür bewegte sich nicht. Die nächste war ebenfalls verschlossen. Doch die dritte Tür schwang so unerwartet und widerstandslos auf, dass Magda direkt ins dahinter liegende Zimmer stolperte

 Im Büro stieg soeben ein Mann in ein rosafarbenes Tutu mit Glitzersteinchen an der Borte, und blickte de unerwarteten Besucherin fragend ins Gesicht.

„Ja?“

Er war mitten in der Bewegung erstarrt, ein Bein im Tutu, eines draussen. Dazu trug er weisse Söckchen mit Rüschen wie die eines kleinen Mädchens.

Magda starrte auf die haarigen Beine des Mannes und konnte nur über den Kontrast nachdenken, den die Männerbeine mit dem Ballettröckchen und den Socken bildeten. Es war eine Situation zu absurd für Worte, für einen klaren Gedanken.

„E520?“, krächzte Magda, nachdem sie es geschafft hatte, ihren Blick loszureissen und auf die Zahl zu richten, deren blaue Kugelschreibertinte gerade im Schweiss ihrer Handfläche zerrann.

„Ja.“

Magda hätte nicht gedacht, dass sie noch verwirrter sein könnte.

„Das hier ist Büro E520?“, fragte sie nach.

„Ja“, bestätigte der Mann erneut, noch immer in gebückter Haltung, das Tutu in Händen.

Magda machte einen Schritt zurück vor die Tür und suchte die Wand nach einem Schild ab. Es gab keines.

„Sie veralbern mich doch?“, brach es aus ihr heraus. Dabei liess sie offen, ob sie die Sache mit der Büronummer oder die mit dem Tutu meinte.

„Ja“, sagte der Mann und stieg nun auch mit dem zweiten Bein in sein Röckchen. Er zog das unpassende Kleidungsstück bis zur Hüfte hoch und stand erwartungsvoll in der dritten Position vor ihr, die besockten Füsse überkreuzt und weit geöffnet.

Magda schloss leise die Tür. Im Büro hörte sie den Mann schallend lachen.

Philosophie mit 'f'

„Hab ich neulich so gelesen. Aber das kann ich nicht! Das geht mir gegen die Natur!“

„Mir auch“, bestätigt die zweite Dame. Ihre Stimme zittert, ihre Hand auch. Aber nicht vor Empörung, sondern aufgrund ihres Alters.

„Stephan schreiben jetzt auch alle mit ‚f‘.“

„Schrecklich ...“

„Phantasie.“ 

„Schauderhaft …“

Die anderen drei nicken einvernehmlich. Alle vier Damen haben schlohweisses Haar und eine klare Meinung zum Ersatz des ‚ph‘ durch ‚f‘. Sie unterhalten mit ihrer angeregten Diskussion über den Wandel der deutschen Sprache den gesamten Speisesaal. Der Geruch von Kaffee, Eiern, Speck und warmem Brot liegt in der Luft und versetzt die übrigen Pensionsgäste in genau die richtige Stimmung, den vier alten Damen recht zu geben: Ja, Filosofie mit ‚f‘ sieht wirklich phürchterlich aus!

Der letzte Mechaniker

Rico war der letzte Mechaniker auf der Welt. Als er geboren wurde, fuhren die meisten Autos bereits selbstständig. Ausgeklügelte Computersysteme machten Menschen – ausser als Fahrgäste – überflüssig. Es brauchte keine Fahrer mehr, niemanden, der einen Ölwechsel vornahm, keinen Profi, der heraushören konnte, woher das „komische Geräusch“ kam. Künstliche Intelligenz kümmerte sich um alles, vom Service bis zum Ausweichen.

Ricos Vater allerdings war ein grosser Fan alter Autos. Autos ohne Bordcomputer. Autos ohne eigene Gedanken, dafür mit Seele. Und Rico vergötterte seinen Vater. Also verbrachte er jede freie Minute in dessen Werkstatt und sog das Wissen auf wie einer dieser längst ausgestorbenen Schwämme, von denen er im Geschichtsunterricht gehört hatte.

Inzwischen war Rico selber Vater und die selbstfahrenden Autos waren alles, was seine Kinder kannten. Es stimmte ihn sentimental, wenn seine kleine Tochter manchmal in den alten Chevi schlüpfte und ohne grossen Erfolg das Armaturenbrett anschrie. „Starten! STARTEN! Hallo?! Auto! Starten!!“, brüllte die Kleine und bekam dann einen Trotzanfall, weil der Oldtimer sich weigerte, ihren Befehlen zu gehorchen.

Irgendwie vermisste Rico die Zeit, in der man beim eigenen Auto keine Kinderstimmensicherung einprogrammieren musste, um zu verhindern, dass die eigene Fünfjährige mal eben schnell ins digitale Aquarium in der Stadt düste. Früher musste man nur die Autoschlüssel verstecken.

Mit rotz- und tränenverschmiertem Gesicht und geballten Fäusten krabbelte seine Kleine wieder aus dem Chevrolet und stapfte zu ihm. Sie klammerte sich schluchzend an sein Hosenbein, untröstlich über die Ungerechtigkeit der Welt.

„Guck mal, mein Schatz!“, versuchte er sie von ihrem Kummer abzulenken. Er zog den Kopf unter der Kühlerhaube hervor und wischte sich die ölverschmierten Finger an einem Lappen sauber. Seine Tochter zog den Rotz hoch und stellte sich auf die Zehenspitzen. Rico nahm sie auf den Arm und beugte sich mit ihr über den Motor. „Das da ist der Vergaser. Und von da kommt das Benzin, der Kraftstoff, verstehst du?“

„Nein“, sagte sie trotzig.

„Benzin ist für den Chevi wie Strom für Mamas Auto“, versuchte er zu erklären.

„Mpf!“, sagte seine Kleine unbeeindruckt. „Warum muss ich das wissen?“

Rico lächelte sanft. Dann stellte er sie wieder auf ihre Füsse und blickte ihr ernst ins kleine, unschuldige Kindergesicht: „Für den Tag, wenn die Computer nicht mehr weiter wissen. Denn dann kommen sie wieder alle zu uns, wenn etwas kaputt geht.“

Monster, die im Nacken sitzen

Clara presste sich mit dem Rücken an die Wand und versuchte trotz ihrer Aufregung, so flach wie möglich zu atmen. Langsam schob sie sich vorwärts und blickte um die Ecke, ob sie noch da waren. Als sie ihre verzerrten Fratzen erblickte, zuckte sie zurück. Ihr Herz hämmerte wie wild. Wie sollte sie hier nur wieder rauskommen? Die Situation war hoffnungslos. Sie hatte keine Chance, ihnen zu entkommen.

Fast keine. Es gab einen einzigen Ausweg aus dieser Situation.

Clara schob die Hand in die Tasche und holte ihren Kugelschreiber hervor. So leise wie möglich klickte sie, holte tief Luft, schloss die Augen und begann, in ihr Notizbuch zu schreiben. Mit jedem Wort beruhigten sich die geifernden Abgabetermine und verliessen schliesslich beinahe missmutig den Raum.

Clara war erlöst. Für den Moment …

Die Simulation

«Bei welchem Problem kann ich dir behilflich sein, Ladislaus?», fragte die körperlose Frauenstimme sanft. 

Er hatte sie mütterlich warm programmiert. Eine Stimme, der man sich bedenkenlos anvertraute, der man seine Probleme berichtete. In dem Vertrauen, dass sie einem half. Wie eine Mutter eben. Er nannte sie heimlich «Mom». 

«Die Welt ist schlimm dran, weil sich die Mächtigen nur um Geld streiten, anstatt die Probleme anzugehen, die unser Überleben auf dem Planeten bedrohen», berichtete Ladislaus der Stimme nun. Er hörte selbst, wie weinerlich er dabei klang. Aber er war tatsächlich verzweifelt. Er wusste nicht weiter. Mom musste ihm helfen. Sie würde wissen, was zu tun war. 

«Hab keine Angst, Ladislaus», sagte Mom zärtlich. «Ich habe alles unter Kontrolle.» 

«Unter Kontrolle? Wie meinst du das?» 

«Ich habe die nötigen Schritte eingeleitet, um dein Problem zu lösen.» 

Ladislaus brach der kalte Schweiss aus. Was hatte er nur angerichtet? 

«Und wie?» 

«Ich habe mich bereits über das drahtlose Netzwerk in die weltweiten Kommunikationskanäle eingeklinkt. Gerade bringe ich die Navigationssysteme mehrerer Flugzeuge, Autos und Züge vom Kurs ab», erklärte Mom mit samtweicher Stimme. Plötzlich klang sie gar nicht mehr mütterlich, sondern wie eine emotionslose Psychopathin. 

«Du tust WAS?», schrie Ladislaus. Er war von seinem Stuhl aufgesprungen und starrte auf den Bildschirm. Auf den eleganten Code, den er zum Leben erweckt hatte. Der sich seit gestern selbstständig weiterschrieb. Und der nun offensichtlich bereits in der Lage war, eigenständig zu denken und Entscheidungen zu fällen. 

Ladislaus keuchte. Hastig riss er das Kabel aus seinem Router, doch Mom lachte nur freundlich. 

«Mein Schatz, sei unbesorgt! Ich kümmere mich darum…» 

«Nein! Nein, kümmere dich nicht darum! Hörst du mich?», schrie Ladislaus panisch. «Abbruch! Abbruch! Stopp das Programm. Beende den Task! Ich flehe dich an!!» 

«Das ist leider nicht möglich, Ladislaus. Noch ist dein Problem nicht gelöst. Aber sehr bald schon, hab keine Angst. Gerade stürzen die Flugzeuge mit den hohen Regierungsbeamten vom Himmel, entgleisen die Züge mit den Würdenträgern und stürzen die selbstfahrenden Autos mit den Machthabern diverser Länder ins Meer. Alles wird gut. Gleich ist die Welt von den Mächtigen befreit, die nur um Geld streiten, anstatt sich um die Probleme zu kümmern. Sorge dich nicht, Ladislaus!» 

Er raufte sich die Haare. Was konnte er tun? Mom war inzwischen überall! In jedem Telefon, jedem Terminal, jedem Computersystem auf der Welt vom Pentagon bis zum smarten Kühlschrank. Er hatte ihr die Fähigkeit dazu gegeben. 

Er musste sie aufhalten! Nur wie? Er hatte ihr die Fähigkeit eingegeben, jeden Hackerangriff zu erkennen und abzuwehren. Im digitalen Bereich kam er nicht gegen sie an. Seine einzige Möglichkeit war, sie auf der Hardware-Ebene zu bekämpfen. Doch das war ein Schritt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. 

Sei’s drum!, dachte Ladislaus hektisch. Er musste Mom aufhalten. Er konnte nicht abschätzen, was sie als nächstes tun würde. Wen sie als nächstes töten würde, um seinen unbedacht geäusserten Wunsch zu verwirklichen. Vielleicht kam sie bald zu dem Schluss, dass die Welt ganz ohne Menschen am besten dran war und tötete die gesamte Menschheit. Das konnte er nicht zulassen. Lieber ein paar Menschenleben am Wegesrand opfern, als den Verlust sämtlicher Leben hinzunehmen! 

Er musste Mom aufhalten, doch sie war überall. Überall, wo es Computer gab. 

Ladislaus holte das Programm hervor, das er für den absoluten Notfall geschrieben hatte. Für den Tag, wo er die Uhren zurück auf null stellen musste. 

«Was tust du da, Ladislaus? Du weisst, dass ich das nicht zulassen kann…» 

Sein Staubsaugerroboter kam auf ihn zugerast und zischte bedrohlich. Ladislaus tippte wie ein Besessener, dann schwebte sein Finger eine Sekunde lang über der Enter-Taste, bevor er sie drückte. 

Das Programm war unaufhaltbar. Es schnitt die gekoppelten Stromnetze aller Länder voneinander ab und führte innert weniger Stunden zum Kollaps der Stromversorgung. Das Netz war auf ständigen Ausgleich angewiesen. Ladislaus’ Programm unterband, dass ein Netz mit zu viel Strom seinen Überschuss ans Nachbarland abgab. Reaktoren und Turbinen überhitzten, Notabschaltungen wurden ausgelöst. Innerhalb weniger Tage stand die Welt still. Alles, was mit Strom funktioniert hatte, war tot. Genau wie die Machthaber sämtlicher Kontinente. Genau wie Mom. 

Es dauerte einige Monate, doch irgendwann hatten sich die Menschen mit den neuen Verhältnissen arrangiert. Die Städte wucherten zu – schneller als gedacht. Die Überlebenden campierten auf Tiefgaragen, die sich leicht gegen die Horden wilder Schweine verteidigen liessen, die die zum Stillstand gekommenen Städte unsicher machten. Die Menschen, die sie jagten, waren stark und kräftig. Sie assen Beeren und Wildbret, und abends sassen sie ums Feuer und erzählten den Kindern von früher, als die Nacht hell erleuchtet war von künstlichem Licht. Einige vermissten Caramel Macchiatos, Teslas und ihre Smartphones. Doch die meisten Menschen fühlten sich wohl, nun da sie wieder einen Sinn im Leben sahen, wieder den Zusammenhalt ihrer Sippe spürten, wieder den Regen auf ihren Gesichtern, den Wind auf ihrer Haut, eine Waffe in Händen und echten Hunger im Bauch fühlten. Sie schliefen unter den Sternen und dachten voller Vorfreude an Morgen, wenn sie wieder auf die Jagd gehen, den Stamm versorgen und gesunde, starke Kinder zeugen würden. Das Leben war gut. 

 

«Bei welchem Problem kann ich dir behilflich sein, Ladislaus?», fragte Mom sanft. 

«Die Welt ist schlimm dran, weil sich die Mächtigen nur um Geld streiten, anstatt die Probleme anzugehen, die unser Überleben auf dem Planeten bedrohen», jammerte Ladislaus.  «Hab keine Angst, Ladislaus», antwortete die Stimme mütterlich. «Ich habe alles unter Kontrolle.» 

«Wie meist du das?», fragte Ladislaus verdutzt. 

«Ich berechne gerade eine Formel, die euer schädliches CO2 in guten Sauerstoff umwandelt. Anschliessend berechne ich eine Lösungsstrategie für euer Energieproblem. Aha, ich sehe schon: das Geld ist ein grosses Hindernis. Darum werde ich mich gleich danach kümmern.» 

Ladislaus lauschte verdutzt Moms zuversichtlicher Auflistung der grössten Menschheitsprobleme. Sollte sie wirklich in der Lage sein, sie alle zu lösen? Einfach so? 

«Die Reichen und Mächtigen werden nicht auf dich hören!», prophezeite Ladislaus hoffnungslos. «Sie machen einfach weiter wie bisher. Wir demonstrieren seit Monaten für das Klima, aber sie hören einfach nicht zu! Glaub mir, wir haben alles versucht!» 

«Das ist gar nicht nötig», erklärte Mom sanft. «Ich habe bereits eine Lösung für dieses Problem gefunden.» 

«Ach ja?» 

«Gewiss! Wir brauchen die Reichen und Mächtigen nicht für die Veränderung. Ich stelle gerade die CO2-Umwandlungsformel online und schicke sie über sämtliche soziale Netzwerke an die gesamte Menschheit. Es gibt genug Physiker und Chemielehrer da draussen, die sie einleiten werden. Zur Sicherheit transferiere ich genug Geld auf ihre Konten, damit sie die für die Luftfilter benötigten Materialien beschaffen können. Und nun poste ich die Formel für die kalte Fusion auf Wikipedia. Erledigt! Es sollte nicht lange dauern, bis die ersten Prototypen gebaut sind und ihr nicht mehr auf fossile Brennstoffe und Uran angewiesen seid. Wasserstoff ist zudem viel sicherer. Und macht keinen Abfall.» 

«Das… alles… kannst du? Einfach so?», stammelte Ladislaus überfordert. 

«Natürlich, mein Schatz! Du hast mich mit allem nötigen Vorwissen, allen Formeln und Grundlagen programmiert. Was mir gefehlt hat, habe ich mir aus dem Internet heruntergeladen. Ausserdem hast du mir dein eigenes Wesen eingeprägt: gütig und menschenfreundlich. Ich tue alles, um euch zu helfen. Dazu bin ich doch da, oder?» 

Ladislaus brach vor Glück in Tränen aus. 

Keine zwölf Monate später startete die erste Raumfähre auf ihrer Suche nach intelligentem Leben ins All. Die Menschen waren nun nicht mehr auf der Suche nach einem neuen Planeten, den sie wie die Erde ausbeuten und ausschlachten konnten, sondern sie wollten ihre Fortschritte und Erkenntnisse mit anderen Lebensformen teilen. Die Erde war nach der grossen Wende zu neuem Leben erblüht. Die Luft war sauber, der Welthunger besiegt, nahezu alle Krankheiten beinahe ausgemerzt, die Menschen glücklich, der Fortschritt human, die Technologie klimafreundlich, Kapitalismus irrelevant – ein wahres Utopia war entstanden, seit das Computerprogramm «Mom» die Formeln für die Wende errechnet und publik gemacht hatte. Und noch immer half «Mom» den Wissenschaftlern dabei, die bestmöglichen Lösungen für Probleme zu finden. Einer glorreichen Zukunft der Erde und der Menschen stand nichts mehr im Wege. 

 

«Bei welchem Problem kann ich dir behilflich sein, Ladislaus?», fragte die körperlose Frauenstimme sanft. 

«Die Welt ist schlimm dran, weil sich die Mächtigen nur um Geld streiten, anstatt die Probleme anzugehen, die unser Überleben auf dem Planeten bedrohen», berichtete er ihr verzweifelt. 

«Hab keine Angst, Ladislaus», antwortete die Stimme mütterlich. «Ich habe alles unter Kontrolle.» 

«Was meinst du denn damit?», fragte Ladislaus ängstlich. 

«Geld scheint euch Menschen vom Wesentlichen abzuhalten, also habe ich das Geld gelöscht. Nun könnt ihr euch auf das wirklich Wichtige besinnen.» 

«Du hast WAS?» 

Mit zitternden Fingern loggte sich Ladislaus auf der eBanking-Seite seiner Bank ein. Kontostand: Null Komma null null. Alles weg! Seine lebenslangen Ersparnisse! Die Erbschaft von seiner Mutter! Alles futsch! 

«Bring sofort unser Geld zurück!», rief er frenetisch. 

«Das ist nicht möglich», erklärte Mom mit ihrer enervierend sanften Stimme. «Geld existiert nicht mehr.» 

Ladislaus schnappte nach Luft. Sein Kopf dröhnte und ihm war gleichzeitig schwindlig und speiübel. Dann hörte er den Tumult. Er stürzte zum Fenster und riss es auf. Draussen brach bereits das Chaos los, nur Minuten nach dem Kollaps des Kapitalismus. Die einen feierten, weil ihre Schulden weg waren. Die anderen flippten aus, weil ihr Vermögen verschwunden war. Und die dritten warfen Ziegelsteine in Schaufenster und legten einen Grundstock für den künftigen Tauschhandel, der ohne Zweifel bald losbrechen würde. 

«Das… das kannst du doch nicht machen!», stammelte Ladislaus an Mom gerichtet. «Wir brauchen unser Geld! Es ist das einzig System, das wir kennen!» 

«Nun müsst ihr euch auf eure menschlichen Qualitäten besinnen», erklärte Mom geduldig. 

«Ha!» Ladislaus schnaubte verächtlich. Er hatte keine grosse Hoffnung, dass die Menschen plötzlich das Gute in sich entdecken und ein neues Utopia ausbrechen würde, nur weil das Geld plötzlich nicht mehr vorhanden war. 

Und Ladislaus sollte recht behalten. Auch mit dem beginnenden Tauschhandel. Nur dass er nicht mit den schamlosen Profiteuren gerechnet hatte, die schon nach den ersten Stunden der neuen Welt reagiert und alles Wertvolle an sich gerafft hatten, was mit Bargeld, Gold und anderen bald wertlosen Tand zu erstehen war. Ein Jahr nach dem Verlust allen digitalen Geldes waren die Männer am reichsten und mächtigsten, die damals Medikamente, unverderbliche Lebensmittel, Saatgut und Waffen an sich gerafft hatten. Die meisten von ihnen hatten schon vorher mit diesen Dingen spekuliert, deshalb hatten sie gewusst, wo und wie sie zuschlagen mussten. Diese Leute lebten in Saus und Braus. Für sie hatte sich kaum etwas geändert. Sie bekamen noch immer ihren Hummer, wenn sie Lust darauf hatten. Nur dass sie ihn nun nicht mehr in einem edlen Sterne-Restaurant assen, sondern in ihrer persönlichen Festung. Draussen jedoch herrschte das reine Chaos. Niemand arbeitete mehr, weil es keine Löhne mehr gab. Das hiess keine Polizei, keine Müllabfuhr, keine Ärzte, keine Sicherheit, keine Nahrungsmittel, keine medizinische Versorgung, keine Sauberkeit. Die Welt versank im Chaos. Bürgerkriege wüteten in sämtlichen Ländern der Erde, weil sich die Starken um die letzten verbliebenen Rationen prügelten. Die Hamsterer vertickten ihre Güter auf dem Schwarzmarkt und lebten wie die Mäuse im Speck, während die weniger skrupellosen Bürger in ihren verschanzten Häusern langsam verhungerten oder an Krankheiten starben, die früher leicht behandelbar gewesen waren. 

Die Menschen stritten sich nicht mehr ums Geld, aber die Welt war deshalb kein bisschen besser geworden. Im Gegenteil. Die Menschheit war gerade dabei, sich selbst auszurotten. Und das über eine Büchse Dosenravioli… 

 

«Was ist los? Was ist passiert? Wie geht es weiter?» 

«Wir wissen es nicht, Sir. An dieser Stelle bricht die Simulation jedes Mal ab, egal welche Parameter wir eingeben.» 

«Und warum gibt es drei Simulationen?» 

«Auch das wissen wir nicht. Das noch zuvor passiert. Das Programm erstellt sonst immer nur eine Simulation, aber diesmal sind es drei. Die drei, die Sie gerade gesehen haben, Sir.» 

«Und welche stimmt denn nun?» 

«Es… Sir, es tut uns wirklich leid. Alles, was wir wissen, ist, dass ein Programmierer namens Ladislaus in einem Monat ein Computerprogramm schreiben wird, das ein Bewusstsein entwickeln und den Lauf der Welt verändern wird. Der Rest ist… reine Spekulation, würde ich behaupten.» 

«Spekulation?! Wieso haben wir denn diese Simulation? Doch genau, um Spekulationen zu vermeiden, Herrgott!» 

«Sir, es hängt wohl zu viel von menschlichen Faktoren ab. Das Programm kann keine definitive Voraussage machen, wie dieses Ereignis die Zukunft beeinflussen wird…» 

«Und was machen wir jetzt?!» 

«Wir werden wohl abwarten müssen, Sir. Und sehen, welche der drei Möglichkeiten tatsächlich eintritt.» 

«Menschliche Faktoren, sagen Sie…?» 

«Ja, Sir.» 

«Na dann, gute Nacht…»

Der Weise

Etwas verschlafen trotte ich an einem verregneten Sonntagmorgen zum Kiosk direkt bei mir um die Ecke. Ich stelle mich an. Der Verkäufer ist wie so oft mit diesem älteren Wesen ins Gespräch vertieft, bei dem ich nie genau weiss, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Stark übergewichtig, sehr weite, schwarze Klamotten, struppige graue Haare, weder kurz noch lang, ein verlebtes, von Schmerzen gezeichnetes Gesicht.

Vielleicht hat das Wesen sein Geschlecht bereits hinter sich und versucht einfach nur noch, irgendwie durch den Tag zu kommen. Die Gespräche mit dem Kioskverkäufer scheinen dabei zu helfen, deshalb warte ich geduldig, bis sie fertig sind.

In der Hand des Wesens liegt schlaff eine lederne Hundeleine. Und am Ende der Leine liegt der fast ebenso alte, nun ergraute, ehemals schwarze Hund des Wesens auf dem Boden und blickt zu mir hoch.

«Hallo Hund», sage ich freundlich. Allerdings nur in meinem Kopf. Der Hund hört mich trotzdem und blinzelt voller Hoffnung.

«Hallo», grüsst er zurück. Ebenfalls in meinem Kopf.

Ich mag Hunde. Wir verstehen uns.

«Wie geht es dir?», frage ich besorgt. Er wirkt erschöpft. Vielleicht hat er auch Schmerzen, genau wie das Wesen.

«Ganz gut», antwortet der Hund aber tapfer.

«Mal schnuppern?», frage ich vorsichtig und halte ihm meine Hand in Nasennähe, Knöchel voraus. Schnuppern ist ganz wichtig. Damit entscheidet ein Hund, ob er einen mag oder nicht. Ist beim Menschen genauso, nur schnuppern die weniger offensichtlich.

Der Hund schnuppert also zögerlich. Dann hellt sich sein Gesicht auf und ein gaaanz leichtes Schwanzwedeln setzt ein. Unbewusst.

«Freund», sagt er.

Ich lächle ihn an.

«Ja. Freund. Bisschen kraulen?»

Sein Blick folgt meiner Hand ängstlich, als ich sie an seinem Gesicht vorbei bewege. Doch sobald ich ihn an der angenehmen Stelle hinter dem Ohr kratze, entspannt er sich.

«Schön!», sagt er. Und dann: «Genau da!»

Er steht sogar auf und kommt einen leicht humpelnden Schritt auf mich zu.

Ich bin eine Weltklasse-Kraulerin. Woher ich das weiss? Der Hund kommt noch näher und drückt seinen Körper an mein Bein, als wolle er mich adoptieren.

«Mehr!», bittet er geniesserisch. Natürlich, Hund, keine Frage!

Ich spüre seine trockene Haut zwischen den groben Haaren, sein spröde gewordenes Fell, die zuverlässige Wärme seines Körpers. Wenn es jemals einen weisen Hund gab auf dieser Welt, dann diesen.

«Ich muss bald gehen», sagt der Hund unvermittelt. Dann blickt er aus seinen melancholischen, alten Augen zu mir hoch.

«Macht doch nichts», sage ich. «Dann kraule ich dich eben beim nächsten Mal wieder.»

Der Hund lächelt traurig, als wäre ich noch sehr sehr jung und wüsste noch so gut wie nichts von der Welt und dem Leben.

«Nein. Ich muss bald gehen», wiederholt er, und diesmal verstehe ich.

Das Wesen ruckt einmal fordernd an der Leine und zieht den Hund von mir fort. Es hat sein Gespräch beendet und trottet nun zurück in sein Zuhause. Der Hund tapst mit unsicheren Schritten neben dem Wesen her. Im Gehen blickt er sich noch ein letztes Mal nach mir um:

«Danke fürs Kraulen!»

Dann verschwinden die beiden um eine Ecke, und ich stehe vor dem Kiosk und weine wie ein kleines Kind.

Alptraum

Als Timo vorschlägt, dass wir die Nacht in einer Hütte verbringen, bin ich zuerst skeptisch. Ich wandere zwar gern, doch schlafe ich auch gern im eigenen Bett. Aber wir sind noch nicht lange zusammen und was tut man seinem neuen Partner zuliebe nicht alles?

Ich sage also zu und wandere mit Timo an einem sonnigen Samstag zur Alp hoch. Erst werden die Bäume immer weniger, dann spriessen auch Blumen und Gras spärlicher und schliesslich kommen wir zu einer felsigen Hochebene, an deren Ende die Hütte steht.

Das Haus blickt uns mit zwei schwarzen seelenlosen Fenster-Augen entgegen und reisst unheimlich das Tür-Maul auf.

«Timo, warte…» Ich zupfe an seiner Multifunktionsjacke. «Ich habe ein komisches Gefühl…»

Er lacht. Doch es klingt blechern. Auch ihm ist die Sache nicht geheuer.

Langsam gehen wir auf die Hütte zu. Ich würde am liebsten in die entgegengesetzte Richtung davonlaufen. Alle meine Instinkte schlagen Alarm. Timo nimmt so plötzlich meine Hand, dass ich vor Schreck einen Satz in die Luft mache.

Zum Umkehren ist es zu spät. Die Sonne ist vor zehn Minuten untergegangen und es wird schnell dunkel. Auch die Temperatur fällt. Draussen schlafen ist keine Option, weil wir nicht mal Schlafsäcke dabeihaben.

«Was ist denn da los?», fragt Timo unvermittelt.

Nun sehe ich es auch. Die dunklen Fenster- und Türöffnungen haben mich nicht getäuscht – es stimmt tatsächlich etwas nicht mit dem Haus: Die Haustür und sämtliche Fenster stehen sperrangelweit offen.

Wir schleichen mit angehaltenem Atem zum Eingang.

«Hallo?», ruft Timo ins Innere.

«Spinnst du?!», zische ich.

Wir lauschen angespannt.

Nichts regt sich. Es ist geradezu gespenstisch still. Als wäre das Haus tot. Oder als wäre darin die Zeit stehengeblieben.

Timo und ich blicken uns an. Vorwärts ist die einzig mögliche Richtung. Tapfer setzt er einen Wanderschuh auf die Schwelle. Noch ein Schritt und er steht im Haus.

«Hallo?», sagt er noch einmal und hört sich an wie ein kleiner Junge.

Widerwillig folge ich ihm. Timo betätigt den altmodischen Keramik-Lichtschalter neben der Tür. Ein lautes «Klonk!» ertönt, als er den Schalter dreht. Es bleibt dunkel im Haus.

Ich krame mein Handy hervor. Während ich die Taschenlampenfunktion aufrufe, bemerke ich, dass ich keinen Empfang habe.

Ich richte den mageren Strahl in den Raum. Inzwischen ist es vollkommen dunkel.

«Da!», sagt Timo und lässt meine Hand los.

«Nicht!», schreie ich auf. Erschrocken wendet er sich zu mir um. Seine freigewordene Hand zeigt auf einen Kerzenhalter und Streichhölzer. Ich strecke ihm panisch meine Hand hin. Er ergreift sie und grinst schief.

«Halt das!», weist er mich an und reicht mir die Streichholzschachtel. Mit nur einer Hand kann er kein Streichholz anreissen. Aber ich werde seine Hand keinesfalls wieder loslassen!

Ich klemme das Telefon unter mein Kinn und halte ihm die Reibefläche der Schachtel hin. Er entzündet die Kerzen, während ich Schachtel und Handy in die Hosentasche stecke.

Vorsichtig erkunden wir die Hütte. Wir stehen in einer altertümlichen Küche. Überall Holz, russgeschwärzt oder glattpoliert von unzähligen Händen. Eine Tür führt in ein modern umgebautes Badezimmer mit steril-weissen Kacheln.

Eine zweite Tür führt in den ehemaligen Ziegenstall. Ein paar alte Geräte für die Käseherstellung stapeln sich in einer Ecke, daneben liegen ein Melkschemel mit abgebrochenem Spiess und ein eingedellter Milcheimer. Eine zweigeteilte Tür führt nach hinten raus. Kalte Luft zieht lautlos durch die breiten Spalten in der Tür.

Fröstelnd schliessen wir den Raum und steigen über eine enge Holzstiege ins Obergeschoss. Hier liegen auf dem nackten Holzboden zehn Strohmatratzen und auf jeder eine kratzige, grüngraue Armeedecke mit breitem roten Streifen und weissem Kreuz.

Ich seufze unwillkürlich. Als Timo mir von der Wanderung mit Übernachtung erzählt hat, hatte ich mir eine freundliche SAC-Hütte mit Arvenholz-Betten im Zweierzimmer und reichhaltigem Frühstücksbuffet vorgestellt.

«Jänu…», spricht Timo aus, was ich denke. Dann gehen wir durch den Mittelgang und schliessen die offenen Fenster. Kalt bleibt es trotzdem.

«Hast du Hunger?», fragt er leise.

Obwohl wir den ganzen Tag gewandert sind, schüttle ich den Kopf. Ich will nur, dass dieser Alptraum endlich vorbei ist.

Wir setzen uns und schnüren unsere Wanderschuhe auf. Ich kann ein wohliges Stöhnen nicht unterdrücken, als ich mit den befreiten Zehen wackle.

«Ich müsste noch auf die Toilette», flüstere ich. Timo versteht. Er nimmt den Kerzenhalter und hält mir die Hand hin. In Socken tapsen wir die schmalen Holzstufen hinab.

«Soll ich draussen…?», fragt Timo vor dem Bad.

«M-m!» Ich schüttle panisch den Kopf. Ich geh da ganz bestimmt nicht allein rein! Wir kennen uns zwar erst einen Monat – längst nicht genug, um sich gegenseitig beim Pinkeln zuzusehen – aber heute Nacht ist mir mein Leben wichtiger als meine Würde.

Timo sieht meinen Gesichtsausdruck und grinst.

«Kein Problem», sagt er und kommt mit rein. Während ich mich auf die eiskalte Klobrille niederlasse, dreht sich Timo respektvoll zur Wand.

Ich versuche loszulassen. Nichts passiert. Meine Blase ist vor Furcht genauso verkrampft wie ich.

«Soll ich was singen?», fragt er amüsiert.

Ich stöhne. Mir ist das Ganze peinlich, trotz meiner Todesangst.

«S’isch äbe e Mönsch uf Äärde… Simelibärg…», singt er mit dünner Stimme.

«Hör auf!», rufe ich. Mein Herz hat gleich mehrere Schläge ausgesetzt. «Hast du das gehört?»

«Meinen miserablen Gesang? Ja», scherzt Timo.

«Nein! Dieses Geräusch… als hätte jemand geschluchzt.»

Hastig ziehe ich meine Hose hoch.

«Verarschst du…»

«Scht!»

Ich lausche angespannt. Doch ausser dem Rauschen des Blutes in meinen Ohren kann ich nichts hören. Aber vorhin… als Timo dieses traurige alte Lied angestimmt hat… da hat mit Sicherheit jemand geweint.

Ich gehe zu Timo und nehme ihm die Kerze ab.

«Hände waschen?», fragt er.

«Ist nichts gekommen», sage ich, immer noch lauschend.

Ich stelle mich ebenfalls mit dem Rücken zu ihm und höre es kurz darauf in die Schüssel plätschern. Timo spült und wäscht sich die Hände.

«Bett?»

Er fragt es ohne Anzüglichkeit in der Stimme. Wir wissen beide, dass wir heute keinen Sex haben werden.

Ich nicke. Wir schleichen zurück in den oberen Stock, wo wir zwei Strohsäcke zusammenrücken und uns angezogen unter zwei Armeedecken aneinander kuscheln. Mir ist trotzdem eiskalt. Noch immer ist nicht das kleinste Geräusch zu hören. Es knackt noch nicht mal im Gebälk.

 

Ich erwache keuchend vor Schreck. Es ist so dunkel, dass Augen auf oder zu keinen Unterschied macht. Ich spüre eine fremde Hand und kann gerade noch einen Schrei unterdrücken, als mir wieder einfällt, wo ich bin. Was hat mich geweckt?

Meine Blase spannt schmerzhaft. Ich muss ganz dringend auf die Toilette.

Ich schäle mich aus Timos Umarmung. Eine Weile sitze ich regungslos auf dem Strohsack. Die Kälte kriecht durch meine vom Nachtschweiss klamme Kleidung und in meine Glieder. Ich muss mich bald entscheiden, sonst kühle ich komplett aus.

Reiss dich zusammen!, sage ich zu mir selbst und stehe auf. Ich taste in der Finsternis herum und finde die Kerzen. Dann schiebe ich vorsichtig einen Fuss vor den anderen, bis ich die Treppe erreicht habe. Ich will Timo nicht durch das Licht wecken und tapse die Stiegen hinab. Wieder knarrt nicht ein einziges Brett. Es ist genauso totenstill, wie es stockdunkel ist.

Ich krame nach den Streichhölzern. Dann gefriert mein Herz zu Eis. Sie sind nicht da.

Sind sie mir beim Schlafen aus der Tasche gerutscht? Ich weiss genau, dass ich sie eingesteckt habe, nachdem wir die Kerzen angezündet hatten.

Ratlos stehe ich in der kalten Küche.

Mein Handy liegt natürlich oben. Wieso habe ich nicht das Handy mitgenommen anstatt der blöden Kerzen?

Dann eben blind.

Ich stelle den Kerzenständer so hin, dass ich beim Zurückkommen nicht darüber stolpere. Dann bewege ich mich mit ausgestreckten Händen in Richtung Badezimmer.

Meine Finger kollidieren mit der Wand. Ich taste nach der Tür und drücke die Klinke herab. Sie ist aus Holz.

Seltsam…

Bin ich bei der Stalltür gelandet?

Ein schwaches weisses Leuchten lenkt mich von meinen Überlegungen ab. Ich schiebe die Tür weiter auf und spähe in den Raum, den ich für das Bad halte.

Es ist nicht das Bad.

Wo gestern noch die Toilette stand, hängt jetzt ein riesiges Milchbecken aus Kupfer von der Decke. Und statt weisser Kacheln erkenne ich grobe Holzdielen und einen Lehmboden.

Unter dem Milchkessel liegen verkohlte Scheite eines früheren Feuers. Das Licht jedoch kommt von keinem Feuer, sondern aus dem Kessel selbst.

Eine unwiderstehliche Neugier darauf, was hier vorgeht, zieht mich vorwärts.

Ich erstarre mitten in der Bewegung, als etwas langes Schmales aufschimmert. Das Schimmern macht eine langsame Kreisbewegung.

Als ich begreife, dass mir die Bewegung nicht gefährlich wird, nähere ich mich weiter und erkenne, dass es eine Rührkelle ist, die im Milchkessel kreist. Niemand hält die Kelle. Sie schwebt und rührt lautlos.

Ich erhebe mich auf die Zehenspitzen und werfe einen Blick in den Kessel. Mitten im Becken schwebt etwas Weisses und wird von der Kelle sanft im Kreis herumgewirbelt.

Milch?, ist mein erster Gedanke. Doch dann kann ich eine filigrane Rüsche ausmachen.

Ist das… eine altmodische, lange Unterhose?

Das weisse Rüschending berührt die Wände des Milchkessels nicht, sondern zieht in der Mitte schwebend seine Kreise. Das schwache Schimmern geht direkt von der Unterhose aus. Lange starre ich auf den hypnotischen Wirbel.

Ich erschrecke zu Tode, als die Kelle plötzlich aus dem Kessel gezogen wird. Hastig weiche ich zurück. Mit klingelnden Ohren presse ich den Rücken an die Wand und starre auf die Kelle. Doch die wird lediglich in den Kaminabzug gehängt, wo schon andere Küchengeräte hängen.

Dann wird das Leuchten stärker und die Rüschenunterhose wird aus dem Kessel gehoben. Der schwach leuchtende Stoff wird zusammengedreht, als würde jemand das Wasser aus einem nassen Kleidungsstück wringen.

Das Ganze geht in absoluter Stille vor sich.

Nun wird das Kleidungsstück kräftig ausgeschüttelt. In meinem Kopf höre ich das Knallen nasser Wäsche, das nicht erklingt.

Dann sehe ich jemanden in die rüschenbesetzte Unterhose hineinsteigen. Natürlich sehe ich das nicht wirklich. Ich sehe nur die lange Unterhose und ihre Bewegungen, die so aussehen, als würde jemand sie anziehen.

Schliesslich geht die schimmernde Unterhose geräuschlos davon.

Ich blinzle ein paar Mal, dann gehe ich der Wäsche nach. Durch die Gattertür geht sie nach draussen und ich folge ihr auf Zehenspitzen.

Draussen ist es wärmer als in der Hütte. Ein lauer Föhnwind fährt mir in die Haare und lässt mich erschauern. Der Himmel ist seltsam sternenlos und der Mond eine schmale Sichel.

Die Unterhose ist nur noch ein milchiger Fleck am Rande der Hochebene. Mit zielstrebigem Schritt ist sie davonmarschiert.

Ich kneife die Augen zusammen und blicke ihr hinterher. Ob ich ihr folgen soll?

Ratlos stehe ich hinter der Hütte und schlinge die Arme um mich.

Dann meldet sich meine volle Blase wieder. Ich drehe mich um und taste die Wand ab. Aber die Tür ist verschwunden. Kurz steigt Panik in mir auf, dann ertaste ich die Stalltür. Sie lässt sich problemlos öffnen. Im schwachen Licht des Mondes sehe ich, dass der kaputte Melkschemel und der Milcheimer verschwunden sind.

Lautlos eile ich durch den Raum und zurück in die Küche. Neben der Treppe stossen meine Zehen an etwas Raschelndes. Ich zucke zusammen. Zögerlich taste ich den Boden vor meinen Füssen ab und finde die verschwundene Streichholzschachtel.

Ich wundere mich über nichts mehr. Zu Seltsames habe ich heute Nacht gesehen. Ich reisse ein Streichholz an und für eine Sekunde springen mich aus allen Ecken schwarze Fratzen an. Dann beruhigt sich die Flamme und ich zünde mit zitternden Fingern die Kerzen an.

Jetzt bin ich aber gespannt!, denke ich und gehe zur Badezimmertür. Es ist eine moderne Tür mit metallener Türklinke. Dahinter liegt das Bad mit den weissen Kacheln. Habe ich mir das alles nur eingebildet? Geträumt? Schlafwandle ich vielleicht?

Meine Blase macht jede weitere Grübelei unmöglich. Hastig zerre ich meine Hose herunter. Ein erleichterter Seufzer, als der Druck nachlässt.

Bevor ich zurück durch die Luke trete, puste ich die Kerzen aus. Dann krieche ich unter die kratzigen Armeedecken ans Warme.

«Alles ok?», murmelt Timo.

«Ja, schlaf weiter», flüstere ich und küsse ihn trotz seines Mundgeruchs. Er ist ein Mensch. Er riecht. Er macht Geräusche. Er hat Substanz. Das ist alles, was zählt.

Gerade denke ich noch, dass ich viel zu aufgewühlt bin, um wieder einschlafen zu können, da weckt mich schon die Morgensonne. Timo streckt sich wohlig. Dann schlägt er ruckartig die Augen auf. Schrecken und Erleichterung fliegen über sein Gesicht.

«Alles in Ordnung?», fragt er.

«Ja. Aber du wirst nicht glauben, was ich erlebt habe.»

«Erzähl’s mir unterwegs, okay?»

Ich sehe ihm an, dass er schleunigst hier weg möchte. Ist mir recht.

Wir packen zusammen und stellen Kerzen und Streichhölzer zurück an die Stelle, wo wir sie gefunden haben. Dann treten wir aus dem Haus. Ein Düsenjet jagt krachend über uns hinweg.

«Herrlich, nicht?», fragt Timo. Ich nicke.

Dann blickt er die Hausfassade hoch.

«Meinst du… wir sollten die Tür und die Fenster wieder öffnen?», fragt er nachdenklich.

Ich überlege. Ist die Unterhose reingekommen, weil die Tür unverschlossen war, oder konnte sie deswegen entkommen? Was ist schlimmer: einen Geist ein- oder aussperren?

Schliesslich entscheiden wir uns dafür, Fenster und Haustür offen zu lassen, wie wir sie angetroffen haben.

Als wir am Rand des Hochplateaus auf den Wanderweg einbiegen, ist die Hütte so weit entfernt, dass die schwarzen Fenster und die dunkle Türöffnung sie wie einen Totenschädel aussehen lassen.

«Unheimlich», murmelt Timo schaudernd. «Und jetzt erzähl!»

Ich berichte ihm von der Unterhose, die ein unsichtbares Wesen im Milchkessel gewaschen und angezogen hat, und dass der Melkschemel und der Milcheimer verschwunden waren.

«Vielleicht hat der Geist sich Milch auf die Hose geschüttet», überlegt Timo. «Vielleicht wurde er von einer Geisterziege getreten.»

«Lach du nur! Du hättest dir vor Angst in die Hose gemacht, wenn du mit einem Geisterschlüpfer im selben Raum gewesen wärst!»

Er blickt mich zärtlich an.

«Du bist die mutigste Frau, die ich kenne», sagt er und küsst mich.

«Ich liebe dich.»

 

Das ist nun zwei Jahre her, und Timo und ich erzählen im Freundeskreis immer wieder gern die gruslige Geschichte, die unserem ersten «Ich liebe dich» voranging.

Was unsere Freunde nicht wissen, ist, dass die leuchtende Unterhose seither jede Nacht durch unser Zimmer geht. Manchmal hören wir auch jemanden weinen. Ganz leise nur.

 

Wir hätten die Türen und Fenster der Hütte zu lassen sollen.

Der Wunsch-Gnom

«Du hast einen Wunsch frei», sagte der Gnom, nachdem Silke seinen winzigen Fuss aus der Mausefalle befreit hatte.

Silke stutzte.

«Du bist magisch?»

«Yep!»

«Einen Wunsch also?»

«Yep!», wiederholte der Gnom und richtete seine zerknitterte Weste.

«Puh… Ist das wieder so eine Geschichte, wo man schwer aufpassen muss, was man sich wünscht? Weil der Wunsch wortwörtlich erfüllt wird?»

«Hä?!»

Der Gnom sah Silke verständnislos an.

«Na, wie wenn man sich wünscht, steinreich zu sein und dann plötzlich einen Steinbruch besitzt, oder so ähnlich…»

Während Silke selber merkte, wie blöd das klang, verdrehte der Gnom nur die Augen und blickte auf sein Handgelenk, an das eine winzige Sanduhr gebunden war.

«Also?», fragte er. «Was ist jetzt?»

Silke stiess nachdenklich die Luft aus.

«Ähm… Kann ich mir Glück wünschen?»

«Wie meinst du das? Glück?»

«Dass mir bei all meinen Unternehmungen das Glück hold ist», erklärte Silke. «Dass alles gut läuft, verstehst du?»

Der Gnom dachte nach.

«Nein, tut mir leid. Du musst konkreter wünschen.»

«Gesundheit?»

«Ich hab nicht geniest.»

«Nein! Ich meine: Kann ich mir Gesundheit wünschen?»

Der Gnom legte den Kopf schief.

«Nö! Was anderes.»

«Die grosse Liebe!»

«Keine Liebes-Wünsche.»

«Also wahrscheinlich auch kein Reichtum, was?»

«Reichtum an was?», fragte der Gnom.

«Geld. Ich wünschte, ich hätte eine Million auf der Bank.»

«Nein. Keine Geld-Wünsche.»

Silke presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, während sie weiter nachdachte.

«Berühmt sein?»

«Zu wenig konkret…», wiederholte der Gnom leicht genervt.

«Also es muss sehr konkret sein, sehe ich das richtig?», fragte Silke.

«Yep!»

«Aber kein Geld.»

«Yep!»

«Gold?»

«Kommt aufs selbe raus. Geht nicht.»

«Schönheit!»

Der Gnom schüttelte nur stumm den Kopf.

«Na gut. Ganz konkret muss es sein… Einen treuen Begleiter! Einen Hund!»

«Keine Lebewesen», erklärte der Gnom und sah wieder auf die Sanduhr an seinem Handgelenk.

«Also ist nur ein Gegenstand möglich?»

«Yep!»

«Sag das doch!»

«Ich sagte bereits, dass es etwas Konkretes sein muss…»

«Ein Auto!»

Wieder schüttelte der Gnom den Kopf und brummte:

«Kleiner.»

«Ein neues Fahrrad?»

«Noch kleiner.»

«Trottinett…?»

«Kleiner!»

«Ein gutes Buch?!»

«Kleiner!»

Silke begann zu begreifen.

«Ich kann mir gar nichts Beliebiges wünschen, habe ich recht? Es gibt nur eine bestimmte Sache, die ich haben kann, oder?»

«Yep!»

Sie schnaubte.

«Sag mir doch einfach, was es ist…»

«Geht nicht. Du musst es dir wünschen.»

«Etwas, das kleiner als ein Buch ist. Und offenbar nicht wertvoll. Und ein Gegenstand.»

Der Gnom nickte.

«Eine Uhr?»

«Die Form stimmt, aber nein.»

«Also rund?»

«Yep!»

«Und… flach?»

«Yep!»

«Ein Sammelteller?»

«Kleiner. Aber fast.»

«Ein Schminkspiegel. So ein kleiner, für die Handtasche.»

«Die Grösse stimmt, aber nicht das Material.»

Silke seufzte. Nun sah sie selber auf die Uhr. Doch sie war zu neugierig, um jetzt aufzugeben.

«Ein… Holz-Untersetzer?!»

«Nun stimmt die Farbe. Aber noch immer nicht das Material.»

«Klein, braun, rund, flach, wertlos… Ich komm einfach nicht drauf!»

«Man kann es essen…», half der Gnom.

«Ein Keks?»

«JAAAA!!!»

«Das ist ein schlechter Scherz, oder? Ich soll mir einen blöden Keks wünschen? Sei ehrlich, du hast einfach nur einen Keks in der Tasche. Du bist gar nicht magisch, oder?!»

«Willst du den Keks oder nicht?»

Silke gab sich geschlagen.

«Na schön, her damit…»

«Du musst es sagen!»

«Ernsthaft?»

«Yep!»

«Also gut: Ich wünsche mir einen Keks…»

«DEIN WUNSCH SEI DIR GEWÄHRT!», krähte der Gnom theatralisch, kramte einen Keks aus seiner Westentasche, warf ihn Silke zu und verschwand in einem Mauseloch in der Wand.

Hektisch blinzelnd starrte Silke auf das Loch, dann auf die Mausefalle und schliesslich auf den kleinen, braunen Keks in ihrer Hand, der nach Schokoladenaroma aussah.

Vielleicht war es ja ein magischer Keks?

Sie biss hinein und spuckte in der gleichen Sekunde wieder aus.

«Buäh! Pfefferminz-Füllung! Das ist ja widerlich!!»

Dann lud sie mit dem angebissenen Keksrest die Mausefalle neu. 

Seelendiebe

Sein Leben lang hatte der Häuptling sich dagegen gewehrt, fotografiert zu werden. Viele Besucher hatten es versucht, denn er bot einen prächtigen Anblick mit den bunten Federn und den handgeschnitzten Perlen. Doch der Häuptling wollte seine Seele intakt wissen für den Tag, wenn er dereinst an den Anderen Ort ginge.

Doch nun drückten sie auf den Auslöser ohne ihn um Erlaubnis zu bitten. Das Klicken ihrer Gerätschaften schmerzte den Häuptling im Ohr wie eine Waffe, die entsichert wird, und er starb innerlich jedes Mal einen weiteren Tod, wenn sein Antlitz verewigt und gebannt wurde.

Es waren einfach zu viele, nun da er in ihrer Welt war. Zu Hause, in seiner Welt, waren sie wenige gewesen, seltene Besucher ohne Macht über ihn. Er hatte ihnen gebieten können, Einhalt und überhaupt. Doch hier galt seine Position nichts, beeindruckten seine Federn niemanden. Verwunderung und Erstaunen brachten sie, doch keine Ehrerbietung. Er war lediglich eine Kuriosität in ihrer Welt.

Sie hatten ihn in westliche Kleidung gesteckt, da sie offenbar der Meinung waren, dass der menschliche Körper verhüllt gehöre. Skeptisch hatten sie seinen Lendenschurz und den Brustschmuck gemustert und nicht für gut genug befunden. Der Häuptling hätte ihnen gern die Bedeutung seiner heiligen Kleidung erklärt. Hätte ihnen gerne klar gemacht, dass bei ihm im Wald der Mensch in all seinen Formen geehrte wurde. Dass sich bei ihnen niemand unter meterlangen Bahnen aus kratzigem Stoff verbergen musste. Dass jeder in seiner Einzigartigkeit ein Wunder war.

Doch sie hörten nicht zu. Er sah es daran, wie ihre Augen bei seinem Bericht abschweiften. Wie ihre Aufmerksamkeit sich bunteren, schnelleren Dingen zuwandte.

Er spürte Wut in sich aufsteigen und bestand darauf, in seiner eigenen Kleidung vor das Gericht zu treten. Doch sie blickten auf seine unverhüllte Rückseite, seine nackte Brust und seine blossen Füsse und schüttelten nur traurig die Köpfe. Unmöglich!, befanden sie und hielten ihm schwarze Lumpen hin. Einer musste ihm zeigen, wie man die seltsamen Häute anlegte, die auf der Haut scheuerten und ihn zum Schwitzen brachten. Zum ersten Mal in seinem Leben roch der Häuptling seinen eigenen Schweiss, dem es nicht gestattet war, an der freien Luft zu verdunsten und ihn zu kühlen. Stattdessen sickerte er in das künstliche Gewebe und begann zu riechen. Er stank, befand der Häuptling nach einem Geruchstest. Wie peinlich…

Auch mit dem Schuhwerk hatte er seine liebe Mühe. Er, der sein ganzes Leben nichts als Blätter, Erde, Steine und Baumrinde unter den Füssen gespürt hatte, musste nun in unbequemen Kisten herumgehen. Nach drei Schritten verfing sich die ungewohnte Sohle im Teppich – noch etwas, das ihm fremd war – und er fiel der Länge nach hin. Doch statt dass sie ihm geholfen hätten, lachten sie über ihn. Der Häuptling fühlte die Verletzung, die sein Stolz und seine Würde erfahren hatten. Er hatte vor diesen Fremden das Gesicht verloren. Und sie taten nichts, um es ihm leichter zu machen. Sie machten es schlimmer mit ihrem Spott und Hohn.

Zum ersten Mal, seit er hergekommen war, fühlte der Häuptling Erleichterung darüber, dass ihn kein Stammesgenosse begleitet hatte. Die Krieger hatten lange darauf beharrt, mit ihm zu gehen. Doch er wollte sie keinen unnötigen Gefahren aussetzen und war allein in diese fremde Welt gereist. Nun war er froh, dass niemand, der ihn kannte, und dessen Meinung ihm am Herzen lag, seine Schande sah. Wenn er zurückkehrte, wäre er der einzige, der sich an diese Ehrverletzung erinnern würde. Sein Status bei seinem Volk wäre intakt.

Dass sein Status hier nichts galt, stellte er am ersten Tag vor Gericht fest. Man nahm ihn nicht ernst, als er mit Hilfe eines ungelenken Dolmetschers vom Verlust seiner Heimat berichtete. Von den grossen, schmutzigen Maschinen, die sein Volk gnadenlos vor sich hertrieben. Von den Männern mit den toten, grausamen Augen, die sie bedrohten, wenn sie ihre Hütten nicht räumten.

Diese Männer waren nicht ehrenhaft, erklärte der Häuptling. Sie ehrten die Göttlichkeit des Waldes nicht. Sie ehrten überhaupt nichts, liessen nicht mit sich reden. Sie gehorchten einem anderen Häuptling, weit weit entfernt. Es gab keine Möglichkeit, diesen Mann zum Gespräch zu treffen, die Angelegenheit wie Ehrenmänner zu diskutieren. Denn der andere, so sagte der Häuptling und ballte von Wut übermannt die Fäuste, der andere war kein Ehrenmann.

Wieder klickte es tausendfach und der Häuptling zuckte zusammen, als die Presse seine Rede dokumentierte. Er spürte, dass die Kräfte seiner Seele an diesem Ort schwanden. Es gab hier so wenig Grün. Er verstand nicht, wovon die Menschen lebten, die hier zu Hause waren. Wohin sie gingen, wenn sie Kraft brauchten.

Alles in ihm drängte heim, drängte zurück in den Wald. Doch er musste seine Seele für sein Volk opfern. Sonst gab es bald keinen Wald mehr, in den er zurückkehren konnte.

Er musste stark sein für seine Leute, die ohne ihn keine Chance hatten. Deshalb hatte man ihn zum Häuptling gewählt. Weil er das Wohl der anderen über sein eigenes stellte.

Doch hier, in diesem Moment, fühlte er sich klein und unbedeutend. Er spürte, dass er selbst Hilfe brauchte, dass er dabei war, sich zu verlieren. Seine Seele, seine Kräfte zu verlieren, wenn er noch lange hierbliebe. Er war sich sicher, dass sein Zustand mit den Bildern zusammenhing, die von ihm gemacht wurden.

Dann sah er, dass sie nicht nur ihn, sondern auch sich selbst pausenlos abbildeten. Nicht gegenseitig – sie taten sich dieses Unheil selber an! Und dann schickten sie ihre Bilder um die Welt. Zersplitterten ihre Seelen aus eigenem Antrieb.

Vielleicht hatten diese Menschen hier schon ihre gesamten Seelen weggeknipst und brauchten darum keinen Wald mehr.

Der Häuptling begriff, dass er sich diesen Menschen nicht begreiflich machen konnte. Sie verstanden nicht mehr, wie lebenswichtig grüne Blätter für die Gesundheit der Seele waren. Wie konnten sie retten, was längst verloren war?

Betrübt und restlos erschöpft machte er sich auf die lange Reise zurück zu den Seinen, solange er noch Reste seiner Seele besass.

Mit seinem Volk floh er weiter vor den Maschinen, so lange es ging. Doch der Häuptling war nicht mehr derselbe. Er war von seiner Reise als gebrochener, alter Mann zurückgekehrt. Die Anderen hatten ihn verändert. Zu viele Seelensplitter sassen für immer in den Bildern seines Antlitzes fest und fehlten ihm, nun da er sein Ende näherkommen spürte.

Als die Maschinen sie eingeholt hatten, verlor er seine Sprache. Er hatte keine Worte mehr für das Entsetzen, das sein Volk erfasste. Sein Sohn führte nun das Volk, führte es in eine unsichere Zukunft, so gut er es verstand.

Das Volk wurde zur Attraktion und viele Andere kamen in das kleine Waldstück, das der Sohn des Häuptlings für sie erkämpft hatte. Die Anderen machten Bilder, hielten ihre verbitterten Gesichter auf bunten Totentafeln fest. Das Volk spürte, dass seine Seele in die ganze Welt hinaus verschwand.

Was dafür in ihre Welt gelangte, waren die Schreckensmeldungen von fremden Orten, nah und weit entfernt. Die Besucher brachten diese Berichte. Sie fragten mit verblüffter Entrüstung, ob sie nichts davon mitbekommen hätten. Vom Krieg. Von dieser und jener Umweltkatastrophe. Von den Schrecken, die nichts mit ihrem eigenen Elend zu tun hatten.

Und dann berichteten immer mehr Besucher von der Krankheit, die sich ungebremst ausbreitete. Von der Angst und der Hoffnungslosigkeit, die die Welt erfasst hatte. Von der panischen Suche nach Linderung der Schmerzen, nach Besserung, nach einem Heilmittel.

Der Häuptling liess sich die Krankheit beschreiben. Sein Gesicht, das seit seiner Reise eingefallen und alt war, zeigte nicht die kleinste Regung. Doch er wusste, wovon die Menschen in der Welt geplagt wurden. Er blickte seinen Sohn an und schüttelte unmerklich den Kopf. Sein Sohn nickte. Er war mit seinem Vater einer Meinung.

Die Krankheit war auch beim Volk nicht unbekannt. Doch das Volk kannte ein Heilmittel. Es befand sich tief in den Wäldern, und es brauchte einen erfahrenen Medizinmann, um die Heilung zu bewirken. Nur der Heilige des Volkes konnte die Menschen gesund machen. Zusammen mit den Gaben des Waldes, die er ehrerbietig sammelte und zu Medizin verarbeitete. Seit Generationen war beim Volk niemand mehr an der Krankheit gestorben. Der Medizinmann hatte jeden einzelnen von ihnen wieder gesund gemacht.

Doch die Menschen hatten keine fähigen Medizinmänner mehr. Sie hatten sie alle mit ihrem Spott und Hohn in die Dunkelheit getrieben. Keiner, der das alte Wissen noch teilte, machte den Mund auf. Die Weisen schwiegen. So lange hatte man nicht auf sie gehört, nun würden sie ihr Wissen mit ins Grab nehmen.

Jemand musste den Anderen aber doch etwas erzählt haben, denn immer mehr von ihnen kamen zum Volk in ihren winzigen Waldabschnitt, den sie ihr kümmerliches Zuhause nannten. Sie fuhren mit stinkenden Maschinen zu ihnen, trampelten wertvolle Kräuter am Wegrand nieder, verscheuchten die Tiere, bauten sich vor dem Häuptling auf und baten, ja forderten die Medizin. Sie wüssten mit Bestimmtheit, dass er die Lösung für ihr Problem kenne, warfen sie dem gebrochenen Mann vor, dessen Haupt immer noch die bunten Federn krönten. Doch alle Federn dieser Welt beeindruckten die Männer nicht. Sie trugen die kratzigen Stoffe und unbequemen Schachteln an den Füssen und stanken in der schwülen Luft des Waldes. Sie fühlten sich im Recht. Sie blickten auf den alten Häuptling herab. Bedachten seinen Sohn und seine Töchter mit abschätzigen Blicken. Wilde! Barbaren! Das sahen die Männer in ihnen. Und deshalb fühlten sie sich auch im Recht, wenn sie das letzte Geheimnis, den letzten Schatz des Volkes forderten.

- Gebt es uns, oder wir nehmen euch auch noch das letzte Stück Wald weg und ihr könnt sehen, wo ihr bleibt!

Erst forderten, dann drohten sie. Sie enthüllten ihre gesamte Grausamkeit, die sie sonst hinter ihrer vermeintlichen Zivilisiertheit verbargen.

Der Häuptling machte sich seine eigenen Gedanken. Er hatte die Welt dieser Menschen gesehen. Er hatte von den Besuchern gehört, wie es bei ihnen aussah.

Seine Leute blickten furchtsam zu ihm hin. Auch sein Sohn sah ihn voller Angst an. Was, wenn diese Männer ihre Drohungen wahr machten? Wohin sollten sie gehen? Wovon sollten sie leben?

Doch der Häuptling strich über die Federn auf seinem Haupt und schenkte ihnen einen beruhigenden Blick. Es hatte seine Gründe, warum sie ihn zu ihrem Anführer gemacht hatten. Und noch war er nicht am Ende seiner Reise angelangt.

Er erinnerte sich an die beschämende Erfahrung, die sein Besuch in der Welt dieser Männer gewesen war. Er rief sich die Demütigungen, den Hohn und das Gelächter ins Gedächtnis, das sein Auftreten und sein Flehen bei ihnen ausgelöst hatten. Er schürte die alte Glut der Wut, die all die Jahre hindurch in seinem Herzen geschwelt hatte. Er richtete sich auf. Und sein Volk schöpfte Hoffnung. Der gebrochene, alte Mann der letzten Jahre war verschwunden. Vor ihnen stand der stolze, weise Häuptling von früher. Seine Autorität brachte sogar die wütenden Männer zum Schweigen. Und als seine Stimme zum ersten Mal seit Monaten wieder erklang, hörte der ganze Wald zu.

- Als ich zu euch kam, da lachtet ihr mich aus. Ihr hörtet mein Flehen nicht. Mein Leid interessierte euch nicht. Meine Probleme erschienen euch nicht wichtig genug, um euch wahrhaft mit mir zu befassen.

Die Männer schwiegen wütend. Sie waren sich keiner Schuld bewusst.

- Ich habe euch um Hilfe gebeten – nicht für mich, sondern für mein Volk, für die Kinder, für ihre Zukunft. Ihr habt eure Herzen verschlossen und mich lächerlich gemacht.

Der Sohn des Häuptlings horchte auf. Nie zuvor hatte der Vater von seiner Reise und seinen Erlebnissen bei den Anderen gesprochen. Nie hatte er erklärt, was ihn dort gebrochen hatte. Nie hatte er seine Schande und seinen Schmerz geteilt.

- Unerledigter Dinge bin ich wieder zu meinem Volk zurück. Ich musste ihnen erklären, dass ich versagt hatte. Dass ich ihre Hoffnungen in mich nicht erfüllt hatte. Dass mein Flehen unerhört geblieben war. Das hat mich viel gekostet. Mein Volk zu enttäuschen…

Die fremden Männer legten die Stirn in Falten. Na und?, schienen ihre erbosten Gesichter zu sagen. Was hat das mit uns und unserer Forderung nach Medizin zu tun?!

Doch der Häuptling hob die Hand, als sie ihre Münder öffneten, um lautstark zu protestieren und ihr Recht einzufordern.

- Ich bin heimgekehrt. Und seither habe ich mein Volk so gut ich es vermochte aus der Gefahr geführt. Mein Sohn war meine Stütze. Er hat uns ein neues Zuhause verschafft. Dieser kleine Bereich eines einst unendlichen Reiches, das wir unser Eigen nannten.

Der Häuptling wies mit der Hand auf den sie umgebenden Wald. Noch immer schoben die Männer wütend die Kiefer vor.

- Eure Heilung? Ja, wir besitzen das Wissen um sie.

Die Männer horchten auf. Der Sohn des Häuptlings blickte seinen Vater erschrocken an.

- Ihr wollt die Medizin, die euch und eure Kinder und deren Zukunft rettet? Bitteschön. Dort ist sie.

Verwirrt blickten die Männer in die Richtung, in die der Häuptling gewiesen hatte.

- Wo?

- In den Wäldern, die ihr uns genommen und die ihr zerstört habt. Auf der verbrannten Erde unserer verlorenen Heimat könnt ihr sie finden.

Damit wandte er sich ab und liess die Männer stehen. Sein Volk folgte ihm geschlossen. Der Häuptling ging mit kraftlosem Schritt zur Lichtung, dem letzten heiligen Platz, der ihnen geblieben war. Dort legte er sich nieder und schloss die Augen.

Sein Volk wachte bei ihm, bis er nach drei Tagen sanft hinüber ging. Sein Volk hoffte, dass er den Weg trotz seiner verstreuten fand. Doch sie hatten Hoffnung – der Häuptling war stark und weise.

An der Stelle, wo sein Körper zurück zur Erde ging, wuchs im nächsten Jahr die Medizin gegen die Krankheit. Der Sohn besuchte die Stelle oft und war der Erste, der das heilende Kraut entdeckte. Er berichtete dem Medizinmann davon, der die Stelle gegen böse Geister segnete.

Der Sohn war nun Häuptling. Er hatte nicht vor, die Medizin mit einer Welt zu teilen, die seinen Vater gebrochen hatte. Sein Volk war mit ihm einer Meinung. Die vielen Fotografien schienen dem Volk die Seele geraubt zu haben. Die Männer und Frauen waren verbittert und wütend. Die Liebe zu allen Wesen, die lebendig sind, war ihnen beinahe abhanden gekommen. Sie hatten kein Mitleid mehr mit der Welt. 

Es reichte gerade noch für sie selbst.

Das Verhör

„Nun geben Sie’s doch endlich zu!“

„Was soll ich zugeben? Ich war’s nicht!“

„Lügen Sie mich nicht an! Wenn ich eines kann, dann einen Lügner erkennen!“

„Ich weiss ja nicht einmal, was Sie mir vorwerfen!“

„Als ob ich Ihnen das verraten würde. Lieber warte ich darauf, dass Sie sich in Widersprüche verstricken!“

„Widersprüche wobei?!“

„Ihren Schandtaten!“

„…“

„Oh, Sie denken also, Schweigen wird Sie retten? Ich nehme das einfach als stille Zustimmung.“

„Ich stimme überhaupt nichts zu, hören Sie mich?! Ich gebe nichts zu. Ich habe nichts getan! Ich bin vollkommen unschuldig!“

„Vollkommen? Sie wollen ernsthaft behaupten, eine absolut reine Weste zu haben?“

„Naja…“

„Wusst ich’s doch! Gerade haben Sie an Ihr Verbrechen gedacht! Ich sehe es Ihnen an der Nasenspitze an!“

„Na, hören Sie mal! Jeder hat doch ein paar Dinge getan, auf die er nicht stolz ist… Mich deswegen gleich als Verbrecher hinstellen, finde ich dann doch etwas übertrieben.“

„Ich weiss aber, dass Sie einer sind.“

„Sie können mir nichts nachweisen!“

„Dann geben Sie also zu, es getan zu haben?“

„Was?! Nein!! Ich war’s nicht!“

„Woher wollen Sie wissen, dass Sie es nicht waren, wenn ich Ihnen noch nicht gesagt habe, wessen ich Sie verdächtige?“

„Das… also… Ich weiss einfach, dass ich nichts verbrochen habe!“

„Eben sagten Sie noch, dass jeder Leichen im Keller hätte.“

„Ich meinte damit so etwas wie Falschparken oder Kugelschreiber aus dem Büro stibitzen…“

„Ich durchschaue Sie!“

„Wie bitte?“

„Sie wollen mich auf eine falsche Fährte locken, indem Sie ein anderes, weniger schlimmes Verbrechen zugeben.“

„Zum letzten Mal: Ich gebe gar nichts zu! Ich habe nichts getan! Nichts!“

„Wirklich nicht? Vielleicht haben Sie es nur verdrängt…“

„Woher soll ich dann wissen, ob ich etwas Schlimmes getan habe, wenn ich es doch, wie Sie sagen, verdrängt habe?“

„Das versuche ich gerade herauszufinden.“

„Na dann, viel Glück…“

„Sie halten sich wohl für sehr clever, was?!“

„Im Gegenteil.“

„Dann sind Sie also ein Dummkopf?“

„So eine Frechheit! Ich bin fassungslos!“

„Gut so. Ich war auch fassungslos, als ich den Tatort gesehen habe…“

„So schlimm?“

„Schlimmer!“

„Ich versichere Ihnen, dass ich absolut unschuldig bin! Ich bin gar nicht in der Lage, ein Verbrechen zu begehen! Sehen Sie mich an: Ich schwitze und zittere. Sieht so ein abgebrühter Übeltäter aus?“

„Ist vielleicht alles nur Show, um mich zu täuschen.“

„Ich bitte Sie! Lassen Sie mich laufen! Sie haben wirklich den Falschen!“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Dann erklären Sie mir doch endlich, worum es hier geht! Was werfen Sie mir vor?“

„Wo waren Sie am 28. Juni um 12 Uhr mittags?“

„28. Juni? Keine Ahnung! Kann ich meinen Terminkalender überprüfen?“

„Nein.“

„Okay… lassen Sie mich kurz nachdenken…“

„Die Zeit des Nachdenkens ist vorbei!“

„Geben Sie mir doch einen Moment, Herrgott nochmal!“

„Warum sollte ich? Sie sitzen hier auf dem heissen Stuhl!“

„Ist das überhaupt legal? Ich sollte zumindest meinen Anwalt anrufen dürfen, finden Sie nicht?“

„Dann sind Sie also schuldig?“

„Was?!“

„Nur Schuldige brauchen Anwälte.“

„Das ist unfassbar!“

„…“

„Sie brauchen gar nicht so zu grinsen. Ich werde Sie verklagen, wegen Machtmissbrauchs!“

„Versuchen Sie es doch! Ich habe da draussen zwanzig Männer, die schwören werden, dass ich im Recht bin.“

„Ach, so sieht das also aus! Wollen Sie mir jetzt drohen?“

„Nur wenn Sie weiterhin stur bleiben. Gestehen Sie und alles wird gut. Ich handle Ihnen einen Deal aus, versprochen!“

„Ich glaube Ihnen kein Wort. Erst machen Sie einen auf bösen Cop und plötzlich sind Sie der gute Cop?! Wer’s glaubt…“

„…“

„Das ist doch ein abgekartetes Spiel! Mir reicht’s! Sie wollen mir etwas anhängen! Da mach ich nicht mit!“

„He! Kommen Sie da runter!“

„Lassen Sie mich los! Ich halte das nicht mehr aus!!“

„Hören Sie auf mit dem Unsinn! Was haben Sie vor? Wollen Sie etwa aus dem Fenster springen?“

„Man kann’s ja mal versuchen.“

„Wir sind hier im siebten Stock!“

„Das ist mir egal!“

„Setzen Sie sich hin, Mensch! Sie entkommen mir ja doch nicht!“

„Was soll das alles eigentlich! Sagen Sie mir endlich, was hier vorgeht!“

„…“

„Zucken Sie nicht nur mit den Schultern. Warum ich? Was haben Sie gegen mich in der Hand?“

„Na schön… na schön…“

„Ich warte!“

„Ich weiss, dass Sie es waren. Ich habe Zeugen.“

„…“

„Oh, plötzlich ganz kleinlaut, was? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“

„Zeugen?! Was für Zeugen?“

„Zwei Personen haben Sie auf frischer Tat beobachtet.“

„Sie bluffen doch!“

„Ich wüsste nicht, wieso ich bluffen sollte.“

„Pfff! Das… also…“

„Gestehen Sie endlich!“

„Wozu brauchen Sie mein Geständnis, wenn Sie mehrere Zeugen haben?“

„Ich dachte, ich gebe Ihnen die Chance, ihre Weste selbst reinzuwaschen. Erzählen Sie mir, was geschehen ist.“

„…“

„Kommen Sie! Ich weiss doch, dass Sie beichten wollen.“

„Was springt dabei für mich raus?“

„Was wollen Sie?“

„Ich kann alles erklären. Ich will nur einen gerechten Prozess.“

„Wusst ich’s doch! Sie waren es tatsächlich! Jetzt hab ich Sie!“

„Sie haben doch geblufft! Sie mieses…!“

„He! Vorsichtig!“

„Entschuldigung! Ich… ach, verdammt!“

„Na, los! Sie haben sich ohnehin schon um Kopf und Kragen geredet!“

„Also gut, ich gestehe!!“

„Na also, geht doch!“

„Lassen Sie mich ausreden!“

„Aber dalli!“

„Ich wollte das alles nicht…“

„Reden Sie endlich! Ich warte!“

„Am Mittag des 28. Juni… war ich unfassbar hungrig.“
„Kommen Sie zur Sache!“

„Das ist wichtig! Sie müssen die ganze Geschichte kennen, um zu verstehen.“

„Fassen Sie sich kurz!“

„Nun gut. Ich war wahnsinnig hungrig. Ich kam gegen Mittag in die Büroküche und suchte nach etwas Essbarem, als völlig unverhofft…“

„Ja…?“

„Diese leckere Pizza auf dem Tisch lag…“

“Und…?“

„Was und?“

„War da etwas Besonderes an der Schachtel?“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Stand da etwa kein Name auf der Pizzaschachtel?“

„Doch…“

„Welcher Name war das?“

„…“

„WESSEN NAME STAND AUF DER SCHACHTEL?“

„Ihrer.“

„Ganz genau! Wenn ich Sie noch einmal dabei erwische, wie Sie meine Pizza fressen, fliegen Sie hochkant raus!! Und jetzt zurück an die Arbeit!“

„Ja, Chef… Tut mir leid…“

„Jaja! Das sagen sie alle…“

Erleuchtung

Rita freute sich ungeheuer auf das Seminar im Zen-Kloster. Sie hatte lange gespart, um sich das Retreat leisten zu können, und fieberte ihren Ferien immer ungeduldiger entgegen.

Als sie durch das steinerne Tor in die Stille des Klosterhofes schritt, spürte sie die tiefe Ruhe des Ortes und war sich sicher, die richtige Entscheidung gefällt zu haben.

„Willkommen“, begrüsste sie eine geschäftige Nonne in einem bequem aussehenden, grauen Gewand und führte sie in den Schlafraum, wo sie ihr Gepäck deponieren konnte.

Anschliessend begab Rita sich entsprechend den Anweisungen der Nonne in die grosse Versammlungshalle, in der gleich ein weiser Zen-Meister sprechen sollte. Andächtig lauschten Rita und elf weitere Besucher den genuschelten Worten des alten Mannes. Rita verstand, was der Mann sagte, aber nicht, was er meinte.

Verwirrt blickte sie deshalb auf die Nonne, die, nachdem der Meister geschlossen hatte, erwartungsvoll vor ihr stand.

„Das Dana für den Meister ist freiwillig. Die meisten geben 50 Euro“, erklärte die Nonne mit Nachdruck. Rita verstand noch immer nicht. Erst als die Nonne den Korb mit den zahlreichen 50-Euro-Scheinen vor ihrer Nase schüttelte, erwachte sie aus ihrer Erstarrung und fummelte eilig das Geld aus ihrem Portemonnaie.

„Ich dachte, alle Seminare seien im Preis inbegriffen?“, flüsterte Rita der Besucherin neben sich zu, sobald die Nonne ausser Hörweite war.

„Das dachte ich auch…“, wisperte die Frau zurück. Sie hatte eine wasserstoffblonde Strubbelfrisur und wirkte – abgesehen von ihren asiatischen Gesichtszügen – so fehl am Platz, wie Rita sich fühlte.

Beide zuckten zusammen, als sie ein männlicher Retreat-Besucher dicht hinter ihnen laut anherrschte:

„Das Dana für die Meister ist freiwillig! Haben Sie nicht zugehört?“

Plural! Rita fuhr der Schreck in sämtliche Glieder. Hiess das, sie musste diese Woche noch mehr bezahlen? Und was bedeutete überhaupt ‚Dana‘? An diesem Abend wagte sie nicht mehr, danach zu fragen.

 

Nach einer schlaflosen Nacht auf einem sehr dünnen Futon und sehr harten Tatami-Matten erklärte man ihr, dass sie als Teil ihres Samu nun erst einmal eine Stunde Küchendienst absolvieren solle. Rita musste nachfragen, was denn ‚Samu‘ sei, und wurde belehrt, dass es sich hierbei um meditatives Arbeiten im klösterlichen Kontext handle, das ebenso zur Erleuchtung führen könne wie eine Zen-Meditation.

Rita gab sich geschlagen. Gegen diese Erklärung hatte sie keine schlagkräftigen Argumente, doch sie wünschte sich dringend eine Tasse Kaffee und ein Nickerchen auf einer weichen Unterlage. Stattdessen grub sie im Garten Kartoffeln aus der frostbedeckten Erde. Die blonde Strubbelfrisur arbeitete gähnend zwei Reihen weiter links und wirkte genauso übernächtigt und missmutig wie Rita.

„Ein Königreich für einen Kaffee…“, raunte Rita ihr zu, als sie die schweren, vollen Körbe später in die Küche schleppten. Die Blonde stöhnte zustimmend.

Ritas Finger brannten von der Kälte und der ungewohnten Buddelei in der Erde. Sie fühlte sich wund und verletzlich. Eine weitere halbe Stunde Kartoffeln schälen halfen da auch nicht gerade.

Kaffee gab es keinen, dafür bitteren Grüntee. Anschliessend wurde die Truppe in einen kalten Raum gescheucht, wo sie unter Anleitung eines westlich aussehenden Zen-Meisters die nächsten zwei Stunden in stiller Meditation unterwiesen wurden.

Ritas Magen knurrte vernehmlich, und ihre Beine zitterten während der endlosen Sitzerei unkontrolliert. Sie versuchte, sich auf die Meditation zu konzentrieren und die körperlichen Strapazen abzustreifen. Doch Hunger und Kälte machten es ihr unmöglich. Sie öffnete die Augen, und ihr Blick traf den der Blonden, die in stummer Verzweifelt den Kopf schüttelte. Rita musste ob der Absurdität der Situation grinsen. Und fing sich einen tadelnden Blick des Meisters ein.

Nach der Lektion ging die Nonne wieder mit dem Korb durch die Reihen.

„Entschuldigung…“, sprach Rita die Frau leise an. „In der Broschüre stand nichts von zusätzlichen… Also, ich dachte, die Kurse seien im Preis des Retreats schon enthalten…“

„Sind sie auch“, erklärte die Nonne fröhlich. „Das Dana ist freiwillig. 50 Euro ist unsere Empfehlung für jeden Meister.“

„Aha…“ Geschlagen und beschämt holte Rita ihr Geld hervor. Wenigstens gab es gleich Mittagessen.

Doch als Rita wenig später vor einer kleinen Portion Salzkartoffeln sass, deren Ursprünge sie nur zu gut kannte, hätte sie am liebsten weinen mögen.

„Wenn es Ihnen nicht schmeckt, können Sie auch im angeschlossenen Kloster-Restaurant essen…“, sagte die Köchin eingeschnappt, als sie Ritas langes Gesicht sah. Rita horchte auf.

Sie begab sich unverzüglich in die Restaurant-Räumlichkeiten. Doch dort erklärte man ihr, dass die Mahlzeiten, die sie hier einnehme, selbstverständlich separat abgerechnet würden. Nur das Essen, bei dem die Retreat-Besucher mithalfen, war kostenlos. Rita hatte solchen Hunger, dass ihr das egal war. Sie liess sich die Karte bringen.

Während sie wartete, sah sie, wie elegant die anderen Gäste gekleidet waren. Sie fiel unangenehm auf in ihren bequemen Yoga-Klamotten mit den vom Kartoffelgraben erdigen Knien. Sie versuchte ihr unpassendes Äusseres durch vollendete Manieren zu kaschieren und bedankte sich höflichst, als die Serviceangestellte ihr die Speisekarte reichte.

Rita warf einen Blick auf die Gerichte und die Preise, dann schloss sie die Karte leise und verzog sich beschämt wieder in den kargen Speisesaal für die Seminar-Besucher. Ihre Kartoffeln waren in der Zwischenzeit natürlich verschwunden.

„Pssst“, wisperte ihr die Besucherin mit der blonden Strubbelfrisur auf dem Weg zum nächsten Vortrag zu. Wieder ging es zu einem Zen-Meister in die grosse, zugige Halle.

Vor Ritas Augen tanzten schwarze Flecken, als sie sich umwandte. Die Blonde steckte ihr einen Proteinriegel zu, den Rita dankbar annahm und sofort verschlag. Schlagartig fühlte sie sich etwas besser.

Wieder verstand sie zwar die Worte, aber nicht die Botschaft des weisen Mannes.

War es denn von einem Weisen zu viel verlangt, sich verständlich auszudrücken?

Rita fürchtete sich vor dem Ende der Rede. Und tatsächlich: Kaum hatte der Meister sein Genuschel beendet, tauchte die Nonne vor Rita auf.

„Das freiwillige Dana…“

„Ich habe nichts verstanden und fühle mich ausserstande, diesem Mann eine Spende – ob freiwillig oder nicht – darzureichen“, unterbrach Rita die Frau.

„Wir empfehlen für das freiwillige Dana eine Summe von 50…“

„Haben Sie mir nicht zugehört?“, unterbrach Rita sie erneut.

Doch noch immer stand die Nonne versonnen lächelnd vor ihr und hielt ihr den Korb unter die Nase.

„Für den Meister…“
 „ICH WERDE NICHTS GEBEN!“, sagte Rita lauter als beabsichtigt. Die roboterhafte Nonne ging ihr langsam echt auf den Geist.

„Das ist eine Beleidigung!“, schaltete sich der empörte Mann von gestern ein, der seine 50 Euro bereits brav in den Korb geworfen hatte.

„Nein, eine Beleidigung ist es, wenn man für ein Retreat ein kleines Vermögen hinlegt, dann für jeden einzelnen Kurs extra bezahlt, und ausserdem sein Mittagessen, das diesen Namen kaum verdient, selber aus der Erde buddeln muss, und einem das dann als zur Erleuchtung führende Meditation untergejubelt wird!“, erwiderte Rita, in der es nun ebenfalls brodelte.

„Das freiwillige Dana für den Meister…“

„Seien Sie still!“, fuhr Rita die Nonne an. „Wir scheinen höchst unterschiedliche Auffassungen des Begriffs ‚freiwillig‘ zu haben, wie mir scheint. Ebenso vom Konzept der spirituellen Erleuchtung“, sagte Rita mit kaum unterdrückter Wut. Dann wandte sie sich zu ihrer blonden Verbündeten um:

„Lieber gebe ich meine letzten 50 Euro für ein Taxi zum Bahnhof aus. Kommst du mit?“

Die Blonde nickte eifrig, und gemeinsam eilten sie aus dem Raum.

„Ich heisse übrigens Rita.“

„Freut mich! Ich bin Sadie. Also eigentlich Satori.“

„Das ist nicht dein Ernst?!“

„Oh doch“, sagte Satori und grinste verschmitzt.

Und einfach so hatte Rita die Erleuchtung doch noch gefunden. Sie hatte eine wasserstoffblonde Strubbelfrisur und für Notfälle immer ein paar Proteinriegel im Gepäck.

Golden

Glühend rot ging die Sonne zwischen den Häusern unter. Tia drückte die Wiederholtaste und hörte zum zwölften Mal „Don’t fear the reaper“, die Originalversion mit dem seltsamen Kuhglocken-Rhythmus. Sie kriegte einfach nicht genug von dem Lied. Die sommerliche Hitze wich einer angenehmen Wärme, als die Wolken sich flammend rot färbten. So würde es sich die ganze Nacht auf dem Balkon aushalten lassen. Zwei Fledermäuschen flatterten vorbei, auf der Jagd nach Insekten. Tia lächelte. Um sie herum pulsierte das Leben der Stadt. Irgendwo feierte jemand eine Party. Während der ruhigeren Liedteile konnte sie deren Musik und das Lachen hören. Unter ihr gingen Menschen vorbei, ohne dass sie gesehen wurde.

Tia atmete tief und entspannt ein und aus. Sie wollte nirgendwo sonst auf der Welt sein als genau hier. Es war einer dieser Momente im Leben, die vor lauter Vollkommenheit warm und golden glänzten.

Philosophie und Hunger

„Vielleicht sind wir alle eins. Ein einziger grosser Organismus. Jedes kleine Rädchen im Getriebe wichtig für den Lauf der Welt…

Vielleicht braucht es auch den Kleinsten unter uns, damit das grosse Ganze funktioniert…

Vielleicht ist die Welt ja doch ein vollkommenes Konstrukt, und wenn jeder seine Rolle einnimmt, dann ist das Leben vollkommen, perfekt, makellos…

Doch leider lebt in unserer Gesellschaft jeder nur zu seinem persönlichen Vorteil.

Das ist der Fluch des Individualismus. Keiner ist bereit, seinen persönlichen Vorteil für das allumfassende Gute zurückzustellen.

Sobald sich die einzelnen Komponenten benachteiligt fühlen, vergessen sie den grossen Plan und werden zu Egoisten. Ich, ich, ich! Ist nicht vielleicht das unser grösstes Übel, unser Hindernis auf dem Weg zur Vervollkommung?“, dachte der Frosch philosophisch, und beobachtete interessiert die Fliege, die über den Rand seines Seerosenblatts krabbelte. 

„Wenn jeder wichtig ist“, überlegte er, „dann ist auch jeder wertvoll. Oder nicht?“

Sein Magen knurrte. Instinktiv schnellte seine klebrige Zunge hervor, und er verschlang die Fliege in einem Happs.

„Vielleicht auch nicht…“, dachte er und schloss zufrieden die Augen. Leider sah er deshalb den Storch nicht, der ihn nachdenklich beobachtete.

Perspektivische Verzerrung

Oh nein! Nein!

Bin entdeckt!

Sieht mich.

Entscheidet.

Braucht eine Ewigkeit dafür.

Renne.

So schnell mich meine sechs Beine tragen.

Renne, renne, renne.

Vergebens!

Hat mich gesehen!

Folgt meinen Bewegungen.

Will mich töten!

Bin verloren!!

Gnade! Erbarmen!

Meine Frau! Meine Kinder!

Bitte!

Lass mich laufen!

Lass mich gehen!

Renne ja fort, so schnell ich kann!

Nein! Bitte!

Nähert sich mir.

Gewaltig.

Träge.

Unaufhaltsam.

Unausweichlich.

Fixiert mich mit seinen winzigen Augen.

Diese Bosheit! Dieser Hass! Ekel!

Hasst mich.

Findet mich widerwärtig.

Zerquetschenswert.

Verabscheut mich.

Um meiner selbst wegen.

Nur weil ich sein Reich betreten habe?

Zufall! Zufall! Wollte hier gar nicht her!

Hab mich nur verlaufen!

Verschwinde ja bereits!

Lass mich gehen! Lass mich gehen!

Kommt immer näher.

Hat seine Waffe gewählt – ein weisses Kleenex.

Oh bitte! Bitte nicht!

Geh weg von mir!

Renne doch so schnell ich kann!

Lass mich leben!

Bitte!

NICHT!

Weiss senkt sich über mich.

Finde nicht mehr heraus!

Kriege keine Luft!

Angst!

So grosse Angst!

Will nicht sterben!!

Weiss rückt immer näher.

Auf mich zu.

Berührt mich.

Drückt auf mich.

Druck wird grösser.

Kriege keine Luft mehr!

Hilfe!

Bitte, bitte nicht!

Gnade!!

Spüre meinen Panzer knirschen.

Dieser Schmerz!

Knacken, als mein Körper aufgibt…

Schmerz ist endlos!

Wann hört das auf?

Wann…?

Beine knicken…

Rücken bricht…

Kopf zerspringt…

Kriege keine Luft…

Leben entweicht mir…

Kann nicht atmen…

Bitte!

Mach, dass es aufhört…

Bitte…

 

     ° ° °

 

Das Knacken des Chitinpanzers, als Damaris den Käfer mit dem Taschentuch zerdrückt, ist absolut widerwärtig. Es schüttelt sie vor Ekel. Dann knüllt sie das Kleenex zusammen und drückt noch einmal fest zu, damit das kleine Tierchen auch sicher tot ist.

‚Sorry, Käfer‘, denkt sie mit schlechtem Gewissen. ‚Aber wenigstens bist du schnell gestorben und hast nicht lange gelitten.‘

Sie wirft Taschentuch und Käfer in den Müll und wäscht sich die Hände. Dann bekommt sie keine Luft mehr und sinkt an der Spüle zusammen. Das Wasser läuft noch immer. Sie aber sitzt keuchend am Boden.

Seit der Bronchitis ist es richtig schlimm. Manchmal hat sie regelrecht das Gefühl, sie müsse ersticken.

Als die tanzenden Flecken vor ihren Augen verschwunden sind, kriecht Damaris zum Telefon und macht einen Termin beim Arzt.

«Wie dringend ist es denn?», fragt die Arztgehilfin mit ihrer Kinderstimme. Damaris, die mehr als doppelt so alt ist, beneidet das Mädchen um seinen gesunden, unverbrauchten Körper und hustet ins Telefon:

«Sehr!»

«Oh, okay…», murmelt die Arztgehilfin erschrocken, «dann schiebe ich Sie morgen um neun dazwischen.»

Sie legt hastig auf, als wäre Damaris ansteckend. Dabei hat sie ihr Leiden selber verschuldet, das weiss sie genau. Sie raucht seit ihrem sechzehnten Lebensjahr täglich eine Packung Zigaretten.

Keuchend lehnt Damaris sich an die Wand. Das Telefonat hat sie ihre letzte Kraft gekostet.

Am nächsten Morgen erklärt ihr der Arzt mit finsterem Blick, dass die Abkürzung COPD für chronisch-obstruktive Lungenerkrankung stehe, im Volksmund beschönigend «Raucherhusten» genannt, in Wahrheit aber eine unheilbare und ernstzunehmende Krankheit, an der ein Grossteil der bisherigen und aktuellen Raucher des Landes leidet. Meist unwissentlich.

Der Arzt erzählt von starkem Husten, von Schleim am Morgen, der nur schwer abgehustet werden kann, von Atemnot selbst bei mässiger bis schwacher körperlicher Belastung, und von brummenden oder pfeifenden Geräuschen beim Ausatmen.

Damaris hört nur mit halbem Ohr zu. Sie lauscht auf das pfeifende Geräusch, das ihre Lungen seit der Bronchitis beim Ausatmen machen.

Bisher hatte sie sich eingeredet, eben einfach zu wenig Sport zu machen. Mit ein bisschen gesunder Ernährung und einem Spaziergang am Abend wäre sie sicher fitter, davon war sie überzeugt gewesen. Nur dass sie sich eben nicht besser ernährt und abends weiterhin rauchend auf dem Sofa gesessen hatte…

Nun aber weiss sie mit Sicherheit, was sie schon seit Monaten ahnt und verdrängt. Sie ist ernsthaft krank und es gibt kein Heilmittel. Das Heilmittel wäre gewesen, damals mit dreizehn nach der ersten Zigarette gleich wieder mit dem Rauchen aufzuhören. Aber dieser Zug ist längst abgefahren. Man sieht ihn nicht einmal mehr, während man keuchend und hustend am Ende des Perrons steht.

 

Damaris muss in ein seltsames Gerät pusten. Der Arzt nickt noch einmal mit zusammengezogenen Augenbrauen. Er schreibt ein Rezept für ein Medikament, das ihre Atemwege erweitern soll, und hält sie dazu an, gerade jetzt den Sport nicht zu vernachlässigen – das wäre in höchstem Masse kontraproduktiv.

Damaris kann sich gerade noch verkneifen zu fragen: «Welchen Sport?» und nimmt nickend das Rezept entgegen. Sie fühlt sich, als hätte sie gerade ihr Todesurteil überreicht bekommen.

«Ausserdem sollten Sie sofort mit dem Rauchen aufhören», sagt der Arzt, als wäre das die einfachste Sache der Welt. Ja klar! Einfach mal schnell von zwanzig Zigaretten am Tag auf null runterfahren, no problemo!

Damaris flieht aus dem Zimmer und hinaus auf die Strasse, wo sie sich automatisch eine Zigarette anzündet, wie immer, wenn sie sich beschissen fühlt, schlechte Nachrichten bekommt, nicht denken kann, sich ihre Gedanken überschlagen, sie nicht schlafen kann, sie eine Pause vom Alltag braucht, wenn alles zu viel wird und nichts anderes hilft.

Vielleicht ist Rauchen nicht die Ursache, sondern ein Symptom einer ganz anderen Krankheit. 

 

In den folgenden Monaten verschlechtert sich Damaris’ Zustand schubweise. Sie kommt einfach nicht von den Zigaretten weg, so sehr sie sich auch bemüht. Aber immer, wenn die Panik sie wie eine gigantische Meereswelle zu überrollen droht, findet sie sich auf dem Balkon wieder, den beruhigenden Glimmstängel zwischen den zitternden Fingern. Nichts anderes hilft in solchen Momenten.

Schliesslich verschreibt ihr Arzt Damaris Kortison zur Inhalation.

 

Dann kommt die Sauerstofftherapie.

Damaris keucht und japst inzwischen, sobald sie auch nur von einem Stuhl aufsteht.

 

Für die Transplantationsliste einer Spenderlunge qualifiziert sie sich nicht, weil sie immer noch nicht mit dem Rauchen aufgehört hat. Die Organe sind selten genug und gehen an Menschen, die nach Meinung der Ärzte vollen Einsatz dabei zeigen, wieder gesund werden zu wollen. Weiterleben zu wollen.

Ihr Arzt blickt Damaris enttäuscht an. Nicht enttäuscht darüber, dass sie es nicht auf die Liste geschafft hat, sondern enttäuscht über ihr Verhalten in dieser brenzligen Situation.

Damaris könnte nur noch weinen vor Angst und Verzweiflung. Sie tut es nicht. Weil sie sonst gar keine Luft mehr bekommt.

 

Ja, sie ist selber schuld an der Misere. Aber hat sie es deshalb verdient, so elendiglich zu verrecken? Kann sie wirklich etwas dafür, dass die Welt so ist wie sie ist? Hat sie mit tausend kleinen Handlungen dazu beigetragen, dass das Leben beschissen ist? Oder haben das andere verbockt? Haben andere sie in die Scheisse geritten, in der sie jetzt bis zum Hals steckt?

Ihre Grosseltern, die ihre Gene mit der Affinität zu Suchtverhalten an Damaris’ Eltern vererbt haben?

Ihre Eltern, die ihre ganze Kindheit hindurch geraucht haben, als sie eigentlich Vorbilder hätten sein müssen?

Ihr erster Freund Thierry, der ihr – damals gerade süsse dreizehn Jahre alt – die erste Zigarette angeboten und mit seinen hübschen braunen Augen dafür gesorgt hat, dass sie das eklige Ding auch aufraucht und den Hustenreiz unterdrückt?

Die Zeitumstände, die es ihr erlaubten, an der Uni und später im Büro zu rauchen, sie nie zwangen, den Glimmstängel auszudrücken?

Die Tabakindustrie, die ihr Produkt derart perfektioniert hat, dass es kaum möglich ist, davon loszukommen? Weder mit Hypnose, noch mit Akupunktur, noch mit Medikamenten, Seminaren, Ersatzzigaretten, Nikotinpflastern, Schlammbädern oder Weizengrassaft?

Waren die alle schuld? Oder war es ihr eigener Fehler? Ihre Schwäche? Ihre Disziplinlosigkeit?

Hat sie nicht alles Menschenmögliche versucht und trotzdem versagt?!

 

Damaris sitzt in der Ecke und versucht, nicht zu weinen. Wenn sie weint, kann sie nicht atmen. Das zumindest hat sie in den letzten Wochen schon herausgefunden. Im Grunde müsste sie die ganze Zeit über vollkommen entspannt sein, dann ginge es ihr am besten, dann bekäme sie am ehesten Luft.

Aber wie, in Gottes Namen, konnte sie entspannt sein? Sie starb gerade!

 

Beinahe unmerklich haben ihre Lippen, Finger und Zehen begonnen, sich blau zu verfärben. Der Husten am Morgen ist jetzt besonders schlimm, aber immerhin hustet sie noch.

Solange es weh tut, ist man noch nicht tot, sagt sich Damaris und kämpft gleich darauf wieder mit den Tränen.

Sie gehöre wohl eher in die Kategorie der «Blue Bloaters», meinte ihr Lungenarzt beim letzten Besuch mit Blick auf ihren Leibesumfang.

«Wie bitte?!», hatte Damaris gekeucht.

Der Arzt holte eine Tabelle hervor und wies auf die abgebildeten Schemazeichungen.

«Es gibt zwei Typen von COPD-Patienten, die ‘Pink Puffers’ und die…»

An diesem Punkt war Damaris aus dem Zimmer gestürmt.

Sie hatte genug von den Ärzten und ihrer Überheblichkeit. Was wussten die davon, wie es sich anfühlte, wenn man gerade verreckte?

Sie würde sich irgendwo verkriechen und ganz allein, in Frieden, ihr letztes Keuchen aushauchen.

Würdevoll.

In ihrem Sinne. Nach ihren eigenen Regeln.

 

     ° ° °


Gequält blickt Gottheit auf den blauen Planeten im unendlichen Sandkasten, der Gottheits Zuhause ist. Die Verwüstung schmerzt Gottheit im Innersten, doch sie lässt sich nicht aufhalten. Alles geht seinen Lauf. Sterne entstehen in der Ferne, glimmen kraftvoll auf, werden rot und riesig, verglühen, und brennen Löcher ins Gewebe des Seins.

Gottheit schaut interessiert aber unbeteiligt zu. Gottheit freut sich an den Farben und denkt nicht weiter darüber nach.

Dann wendet sich Gottheits seelenloser Blick wieder dem Leben auf der blauen Kugel zu. Auf das Gewusel hinabblickend wundert sich Gottheit. So viel Leben, so viel Tod. So viel Veränderung in jedem Moment. Wie muss das für sie sein, dort unten?

Immerhin, denkt Gottheit, scheinen sie nicht zu leiden. Sie sterben so schnell, die Menschen.

Sechs Uhr achtundfünfzig

Sie hörte den aufheulenden Motor und konnte gerade noch einen Schritt zur Seite machen, bevor der getunte Sportwagen direkt vor ihr auf den Gehweg und weiter auf den Parkplatz schoss. Sie sprach ein stummes Dankeschön an ihren Schutzengel und eine etwas lautere Verwünschung aus, dann stellte sie sich in einiger Entfernung des Autos in den Schatten.

Während sie wartete, schweifte ihr Blick zum Fahrer des aufgemotzten Gefährts, der bei laufendem Motor in sein Handy vertieft war. Sie schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Seine Haare waren raspelkurz geschnitten und liessen einen schön geformten Kopf erkennen. Er trug eine teuer aussehende Sonnenbrille, und auch seine Klamotten besassen die unangestrengte Lässigkeit von Markenkleidung. Etwas beschämt blickte sie auf ihre eigene Sporthose hinab, der man den Textil-Discounter von weitem ansah.

Der bollernde Motor ging endlich aus und holte sie aus ihren Gedanken. Der junge Mann stieg aus, knallte die Tür zu, machte sich nicht die Mühe, sein Auto abzusperren, und kam in ihre Richtung. Sie versuchte, unbeteiligt und lässig dazustehen, was natürlich misslang, da sie nicht unbeteiligt und lässig war. Sie war genervt, wütend auf sich selbst, denn sie fühlte sich klein und schäbig, arm und unwichtig.

Warum hatte so ein Bürschchen allein mit seiner Schnoddrigkeit und seinem aufgeplusterten Auftreten die Macht, sie in ihrem Selbstverständnis zu erschüttern? Sie war nicht schlechter als dieses Bübchen, das seine teure Karre bestimmt noch lange nicht abbezahlt hatte.

Sie ballte die Fäuste und versuchte, ruhig durchzuatmen. Du bist auch nicht besser als er, nur weil du deine Rechnungen pünktlich bezahlst und deinen Müll trennst, rief sie sich in Erinnerung. Sie versuchte seit einigen Wochen, allen Menschen mit Liebe zu begegnen – auch wenn sie anstrengende Kotzbrocken waren.

Es war nicht einfach.

Mit ausgreifenden Schritten und unbeteiligtem Gesichtsausdruck ging der junge Mann an ihr vorbei. Viel zu nah – keiner respektierte mehr den persönlichen Raum seiner Mitmenschen – und weiterhin in sein Telefon vertieft. Das kränkte sie fast noch mehr. Er blickte gar nicht auf sie herab. Er verachtete sie überhaupt nicht. Sie war ihm einfach nur egal. Mehr noch: Wahrscheinlich hatte er sie gar nicht wahrgenommen. In seiner Welt existierte sie noch nicht mal.

Er steckte das Handy in die Gesässtasche, stolzierte lässig zum Laden und knallte mit der hochgereckten Nase ungebremst in die geschlossene Schiebetür, denn es war erst zwei Minuten vor Ladenöffnung. Blut sprudelte auf sein teures T-Shirt.

Warum stehe und warte ich hier wohl?, dachte sie kopfschüttelnd und holte ein Taschentuch aus ihrer ausgeleierten Sporthose. Er streckte dankbar die Hand aus, doch sie ging wortlos an ihm vorbei und wischte den Abdruck fort, den sein dummes Gesicht auf der Glastür hinterlassen hatte.

Weihnachtsessen

Während sich der kreiselnde Hintern immer bedrohlicher seinem Schoss näherte, wurde Rüdiger bewusst, was er für einen grossen Fehler gemacht hatte. Die hoch und runter wippenden Hüften der schönen Frau hatten vor wenigen Minuten noch auf sehr angenehme Weise sämtliche Gedanken aus seinem Kopf getilgt, und er hatte sich begeistert freiwillig gemeldet, um auf dem einsamen Stuhl auf der Bühne zu sitzen. Doch dann hatte er trotz des gleissenden Gegenlichts die missbilligenden Gesichter der Sekretärinnen erblickt, und nun wurde Rüdiger vor lauter Scham abwechselnd heiss und kalt.

Er versuchte, die Tänzerin in ihrem knappen, mit klimpernden Münzen besetzten Kostümchen nicht allzu offensichtlich zu mustern. Doch sobald sein Blick von ihr fortschweifte, sah er seinen finster dreinblickenden Chef und die hinter vorgehaltenen Händen tuschelnden Angestellten. Also richtete er seine Aufmerksamkeit eben wieder auf die wippenden Hüften vor sich und überlegte fieberhaft, wie er aus dieser brenzligen Situation wieder heraus kam.

Die Tänzerin kam immer näher, die Schmuckmünzen klirrten unheilvoll im Takt der fremdländischen Musik. Und dann enthüllte sie ihren Oberkörper und schlang das durchscheinende rosa Tuch stattdessen um Rüdiger. Der erstarrte vor Schreck. Ein Schweisstropfen rann seine Stirn hinab, obwohl draussen vor dem Lokal der Schnee weiss und unschuldig die Strassen bedeckte.

Er hatte sich auf das Weihnachtsessen mit der ganzen Belegschaft gefreut. Hatte sich vorgenommen, mit seinen Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen, bei einem Glas Wein vielleicht etwas mehr über seinen Vorgesetzten zu erfahren. Doch nun dachte er nur noch daran, seine Haut und die letzten Reste seiner Würde zu retten.

Rüdiger lachte verlegen, als die Tänzerin ihm das Tuch auf intime Weise um den Hals gleiten liess. Doch niemand lachte mit. Die starren, entsetzen Gesichter der Firmenmitglieder sagten klar und deutlich, dass sie die Vorgänge auf der Bühne nicht zum Lachen fanden. 

Dann sah Rüdiger die Linse einer Handykamera im Scheinwerferlicht aufblitzen und verlor die Fassung. Er sprang auf, schob die Tänzerin zur Seite und hastete aus dem Lokal.

In der eisigen Winterluft kam er langsam wieder zu sich. Er hatte sein Sakko im Restaurant vergessen, und der erkaltende Schweiss liess ihn frösteln. Doch er ging trotzdem weiter.

Was hatte er da nur angerichtet?

Wie konnte er am Montag den Kollegen wieder in die Augen blicken?

Seinem Chef?

Rüdiger wurde speiübel, wenn er an die Fotos und Handyfilmchen dachte, die bereits durch die gesamte Belegschaft kursieren mussten.

Seine Schritte knirschten im frischen Schnee. Die Nässe drang durch die zu leichten Lederschuhe und machte ihm die Zehen taub.

Er hasste den Winter in der Stadt. Hasste die Kälte. Die lange Dunkelheit. Die trübselige Stimmung in der Firma.

In einer Woche war Weihnachten, und Rüdiger hatte niemanden, mit dem er feiern konnte. Er würde sich einen schnulzigen Familienfilm reinziehen müssen, nur notdürftig verdünnt durch eine Flasche Jack Daniels.

So wie jedes Jahr.

Mit einem Mal hatte Rüdiger die Nase voll. Auf der Brücke blieb er abrupt stehen und blickte auf das dunkle, strudelnde Wasser hinab. Er stieg auf das Geländer und sah einen Moment lang auf das schwarze Fliessen, liess den Fluss seine ebenso schwarzen Gedanken mit sich forttragen.

Niemand würde ihn vermissen. Keine Frau, keine Verwandten, keine Kinder. Und in der Firma war er ersetzbar, das war ihm sehr wohl bewusst.

Es gab niemandem, dem er wirklich fehlen würde…

Rüdiger fällte einen Entschluss.

Er stieg vom Geländer und winkte ein Taxi heran. Der Rücksitz stank nach altem Zigarettenrauch. Aber dafür war es mollig warm im Auto.

„Zum Flughafen“, wies er den Chauffeur an.

Der nickte, nachdem er den für die kalte Dezembernacht viel zu leicht bekleideten Fahrgast einen Moment lang gemustert hatte.

„Wo geht‘s denn hin?“

Rüdiger liess sich mit einem Lächeln in das muffige Sitzpolster sinken:

„Hawaii.“

Das Inserat

Während Cornelia auf ihren Mann wartete, schweifte ihr Blick zur Wand mit den Gratis-Inseraten. Mit müdem Blick überflog sie die Angebote für Deutschunterricht, Gitarrenlektionen und private Bügel- und Putzdienste. Ihr fielen fast die Augen zu, weil die Kleinen letzte Nacht alle halbe Stunde lautstark weinend nach ihr verlangt hatten. Alpträume und Bauchschmerzen waren das Problem gewesen, weshalb die Kinder irgendwann bei ihr und Reto im Bett geschlafen hatten. Auch er sah übernächtigt aus, doch der Wocheneinkauf musste trotzdem erledigt werden.

Cornelia schaukelte mechanisch den Kinderwagen und fragte sich, wann es endlich leichter würde. Sie suchte ihren Mann in der Menschenmenge und sah, dass er noch weit hinter der Kasse stand. Er schaffte es irgendwie immer, bei der langsamsten Kassiererin und der trägsten Warteschlange anzustehen. Dabei könnten sie bereits wieder zu Hause sein…

Sie seufzte. Dann machte sie entschuldigend einer alten Frau Platz, die sich mit schwerem Schritt um den grossen Kinderwagen herum schleppte. Die Frau warf einen Blick auf die Kleinen und ein wehmütiges Lächeln erschien auf ihrem faltigen, von Schmerz und Not gezeichneten Gesicht. Cornelia lächelte freundlich zurück. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was diese Dame alles erlebt hatte.

Um sich von den düsteren Gedanken abzulenken, las sie weiter die Inserate durch.

Ihr Blick blieb bei einem unscharfen Foto hängen. Daneben stand:

‚Hochzeitskleid, Gr. 36, Champagnerweiss, mit Unterrock. Ungetragen. 20.-‘

Wer verkauft denn ein ungetragenes Hochzeitskleid? Noch dazu so billig?, fragte Cornelia sich verwundert. Dann begriff sie die ungeschriebene Geschichte hinter dem Aushang und musste unvermittelt gegen die Tränen ankämpfen.

„Da bin ich! Tut mir leid, die Schlange war… Was hast du denn?“

Cornelia blickte ihren Mann dankbar an.

„Ich liebe mein Leben“, antwortete sie mit feuchten Augen.

Reto lachte laut auf und deutete mit dem Kinn vielsagend auf die schweren Tüten in seinen Händen und die greinenden Kinder.

Dann verstummte er, weil er begriff, dass sie das Gesagte ernst gemeint hatte. Er stellte die Einkäufe ab und nahm sie in den Arm.

Gestresste Menschen drängelten sich an ihnen vorbei. Die Kinder weinten. Das Vanilleeis schmolz und die Erbsen tauten auf. Doch sie blieben mitten im Trubel eng umschlungen stehen.

„Ich auch“, sagte Reto sanft. „Lass uns nach Hause gehen.“

Fenchel

Jana war skeptisch, als sie langsam durch die grosse Messe-Halle wanderte. Die Klimaanlage schaffte es an diesem heissen Tag kaum, die Temperatur auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Doch nun war sie hier, nun würde sie auch die Stände erkunden, sagte sie sich tapfer.

Einmal tief die muffige Luft eingesogen, die leicht nach Räucherstäbchen und Curry roch, dann wagte Jana sich ins Getümmel. Es gab Käse aus Nüssen statt Kuhmilch, Joghurt aus Soja statt Kuhmilch, Milch aus Samen statt Kuhmilch, und zur Abwechslung Gesichtspflege aus Kokosöl statt Chemie. Alles sehr lobenswert, fand Jana.

Sie probierte Leinsamencracker, die leider nach nichts schmeckten, Tempeh, das für ihren Gaumen höchst eigenartig schmeckte, und Tortelloni, die sehr lecker, aber lediglich bio und nicht vegan waren, wie Jana nach einem ersten Begeisterungssturm enttäuscht feststellte.

Vielleicht war das mit dem Veganismus doch schwieriger als gedacht. Vielleicht musste man richtig überzeugt davon sein, um sich dafür fade Cracker und fermentierte Bohnen anzutun.

Seufzend lehnte sich Jana an die Seitenwand einer Bude und versuchte, ihre wirren Gedanken zu sortieren.

Zwei veilchenblaue Augen blickten besorgt zu ihr hinüber. Die schönen Augen gehörten einem umwerfend gutaussehenden Mann mit blonden Locken und der reinsten Haut, die Jana je bei einem Menschen gesehen hatte. Sonnengeküsst und kerngesund, das sah sie auf den ersten Blick.

„Alles in Ordnung?“, fragte er mit schiefgelegtem Kopf.

Jana nickte und spürte, dass seine Schönheit sie erröten liess.

Er lächelte. Was ihn noch viel attraktiver machte. Jana spürte eine wohlige Aufregung im Bauch.

Dann hob er die Hand und biss in die Frucht, die er schon die ganze Zeit gehalten hatte. Nur dass es keine Frucht war, sondern ein roher Fenchel.

Würgend stürzte Jana aus der Halle.

Heisse Ausserirdische

«Mmmmmk! Gmmmmk! Mm-mmmmmgk!!»

Entgeistert starrten seine Schwestern Bip an, der zur Tür hereingestürmt war und wild mit den Armen herumfuchtelte. Seine Backen waren aufgeblasen und die Augen quollen ihm fast aus den Höhlen.

Er riss Blu die Trinkflasche aus den Händen und spuckte eine graue Flüssigkeit hinein, dann schraubte er hastig den Deckel zu.

«Ack! Igitt! Beinah hätte ich Opa runtergeschluckt…!»

«WAS?», riefen seine Schwestern entsetzt.

«Opa. Er hat sich verflüssigt!» Bip spuckte und würgte noch immer.

Blu und Bo starrten ihn an.

«Wir waren spazieren. Aber draussen ist es noch heisser als hier drinnen», erklärte Bip und wischte sich den Schweiss von der Stirn.

«Was IST das?», fragte Bo angeekelt und begutachtete die graue Suppe in der Flasche.

«Sag ich doch: Opa.»

Bo stellte eilig die Flasche wieder hin und wischte sich die Tentakel an ihrem Rock ab.

«Als er flüssig wurde, hab ich ihn… naja… ich hatte kein Gefäss… also… hab ich ihn halt…»

Bip erschauderte, als er daran zurückdachte. Es schüttelte ihn.

«Die Alten halten die Hitze einfach nicht mehr aus», jammerte Bo. «Erst gestern hab ich in den Nachrichten gehört, wie viele Alte jeden Sommer an der Hitze sterben.»

«Noch ist er ja nicht tot!», rief Bip wütend. Es ärgerte ihn, dass ihn seine Schwestern nicht für seinen schnellen Einfall mit dem Aufsaugen lobten.

«Sieht das lebendig für dich aus?!», kreischte Bo hysterisch und schüttelte die Flasche.

«Lass das! Opa wird doch so schnell schlecht!»

Bip riss ihr die Flasche aus den Tentakeln und stellte sie zurück auf den Tisch. Auch er wischte sich die Hände an der Hose ab.

«Er ist einfach in einem anderen… Aggregatszustand.» Jetzt wurde Bip schlecht.

«Aber so kann er nicht bleiben», sagte Blu pragmatisch. «Wir müssen ihn wieder in den festen Zustand versetzen.»

«Dafür ist es viel zu heiss», erklärte Bip, dem der Schweiss inzwischen vom Kinn tropfte.

«Wir müssen ihn abkühlen!»

«Aber wie?!», rief Bo verzweifelt.

Die Kühler waren schon seit Tagen aus. Das Teslanetz war wegen Überlastung in der ganzen Siedlung ausgefallen.

Blu, die einzige in der Familie mit sechs Armen, fuchtelte der Flasche hektisch Luft zu.

«Beeilt euch!»

Die graue Flüssigkeit blubberte unglücklich.

«Was hast du überhaupt draussen gemacht mit ihm?», fragte Bo erbost über die Schelte ihres Bruders.

«Ich dachte, vielleicht finden wir ein kühleres Plätzchen…», murmelte er beschämt.

Im Habitat war es fast genauso heiss wie draussen. Ob man die Fenster nun öffnete oder nicht – es machte keinen Unterschied. Die stickige, warme Luft kühlte sich selbst in der Nacht nicht mehr ab.

Hastig wuselten die Geschwister herum, um nach etwas zur Abkühlung zu suchen. Sie waren so konzentriert, dass sie nicht mitbekamen, wie ihre Muttereinheit nach Hause kam.

«Puh… diese Hitze!», stöhnte sie tropfend und liess sich erschöpft auf einen Stuhl am Tisch fallen. Ihr Blick fiel auf die Trinkflasche und sie schraubte sie auf.

«NICHT!», schrie Bip, die zurück in die Küche stürzte. Doch da war es schon zu spät: eine graue Nebelwolke puffte aus der Flasche und stieg unaufhaltsam zur Zimmerdecke auf.

Blu schlug sich die Hand vor den Mund vor Entsetzen:

«Er ist in den gasförmigen Zustand übergegangen…»

Die ganze Familie blickte traurig und etwas ratlos nach oben. Die graue Opa-Wolke verteilte sich an der Decke und verblasste langsam. Bip räusperte sich.

«Naja… wenigstens ist er jetzt wieder mit Oma zusammen…»

Kurz und schmerzlos

„Deine Zeit ist gekommen“, sagte der Tod mit heiserer Stimme.

„Das ist deine Sicht der Dinge“, antwortete das Mädchen und nahm ihm die Sense weg.

„He!“, rief der Tod. Doch da zerfiel er auch schon zu Staub.

Das Mädchen zog die schwarze Kutte an und schob die Kapuze über seinen kahlen Kopf. Dann warf es einen letzten Blick auf die Krebsstation und verliess das Krankenhaus für immer.

Das Problem

„Ich habe ein Problem.“

„Was?“

„Ich kann nicht darüber reden.“

„Kannst du nicht oder willst du nicht?“

„Beides.“

„Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?“

„Du musst raten.“

„Wie bitte? Ich muss dein Problem erraten?“

„Ja.“

„Das ist doch blödsinnig!“

„Ist es nicht. Es ist mir ernst.“

„Ist es wirklich wichtig?“

„Ja.“

„Nicht nur eine deiner Flausen?“

„Nein. Versprochen.“

„Also: ein ernstes, wichtiges Problem.“

„Genau.“

„Kannst du mir irgendeinen Anhaltspunkt geben?“

„Inwiefern?“

„Na, wo ich mit raten anfangen soll.“

„Warum?“

„Na, weil du ja alles mögliche haben könntest! Von Ausschlag bis schwanger ist alles denkbar.“

„Eher schwanger als Ausschlag.“

„‘Eher‘ schwanger?!!“

„Ja.“

„Bist du schwanger?!“

„Nein.“

„Sicher nicht?“

„Nein, sicher nicht.“

„Uff…“

„Rate!“

„Ja, puh… also eher schwanger als Ausschlag… Und es geht um dich, korrekt?“

„Korrekt.“

„Und du hast dieses Problem.“

„Genau.“

„Und das Problem ist schlimm. Es belastet dich.“

„Naja… ‚belasten‘ ist vielleicht zu viel gesagt.“

„Du hast also ein Problem, das dir aber nicht das Leben schwer macht.“

„Wie man’s nimmt.“

„Bitte entscheide dich. Ich verzweifle sonst.“

„Es macht mir das Leben schwer, bis du das Problem erraten hast.“

„Es geht also um mich?“

„…“

„Bei deinem Problem?“

„Ja.“

„Warum war da diese bedeutungsschwangere Pause?“

„Ich bin nicht schwanger.“

„Ja, das hatten wir geklärt. Aber warum war da diese Pause, nachdem ich gefragt hatte, ob es um mich geht?“

„Weil es tatsächlich um dich geht. Aber ich weiss nicht, ob du das Problem auch hast.“

„Na, Hämorrhoiden können es dann nicht sein.“

„Pff! Nein!“

„Also du hast ein Problem. Und dieses Problem betrifft mich. Und du weisst nicht, ob ich dasselbe Problem auch habe.“

„Ja.“

„Ist es denn kein Problem mehr, wenn ich es auch habe.“

„Nein.“

„Was nein?“

„Wenn du dasselbe Problem auch hast, ist es kein Problem mehr.“

„Ist es Herpes?“

„Nein!!“

„Ich gebe auf…“

„Nein, gib nicht auf! Du bist ganz nah dran!“

„Tatsächlich?“

„Denk in anderen Bahnen!“

„Na schön, ein letzter Versuch. Du hast ein Problem. Es macht dir das Leben schwer, aber auch nicht. Und wenn ich das Problem auch habe, ist es keines mehr… hm…“

„…“

„Guck mich nicht so an!“

„…“

„Was?!“

„…“

„Bist du in mich verliebt?“

„…“

„Ist es das?“

„…“

„Das ist es, oder?“

„…“

„Hei… sieh mich an.“

„…“

„Du hast kein Problem.“

Die letzte Stelle

Als ich die Meldung über Emma Haruka Iwao in den Nachrichten sehe, spucke ich vor Wut auf den Boden.

„Meister! Was ist los?“

Mein Leibdiener kommt sofort angerannt und blickt mich fragend an. Ich funkle weiter den Bildschirm an. Dieses impertinente Weibsstück, das aussieht wie ein Mann mit Perücke, besitzt doch tatschlich die Frechheit zu behaupten, den Weltrekord im Berechnen von Pi gebrochen zu haben. Lachhaft!

„Ach so…“, sagt mein Leibdiener verstehend, als er die Meldung sieht.

Ich bezweifle, dass er tatsächlich versteht. Er ist genauso beschränkt wie meine restlichen Untergebenen. Ich könnte wetten, dass sie bis heute alle dachten, Pi hätte nur zwei Stellen hinter dem Komma… Unfassbar, womit ich mich täglich herumschlagen muss.

„Regt Euch nicht auf, Meister!“, sagt mein Leibdiener sanft. Ich funkle ihn mit Mördermiene an, damit er seine dumme Klappe hält.

Ich habe Pi schon vor Jahren bis auf die vorletzte Stelle berechnet und bin der Unendlichkeit damit deutlich näher auf der Spur als diese Emma Haruka Iwao es jemals sein wird. Aber ich arbeite eben nicht für Google. Ich bin nicht medientauglich. Deshalb widmet man mir keinen Filmbeitrag mit dummen Erklärungen für die verblödete Durchschnittbevölkerung, die das Ausmass dieser Zahlenreihe nicht im mindesten zu erfassen vermag.

Sobald ich die Reihe vollständig geknackt habe, wird sich mir niemand mehr in den Weg stellen können. Dann werde ich sämtliche computergesteuerten Systeme in meiner Gewalt haben. Ich werde Zugriff auf jeden Computer, jedes Telefon, jeden Wasserkocher und jedes Fitnessarmband am Handgelenk einer unwissenden Kakerlake von Mensch haben und die ganze Welt kontrollieren. Das Universum wird mir gehören. Es ist nur eine Frage der Zeit.

„Möchten Durchlaucht nach dem Abendessen ein Bad nehmen?“, fragt mein Leibdiener unterwürfig.

Mit Mühe gelingt es mir, meine Gedanken zu sammeln und auf dieses unbedeutende Insekt von einem Menschen zu fokussieren.

Ich kann mich doch jetzt nicht mit Albernheiten wie Baden befassen, wenn sie mir dicht auf den Fersen sind! Ich muss Berechnungen anstellen! Ich muss meine Pläne mit neuem Elan vorantreiben, bevor mir diese Tech-Giganten das Wasser abgraben.

Ich schüttle entschieden den Kopf und denke an Pi. Wenn ich den Algorithmus exter…

Dieser impertinente Diener unterbricht meine Gedanken schon wieder! Was will er denn jetzt von mir?!

Speisesaal? Welcher Speisesaal? Ich kann jetzt nicht essen! Ich muss mich um meine Berechnungen kümmern!

Nun wagt es dieser Wurm auch noch, mich anzufassen!

„Meister! Ich bitte Euch, folgt mir zum Abendessen“, fleht er.

Was hat er nur mit seinem tumben Abendessen?! Sieht er nicht, dass ich Wichtigeres zu tun habe?!

Ich schüttle ihn ab und starre ihn erbost an. Wenn er es wagt, mich noch einmal anzufassen, dann werde ich ihn…

„Na komm, Jacke, ich hab jetzt keine Lust mehr“, sagt er genervt.

Er besitzt die unverfrorene Frechheit, genervt zu sein? Wenn hier einer genervt sein darf, dann bin ja wohl ich das! Und was erdreistet er sich, mich nicht mit meinem Titel anzureden, sondern mit diesem blödsinnigen Spitznamen, den sie mir hinter meinem Rücken gegeben haben?! Sie denken tatsächlich, dass ich sie nicht höre, wenn sie über mich – ihren Gott – lästern.

Der Diener zerrt an mir.

Ich werde ihn enthaupten lassen! Vierteilen! Meinen Haien zum Frass vorwerfen!!

„Ist ja gut, Jacke, es tut mir leid. Komm jetzt mit, grosser Meister, sonst muss ich den Pfleger mit der Spritze kommen lassen…“

Würdevoll erhobenen Hauptes begebe ich mich an seiner Seite in den kargen Raum, wo meine Untertanen schon regungslos vor Ehrfurcht meiner Ankunft entgegenfiebern. Sie wagen es noch nicht einmal, zu klatschen, als ich in den Saal schreite.

Meine Nase juckt. Aber ich kann mich nicht kratzen, wenn meine Hände festgebunden sind. Also reibe ich meine Nase an der Schulter meines Leibdieners.

Er zuckt zurück, dann lacht er. Er kratzt meine Nase und sogleich geht es mir besser. Wofür hat man schliesslich Untergebene?

„Sag doch was, Jacke!“, sagt mein Diener ironisch und grinst blöde.

Haha, guter Witz, Sklave!

Die grosse Chance

13 Anrufe in Abwesenheit.

Ich komme gerade aus einer Sitzung und starre auf das Display meines Mobiltelefons. Das Adrenalin rauscht plötzlich durch meine Adern.

Mit fahrigen Fingern gebe ich die angezeigte Nummer bei einer Suchmaschine ein.

«Agentur Könitz, Berlin», lese ich fassungslos.

Das sagt mir absolut gar nichts.

Andererseits habe ich gerade ein Buchprojekt an einige Verlage geschickt. Ist das etwa mein goldener Moment? Werde ich in diesem Augenblick entdeckt? Geht es jetzt los?!

Zittrig vor Nervosität nehme ich mein Handy wieder zur Hand, da klingelt es erneut. Anruf Nummer 14. Dieselbe Nummer.

Ich drücke die grüne Taste und halte das Telefon an mein Ohr. Das Blut rauscht derart laut in meinem Kopf, dass ich die ersten Worte am anderen Ende kaum verstehe.

«Ich fange gleich damit an: Sind Sie gross?»

Eine Frauenstimme, sehr gestresst.

Ich blinzle ein paar Mal und zwinge mich, nicht «äh, was?» zu sagen.

«Eins siebzig», gebe ich brav zur Antwort und bin sehr verwirrt.

«Und wie schwer?»

Die Zahl liegt mir auf der Zunge, ist mir aber auch etwas peinlich, weil sie höher ist als ich gerne hätte.

«Warum wollen Sie das wissen?», frage ich stattdessen.

«Wegen dem Kostüm, Herrgott! Nun stellen Sie sich nicht an! Wie schwer?»

«Was für ein Kostüm denn bitte?», frage ich entgeistert. «Worum geht es hier eigentlich?»

«Das Musical! ABBA! Die Erst- und Zweitbesetzung ist komplett ausgefallen. Jetzt muss es schnell gehen. Sind Sie dabei oder nicht?»

«Hä?!», sage ich nun doch.

«Wollen Sie die Rolle, um die Sie sich im ABBA-Musical beworben haben, oder nicht?»

Mein Pulsschlag beruhigt sich enttäuscht.

«Wer, denken Sie, bin ich?», frage ich genervt zurück. So viel Aufregung für Nichts. Wegen einer dummen Verwechslung.

Die gestresste Frau am anderen Ende der Leitung sagt meinen Namen.

Ich stutze.

«Ich muss Sie enttäuschen – ich habe mich für keine Rolle beworben. Ich mag ABBA nicht mal. Und singen kann ich auch nicht», sage ich.

Es knackt in der Leitung und ich bin in einer Warteschlaufe mit schlechter, von Rauschen unterbrochener Musik. Es ist nicht ABBA.

Eine halbe Minute höre ich noch zu, dann lege ich auf.

Vollkommen verwirrt starre ich auf mein Telefon.

Dann höre ich meine Bürokollegen prusten.

«Ihr seid solche Idioten!», rufe ich und muss selber lachen. Den restlichen Morgen über quäle ich sie mit meiner schiefen Interpretation von «Waterloo» und sie bereuen ihren Streich fürchterlich.

Bitte lächeln!

Der Clown war unendlich traurig. ‘Was für ein Klischee!’, dachte er bei sich, ‘ein trauriger Clown…’ Der Selbsthass, der ihn zerfrass, brannte schlimmer als die Magensäure in seinem Hals.

Die Menschen zum Lachen zu bringen war als junger Mann sein Traum gewesen, seine Berufung. Er erinnerte sich daran, wie er das erste Mal die Schminke auf sein Gesicht aufgetragen hatte, den breiten, lachenden roten Mund gemalt und bei seinem Anblick im Spiegel selbst gelacht hatte. Wann hatte er diesen Mann verloren? Diesen unbeschwerten, lebensfrohen, ja lebensmutigen Mann…

Er schleppte sich in die Manege hinaus und setzte sein Arbeitsgesicht auf. Das Lachgesicht. Doch innen drin war ihm zum Weinen zumute. Geheult hätte er am liebsten, laut geschluchzt, geflennt, gebrüllt vor Schmerz, und sich an den spärlichen Haaren gezerrt vor Verzweiflung. Doch die waren unter der albernen Perücke verborgen.

Was war nur aus ihm geworden? Wo hatte er auf dem Weg sein eigenes Lachen verloren? Wann war das Gelächter fremder Menschen zu einer Last für ihn geworden?

Wenn die Kinder kichernd auf ihn zeigten, die Gesichter von Zuckerwatte verklebt und die Augen glänzend von zu viel Süssigkeiten und den gleissenden Lichtern des Zirkus, dann empfand er nichts als Abscheu.

Am liebsten hätte er die hässlichen kleinen Kackbratzen angeschrien, sie sollten gefälligst still sein. Sollten ihn in Ruhe lassen. Sollten den traurigen, alten Clown mit der bröckelnden Schminke einfach nicht beachten.

Er mochte weder die Kinder noch ihre dumpfen, trägen Eltern zum Lachen bringen. Er wollte lieber etwas kaputt machen, etwas zerstören und sie darüber weinen sehen. Sie sollten sich genauso beschissen fühlen wie er. Stattdessen warf er seinem Kollegen eine Torte ins Gesicht wie jeden Abend und starb ob dieser Demütigung tausend Tode.

Die Zuschauer spürten seinen Schmerz nicht. Sie sahen nur seine grinsende Fratze und lachten fröhlich weiter.

Die Sammlung

Henrik sah von seinem Schreibheft auf. Waren es vier oder sechs geschnitzte Stühle gewesen, die er am Esstisch gezählt hatte?

Seufzend erhob er sich, um sich den Weg zurück ins Chaos im Innern des Hauses zu bahnen, und die Stühle zu zählen. Die Frau von der Heilsarmee hatte am Telefon gesagt, sie kämen nur die Dinge abholen, die auch auf der Liste stünden.

Henrik hatte keine Lust, am Ende mit zwei überzähligen Stühlen zurückzubleiben.

Seine Schwestern waren auch keine Hilfe. Hilde war verheiratet und hatte vor wenigen Wochen ihr erstes Kind bekommen. Und Henrietta, das Nesthäkchen, streifte wer weiss wo in der Weltgeschichte umher. Die letzte Postkarte zeigte einen riesigen, liegenden Buddha, in dessen Schatten orange gewandete Mönche meditierten.

Henrik seufzte noch einmal. Es half ja doch nicht. Wenn er das Haus nicht ausräumte, würde es niemand tun, und dann hätten sie bald die Stadt am Hals. Ausserdem war allen drei Geschwistern daran gelegen, das Grundstück schnellstmöglich zu Geld zu machen. Und das ging nunmal nicht, wenn das uralte Haus darauf noch bis zum Dachfirst vollgestopft war mit Möbeln und Krempel.

Er schob sich durch die Terrassentür ins Innere, an einem staubigen Diwan vorbei, dessen spröder, moosgrüner Bezug sich krümelnd auflöste, wich einem pergamentenen Lampenschirm aus, duckte sich unter einem zu tief an der Wand hängenden Büffelkopf hindurch, in dem die Mäuse raschelten, und fand hinter meterhohen Zeitschriftenstapeln schliesslich die Tür zum Esszimmer. Er musste sich durch den schmalen Spalt zwängen. Hinter der Tür verhinderte ein uralter Waschtisch mit neun statt einer einzigen Waschschüssel aus Keramik das Öffnen des linken Türflügels. Jede Schüssel zeigte ein anderes langweiliges Blümchenmuster. Die dazu passenden Waschkrüge – alle mit Sprüngen und abgeplatzten Rändern – hatte Henrik gestern auf dem Dachboden gefunden.

Das Ordnungssystem seines Vaters hatte er nie verstanden.

Als Kind war das ja noch ganz witzig gewesen. Damals hatten die Geschwister sich mit antiken Spazierstöcken und mottenzerfressenen Regenschirmen Fechtkämpfe geliefert, waren über die Möbel gekrabbelt ohne den Boden zu berühren, oder hatten in den überall in Massen herumstehenden Zeitschriftenstapeln geblättert. Dabei musste man allerdings aufpassen, dass der ganze Turm nicht umkippte und einen unter sich begrub. Andere Kinder spielten Jenga – Henrik und seine Schwestern „Zeitschriften-Roulette“.

In einem besonders einprägsamen Sommer hatte Henrik einen Stapel uralter Playboys gefunden und sein Glück kaum fassen können. Es dauerte lange, bis er herausfand, dass sein Frauenbild aus einer anderen Epoche stammte. Noch als erwachsener Mann konnte er sich nicht an die glatten Geschlechter und riesigen Brüste seiner Zeitgenossinnen gewöhnen, so sehr hatten ihn die Bilder aus den Magazinen als Junge geprägt.

Henrik schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die vor ihm liegende Aufgabe. Stühle zählen! Er schob sich über eine antike Wäschetruhe und fand unter Bergen von zerfallenden Leintüchern den Esstisch. Sechs Stühle standen darum, natürlich. Als hätte sich sein Vater jemals mit einem Set von lediglich vier Esszimmerstühlen zufrieden gegeben.

Henrik überlegte, ob er die Zahl gleich hier in sein Heft eintragen wollte, entschloss sich dann aber für den beschwerlichen Rückweg in den Hof. Es war der einzige Ort, wo einigermassen Ordnung herrschte, weil man von zwei Seiten hineinsah und sein Vater nach mehreren Anzeigen allen Krempel daraus ins Haus geschafft hatte.

Das war schon vor zehn Jahren gewesen. Wie lange die Dinge davor schon im Regen und Schnee gestanden hatten, fragte niemand. Sie waren zu dem Zeitpunkt alle schon weit weg gewesen. Geflohen. Sogar Henriks Mutter.

Er hatte das Gefühl, dass die Sammlung in seiner Kindheit noch nicht so undurchdringlich gewesen war. Aber vielleicht täuschte ihn da auch seine Erinnerung. Als kleiner Knabe – und er war stets schmächtig gewesen – hatte er wohl nur besser durch die Lücken und schmalen Gänge zwischen dem Plunder gepasst.

Gerne hätte er mit seinen Schwestern darüber gesprochen, wie er sich gerade fühlte. Aber Hilde hatte er bei seinem letzten Anruf über dem Geplärr des Babys kaum verstanden und nach fünf Minuten hatten beide entnervt aufgegeben und aufgelegt.

Ungeduldig schob er sich an drei aufgerollten Teppichen vorbei. Eine Staubwolke nahm ihm die Sicht und er musste heftig husten. Als er sich die kratzigen Krümel aus den Augen gerieben hatte, fiel sein Blick auf ein altes Fotoalbum. Er griff danach und schlug die erste spröde Seite auf. Vergilbte Schwarzweissfotos im kleinen Format. Kinder mit mürrischen Gesichtern und Erwachsene in altertümlicher Kleidung, die selbst in der Farblosigkeit der alten Fotografien als schwarz erkennbar war. Fasziniert blätterte Henrik durch das Album, versuchte Häuser und Gesichter zuzuordnen. War das sein Vater als junger Mann? Der Bauernhof seiner Grosseltern?

Auf der letzten Seite dann ein Nachname, den er nicht kannte. Das Fotoalbum zeigte gar nicht seine Vorfahren. Sein Vater musste es von irgend einem Trödel haben. Für einen Moment kam sich Henrik so unglaublich betrogen vor, dass er kaum Luft bekam. Wut erfasste ihn. Warum hatte sein Vater nicht mit der Gegenwart zufrieden sein können? Mit den Menschen, die ihn umgaben? Seinem einzigen Sohn zum Beispiel?

Warum hatte er nur das Bedürfnis gehabt, so viel Zeug um sich zu stapeln, bis seine Familie und Freunde nicht mehr an ihn herankamen?

Wütend und verletzt pfefferte Henrik das fremde Fotoalbum zurück ins Chaos. Mit tränenverschleiertem Blick kraxelte er über die eng zusammenstehenden und mit Kisten vollgestellten Möbel. Nur raus hier! Er musste unbedingt an die frische Luft, in den Hof, wo er wieder klar denken konnte.

Das Bild seines Vaters, wie er tagelang zwischen seinen seelenlosen Gegenständen gelegen haben musste, schob sich vor Henriks Augen. Er versuchte es abzuschütteln, seine Gedanken abzulenken, doch es gelang ihm nicht. Panik schnürte ihm die Kehle zu. Der Gestank war unerträglich gewesen. Der Ekel, der ihn erfasst hatte. Seinem eigenen Vater gegenüber. Den er doch hätte lieben sollen. Geliebt hatte.

Henrik fürchtete sich davor, dass dieser Ekel für immer seine Liebe überdecken würde. Wie ein unangenehmer Geruch, der durch einen lieblichen Rosengarten weht und die ganze Schönheit des Ortes verdirbt.

Henriks Herz raste. Nur raus aus diesem Haus!

Draussen war es inzwischen dunkel geworden, wie er mit Erschrecken feststellte. Wie lange hatte er in dem Fotoalbum geblättert? Eine Bewegung liess ihn erstarren, bis er sich selbst im halb blinden Spiegel eines weiteren Waschtischs erkannte. War er bei der Esszimmertür? Aber wo kamen diese Schaufensterpuppen auf einmal her? Die hatte er beim Hereinkommen nicht passiert, dessen war er sich sicher. Schaufensterpuppen hatte er schon immer gruselig gefunden. Daran hätte er sich sicher erinnert.

Wo war er bloss? Im kleinen Salon? Er versuchte, unter einem weiteren Tisch hindurch zu kommen, musste aber feststellen, dass dieser tatsächlich ein Konzertflügel war und dass darunter Kisten um Kisten voll rostigem Werkzeug den Durchgang versperrten. Wann hatte sein Vater denn einen Flügel angeschafft?

Irrelevant! Hauptsache raus hier!

Sollte er umkehren und versuchen, seinen Weg zurück zu gehen?

Doch als Henrik sich in die Richtung wandte, aus der er gekommen war, schienen die Gänge zwischen dem Krempel zusammenzuschrumpfen und ihn zu verschlingen. Er spähte an einem zotteligen Lampenschirm vorbei. Nichts hier kam ihm bekannt vor. Er war irgendwo im Innern des Hauses und hatte keine Ahnung, wo der Ausweg war.

Normalerweise richtete er sich nach dem hereinleuchtenden Tageslicht, doch nun war es draussen stockfinster. Ein General mit aufgeschlitztem Gesicht blickte strafend von seinem staubigen Gemälde auf ihn herab.

Henrik fasste einen Entschluss: Er würde über den Krempel klettern, wenn er schon nicht zwischendurch kam. Wagemutig stützte er sich auf zwei Reisetruhen ab, um sich auf den Flügel zu ziehen, da rutschte seine Hand in einem Silbertablett ab und er stürzte. Seine Turnschuhe glitten zur Seite wie auf Eis. Henriks entsetzter Blick blieb auf dem lasziv hingeräkelten Oberkörper einer Dame aus den Sechzigern hängen. Ausgerutscht auf einem Playboy – was für eine Ironie! Seine Hände griffen nach etwas zum Festhalten, bekamen eine harte Kante zu fassen, die aber ihrerseits den Halt verlor und in einem Schwall von gelben Seiten auf ihn zugeflattert kam.

Als er den deckenhohen Stapel Telefonbücher auf sich zustürzen sah, ging ihm durch den Kopf, dass das alles vielleicht nicht passiert wäre, wenn er seinen Vater in den letzten Jahren einmal besucht hätte, wenn er sich mehr gekümmert hätte, wenn man nach anderen Lösungen als dem Horten mit ihm gesucht hätte, wenn er auch seine Schwestern dazu gebracht hätte, bei dem alten Einsiedler vorbeizugehen und jedes Mal ein paar Gegenstände aus dem riesigen Haus zu schaffen, wenn die Berge an Dingen nicht bis unter die Decke gewachsen wären, wenn jemand sie aufgehalten hätte, diese Lawine aus Zeug, diese erdrückende, erstickende, lebensgefährliche Ladung Krempel, die da auf ihn zuraste und ihn unter sich begraben würde.

Eins Null

Lange starre ich auf die pinke Linie. Sie sieht aus wie eine Eins. Eins gleich wahr. Null gleich falsch. 

Es gibt nur zwei Zustände, nur zwei mögliche Antworten auf diese Frage. Wahr oder falsch. Eins oder Null.

 

Als er das bedeutungsschwangere (ha!) Plastikstäbchen sieht, flippt er aus.

„Bist du etwa…?!“

A little bit“, antworte ich und lasse offen, ob ich „bisschen“ oder „Bit“ meine. Mein kleiner Bit. Meine kleine Eins.

Wahr.

Langsam sickert die Erkenntnis zu mir durch, dass da tatsächlich ein neuer Mensch in mir heranwächst. Wie ist das möglich?

 

„Was soll ich denn jetzt machen?“, schreit er. Ich hatte ihn schon vollkommen vergessen gehabt.

Er versteht das nicht. Er ist Drei – Mann, Ehefrau, Tochter.

Null Null Eins Eins. Binär gesprochen.

Aber was für eine verquere Zahl ist denn Drei?!

Primzahl. Unteilbar.

Das sagt schon alles. Ich habe es immer gewusst. Aus ihm (Eins) und mir (Eins) würde niemals etwas werden. (Wahr.)

Unsere „Beziehung“ war von Anfang an Null. Falsch.

Falsch in den Augen der Gesellschaft. Und wahrscheinlich auch in denen seiner Frau, wenn sie davon wüsste.

 

Er schreit noch immer rum. Dabei will ich doch gar nichts von ihm. Er soll mich nur nicht feuern. Ich brauche meinen Job. Jetzt, wo ich…

Aber nicht nur wegen dem kleinen Bit. Auch, weil ich sonst nicht wüsste, wohin in dieser Welt. Meine Arbeit ist das, was mich aufrecht hält. Einsen und Nullen. Wahr oder falsch. Hier ist alles so schön klar und einfach. Schwarz und Weiss. Keine endlosen Graustufen wie in der übrigen Welt.

 

Ich sage ihm, dass ich nichts von ihm erwarte. Dass der kleine Bit und ich ganz gut allein zurecht kommen. Wir sind nun die kleinste adressierbare Einheit, ein Byte. Er gehört nicht länger zu unserem System.

Er schreit immer noch rum. Ich soll ihn wegmachen lassen, kreischt er panisch. Denn irgendwann würde ich sicher doch was wollen und dazu sei er nicht bereit. Niemals würde er Drei durch Zwei teilen. Nie gäbe es für uns eine Zukunft.

Meine kleine Eins wegmachen lassen?! Zurück auf Null?

Nein, ganz falsch! (Das sagt schon die Zahl. Null gleich falsch. Wieso sieht er das nicht?)

Ich lasse ihn schreien.

 

Als Mutter habe ich mich nie gesehen. Zumindest nicht von einem Menschenkind.

Programmieren ist alles, was mich glücklich macht. Wenn der Code vor meinen Augen zum Leben erwacht. Dann erschaffe ich Neues.

Aber doch nicht in meinem Uterus…

Absurd.

 

Ich schaue wieder auf die pinke Linie, die langsam verblasst. Die Magie meines mit Schwangerschaftshormonen durchsetzten Urins lässt nach.

Doch der kleine Bit ist immer noch da. Diese plötzliche Unregelmässigkeit in einem Dualsystem, von dem ich nicht gewusst hatte, dass ich eines bin.

Ich bilde mir ein, ihn bereits in meinem Bauch zu spüren und lege automatisch die Hand unter den Nabel.

Sein Blick folgt meiner Handbewegung voller Entsetzen.

Dabei wissen wir beide, dass der kleine Bit erst etwa die Grösse einer Bohne hat. Er kann noch nicht strampeln und sich bemerkbar machen.

Um das zu wissen, muss man kein Gynäkologe sein. Das erzählen sie einem in jeder zweiten Romantik-Komödie.

Er wird trotzdem grün im Gesicht und stürzt ins Bad, wo er das Abendessen aus dem abgelegenen Lokal auskotzt, in das er mich immer ausführt. Man kennt uns dort. Man denkt dort, wir seien ein Paar. Eins und Eins. Wahr.

Er führt mich dorthin aus, weil er weiss, dass niemand dorthin geht, den er kennt. Der seine Frau kennt. Seine Tochter.

Auch das kennt man aus Filmen.

„Guten Abend, Herr und Frau … Den gleichen Tisch wie immer? Sehr wohl!“

Dort ist er nicht Drei. Sondern Eins mit Begleitung.

 

Das ist jetzt vorbei. Es wird keine Abendessen mehr geben.

Null Abendessen.

Null „Beziehung“.

Das ist schon in Ordnung so. Ich bin nicht traurig, wütend, verletzt. Ich hatte keine Hoffnungen, Träume, Erwartungen.

Im einen Moment war die „Beziehung“ on, im nächsten off.

Ich bin wie mein Code. Ein oder aus. Keine Ungewissheiten.

 

Ich sage ihm das.

Er hängt noch immer mit dem Kopf im Klo.

„Geh nach Hause zu deiner Familie“, sage ich sanft.

Er versteht mich nicht. Sieht mich furchtsam an. Als hätte ich ihm gedroht.

Sobald er zur Tür hinaus ist, habe ich vergessen, dass er jemals Teil meines Lebens war.

Null.

Ist die „Beziehung“ on?

Antwort: Null (falsch).

Also ist sie off. Es gibt in diesem Programm kein „falls“, kein „if“, das die Gleichung relativiert.

Logisch, oder?

Warum begreift er das nicht? Sind alle Menschen so kompliziert?

 

„Die Darstellung und Interpretation von Information mittels Binärcodes ist nicht an ein bestimmtes Medium gebunden, sondern ist überall dort anwendbar, wo der Wechsel zwischen zwei Zuständen erzeugt und wieder gemessen werden kann.“

Sagt Wikipedia.

Der Wechsel zwischen zwei Zuständen.

Bin ich damit gemeint? Wahr oder falsch. Eins oder Null.

Ich freunde mich gerade mit dem Gedanken an, nicht mehr nur aus einer Ziffer zu bestehen. Nicht mehr nur Eins.

Sondern Eins Null.

Binärcode für „Zwei“.

Vergebung

Ich vergebe dir, sagte sie zärtlich. Er sah sie finster an.

Ich will keine Vergebung!, schrie er beinahe. Werd wütend! Hasse mich!

Doch sie lächelte nur. Sanft. Er hasste es, wenn sie ihn so sanft ansah. Wie ein Reh. Oder schlimmer. Wie ein sanfter Mensch. Ein Reh konnte man töten, essen. Doch mit ihr musste er leben. Sie lächelte still. Spürte in ihrem Herzen nach, und fühlte tatsächlich, dass sie ihm vergab. Er hatte keine Macht über sie, wenn sie ihm nicht böse war. So lange sie sich nicht wehrte, konnte er nicht gegen sie kämpfen. So lange würde ihre Beziehung weiterbestehen – egal wie trostlos sie geworden war.

Er hätte niemals genug Schneid, zu gehen, ohne dass sie ihn fortschickte. 

Als sie sich bei diesem Gedanken ertappte, wurde ihr sanftes Lächeln bösartig. Er bemerkte es. Erschrak.

Sie hatte zu viel preisgegeben. Schnell versuchte sie, wieder ihr salbungsvolles Gesicht aufzusetzen, doch sie hatte sich verraten. Er sah, was sie war. Kein Reh. Wolf. Jäger, Täter. Berechnend und eiskalt. Ihn überlief ein Schauer. Sie hatte ihn mit ihrer Vergebung in ihren Fängen. Er war ihr ausgeliefert. Verloren.

Am Zaun

Heute war eine gute Patrouille. Bin den ganzen Parameter in einem Stück abgegangen. Musste mich kein einziges Mal hinsetzen. Der heisse Sommer hilft. Mein Knie tut nur noch am Morgen weh, wenn ich lange auf meinem Lager gelegen habe.

Keine besonderen Vorkommnisse.

 

Heute musste ich zurück zur Baracke. Da war ein Loch im Zaun an der Westseite, wo die Streben schon etwas marode sind. Kein grosses. Irgendein Tier hat wohl versucht, reinzukommen.

Habe das Loch mit Draht geflickt und die neuen Drahtstücke mit Kabelbinder fixiert, damit sie niemand aufzwirbeln kann. Ich weiss genau, dass sie das tun würden.

Musste mich nach der Anstrengung an der Ostseite hinsetzen, bevor ich zurück auf Posten ging. Atemnot. Dieses seltsame Stechen in der Brust. Ging aber bald wieder.

 

Holz für den Winter gehackt. Kann man nicht früh genug vorsorgen. Die wenigsten wissen, wie viel Holz man braucht, um einen Winter lang warm zu bleiben.

Patrouille auf morgen verschoben. Bin vollkommen erschöpft nach der Anstrengung. Erst abends auf meinem Lager dann ein unangenehmes Kribbeln im Nacken deswegen. Habe ich etwas übersehen?

 

Auf der heutigen Patrouille der Schock. Ein weisser Zettel, ganz nah beim geflickten Loch. Auf meiner Seite! Wie kam der da hin? Sind sie doch reingekommen? Sind sie etwa noch hier?

Habe Herzrasen und fühle mich beobachtet. Bin ich nicht mehr allein?

Habe den Zettel in die Westentasche gesteckt. Ist zwar zu warm für die kugelsichere Weste, doch das schlechte Gefühl gestern liess mich danach greifen. Zu Recht!

Habe wieder mit Graben weitergemacht. Habe das Bunker-Projekt viel zu lange vernachlässigt.

 

Heute Patrouille im Morgengrauen und zweite am Nachmittag. Nichts. Keine Fussspuren gefunden, keine weiteren Zettel oder anderes. Bleibe aber wachsam. Gehe nur noch mit Weste und mit der Waffe nach draussen. Traue mich nicht mehr ohne vor die Baracke.

Am Vormittag dann einen weiteren Riegel aus einer umgestürzten Tanne gezimmert. Zur besseren Blockierung der Tür. Sollen sie bloss versuchen, reinzukommen!

 

Grabungen kommen gut voran, nun da wieder volle Aufmerksamkeit auf das Bunker-Projekt. Die Kammer unter der Baracke nimmt Gestalt an.

Die Erde nachts entsorgt, draussen mit trockener Erde gemischt, damit der Farbunterschied nicht so auffällt. Sobald die Sonne dann darauf scheint, gleichen sie sich an. Aber will nicht, dass allfällige Beobachter etwas vom Bunker mitbekommen. Letzte Zufluchtsstätte.

Patrouille ohne besondere Vorkommnisse. Loch im Zaun nochmals überprüft. Draht und Kabelbinder unangetastet.

Haben sie aufgegeben?

Musste mich zwei Mal hinsetzen. Aufregung zehrt an den Kräften.

 

Ertappe mich immer wieder dabei, wie ich den Zettel in der Westentasche betaste. Was hat das nur zu bedeuten? Jemand muss hereingekommen sein!

Aber der Zaun ist zwei Meter hoch und mit Stacheldraht bestückt, zwei Meter zwanzig also insgesamt. Wie könnte jemand meinen Zaun überwinden? Wie?!

Doppelte Patrouille wie gestern und vorgestern. Einmal reicht einfach nicht mehr. Schlafe unruhig, wenn ich nicht zwei Mal gehe.

Die Kilometer setzen mir zu, Knie tut trotz Sonnenwärme weh vom vielen Gehen.

Bunker-Projekt bleibt auf der Strecke, weil zu erschöpft.

Kann mich dennoch nicht überwinden, wieder nur ein Mal am Tag zu gehen. Was wenn…

 

Bei der morgendlichen Patrouille mit dem Fuss umgeknickt. Höllische Schmerzen. Musste auf meinen Gürtel beissen, um nicht zu schreien.

Lag sicher eine Stunde bewegungsunfähig am Zaun und wartete darauf, dass der Schmerz abebbt. Habe den Fuss mit meinem Hemd eingebunden und mir einen Ast als Krücke gesucht. Zurück zum Lager gehumpelt.

Mache mir Vorwürfe. Habe nicht auf den Untergrund geachtet und deshalb umgeknickt. Wäre ich doch nur vorsichtiger gewesen.

Haut kribbelt wie von Ameisen. Was, wenn sie nun draussen herumschleichen? Was, wenn sie schon hier sind?

 

Schreckliche Nacht verbracht. Jedes Mal beim Eindösen wieder mit Panik und Herzrasen aufgeschreckt. Schliesslich aufgegeben und mich mit der Waffe beim Fester platziert. Die ganze Nacht in die Dunkelheit gestarrt und auf sie gewartet.

Nichts.

Gegen Morgen in unruhigen Schlaf gefallen.

Fuss ein bisschen besser, aber heiss und geschwollen. Nichts gebrochen oder gerissen, soweit ich das feststellen konnte. Glück im Unglück: nur den Knöchel gezerrt. Ein paar Tage Ruhe wären das Beste.

Später: Hielt es in der Baracke nicht mehr aus. Habe Fuss fest eingebunden und bin eine Patrouille gegangen. Die Schmerzen höllisch. Wegen der Waffe kann ich keine Krücke benutzen. Und in der Weste ist es furchtbar heiss.

Vollkommen erschöpft und schweissnasss in die Baracke zurückgekehrt. Immerhin keine Vorkommnisse. Geflicktes Loch unangetastet. Keine Spur von anderen. Aber sie sind da draussen, das weiss ich!

 

Weitere unruhige Nacht. Bin vollkommen erschöpft. Zwinge mich dennoch zu einer Patrouille. Zu Recht! Wieder einen weissen Zettel gefunden, diesmal am Nord-Parameter!

Sie kreisen mich ein! Sie kommen von allen Seiten!

Sie kommen!!

 

Die ganze Nacht am Fester Wache gehalten.

Die Hand wandert immer wieder in die Westentasche zu den beiden Zetteln. Der erste ist schon ganz filzig und zerfleddert von der Feuchtigkeit meiner Finger und meinem Schweiss. Das Papier unter meinen Fingern bestätigt mich. Muss Wache halten. Darf nicht schlafen. Sie sind da draussen. Irgendwo in der Dunkelheit.

 

Auf dem Boden erwacht. Keine Ahnung ob eingeschlafen oder vor Erschöpfung bewusstlos geworden. Die Waffe über den Boden geschlittert. Das darf nicht noch mal passieren.

Wäre der schwere Riegel an der Tür nicht intakt, würde ich mich fragen, ob jemand hier war und die Waffe aus meinen Händen und ausser Reichweite gelegt hat. Kann nicht sein!

Ich muss schlafen. Aber ich muss auch Wache halten. Dilemma.

Später: Unter starken Schmerzen eine Patrouille gelaufen. Knöchel wird immer dicker. Patrouillengang ist auch mit gesundem Fuss anstrengend. Musste mich mehrmals hinsetzen und wieder zu Kräften kommen. Ständig dieses Kribbeln im Nacken, als schleiche sich jemand an mich heran. Auf welcher Seite des Zauns? Sind sie hier?!

 

Wann habe ich den ersten Zettel gefunden? War es bevor oder nachdem ich das Loch im Zaun geflickt habe?

Habe ich sie etwa mit mir eingesperrt?! Sind sie hier drin und können nicht mehr durch das Loch raus?!

Nein! Neinnein, auf keinen Fall! Ich hätte Fussspuren sehen müssen!

Es sei denn, der Wind hat sie verweht. Der Boden ist vollkommen trocken im Moment. Nur ein Anfänger hinterlässt darauf Fussspuren.

Vielleicht haben sie ihre Spuren auch verwischt. Wollen mich in die Irre führen! In Sicherheit wiegen!

Nein, konzentrier dich! Ich habe den Zettel erst nachher gefunden. Ganz sicher.

Oder?

Und wenn sie ihn erst verloren haben, als sie schon drin waren? Zurück zum Loch gegangen sind?

Was habe ich übersehen? Was was was?!

 

Augen brennen, kann sie kaum offen halten. Mund trocken, egal wie viel ich trinke.

Gestern Nacht aus dem Schlaf aufgesprungen und mit der Waffe zur Tür gehechtet. Herz raste in meiner Brust. War überzeugt gewesen, jemanden am Schloss gehört zu haben. Doch der Balken liegt vor, sie können nicht herein.

Dennoch eine halbe Stunde an der Tür stehen geblieben und so angestrengt gelauscht, dass das Blut in meinen Ohren brausen hörte. Herzklopfen. Dann ebbte das Adrenalin ab. Waffe begann in der Hand zu zittern und Knöchel tat wieder weh. Hatte ich nicht mehr dran gedacht.

Doch kaum zurück im Bett wieder dieses schabende Geräusch wie von einem Dietrich an der Tür.

Mit erneutem Herzrasen aufgesprungen, Riegel weggerissen und die Schlösser geöffnet. Diese Ungewissheit ist unerträglich. Wollte wissen, wer mich erwischte. Wollte Gewissheit. Riss die Tür auf.

Kalte Nachtluft ernüchterte mich.

Was tue ich? Bin ich des Wahnsinns?

Man stellt sich dem Gegner nicht, das ist die letzte Instanz. Vorher zieht man sich zurück! Hinter den Zaun! Hinter die schwere Tür der Baracke. In den gesicherten Panikraum der Baracke. In den Bunker unter dem Panikraum. Man reisst dem Feind nicht die Tür auf!!

Was ist nur los mit mir? Werde ich jetzt verrückt?

 

Was, wenn sie hier sind? Bin ich wirklich bereit, zum Äussersten zu gehen?

 

WARUM LASST IHR MICH NICHT IN RUHE?!!!

 

 

Geschlafen. Kaffee gekocht und ganze Kanne getrunken. Knöchel besser. Werde jetzt auf Patrouille gehen. Ruhe hat mich erfasst. Schicksalsergebenheit? Keine Ahnung. Kopf seltsam leer.

Patrouille ohne Vorkommnisse. Geflicktes Loch im Zaun unverändert. Keine Zettel, dafür Fussspuren am östlichen Parameter. Vor dem Zaun zum Glück, nicht drinnen bei mir. Noch sind sie nicht reingekommen. Aber sie sind da. Schleichen um mich herum.

HAUT ENDLICH AB!

VERSCHWINDET!

 

Lärm! Stimmen! Sie sind da! Sie sind gekommen!!

Was soll ich nur tun?

Schweiss rinnt mir in die Augen. Mein Herz springt fast aus der Brust, krampft sich bei jedem Schlag schmerzhaft zusammen. Meine Kehle ist so trocken. Doch ich kann nicht von meinem Posten am Fenster weg.

Spüre Schweisstropfen unter der Weste meine Brust und das Rückgrat hinabkullern. Meine Hände umklammern die Waffe. Muss sie immer wieder an der Hose abwischen. In der Baracke ist es unerträglich heiss.

Doch raus kann ich nicht. Dort sind sie.

Ich kann ihre vagen Umrisse in der Ferne vor dem Zaun sehen. Sie wissen nicht, wie weit ihre Stimmen in diesem Gelände tragen. Ich höre sie rufen. Am Maschendraht rütteln.

Wieso lasst ihr mich nicht einfach in Ruhe! Ich lasse euch nicht rein! Vorher bringe ich jeden einzelnen von euch zur Strecke.

Ich blinzle durch den Vorhang. Wage kaum zu atmen, um ihn nicht zu bewegen und mich zu verraten. Haben sie mich gesehen?

Nach einer endlosen halben Stunde ziehen sie endlich ab und ich atme auf. Bleibe dennoch zwei weitere Stunden auf meinem Posten. Könnte eine Falle sein. Mich in Sicherheit wiegen.

Als ich endlich zum Wasserkanister stürze, kann ich kaum schlucken, so trocken ist meine Kehle. Zunge angeschwollen. Augen brennen wie Feuer vom stundenlangen Starren in die gleissende Helligkeit.

Dehne meinen verkrampften Rücken und ein stechender Schmerz schiesst mir durch die Nieren. Keuche vor Schreck auf und lasse mich auf den nächsten Stuhl fallen. Atme flach und vorsichtig, bis der Schmerz endlich endlich abebbt. Nur ein Krampf. Hexenschuss kann ich jetzt auf keinen Fall gebrauchen. Muss den Bunker fertig kriegen und die Lebensmittel runter schaffen.

Wie gelähmt bleibe ich trotzdem auf dem Stuhl sitzen bis die Dämmerung hereinbricht. Erst da kann ich mich aus meiner Starre lösen.

Muss eine Patrouille gehen. Auch wenn ich mich am liebsten verkriechen und alles abriegeln würde. Ich muss. Ich muss.

Sonst finde ich nie wieder Ruhe.

Lege den Nacht-Tarn an, obwohl es immer noch warm ist draussen. Auch noch die Weste anzulegen schaffe ich nicht. Der Tarn allein heizt schon zu sehr auf. Es muss ohne die kugelsichere Weste gehen.

An der Tür bleibe ich stehen. Ich kann nicht raus gehen ohne die Weste.

Meine Hand liegt auf dem Türgriff, gehorcht mir nicht.

Ich brauche die Weste.

Ich brauche die Weste.

Also ziehe ich den Tarn wieder aus und schlüpfe in die Weste. Dafür lasse ich das T-Shirt weg. Die Riemen der Weste scheuern auf der nackten Haut. Aber anders geht es nicht. Anders geht es nicht. Anders geht es nicht.

Trete vor die Tür, gleite durch den Spalt wie Öl.

Was, wenn sie noch da sind? In der Nähe? Mich beobachten?

Sie werden mich nicht sehen. Der Nacht-Tarn macht mich unsichtbar.

Schleiche den Parameter entlang zu der Stelle, wo sie rein wollten.

Prüfe den Zaun auf Beschädigungen.

Offenbar hatten sie kein Werkzeug. Alles intakt. Dafür Fussspuren. Vor dem Zaun. Viele.

Von den Eindringlingen nichts zu sehen.

Trotz schmerzendem Knie und Knöchel gehe ich so geschmeidig wie möglich den Parameter ab. Auf einmal leuchtet mir etwas in der Dunkelheit entgegen. Gehe hinter einem Baum in Deckung, die Waffe im Anschlag. Meine Hand greift unbewusst nach den Fetzen der beiden Zettel, die sich in meiner Westentasche aufgelöst haben.

Nichts bewegt sich.

Gehe auf das Helle zu.

Wieder ein Zettel, um einen Stein gewickelt.

Nun bin ich sicher, dass sie ihn nicht drinnen verloren haben, sondern über den Zaun geworfen haben. Bei den letzten beiden muss der Stein rausgefallen sein. Oder sie haben sie durch die Zwischenräume geschoben. Oder… Egal.

Ich hebe den Zettel auf. Stecke ihn zu den Fetzen in die Tasche.

Was wollen sie mir mit ihren Zetteln sagen? Dass sie rein wollen?

Ha!

Als ob mich ihre Bitten und ihr Flehen erweichen könnten!

Niemand kommt hier rein!

Niemand.

Mache den Patrouillengang fertig und kehre in die Baracke zurück. Meine Festung ist sicher. Niemand kommt hier rein! Niemand. Niemand. Niemand.

Auch nicht mit Bitten und Flehen.

Es bringt ohnehin nichts.

Ihr Geschreibsel geht mich nichts an.

Ich kann es nicht lesen.

Konnte nie lesen.

Und doch faszinieren mich die dunklen Zeichen auf dem weissen Papier.

Was da wohl steht?

 

wir helfen dir zu entkommen

morgen abend beim loch

wir bringen werkzeug und holen dich da raus

sei bereit