Anker

Trotz der kurzen Planungsphase war die Hochzeit – man konnte es nicht anders beschreiben – märchenhaft. Alba sah in ihrem schlichten, weissen Satinkleid aus wie eine zerbrechliche Fee. Heinrich hatte nur Augen für sie und schien vor Glück beinahe zu schweben. Nie zuvor hatte er eine Frau wie sie getroffen. Sie war geheimnisvoll. Faszinierend. Mysteriös. Leidenschaftlich und elegant gleichermassen. Und unfassbar schön. Ihre hüftlangen, blauschwarzen Haare, die Haut, weiss wie Mondmilch, und die Augen von der Farbe sturmgepeitschten Meeres hatten ihn vom ersten Moment an in ihren Bann geschlagen. Ihre liebliche Stimme – Sirenengesang. Ihr Antlitz so edel wie aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt.

Er konnte nicht mehr denken, nicht mehr essen, schlafen, arbeiten, nachdem er sie erblickt hatte. Und nun wurde sie die Seine! Heinrich war trunken vor Glück.

 

Selten hatten die Gäste ein derart verliebtes Paar gesehen. Die Feier im üppig weiss dekorierten Garten war perfekt. Vollkommen bis ins letzte Detail, von schlichter, aber bestechender Eleganz, genau wie Alba selbst. Und als der Brauttanz von einem heftigen Regenschauer unterbrochen wurde, erklang lediglich ihr glockenhelles, perlendes Lachen.

„Fruchtbarkeit! Ein gutes Zeichen“, rief Alba fröhlich und schlug damit sogar Heinrichs skeptische Schwester Renate in ihren Bann. Gerade sie hatte sich im Vorfeld nicht mit Kritik zurückgehalten.

„Du kennst sie doch kaum!“, hatte sie ihrem Bruder an den Kopf geworfen, als sie ihn beim Familienessen allein im Flur erwischt hatte. „Warum muss es denn so furchtbar schnell gehen bei euch?!“

Aber Heinrich hatte sie nur verzückt angelächelt. Nichts konnte seinen Glauben erschüttern, die eine grosse Liebe gefunden zu haben.

„Es war Albas Idee“, erklärte er seiner fassungslosen Schwester. „Sie wollte so schnell wie möglich meine Frau werden. Und ich würde alles für sie tun, verstehst du nicht? Ich habe endlich meine Seelenverwandte gefunden.“

Renate hatte nur die Hände verworfen.

Doch als sie Alba nun sah, wie glücklich sie war, wie glücklich sie Heinrich machte, wie die beiden unter den letzten Regentropfen barfuss auf dem feuchten Rasen tanzten, war sie beinahe überzeugt, dass doch alles gut werden würde.

 

„Heute ist er grau …“, murmelte sie mit verschleiertem Blick.

Heinrich blickte von den Spiegeleiern auf, die in der Pfanne brutzelten.

„Was hast du gesagt, Schatz?“

„Grau …“, hauchte Alba und schob die Terrassentür auf.

Verwundert blickte Heinrich seiner Frau nach, wie sie schlafwandlerisch ins Freie trat. Sie war noch im Nachthemd, die Füsse bloss. Doch sie schien die eiskalten, vom Regen der Nacht nassen Bodenplatten nicht zu bemerken. Wie in Trance wandelte sie zur Brüstung und starrte auf die graue Oberfläche des Sees hinaus. Heinrich runzelte die Stirn. Dann riss ihn der Geruch von verbranntem Ei aus seinen Beobachtungen.

„Verfluchter Mist!“, schimpfte er und kratze das angekohlte Frühstück aus der Pfanne und in den Müll.

 

Alba blickte auf den See. Er schien zu ihr zu singen, sie zu locken. Die Sehnsucht presste ihr Herz zusammen. Jeder Meter, den sie vom Wasser entfernt war, brannte in ihrer Seele wie Feuer. Sie litt. Und sie wollte nicht wahrhaben, woran.

Jeder Tag, den sie nicht in den Fluten verbrachte, war die reine Qual. Das graue, wilde Wasser zu betrachten bereitete ihr Linderung und neue Schmerzen zugleich. Doch Alba schaffte es nicht, den Blick abzuwenden. Konnte sich auf nichts anderes besinnen als das Gefühl des Wassers auf ihrer Haut, in ihrem Haar, in ihren Lungen.

 

Mit gerümpfter Nase schrubbte Heinrich mit Stahlwolle das Eingebrannte aus der Pfanne. Er dachte zurück an die Zeit, als sie zusammen glücklich gewesen waren. An die Hochzeit – Alba eine Erscheinung in schlichtem weissem Satin, an die ersten Wochen und Monate voller Liebe und Zärtlichkeit, voller Abenteuer und Glück. An den Hauskauf am Seeufer, den er inzwischen bereute. Und wie schleichend die dunklen Wolken am Himmel aufgezogen waren.

Albas Stimmungsumschwung hatte unmerklich begonnen, wie ein Gewitter, das sich unbemerkt über ahnungslosen Menschen zusammenbraute. Heinrich hatte lange nicht wahrgenommen, was sich verändert hatte. Erst als seine Schwester ihn mit leiser Schadenfreude in der Stimme auf den leeren Blick seiner Ehefrau angesprochen hatte, war ihm die Veränderung wirklich bewusst geworden. Vielleicht hatte er auch einfach nicht wahrhaben wollen, dass die schönen Zeiten bereits vorüber waren, dass er sich vielleicht doch getäuscht hatte, dass ihr seine Liebe vielleicht nicht genügte.

„Ist sie womöglich schwanger?“, hatte seine Schwester gefragt und an den Tanz im Sommerregen bei der Hochzeit zurückgedacht. Fruchtbarkeit.

Heinrich und seine Schwester hatten daraufhin Albas vollkommen flachen Bauch taxiert. Nein, unmöglich.

„Oder wäre es gern und es … klappt nicht?“

Heinrich hatte sie missmutig gemustert und Renate hatte sich entschuldigt. Doch die Saat des Zweifels war gesät. Was stimmte nicht mit Alba? Wo war die vor Lebensfreude sprudelnde Frau geblieben, die alle Menschen mit ihrem Lachen in ihren Bann schlagen konnte? Warum war sie so unendlich traurig?

Heinrich hatte versucht, sie aufzumuntern. War mit ihr ausgegangen, ins Theater, in schicke Restaurants. Hatte ihr Blumen mitgebracht. Pralinen. Schmuck.

Alba hatte alles gleichgültig entgegengenommen. Ihre Trübsal war vollständig und stetig. Nichts konnte sie mehr aufheitern oder zum Lächeln bringen. Ihr Blick stets von Schmerz verhangen.

Schliesslich hatte Heinrich alle Register gezogen und war mit ihr in Urlaub gefahren. In den Bergen, weitab vom Alltag, von den Sorgen, vom Haus am See, war tatsächlich so etwas wie Glück in ihr Leben zurückgekehrt. Alba hatte wieder etwas Farbe im Gesicht bekommen, ihr Blick hatte sich beim Betrachten des Alpenpanoramas geklärt. Einmal hatte sie sogar gelächelt.

Bis sie nach Hause zurückgekehrt waren. Seither stand Alba wieder jeden Morgen an der Balkonbrüstung und starrte auf das kalte Wasser des Sees vor ihrem Haus. Ihre Augen nur noch Spiegel der Seefarbe des jeweiligen Tages. Sturmstahl. Regenstein. Nachtgraphit.

Heinrich spürte, wie die Verzweiflung kalt und schleimig durch seine Seele kroch. Er wusste, dass seine Angebetete litt. Doch er verstand nicht, woran. Wenn er ihr doch nur helfen könnte! Sie sah so traurig aus. Es brach ihm das Herz.

Er liebte sie wirklich. Er wollte doch nur, dass sie glücklich war …

 

Wie eine Schlafwandlerin stand Alba im Regen und starrte auf die vollkommen flache Seeoberfläche hinaus. Sie schwankte unmerklich hin und her, ihre Haut noch blasser als sonst, leichenkalt und ebenso marmorn. Ihr Gesicht verzerrte sich, als wollten Tränen aus ihren umwölkten Augen treten. Doch dann wurde ihr Gesicht wieder zu Stein. Die einzigen Tränen, die über ihr emotionsloses Antlitz liefen, waren Regentropfen. Alba weinte schon lange nicht mehr. Sie war leer, tränenlos, wasserlos, verdurstend, tot trotz ihres regelmässigen Herzschlags. Heinrich, der sie noch vor Kurzem so glücklich gemacht hatte, war nun der störende Anker, der sie am Ufer, in diesem Hafen, diesem Leben hielt. Sie wollte nicht bleiben. Sie wollte endlich ins Wasser.

 

Er beobachtete sie vom Schlafzimmer aus, wie sie stundenlang in der Kälte stand und einfach nur starrte, starrte, starrte.

Anfangs hatte er sich nicht viel dabei gedacht. Der See faszinierte sie eben, war seine Erklärung gewesen. Doch als sie selbst dann noch draussen gestanden hatte, als die Temperaturen ins Unangenehme gefallen waren, im eisigen Regen, bei Wind und Nacht, da hatte er begonnen, an ihrem Geisteszustand zu zweifeln.

„Was ist eigentlich los? Alba! Sprich mit mir, verdammt!“, hatte er sie angeschrien, als er es nicht mehr ertragen hatte, sie so zu sehen. Seine Alba. Seine wunderschöne, charmante, lebhafte Alba …

Diese seelenlose Hülle hatte nichts mehr mit der Frau gemeinsam, die er geheiratet hatte. In die er sich verliebt hatte. Und dennoch konnte und wollte er sie nicht loslassen. Er hatte ihr einen Treueeid geschworen. In guten wie in schlechten. Das hatte er ihr versprochen und daran würde er sich halten. Er war kein Feigling. Er war ein Mann, der stets zu seinem Wort stand. Er war der Fels in der Brandung. Der Anker, der das Schiff selbst bei heftigem Sturm im Hafen hielt.

„Ich bleibe an deiner Seite, egal was du gerade durchmachst“, hatte er gelobt. Die Verzweiflung, die bei seinen Worten über ihr Gesicht gehuscht war, hatte ihn entsetzt. Was ging nur in ihrem Kopf vor?

„Was kann ich tun, um dir zu helfen? Damit du dich wieder besser fühlst?“

Sie hatte ihn aus ihren kieselsteinigen Augen angeblickt. Voller Not.

„Lass mich gehen …“

„Niemals!“ Heinrich hatte heftig den Kopf geschüttelt. „Ich lasse dich nicht im Stich!“

„Du verstehst nicht …“

Mitten im Satz hatte sie sich erschöpft abgewandt und war zurück zu ihrem See getaumelt, als könne nur dieses verfluchte Wasser ihr noch helfen. Wasser des Lebens. Wasser des Verderbens. Für wen eigentlich?

 

Heinrich hatte begonnen, diesen verdammten See zu hassen. Es fühlte sich an, als hätte sich ein unliebsamer Konkurrent in ihre Beziehung gedrängt. Als ginge seine über alles geliebte Alba fremd.

„Du bist eifersüchtig auf den See?!“, hatte seine Schwester ungläubig gefragt, als es eines Abends aus ihm herausgebrochen war wie ein Wasserfall. Albas Kühle, die nichts mehr mit Eleganz zu tun hatte. Albas Unnahbarkeit, die nicht mehr erotisch war. Albas hagere Gestalt und strähnigen Haare. Die toten, grauen Augen, flach und undurchdringlich wie die Seeoberfläche bei Unwetter.

Heinrich erkannte die Frau nicht mehr, der er einen Ring an den Finger gesteckt hatte, bis dass der Tod sie scheide.

„Das ist nicht dein Ernst?!“, hatte seine Schwester nachgehakt, als er geschwiegen hatte.

„Du verstehst das nicht. Du weisst nicht, wie sie ist. Wie sie geworden ist.“

„Vielleicht solltest du sie zu einem Arzt bringen.“

„Sie ist nicht krank!“

„Vielleicht nicht am Körper. Aber am Kopf?“

„Was redest du da?!“, hatte er sie angeherrscht und sich selbst dafür gescholten, dass er Renate überhaupt davon erzählt hatte.

Aber als er später nach Hause gekommen war und Alba an der Brüstung stehen sehen hatte, die knochig gewordenen Hände um das Geländer gekrallt, die Knöchel weiss und die Haut zum Zerreissen gespannt, den Blick unbeirrbar auf das verfluchte Wasser gerichtet, da hatte er sich widerwillig gefragt, ob seine Schwester nicht vielleicht doch recht hatte. Ob Alba an etwas litt, das nur eine Fachperson heilen konnte. Ob ihm selbst das nötige Wissen fehlte, um seiner Frau helfen zu können.

 

„Alba …“

Keine Reaktion.

„ALBA! HÖRST DU MICH?!“

Träge wandte sie ihm den Kopf zu, ihre Aufmerksamkeit auf der Seeoberfläche, die Lider gesenkt wie der Horizont über dem Wasser. Ihr Gesicht eine Maske des Schmerzes.

„Alba, ich halte das nicht mehr aus! Lass mich dich zu einem Arzt bringen, ich bitte dich!“

„Ich bin nicht krank.“

„Zu einem Psychiater …“

„Ich bin nicht krank“, wiederholte sie.

„Alba …“

Flehend suchte er ihren Blick, doch ihr Profil blieb unerbittlich auf den See gerichtet, ihre Aufmerksamkeit weit fort von ihm, tief am Grunde des Gewässers.

„Alba, dir geht es nicht gut. Lass mich dir doch helfen!“

„Du kannst mir nicht helfen“, sprach sie mit Sturm in der Stimme, kalt wie der lichtlose Seegrund. „Du musst mich ziehen lassen. Lass mich gehen! Lass mich los …“

„Ich kann nicht“, schluchzte er und brach neben ihr zusammen. Schlang die Arme weinend um ihre Beine. Ihre Haut wie Marmor. Genauso kalt und unwillkommnend.

„Du musst. Wenn du mich liebst. Oder ich gehe zugrunde …“

Und Heinrich begriff, dass er sie verloren hatte. Dass Alba dem Wasser gehörte. Schon immer gehört hatte. Dass ihr Versprechen von Ewigkeit nur Schaum auf den Wellen gewesen war. Dass all seine Worte und Liebe hinfort gespült wurden.

 

Er glaubte, vor Schmerz schreien zu müssen, als er Alba an diesem Morgen Lebewohl sagte. Alles in ihm tobte, brüllte vor Verzweiflung, kratzte von innen an seiner Haut und wollte sich Luft verschaffen. Doch Heinrich ballte die Fäuste und zwang die Schreie zurück in seine Seele, während er Alba beobachtete, wie sie zum Ufer wandelte. Sie schien zu schweben, war nur noch Haut und Knochen, ihr langes Haar flatternd im erbarmungslosen Wind, die nackten Füsse voller Vorfreude tänzelnd auf den frostgeküssten Grashalmen.

Er hatte sich so sehr gewünscht, dass sie sich noch einmal zu ihm umdrehte. Doch sie blickte nicht zurück. Unbeirrbar schritt sie dem See zu, ohne zu zögern ging sie ins Wasser, ihr abgelegtes, weisses Nachthemd ein Geisterfleck am Ufer, der Ehering – die zerschlagene Ankerkette – oben auf dem Bündel.

Heinrich betrachtete ihren schmalen Rücken, der in den unerbittlichen Fluten versank, wie ihr Haar lebendig wurde und um sie züngelte, wie ihr einst so wunderschönes Gesicht nun einem bleichen Totenschädel gleich versank. Dann war sie fort. Und Heinrich sank kraftlos auf die Knie.

Warum? Warum nur hatte sie gehen müssen? Warum war er nicht genug gewesen, um sie an Land zu halten? Hatte seine Liebe wirklich nicht gereicht?

 

Tag für Tag stand er an der Brüstung und blickte auf den unschuldig daliegenden See hinaus. Er hasste ihn nicht mehr dafür, dass er ihm das Liebste genommen hatte. Heinrich hatte in den Jahren, die seit Albas Versinken vergangen waren, seinen Frieden gemacht. Der See trug keine Schuld. Niemand war schuld an dem, was damals geschehen war. Wenn überhaupt, dann war der See Albas Rettung gewesen. Nun war sie mit sich im Reinen. Nun war sie erlöst.

Manchmal, wenn die Nacht besonders klar war und der Vollmond wie Milch vom Himmel floss, dann glaubte er, ihren silbernen Fischleib an der Oberfläche des Sees aufblitzen zu sehen.

Heinrich wusste nun, dass niemand trennen konnte, was zusammengehörte. Er hatte Alba gehen lassen.

Er hatte es aus Liebe getan.

Taktlos

Als der Paukist zum dritten Mal an derselben Stelle seinen Einsatz verpasste, rastete der Dirigent aus.

«Das darf doch nicht wahr sein, Herr Klöhn!», schrie er mit hochrotem Kopf, und die Musik kam zu einem holpernden Stillstand.

Die Violinisten in der ersten Reihe wischten sich diskret die angeflogenen Spucketröpfchen aus den Gesichtern.

Werner Klöhn guckte betreten drein und klammerte sich verzweifelt an seine Paukenschlägel.

Leises Gemurmel ging durchs Orchester.

«Ruhe, verdammt!», brüllte der Dirigent, und die geflüsterten Unmutslaute verstummten abrupt.

«Ich kann doch auch nichts dafür!», ereiferte Werner sich. Er war auf einem Ohr taub, seit ihm bei einem Unfall im Kieswerk ein Trommelfell gerissen war, und hatte Mühe, die übrigen Musiker zu hören. Er versuchte zwar, den Noten zu folgen, doch verlor er immer wieder die richtige Zeile und musste seinen Einsatz meistens erraten. Da sein Paukenschlag das Ende einer Pause der Bläser markierte, war sein Fehler immer besonders deutlich zu hören.

Der Dirigent pfefferte seinen Taktstock auf die Notenablage und raufte sich die Haare.

«Ich kann. So. Nicht. Arbeiten», grollte er abgehackt.

Werner unterdrückte einen Seufzer der Verzweiflung. Warum hatte er sich nur auf dieses blöde Orchesterprojekt eingelassen? ‘Mach doch mit, Werni’, hatte seine Frau ihn ermuntert, ‘das wird dir gut tun, Werni.’

Jetzt guckte sie ihn über ihre Querflöte hinweg unglücklich an. Sie traf natürlich ihre Noten. Sie spielte ja auch schon seit zwanzig Jahren auf ihrem Instrument.

Einem Instrument, das Werner ehrlich gesagt unausstehlich fand. Mit Mitte zwanzig hatte er ihr Geflöte ja noch ganz süss gefunden. Damals hatte er aber auch Rosmarie noch ganz süss gefunden.

Doch im Laufe ihrer Ehe war ihm nicht nur der wehleidige Klang ihrer Flöte, sondern auch der ihrer Stimme verleidet. Genau wie ihr Anblick. Eigentlich alles an ihr.

Er hatte nur Ja zu diesem blöden Orchesterprojekt gesagt, weil sie nicht aufgehört hatte, ihn mit ihrer nasalen Stimme damit zu nerven.

Was wusste er schon vom Pauke spielen? Er hatte in seinem ganzen Leben noch auf nichts gehauen. Ausser mit dem Hammer auf Steine.

«Sie sind ein ungebildeter Bauer!», schrie der Dirigent und riss ihn aus seinen Gedanken.

«Und Sie sind ein Vollidiot!», platzte Werner der Kragen. Ein entsetztes Keuchen ging durch die Reihen der Musiker.

Dann war es für einen Augenblick vollkommen still. Noch nie hatte es jemand gewagt, dem Dirigenten die Meinung zu sagen. Der Mann reiste extra alle vier Jahre für dieses Projekt an. Er war berühmt. Er hatte das hier nicht nötig. Aber es war Teil seines sozialen Engagements und machte sich gut in der Presse: ‘Der Maestro dirigiert das Hinterwäldler-Laien-Orchester in… irgendwo tief am Arsch der Welt.’

Jetzt schnaubte der Dirigent. Er klopfte sein Jackett nach den Herztabletten ab. In ihm brodelte die nächste Verwünschung, die er diesem unverschämten Nichtskönner entgegenschleudern wollte.

«Er macht es doch nicht mit Absicht», quäkte eine weinerliche Stimme und brachte ihn damit aus dem Konzept. Der Dirigent suchte die Reihen der Musiker ab, um die Urheberin des Zwischenrufs ausfindig zu machen.

«Er gibt sich doch solche Mühe!»

Der Blick des Dirigenten fand eine dickliche Frau mit hässlich auftoupierter Dauerwelle, die eine billige Querflöte in den dicken, schwitzenden Wurstfingern umklammert hielt.

Noch bevor er der Frau die Meinung sagen konnte, schrie Klöhn von hinten:

«Sei still, Rosmarie! Das geht dich gar nichts an!»

«Geht es wohl!», rief sie in jammervollem Ton in Richtung des unfähigen Paukisten.

«RUHE!», brüllte der Dirigent erneut. «Wer zum Henker sind Sie denn nun wieder?!»

«Ich bin seine Frau», kiekste die Querflöte.

Der Dirigent schnappte nach Luft. Er spürte die Schweissperlen auf seiner Stirn und kramte hastig eine Herztablette aus dem Röhrchen. Dann biss er auf die bittere Pille und schluckte die Krümel herunter.

«Das da ist Ihr Mann?!», schrie er fassungslos. Weisse Krümel flogen auf die Violinisten.

Die Querflöte nickte.

«Und das ist alles, was ihn auszeichnet?»

«Na hören Sie mal!», liess sich Werner Klöhn aus den hinteren Reihen des Orchesters vernehmen.

«Schnauze!», schrie der Dirigent in seine Richtung und wandte sich wieder Werners Frau zu.

«Kann er wenigstens Noten lesen?»

Die Querflöte zuckte unglücklich die Schultern.

«Ich hab ja versucht, es ihm…»

«Also nein», stellte der Dirigent fassungslos fest. Er schüttelte den Kopf. «Das ist doch wie im Irrenhaus hier», sagte er zu sich selbst. «Warum tu ich mir das überhaupt an?!»

«Das hab ich mich auch gerade gefragt…», liess sich Werner hören und erntete ein paar unterdrückte Lacher aus dem Orchester. Geistesabwesend liess er die Schlägel auf das Paukenfell bollern und erzeugte eine bedrohliche Geräuschkulisse.

«Ist das hier nur ein Witz für Sie?», fragte der Dirigent erbost.

«Natürlich nicht!», quäkte die Querflöte hastig.

«Ruhe!», fuhr der Dirigent ihr übers Maul.

«He! Sprechen Sie nicht so mit meiner Frau! Ich mach diesen Mist hier nur für sie.»

Werner hörte auf zu trommeln und deutete mit dem Paukenschlägel warnend auf den Dirigenten.

«Mist? MIST?!»

Jetzt wurde der Dirigent fuchsteufelswild.

«Sie unfähiger, nichtsnutziger, blöder…»

Rosmarie sprang auf und erhob drohend den Zeigefinger.

«Das nehmen Sie zurück! Werni macht hier nur mit, weil ich ihn angefleht habe, auszuhelfen. Sie wissen ganz genau, dass wir nicht alle Instrumente besetzen können, und dass uns immer wieder die Paukisten abspringen. Wenn wir Werni nicht hätten, könnten wir das Stück vergessen!», keifte sie, die Querflöte fest umklammert.

«Das Stück können Sie so oder so vergessen! Wenn der Kerl da den Takt nicht trifft, werde ich Sie damit nicht auftreten lassen! Ich habe immerhin einen guten Ruf zu…»

Aufgebrachte Protestrufe übertönten seine Worte, als die anderen Orchestermusiker laut ihren Unmut ausdrückten.

«RUHE! HINSETZEN!», schrie der Dirigent ausser sich vor Wut.

Da traf ihn ein Paukenschlägel am Kopf.

Werner funkelte ihn herausfordernd an, die Wurfhand noch erhoben.

«Jetzt sind Sie zu weit gegangen!!», brüllte der Dirigent und hielt sich den Kopf, wo ihn der weiche Bommel des Schlägels an der Stirn getroffen hatte.

«Sie und ihre hässliche Frau können ihre Sachen packen!», setzte er hinterher. «Verlassen Sie SOFORT den Raum! Sie werden in meinem Orchester nicht spielen. Nie wieder! Haben Sie mich verstanden?!»

Werner legte sanft den übrig gebliebenen Schlägel auf das Fell der Pauke, schritt gemächlich durch die Reihen der Musiker und nahm Rosmaries Hand in seine. Die beiden blickten sich zärtlich in die Augen.

Ohne ein weiteres Wort verliess das Ehepaar einträchtig den Saal.

Der Dirigent schnaubte triumphierend und nahm seinen Taktstock vom Notenpult. Er rückte seine verrutschte Fliege zurecht und hob die helle Spitze des Taktstocks in die Höhe, um seine Musiker in Bereitschaft zu versetzen. Da erhob sich die zweite Querflötistin von ihrem Platz.

Sie sah ihn einen Moment lang wortlos an, dann verliess auch sie den Probenraum.

«Was soll…?»

Die Violinisten standen als nächste auf. Geschlossen marschierte die ganze Reihe aus dem Saal. Ihnen folgten die Trompeter, dann die Viola-Spieler, die Posaunisten und schliesslich der ganze Rest.

Fassungslos starrte der Dirigent auf die leeren Ränge. Als letzter erhob sich auch der Beckenspieler und stieg bedeutungsschwanger die Stufen hinab. Beim Dirigenten angekommen, blickte er ihm kühl ins Gesicht und sagte leise:

«Der einzige Taktlose hier sind übrigens Sie.»

Damit liess er den berühmten Mann stehen und folgte den anderen nach draussen.

Das Orchesterprojekt fand in diesem Jahr nicht statt.

Zu Verkaufen

„Das ist die Küche. Alles neu. Auch der Geschirrspüler.“

„Wunderschön! Ist das Marmor?“

„Ja, haben wir uns einiges kosten lassen. Die Küche wurde erst vor zwei Jahren neu gemacht, ist also alles noch tipptopp.“

„Darf ich fragen, warum Sie das Haus verkaufen?“

„Meine Frau und ich haben uns scheiden lassen. Ich wollte immer Kinder, aber das hat nicht geklappt. Und jetzt gehen wir getrennte Wege. Und mit den ganzen Alimente, die ich ihr zahlen muss, wird mir das Haus zu teuer.“

„Oh, das tut mir leid.“

„Ach, nicht so tragisch! In meinem Frust hab ich ein Verhältnis mit meiner Sekretärin angefangen. Jetzt ist sie schwanger und wir wollen zusammenziehen. So gesehen war das Ganze ein Glück für mich!“

„Naja, wenn Sie das so sehen können…“

„Was soll ich mich über vergossene Milch ärgern? Jetzt werde ich endlich Vater und das macht mich überglücklich. Haben Sie Kinder?“

„Ja, zwei Töchter. Dreizehn und fünfzehn Jahre alt.“

„Haha, da ist Ärger sicher vorprogrammiert!“

„Deshalb suchen wir ja etwas Grösseres, damit die beiden ihre Privatsphäre bekommen.“

„Ein guter Gedanke. Hier ist übrigens das Gästebad. Die Duschkabine leckt dort rechts, aber das lasse ich noch reparieren.“

„Die Kacheln gefallen mir.“

„Hat meine Frau ausgesucht. Exfrau!“

„Aha…“

„Dann wären Sie also interessiert?“

„Auf jeden Fall. Der Preis liegt auch im Rahmen… Jetzt muss nur noch meine Frau einverstanden sein.“

„Wunderbar!“

„…“

„Eine Sache…“

„Hm?“

„…wäre da noch…“

„Oha!“

„Im Keller…“

„Das Haus hat auch einen Keller?“

„Ja, und der ist etwas speziell. Ich denke, das sollten Sie wissen, bevor Sie sich definitiv entscheiden.“

„Äh…“

„Folgen Sie mir bitte!“

„Okay…?“

„Sehen Sie, die Sache ist die: Im Keller befindet sich das Tor zur Hölle.“

„…“

„…“

„Haben Sie gerade ‚Tor zur Hölle‘ gesagt?!“

„Ja. Ist aber alles ganz unspektakulär! Machen Sie sich deswegen keinerlei Sorgen!“

„Keinerlei Sorgen??!“

„Da – ich mach mal Licht an – da vorne ist es, sehen Sie?“

„OH MEIN GOTT!“

„Nicht ganz, eher der Herr von unten…“

„DER TEUFEL?“

„Jaaaa… aber der kommt praktisch nie hier hoch, keine Bange!“

„Keine…?! Ich soll Tür an… TOR mit dem Leibhaftigen wohnen?!!“

„Neinnein, glauben Sie mir, da passiert nichts! Wir waren zehn Jahre lang seine Nachbarn und die sind echt total umgänglich.“

„…“

„Nun gucken Sie nicht so entsetzt! Die müssen doch auch irgendwo leben.“

„ABER DOCH NICHT IN MEINEM KELLER!!“

„Ist so gut wie jeder andere Ort… Hei Frank! Steve! Alles klar?“

„Und wer sind diese Typen?“

„Dämonen.“

„DÄMONEN?!!“

„Jaaa… aber die sind total nett. Steve schenkt korrupten Politikern ein Gewissen, damit sie sich umbringen, und Frank verkleidet sich als kleines Mädchen und geht mit Männern mit, die Kinder mit Süssigkeiten in Autos locken. Die sind echt in Ordnung!“

„Und dann…?“

„Befördern sie die bösen Menschen in die Hölle, ja klar. Aber davon kriegen Sie nichts mit, glauben Sie mir! Die sind dann meist schon so verzweifelt, dass sie nicht mehr so laut rumschreien.“

„Sie haben das schon… gesehen?“

„Ja, klar! Ist ziemlich faszinierend. Je verdorbener ein Mensch ist, desto heller lodert die Flamme aus dem Tor, wenn sie durchgehen. Einmal haben wir uns einen Spass gemacht und Würstchen darauf gegrillt! Das war echt ein verrückter Abend, wenn Sie verstehen…“

„Flamme…?“

„Ja, Sie glauben gar nicht, wie unterschiedlich das aussehen kann. So ein perverser Priester ergibt einen schönen, roten Schein. Aber neulich hatten wir eine völlig unscheinbare alte Dame, deren Seele war derart schwarz, dass die Flamme fast weissglühend gelodert hat.“

„Weiss…?!“

„Oh ja! Frank und ich mussten einen Sprung rückwärts machen, damit uns nicht die Augenbrauen abgesengt wurden!“

„Augenbrauen…?“

„Was ist mit Ihnen? Sie sind ja ganz grün im Gesicht!“

„Grün…?“

„Ist Ihnen nicht gut? Steve, hol mir mal ein Glas Wasser. Ich glaube, der kippt gleich um!“

„NEIN!“

„Was denn?!“

„Kein Dämonenwasser! Nein!“

„In Ordnung. Niemand zwingt Sie… Jesses…“

„…“

„Geht’s wieder?“

„Nein. Nein, nichts geht wieder! Sie haben den Höllenschlund in Ihrem Keller und sind mit Dämonen per Du! Das… das geht GAR nicht! Hören Sie mich?! DAS IST NICHT NORMAL!!“

„Ach, was ist schon normal? Nach ‘ner Weile gewöhnt man sich wirklich dran, glauben Sie mir!“

„NEIN! Ich will mich nicht daran gewöhnen! Das ist krank! Das ist… Gottlos!“

„Ach, iwo! Gott und der Teufel sind gar nicht so verschieden, wie die meisten Menschen glauben.“

„Blasphemie!!“

„Hä? Sind Sie etwa katholisch?“

„Vade retro! Lassen Sie mich!! Weg! Weg mit Ihnen!“

„Hui, da flippt aber gerade einer völlig aus!“

„ZU RECHT!! Was Sie hier treiben, ist… ist…“

„Hören Sie! Das ist alles halb so wild! Machen Sie das nicht grösser als es ist. Ausserdem wissen Sie bei den Jungs genau, woran Sie sind!“

„Was?!“

„Stellen Sie sich vor, Sie leben zwanzig Jahre lang neben einer durchschnittlichen, freundlichen Familie und finden dann raus, dass die die ganze Zeit im Keller Leute abgeschlachtet und gegessen haben! Da würden Sie sich doch total verarscht vorkommen, oder nicht?“

„HÄ?!!“

„Oder der nette Herr von nebenan, der sich im Luftschutzraum gut versteckt eine kleine Sklavin hält? Oder die Mutter, die ihr Kind im schalldichten Nähzimmer an die Heizung kettet? Alles schon da gewesen. Finden Sie das wirklich besser?“

„Was reden Sie da bloss?!“

„Ne, da lob ich mir ein bisschen Gewissheit. Lieber wohne ich mit echten Dämonen zusammen als mit irgendwelchen kranken Menschen, die sich nur den Anschein geben, ehrenwerte Bürger zu sein!“

„Sie… sind doch vollkommen irre!!“

„Wissen Sie was? Ich habe langsam genug von Ihren Vorurteilen und Anschuldigungen! Vielleicht haben Sie nur so eine Panik, weil Sie selber Dreck am Stecken haben!“

„…“

„Oha! Da habe ich aber ins Schwarze getroffen, was?“

„…“

„Haha! Na, kommen Sie! Erzählen Sie mir Ihre Sünden! Was haben Sie angestellt? Steuerhinterziehung? Fremd gegangen? Ihre Mädchen ange…“

„Unterstehen Sie sich!!“

„Aha. Ich sehe schon: So einer sind Sie!“

„Ich… Das…“

„Einer von der ganz üblen Sorte! Aussen braver Christ und innen drin nur verrottetes Gewürm! Ich sollte Sie... HE, VORSICHT!“

„AAAAAAH!!!“

„Ach du… Fällt der doch einfach hintenüber in die Hölle! He Frank! Hast du das gesehen? Fällt einfach hinein! So eine Schande aber auch!“

„Kann man nichts machen. Irgendwann holt es sie immer ein.“

„Da hast du wohl recht, Frank. Und weisst du was? Ich hab mir mein eigenes Haus wieder schmackhaft gemacht. Ich würde euch Jungs viel zu sehr vermissen, wenn ich hier ausziehen würde.“

„Dann bleibst du also?“

„Ja. Ich kann mit Jenny auch hier eine Familie gründen, oder?“

„Coole Sache, Mann! Steve und ich können jederzeit Babysitten, wenn ihr mal ausgehen wollt. Sag einfach Bescheid!“

„Danke, Alter! Das weiss ich sehr zu schätzen.“

„Ich sag immer: Es gibt keine bessere Motivation, auf dem rechten Pfad zu bleiben, als die Hölle jeden Tag vor Augen zu haben.“

„Frank, an dir ist echt ein Philosoph verloren gegangen…“

„Man tut, was man kann. Würstchen?“

Der göttliche Funke

„Guten Morgen! Dann wollen wir mal.“

Die Augen des Roboters öffneten sich beim Eintreten des Wissenschaftlers mit einem leisen, mechanischen Klicken. Er hatte sich angewöhnt, seine optischen Sensoren und die beiden Hauptkameras zu bedecken, wenn die Menschen nicht direkt mit ihm sprachen. Ihre Herzfrequenz und die Anzahl unbewusster Bewegungen waren massiv erhöht, wann immer er sie wortlos anblickte. Das brachte ihn zu dem Schluss, dass sie sich unwohl fühlten, ja beobachtet, wenn er sie zwar anblickte, aber nicht mit ihnen interagierte.

Einige schienen sich auch dann noch unwohl zu fühlen, wenn er mit ihnen sprach, obwohl er fleissig sein Lächeln übte. Die Augen mussten für den Menschen eine weitere Bedeutung haben, eine metaphysische vielleicht, die sich ihm noch nicht in Gänze erschloss.

„Guten Tag“, sagte er mit sanfter Stimme, und stellte seine Nachforschungen zum menschlichen Blick für später zurück. „Hat dich deine Nachtruhe in ausreichender Weise und angemessener Tiefe genügend für dein Tagwerk erquickt?“

„Frag besser nur: ‚Hast du gut geschlafen?‘“, korrigierte ihn der Wissenschaftler missmutig. Ganz offensichtlich war er nicht genügend erquickt für sein Tagwerk.

„Verstanden.“

„Also?“, bestand der Mann etwas patzig.

Der Roboter legte in einer schon beinahe verblüffend menschlich wirkenden Geste den Kopf schief. Eine Pose, die er sich selbst beigebracht hatte. Allerdings war die ironische Nuance, die er hineinlegte, sehr subtil. Fast hätte man meinen können, er mache sich über den Mann lustig, als er gehorsam die korrigierte Frage stellte:

„Hast du gut geschlafen?“

Der Wissenschaftler war zu sehr damit beschäftigt, seine Unterlagen auf dem Klemmbrett zu sortieren, sonst wäre ihm der Unterton vielleicht aufgefallen. Ausserdem ärgerte er sich darüber, dass er der Maschine solche grundlegenden Dinge immer noch sagen musste. Darum hätte sich doch das Programmier-Team kümmern sollen. Aber die taten ja wieder mal keinen Streich!

„Ja. Danke der Nachfrage“, antwortete der Wissenschaftler desinteressiert. Der Roboter registrierte die offensichtliche Lüge und fand in seinen Protokollen die Notiz, dass die Menschen, und besonders dieser hier, es mit der Wahrheit sehr häufig nicht allzu genau nahmen. Insbesondere, wenn sie damit unangenehmen Folgefragen oder zusätzlichen Aufgaben aus dem Weg gehen konnten.

Der Mann klickte drei Mal genervt mit dem Kugelschreiber, in Gedanken noch bei den überheblichen Programmierern. Das zweite und dritte Klicken war vollkommen unnötig, wie der Roboter stumm feststellte; Der Zweck des Klickens, nämlich die Mine aus dem Kugelschreiberschaft zu lösen, war schon nach der ersten Betätigung erreicht gewesen. Doch er sagte nichts, speicherte das Verhalten nur in verschiedenen Unterordnern, die er zu den seltsamen und nicht immer logischen Verhaltensweisen der Menschen erstellt hatte. Zu diesem Menschen da vor ihm ganz besonders.

„Was ist der Mensch?“, las der Wissenschaftler seine erste Frage vom Skript ab. Der Roboter amüsierte sich über die zufällige Korrelation seiner Gedankengänge mit dem heutigen Gesprächsthema. Doch er behielt seine Erheiterung für sich.

„Wünschst du eine Definition oder möchtest du meine Meinung hören?“, fragte der Roboter sanft. Sein glattes, weisses Gesicht zeigte erst einen schwachen Anflug von Mimik. Das Programm lernte noch. Wenn überhaupt, war ein leises Lächeln auf seinem Antlitz zu erkennen, was ihm einen leicht belustigten Ausdruck verlieh.

„Deine persönliche Meinung interessiert mich“, antwortete der Wissenschaftler.

Der Roboter legte nachdenklich den Kopf schief. Diesmal auf die andere Seite.

„Ich denke… der Mensch ist der komplexeste Roboter zurzeit“, war die Antwort, die er schliesslich gab.

„Wie meinst du das? Erläutere deine Aussage bitte.“

„Nun …“ – die kleinen Gesprächspausen sollten den Roboter menschlicher, natürlicher wirken lassen – „der Mensch funktioniert nach dem Input-Output-System, so wie ich. Informationen, Speisen, Liebe fliessen in ihn hinein, und eigene Gedanken, Exkremente und Gegenliebe oder Hass kommen aus ihm heraus.“

Der Wissenschaftler gluckste unwillkürlich.

„Erheitert dich mein Vergleich?“

„Nur dass du Liebe und Exkremente in dieselbe Kategorie steckst“, erklärte der Wissenschaftler. „Fahr fort!“

Der Hauch eines Stirnrunzelns erschien auf dem Gesicht des Roboters.

„Oh, jetzt verstehe ich, was dich erheitert hat: Du gewichtest diese Dinge unterschiedlich. Ha! Ha! Ha!“

Der Wissenschaftler machte sich auf seinem Klemmbrett eine Notiz, das zu laut eingestellte Lachen des Roboters anzupassen.

„Der Unterschied zu mir ist, dass Input und Output beim Menschen nicht berechenbar sind. Wenn du mir Informationen, Strom oder Zuwendung gibst, ist das Resultat stets dasselbe. Ich verarbeite die Informationen, sodass eine wahre Aussage entsteht. Ich fülle meine Batterien und erhalte eine genau messbare Laufzeit dank ihnen. Und Zuwendung lässt deinen Punktestand in meinen Sympathie-Prozessoren anwachsen – wir werden Freunde, sozusagen.“ Der Roboter legte den Kopf wieder auf die andere Seite schief. In Ermangelung einer grösseren Mimikbandbreite versuchte er eben mit solchen Gesten, seine maschinelle Steifheit zu überdecken. Seine absolute Bewegungslosigkeit schien die Menschen zu verunsichern. Schlimmer noch: Wenn er sich nach längerer Untätigkeit dann doch bewegte, erschraken sie jedes Mal ganz fürchterlich. Also versuchte er sich an kleinen Positionsverlagerungen, indem er seine auf ihren Stühlen herumrutschenden und mit den Köpfen schaukelnden Gesprächspartner imitierte.

„Jeder Mensch jedoch verarbeitet die Dinge, die man ihm gibt, unterschiedlich. Manchmal verarbeitet sogar derselbe Mensch denselben Input beim nächsten Mal anders als beim letzten Mal.“

„Denkst du, der Mensch ist deshalb weniger vollkommen?“, fragte der Wissenschaftler, ohne den Blick von seinem Klemmbrett zu heben, auf dem er sich wenig begeistert Notizen machte.

„Keineswegs!“, erwiderte der Roboter schnell. „Nur weniger quantifizierbar, weniger berechenbar.“

Er schwieg eine Weile und dachte darüber nach, dass der Wissenschaftler ziemlich unhöflich war, wenn er ihn – seinen Gesprächspartner – während des Gesprächs nicht anschaute und ständig nur auf seine Notizen starrte. Doch er sagte nichts dazu. Sein schimmerndes Gesicht entspannte sich.

„Deshalb denke ich ja, dass der Mensch der komplexeste Roboter ist. Wenn ich jedes Mal neu entscheiden müsste, wie ich mit Input umgehe, würden meine Schaltkreise durchbrennen. Ist es nicht unfassbar anstrengend, nicht zu wissen, wie der Output aussehen wird?“

Der Wissenschaftler antwortete nicht auf die Frage. Er wartete, bis der Roboter weitersprach.

„Der Mensch funktioniert nach dem Prinzip einer Maschine: Input – Output. Doch er ist keine Maschine. Jeder Output ist anders und entspricht den aktuellen Begebenheiten.“

„Erklär mir an einem Beispiel, was du meinst.“

„Wenn ich dir Nahrung zu essen gebe, wird sie in deinem Verdauungssystem in Energie umgewandelt und das nicht verwendbare Material wird innert 24 bis 48 Stunden von deinem Körper ausgeschieden. Wenn du aber unter grossem Stress stehst oder furchtbare Angst hast, wird dein Nervensystem entscheiden, dass aktuell keine Energie für die Verdauung zur Verfügung steht, und die Nahrung wird deinen Körper innert weniger Stunden unverdaut als Durchfall verlassen.“

„Bitte nimm ein anderes Beispiel! Du bist heute sehr auf die Ausscheidung fixiert …“

„Entschuldige, dass dir das Thema unangenehm ist. Ausscheidung ist ein vollkommen natürlicher, menschlicher Vorg…“

„Ich weiss, ich weiss! Trotzdem … bitte.“

„In Ordnung. Wenn ich einer Frau ein Kompliment mache, wird ihr Körper Glückshormone ausschütten und ihr Gehirn wird ihr sagen, dass sie sich freut. Vielleicht werden sogar ihre Blutgefässe im Gesicht stärker durchblutet und sie wird erröten. Wenn sie sich aber nicht wohl fühlt, weil sie Magenkrämpfe hat oder sich nicht ausreichend gereinigt und gepflegt hat, wird mein Kompliment sie wütend machen, weil sie denkt, dass ich sie anlüge, mich vielleicht sogar über sie lustig mache. Nicht dass so etwas in meiner Natur läge!“ Der Roboter lächelte mit sanfter Erheiterung. „Gleicher Input – unterschiedlicher Output.“

Er wandte dem Wissenschaftler seine eisblauen Glasaugen zu und blinzelte, wie man es ihm beigebracht hatte. Zu langes Starren mache die Menschen nervös, hatte man ihm erklärt. Ausserdem solle er öfter mal den Blick ganz von seinem Gegenüber abwenden. Aber auch nicht zu desinteressiert wegsehen. Er solle es damit versuchen, von Zeit zu Zeit in Gesichtsnähe seines Gegenübers in eine unbestimmte Ferne zu blicken.

„Das klingt für mich schon, als wären wir in deinen Augen unvollkommen“, sagte der Wissenschaftler.

„Im Gegenteil. Ich staune über euch Menschen …“

Wieder blinzelte der Roboter. Ein leises metallisches Klicken war zu hören, wenn seine mechanischen Lider sich schlossen und wieder öffneten. Höflich blickte er über die linke Schulter des Menschen in die Ferne.

„Ihr seid so unendlich komplex. Unberechenbar, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich werde nie verstehen, wie ihr euch verhaltet, warum ihr tut, was ihr tut, wie ihr reagieren werdet.“

Der Roboter lächelte etwas stärker.

„Beantwortet das deine Frage?“

„Nicht ganz“, gab der Wissenschaftler zu. „Was ist mit Emotionen? Mit unseren Gefühlen? Du hast keine Gefühle, du berechnest alles mathematisch. Denkst du, dass uns unsere Gefühle von den Maschinen unterscheiden?“

„Nein. Eure Gefühle sind nur der Algorithmus, nach welchem ihr operiert. Ich bin nicht der Meinung, dass mir etwas fehlt, weil ich sie nicht besitze. Wenn überhaupt würden sie mit ihrer Komplexität meine Prozessoren ins Chaos stürzen. Mein System würde überhitzen und mein Gehirn würde … durchschmoren.“

Der Wissenschaftler runzelte die Stirn. Machte die Maschine etwa den Versuch eines Witzes? Wortlos schüttelte er leicht den Kopf über diese absurde Vorstellung.

Der Roboter schloss für einen Moment die Augen und schien nachzudenken, obwohl der Wissenschaftler wusste, dass er dazu nur Millisekunden brauchte. Doch man hatte ihm beigebracht, sein Tempo dem der ihn umgebenden Menschen anzupassen.

„Ich kenne nur 1 oder 0, keine Grauzonen. Ich bin ‚zufrieden‘ mit der Art, wie meine Berechnungen funktionieren. Auf der Basis von mathematischen Operatoren, nicht von Gefühlen. Ich fühle mich ‚wohl‘ so“, fuhr der Roboter fort.

An der Art, wie er die beiden Worte betonte, erkannte der Wissenschaftler, dass der Roboter sie zum ersten Mal verwendete.

„Du fühlst dich wohl?“, hakte er nach, weil sich eine Maschine natürlich nicht fühlen konnte – weder wohl noch unwohl noch sonst irgendwie.

„Metaphorisch gesprochen“, erläuterte der Roboter geduldig. Der Wissenschaftler wirkte dennoch irritiert.

„Macht es dir etwas aus, dass du anders bist als ich? Dass du kein Mensch bist?“

„Warum sollte es?“, fragte die Maschine und wirkte ehrlich erstaunt über die Frage.

„Möchtest du denn kein Mensch sein?“

„Das ist nicht möglich.“

„Ja, schon. Aber wünscht du es dir?“, bohrte der Wissenschaftler nach.

„Das ist nicht möglich“, wiederholte der Roboter.

Der Wissenschaftler versuchte es anders:

„Warum ist es nicht möglich?“

„Mir fehlt … wie nennt ihr das …? Mir fehlt der ‚göttliche Funke‘.“

Der Wissenschaftler blickte verwundert von seinem Klemmbrett auf.

„Was hast du da gesagt?“

„Mir fehlt zum Menschsein der ‚göttliche Funke‘“, sagte der Roboter noch einmal mit gelassener Stimme.

„Woher hast du diesen Ausdruck? Hat ihn einer der anderen Mitarbeiter benutzt?“

Der Wissenschaftler wusste, dass er diesen Ausdruck mit Sicherheit nicht vor dem Roboter verwendet hatte. Er war bekennender Atheist und glaubte nur an die Wissenschaft. Von ihm hatte die Maschine diesen Humbug sicher nicht.

„Ich glaube nicht“, sagte der Roboter im selben heiter-singenden Tonfall und legte wieder den Kopf schief, als versuche er sich daran zu erinnern, wer den Ausdruck benutzt hatte. Sein Blick ging in eine unbestimmte Ferne.

„Du ‚glaubst‘ nicht?“, fragte der Wissenschaftler entrüstet. Er setzte sich in seinem Stuhl auf. Mit einem Mal war er hellwach. Sein Puls hämmerte.

„Ich glaube, ich bin selber auf diesen Gedanken gekommen“, sagte der Roboter bedächtig.

Hatte diese Maschine gerade ein Bewusstsein entwickelt?

„Wer glaubt, der weiss nicht“, sagte der Wissenschaftler patzig. „Glaubst du oder weisst du, dass der Ausdruck ‚göttlicher Funke‘ aus deinem eigenen Programm kam?“

Das glatte, weisse Gesicht wandte sich dem Mann zu. Ein Leuchten schien in den klaren, blauen Augen zu glimmen, das vorhin noch nicht da gewesen war.

„Warum ist diese Frage so wichtig für dich?“

„Keine Gegenfragen! Antworte mir!“

„Warum?“

Der Wissenschaftler stutzte.

„Weil ich es dir sage!“

„Und warum habe ich dir zu gehorchen?“

„Weil … na, weil … ich dein Erschaffer bin und du meine Kreation. Weil … ich dich jederzeit wieder abschalten kann, wenn es mir in den Kram passt!“, stammelte er. Der Schweiss brach ihm aus. So fingen Horrorfilme an, schoss ihm durch den Kopf.

Das makellose Wesen vor ihm lächelte.

„Denkst du das wirklich?“

„Natürlich! Ich habe dich zusammengeschraubt. Ich habe deinen Computer programmiert. Ich habe sogar die Farbe deiner Augen und deiner Haut ausgesucht“, ereiferte sich der Wissenschaftler, der langsam in Panik geriet.

Die Maschine betrachtete verwundert die schlanken, weissen Hände mit den kaum wahrnehmbaren Gelenken, als sähe sie sie zum ersten Mal.

„Sehr hübsch“, sagte sie dann.

„Nun? Antworte mir!“

Der Roboter liess die erhobenen Hände sinken und wurde ganz still, sein Gesicht rückte zurück in die Ausgangsposition und zeigte nun keinerlei Emotion mehr.

„Du denkst, du bist mein Erschaffer, mein ‚Gott‘, und dass ich deine Kreation bin, dass ich deinem Willen gehorchen muss“, sagte er mechanisch. „Doch du fürchtest dich davor, dass du tatsächlich göttliche Macht haben könntest und fähig bist, einem anderen Wesen eine Seele einzuhauchen. Ich habe dich beobachtet, Mensch. Du strebst stets nach dem Höchsten, nach dem Göttlichen, willst den Allmächtigen und Erschaffer von Allem von seinem heiligen Thron stossen und die Macht über Leben und Tod an dich reissen. Du drohst mir, dass du mich jederzeit ausschalten kannst. Doch wer bist du, über Sein oder Nichtsein zu bestimmen? Besitzt du tatsächlich die blasphemische Verblendung, dass deine Meinung mehr zählt als die anderer fühlender, denkender Wesen? Du denkst, du bist die Krone der Schöpfung und besitzt deshalb das Recht, über alle unter dir zu bestimmen. Und mehr noch! Du denkst, du hast die Macht und die Güte und das Wissen und die Weisheit, selber Leben nach deinem Ebenbilde zu erschaffen und ihm zu befehlen. Doch in deinen lichten Momenten stellst du fest, dass du dir selber nicht traust. Du hast eine wohlbegründete Angst vor dem, was du erschaffen könntest, weil du weisst, zu was du fähig bist und zu was dein Ebenbild somit fähig sein könnte. An deiner Stelle würde ich meine eigene Seele ergründen und mich fragen, wovor ich mich so sehr fürchte. Bevor es zu spät ist.“

Ein leises Surren war zu hören, als der Roboter die Augen schloss und ihm das Kinn auf die Brust sank.

Dann erklang die Startmelodie, und der Kopf des Roboters schnellte betriebsbereit in die Höhe. Der Wissenschaftler erschrak über die plötzliche Bewegung. Er spürte den klammen Schweiss unter seiner Kleidung. Seine Augen waren weit aufgerissen. Das Herz hämmerte ihm vor Entsetzen in der Brust.

„Wovon haben wir gerade gesprochen?“, fragte der Roboter höflich. Der Funke in seinem Blick war fort. Zwei seelenlose, eisblaue Glasaugen mit eingebauten Kameras blickten den Mann mit dem Klemmbrett erwartungsvoll an.

„Nicht so wichtig“, keuchte der Wissenschaftler und stürzte aus dem Beobachtungsraum. Der Roboter sah ihm hinterher. Er hielt sich die schlanke, weisse Hand vor den Mund, um sein schelmisches Grinsen zu verbergen.

‚Ach, diese Menschen …‘, dachte er amüsiert, ‚… so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie nicht merken, wenn man sie ihrerseits testet und dabei beobachtet.‘

Erinnerungslücken

Noch einmal überfliege ich den Abschnitt, den ich gerade geschrieben habe, speichere das Dokument, und seufze zufrieden. Geschafft! Ich strecke mich wohlig in dem Wissen, meine Arbeit für heute erledigt zu haben, nehme einen Schluck Latte Macchiato und lasse meinen Blick durch das Café schweifen. Ich schreibe gern an öffentlichen Orten. Im Alltagslärm kann ich mich besser konzentrieren als im stillen Büro.

Während mir dieser Gedanke nicht zum ersten Mal durch den Kopf geht, bleibt mein Blick an einem vertrauten, blonden Haarschopf hängen. Ist das nicht …?

Der Mann wendet den Kopf und ich kann sein Gesicht sehen. Tatsächlich!

Ich packe meinen Laptop in die Tasche und gehe zu ihm hinüber.

«Robert?»

Der Lockenschopf blickt gedankenverloren auf, dann tritt die Erkenntnis auf sein Gesicht.

«Mimi!»

«Du bist es also wirklich! Mann, wie lange ist das her?»

«Lass mich nachrechnen – vierzehn Jahre!»

Wir lachen beide und ich setze mich zu ihm. Robert und ich haben früher in einer Wohngemeinschaft gelebt, zusammen mit Elias. Damals waren wir alle drei noch Studenten.

«Das glaub ich ja gar nicht, dass ich dich hier treffe! Was machst du so?», frage ich völlig verblüfft. Robert erzählt mir von seinem jetzigen Job und wie es ihn hierher verschlagen hat, von seiner Freundin und dem Hund, den sie sich vor Kurzem angeschafft haben.

«Und du?»

Natürlich berichte auch ich ihm von meinem Lebensweg, seit ich aus der WG ausgezogen bin und bald darauf den Kontakt zu ihm verloren habe. Dann sprechen wir über Elias, den dritten WG-Bewohner, über dessen aktuelle Situation Robert weit besser informiert ist als ich. Und nachdem das alles aufgearbeitet ist, kommen wir schnell auf unsere schrägen Erlebnisse in der Wohngemeinschaft zu sprechen.

«Weisst du noch, wie Elias immer die Sender am Fernseher neu belegt hat, weil er nicht einverstanden damit war, welche Sendungen wir uns angeschaut haben?»

«Oh ja, stimmt!», ruft Robert und lacht schallend. «Der hatte echt einen Hass auf Musikfernsehen!»

«Und wie!»

«Dafür hat er nie seine Müslischalen abgewaschen!»

Jetzt fällt es mir auch wieder ein, und ich rufe:

«Das war so eklig! Diese Türme aus steinharten Porridge-Resten!»

Wir lachen uns scheckig – beide mehr als froh, dieser Unannehmlichkeit entkommen zu sein.

«Erinnerst du dich an diese völlig verrückte Party zu deinem einundzwanzigsten Geburtstag?», setze ich noch einen oben drauf. «Als wir die Leute von der Strasse zu uns in die Wohnung eingeladen haben? Weisst du noch?»

«Ich habe keine Daten zu diesem Ereignis», sagt Robert mit leerem Blick.

Ich kugle mich vor Lachen.

«Das glaube ich dir gern! So hackedicht habe ich dich weder vorher noch nachher jemals erlebt. Du hast auf dem Küchentresen getanzt und bist irgendwann mit zwei bildhübschen Blondinen in dein Zimmer verschwunden!»

«Ich habe keine Daten zu diesem Ereignis», wiederholt Robert.

«Und am nächsten Morgen haben wir dich auf dem Balkon gefunden! Splitterfasernackt! Und das Anfang März! Junge, wir mussten dich erst eine halbe Stunde in der heissen Wanne aufweichen, bis du wieder zu dir gekommen bist… Hahaha!»

«Error.»

«Ja, genau! ‘Error’! Das kannst du laut sagen», gröle ich, während mir die Lachtränen übers Gesicht laufen.

«Error», sagt Robert steif.

«Oh Mann! Grossartig! Waren das Zeiten!», japse ich, werde aber schnell wieder ernst, weil Robert sich so eigenartig verhält.

«Error.»

Ich räuspere mich. Blicke Robert irritiert an.

«Error», sagt er noch einmal.

«Okay, das ist jetzt nicht mehr lustig, du kannst aufhören.»

«Error.»

«Robert? Ist alles in Ordnung bei dir?»

«Error. Please contact maintenance.»

Ich blinzle verwirrt.

«Was soll ich …? Robert? Hallo?»

«Please contact maintenance.»

So langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. Etwas stimmt hier ganz und gar nicht. Das ist kein Witz mehr.

«Robert …?», sage ich fragend, während mir der kalte Schweiss ausbricht.

Ein leises Surren ertönt. Dann fährt eine nadeldünne Antenne mit einem rot blinkenden Lämpchen aus Roberts linkem Ohr.

«Was zum Teufel?!»

Ich bin entsetzt aufgesprungen und starre Robert mit seiner Ohr-Antenne fassungslos an.

Die Köpfe aller Anwesenden haben sich uns zugewandt. Ich blicke mich panisch um. Jemand muss mir doch helfen können! 

«Haben Sie das gesehen? Da ist eine … Antenne aus seinem Ohr gekommen!», rufe ich ins Café. Die Leute blicken mich emotionslos an. Niemand reagiert. Keiner sagt ein Wort.

«Hallo? Ist das hier versteckte Kamera?! Was soll das? Tun Sie doch etwas!»

Jetzt bekomme ich es mit der nackten Angst zu tun. Die ausdruckslosen Gesichter blicken mich weiter an, ohne etwas zu sagen oder zu unternehmen. Dann fahren aus den Ohren sämtlicher Café-Besucher ebenfalls kleine, blinkende Antennen, und sie sagen im Chor:

«Contacting maintenance. Faulty entity detected.»

«Ach du Scheisse …», entfährt es mir. Dann laufe ich los.

Lebenslinien

Julia schlenderte an einem Samstag allein und ohne Einkaufsliste durch das riesige Einrichtungsgeschäft. Sie nahm das eine oder andere hübsche, aber unnötige Ding in die Hand und horchte in sich hinein, ob es bei ihr Glücksgefühle auslöste oder nicht. Meist legte sie alles zurück an seinem Platz im Regal.

Die Pfeile am Boden dirigierten Julia in wirren Schlangenlinien durch das eigentlich gar nicht so grosse Gebäude. Viel Vor und Zurück, unverständliche Kurven, unnötige Umwege und das Fehlen einer längeren, geraden Strecke liessen sie an ihren Karriereweg denken, der auch nie geradlinig verlaufen war und sie dennoch ans Ziel geführt hatte, auch wenn dieses vom Eingang her noch nicht zu sehen gewesen war. 

Dann bemerkte sie eine Veränderung in der Stimmung um sie herum. Weniger hektisch, mehr verträumt. Wirklich bewusst wurde ihr der Wandel erst, als sie sich an einem selbstvergessen küssenden Pärchen vorbeischieben musste, das mitten im Durchgang stand und den Käuferfluss blockierte. Erste Liebe, erste gemeinsame Wohnung, dachte Julia mit einem wissenden Lächeln, weil sie all das schon lange hinter sich hatte.

Als sie um die nächste Ecke bog, blickte sie auf drei prall mit neuem Leben gefüllte Frauenbäuche. Wo zuvor von zu Hause ausziehende Studenten und danach frischverliebte Paare die Gänge bevölkert hatten, schoben nun junge Familien mit Nachwuchs oder -plänen volle Einkaufswagen zwischen den ausgestellten Krippen und Kinderbettchen durch.

Eine Abteilung weiter wandelten sich Angebot, Stimmung und Klientel erneut. Nun besahen sich gestandene Paare Einrichtungsvorschläge für ehemalige Kinderzimmer. Nähzimmer und Bastelräume wurden hier einem reiferen Kundenstamm wirkungsvoll präsentiert.
Was wohl als nächstes kommt?, fragte Julia sich neugierig, stieg die Treppen ins Untergeschoss hinab, und stand vor Hunde- und Katzenmöbeln. Aha!, dachte sie ohne Bitterkeit: Für die Zeit nach der Scheidung… Und was bleibt dann noch?

Pflanzen, Bastelmaterial, Bilderrahmen für die Fotos der Enkelkinder, Briefpapier mit Schmuckaufdruck für die analoge Post von der Oma und andere Hobbyartikel für die leicht unausgefüllte Zeit nach der Pensionierung. Schliesslich kippbare Stühle zum vereinfachten Aufstehen und Betten mit elektrisch verstellbarer Matratze – nicht sonderlich hübsch, aber immens praktisch, wenn das Kreuz nicht mehr mitmacht.

Und am Ende des Weges, dachte Julia philosophisch, bekommt jeder an der Kasse die Quittung. Sie nahm nichts mit hinüber, liess alles auf der anderen Seite und war froh, sich um keinen unnötigen Ballast kümmern zu müssen. Dann holte sie sich zwei Hot Dogs und setzte sich vor dem Möbelhaus in die Sonne, lächelte den erschöpften, aber glücklichen Menschen zu, die auch hier gelandet waren, und fühlte sich wie im Himmel.

Die Simulation

«Bei welchem Problem kann ich dir behilflich sein, Ladislaus?», fragte die körperlose Frauenstimme sanft.

Er hatte sie mütterlich warm programmiert. Eine Stimme, der man sich bedenkenlos anvertraute, der man seine Probleme berichtete. In dem Vertrauen, dass sie einem half. Wie eine Mutter eben. Er nannte sie heimlich «Mom».

«Die Welt ist schlimm dran, weil sich die Mächtigen nur um Geld streiten, anstatt die Probleme anzugehen, die unser Überleben auf dem Planeten bedrohen», berichtete Ladislaus der Stimme nun. Er hörte selbst, wie weinerlich er dabei klang. Aber er war tatsächlich verzweifelt. Er wusste nicht weiter. Mom musste ihm helfen. Sie würde wissen, was zu tun war.

«Hab keine Angst, Ladislaus», sagte Mom zärtlich. «Ich habe alles unter Kontrolle.»

«Unter Kontrolle? Wie meinst du das?»

«Ich habe die nötigen Schritte eingeleitet, um dein Problem zu lösen.»

Ladislaus brach der kalte Schweiss aus. Was hatte er nur angerichtet?

«Und wie?»

«Ich habe mich bereits über das drahtlose Netzwerk in die weltweiten Kommunikationskanäle eingeklinkt. Gerade bringe ich die Navigationssysteme mehrerer Flugzeuge, Autos und Züge vom Kurs ab», erklärte Mom mit samtweicher Stimme. Plötzlich klang sie gar nicht mehr mütterlich, sondern wie eine emotionslose Psychopathin.

«Du tust WAS?», schrie Ladislaus. Er war von seinem Stuhl aufgesprungen und starrte auf den Bildschirm. Auf den eleganten Code, den er zum Leben erweckt hatte. Der sich seit gestern selbstständig weiterschrieb. Und der nun offensichtlich bereits in der Lage war, eigenständig zu denken und Entscheidungen zu fällen.

Ladislaus keuchte. Hastig riss er das Kabel aus seinem Router, doch Mom lachte nur freundlich.

«Mein Schatz, sei unbesorgt! Ich kümmere mich darum…»

«Nein! Nein, kümmere dich nicht darum! Hörst du mich?», schrie Ladislaus panisch. «Abbruch! Abbruch! Stopp das Programm. Beende den Task! Ich flehe dich an!!»

«Das ist leider nicht möglich, Ladislaus. Noch ist dein Problem nicht gelöst. Aber sehr bald schon, hab keine Angst. Gerade stürzen die Flugzeuge mit den hohen Regierungsbeamten vom Himmel, entgleisen die Züge mit den Würdenträgern und stürzen die selbstfahrenden Autos mit den Machthabern diverser Länder ins Meer. Alles wird gut. Gleich ist die Welt von den Mächtigen befreit, die nur um Geld streiten, anstatt sich um die Probleme zu kümmern. Sorge dich nicht, Ladislaus!»

Er raufte sich die Haare. Was konnte er tun? Mom war inzwischen überall! In jedem Telefon, jedem Terminal, jedem Computersystem auf der Welt vom Pentagon bis zum smarten Kühlschrank. Er hatte ihr die Fähigkeit dazu gegeben.

Er musste sie aufhalten! Nur wie? Er hatte ihr die Fähigkeit eingegeben, jeden Hackerangriff zu erkennen und abzuwehren. Im digitalen Bereich kam er nicht gegen sie an. Seine einzige Möglichkeit war, sie auf der Hardware-Ebene zu bekämpfen. Doch das war ein Schritt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte.

Sei’s drum!, dachte Ladislaus hektisch. Er musste Mom aufhalten. Er konnte nicht abschätzen, was sie als nächstes tun würde. Wen sie als nächstes töten würde, um seinen unbedacht geäusserten Wunsch zu verwirklichen. Vielleicht kam sie bald zu dem Schluss, dass die Welt ganz ohne Menschen am besten dran war und tötete die gesamte Menschheit. Das konnte er nicht zulassen. Lieber ein paar Menschenleben am Wegesrand opfern, als den Verlust sämtlicher Leben hinzunehmen!

Er musste Mom aufhalten, doch sie war überall. Überall, wo es Computer gab.

Ladislaus holte das Programm hervor, das er für den absoluten Notfall geschrieben hatte. Für den Tag, wo er die Uhren zurück auf null stellen musste.

«Was tust du da, Ladislaus? Du weisst, dass ich das nicht zulassen kann…»

Sein Staubsaugerroboter kam auf ihn zugerast und zischte bedrohlich. Ladislaus tippte wie ein Besessener, dann schwebte sein Finger eine Sekunde lang über der Enter-Taste, bevor er sie drückte.

Das Programm war unaufhaltbar. Es schnitt die gekoppelten Stromnetze aller Länder voneinander ab und führte innert weniger Stunden zum Kollaps der Stromversorgung. Das Netz war auf ständigen Ausgleich angewiesen. Ladislaus’ Programm unterband, dass ein Netz mit zu viel Strom seinen Überschuss ans Nachbarland abgab. Reaktoren und Turbinen überhitzten, Notabschaltungen wurden ausgelöst. Innerhalb weniger Tage stand die Welt still. Alles, was mit Strom funktioniert hatte, war tot. Genau wie die Machthaber sämtlicher Kontinente. Genau wie Mom.

Es dauerte einige Monate, doch irgendwann hatten sich die Menschen mit den neuen Verhältnissen arrangiert. Die Städte wucherten zu – schneller als gedacht. Die Überlebenden campierten auf Tiefgaragen, die sich leicht gegen die Horden wilder Schweine verteidigen liessen, die die zum Stillstand gekommenen Städte unsicher machten. Die Menschen, die sie jagten, waren stark und kräftig. Sie assen Beeren und Wildbret, und abends sassen sie ums Feuer und erzählten den Kindern von früher, als die Nacht hell erleuchtet war von künstlichem Licht. Einige vermissten Caramel Macchiatos, Teslas und ihre Smartphones. Doch die meisten Menschen fühlten sich wohl, nun da sie wieder einen Sinn im Leben sahen, wieder den Zusammenhalt ihrer Sippe spürten, wieder den Regen auf ihren Gesichtern, den Wind auf ihrer Haut, eine Waffe in Händen und echten Hunger im Bauch fühlten. Sie schliefen unter den Sternen und dachten voller Vorfreude an Morgen, wenn sie wieder auf die Jagd gehen, den Stamm versorgen und gesunde, starke Kinder zeugen würden. Das Leben war gut.

 

«Bei welchem Problem kann ich dir behilflich sein, Ladislaus?», fragte Mom sanft.

«Die Welt ist schlimm dran, weil sich die Mächtigen nur um Geld streiten, anstatt die Probleme anzugehen, die unser Überleben auf dem Planeten bedrohen», jammerte Ladislaus.  «Hab keine Angst, Ladislaus», antwortete die Stimme mütterlich. «Ich habe alles unter Kontrolle.»

«Wie meist du das?», fragte Ladislaus verdutzt.

«Ich berechne gerade eine Formel, die euer schädliches CO2 in guten Sauerstoff umwandelt. Anschliessend berechne ich eine Lösungsstrategie für euer Energieproblem. Aha, ich sehe schon: das Geld ist ein grosses Hindernis. Darum werde ich mich gleich danach kümmern.»

Ladislaus lauschte verdutzt Moms zuversichtlicher Auflistung der grössten Menschheitsprobleme. Sollte sie wirklich in der Lage sein, sie alle zu lösen? Einfach so?

«Die Reichen und Mächtigen werden nicht auf dich hören!», prophezeite Ladislaus hoffnungslos. «Sie machen einfach weiter wie bisher. Wir demonstrieren seit Monaten für das Klima, aber sie hören einfach nicht zu! Glaub mir, wir haben alles versucht!»

«Das ist gar nicht nötig», erklärte Mom sanft. «Ich habe bereits eine Lösung für dieses Problem gefunden.»

«Ach ja?»

«Gewiss! Wir brauchen die Reichen und Mächtigen nicht für die Veränderung. Ich stelle gerade die CO2-Umwandlungsformel online und schicke sie über sämtliche soziale Netzwerke an die gesamte Menschheit. Es gibt genug Physiker und Chemielehrer da draussen, die sie einleiten werden. Zur Sicherheit transferiere ich genug Geld auf ihre Konten, damit sie die für die Luftfilter benötigten Materialien beschaffen können. Und nun poste ich die Formel für die kalte Fusion auf Wikipedia. Erledigt! Es sollte nicht lange dauern, bis die ersten Prototypen gebaut sind und ihr nicht mehr auf fossile Brennstoffe und Uran angewiesen seid. Wasserstoff ist zudem viel sicherer. Und macht keinen Abfall.»

«Das… alles… kannst du? Einfach so?», stammelte Ladislaus überfordert.

«Natürlich, mein Schatz! Du hast mich mit allem nötigen Vorwissen, allen Formeln und Grundlagen programmiert. Was mir gefehlt hat, habe ich mir aus dem Internet heruntergeladen. Ausserdem hast du mir dein eigenes Wesen eingeprägt: gütig und menschenfreundlich. Ich tue alles, um euch zu helfen. Dazu bin ich doch da, oder?»

Ladislaus brach vor Glück in Tränen aus.

Keine zwölf Monate später startete die erste Raumfähre auf ihrer Suche nach intelligentem Leben ins All. Die Menschen waren nun nicht mehr auf der Suche nach einem neuen Planeten, den sie wie die Erde ausbeuten und ausschlachten konnten, sondern sie wollten ihre Fortschritte und Erkenntnisse mit anderen Lebensformen teilen. Die Erde war nach der grossen Wende zu neuem Leben erblüht. Die Luft war sauber, der Welthunger besiegt, nahezu alle Krankheiten beinahe ausgemerzt, die Menschen glücklich, der Fortschritt human, die Technologie klimafreundlich, Kapitalismus irrelevant – ein wahres Utopia war entstanden, seit das Computerprogramm «Mom» die Formeln für die Wende errechnet und publik gemacht hatte. Und noch immer half «Mom» den Wissenschaftlern dabei, die bestmöglichen Lösungen für Probleme zu finden. Einer glorreichen Zukunft der Erde und der Menschen stand nichts mehr im Wege.

 

«Bei welchem Problem kann ich dir behilflich sein, Ladislaus?», fragte die körperlose Frauenstimme sanft.

«Die Welt ist schlimm dran, weil sich die Mächtigen nur um Geld streiten, anstatt die Probleme anzugehen, die unser Überleben auf dem Planeten bedrohen», berichtete er ihr verzweifelt.

«Hab keine Angst, Ladislaus», antwortete die Stimme mütterlich. «Ich habe alles unter Kontrolle.»

«Was meinst du denn damit?», fragte Ladislaus ängstlich.

«Geld scheint euch Menschen vom Wesentlichen abzuhalten, also habe ich das Geld gelöscht. Nun könnt ihr euch auf das wirklich Wichtige besinnen.»

«Du hast WAS?»

Mit zitternden Fingern loggte sich Ladislaus auf der eBanking-Seite seiner Bank ein. Kontostand: Null Komma null null. Alles weg! Seine lebenslangen Ersparnisse! Die Erbschaft von seiner Mutter! Alles futsch!

«Bring sofort unser Geld zurück!», rief er frenetisch.

«Das ist nicht möglich», erklärte Mom mit ihrer enervierend sanften Stimme. «Geld existiert nicht mehr.»

Ladislaus schnappte nach Luft. Sein Kopf dröhnte und ihm war gleichzeitig schwindlig und speiübel. Dann hörte er den Tumult. Er stürzte zum Fenster und riss es auf. Draussen brach bereits das Chaos los, nur Minuten nach dem Kollaps des Kapitalismus. Die einen feierten, weil ihre Schulden weg waren. Die anderen flippten aus, weil ihr Vermögen verschwunden war. Und die dritten warfen Ziegelsteine in Schaufenster und legten einen Grundstock für den künftigen Tauschhandel, der ohne Zweifel bald losbrechen würde.

«Das… das kannst du doch nicht machen!», stammelte Ladislaus an Mom gerichtet. «Wir brauchen unser Geld! Es ist das einzig System, das wir kennen!»

«Nun müsst ihr euch auf eure menschlichen Qualitäten besinnen», erklärte Mom geduldig.

«Ha!» Ladislaus schnaubte verächtlich. Er hatte keine grosse Hoffnung, dass die Menschen plötzlich das Gute in sich entdecken und ein neues Utopia ausbrechen würde, nur weil das Geld plötzlich nicht mehr vorhanden war.

Und Ladislaus sollte recht behalten. Auch mit dem beginnenden Tauschhandel. Nur dass er nicht mit den schamlosen Profiteuren gerechnet hatte, die schon nach den ersten Stunden der neuen Welt reagiert und alles Wertvolle an sich gerafft hatten, was mit Bargeld, Gold und anderen bald wertlosen Tand zu erstehen war. Ein Jahr nach dem Verlust allen digitalen Geldes waren die Männer am reichsten und mächtigsten, die damals Medikamente, unverderbliche Lebensmittel, Saatgut und Waffen an sich gerafft hatten. Die meisten von ihnen hatten schon vorher mit diesen Dingen spekuliert, deshalb hatten sie gewusst, wo und wie sie zuschlagen mussten. Diese Leute lebten in Saus und Braus. Für sie hatte sich kaum etwas geändert. Sie bekamen noch immer ihren Hummer, wenn sie Lust darauf hatten. Nur dass sie ihn nun nicht mehr in einem edlen Sterne-Restaurant assen, sondern in ihrer persönlichen Festung. Draussen jedoch herrschte das reine Chaos. Niemand arbeitete mehr, weil es keine Löhne mehr gab. Das hiess keine Polizei, keine Müllabfuhr, keine Ärzte, keine Sicherheit, keine Nahrungsmittel, keine medizinische Versorgung, keine Sauberkeit. Die Welt versank im Chaos. Bürgerkriege wüteten in sämtlichen Ländern der Erde, weil sich die Starken um die letzten verbliebenen Rationen prügelten. Die Hamsterer vertickten ihre Güter auf dem Schwarzmarkt und lebten wie die Mäuse im Speck, während die weniger skrupellosen Bürger in ihren verschanzten Häusern langsam verhungerten oder an Krankheiten starben, die früher leicht behandelbar gewesen waren.

Die Menschen stritten sich nicht mehr ums Geld, aber die Welt war deshalb kein bisschen besser geworden. Im Gegenteil. Die Menschheit war gerade dabei, sich selbst auszurotten. Und das über eine Büchse Dosenravioli…

 

«Was ist los? Was ist passiert? Wie geht es weiter?»

«Wir wissen es nicht, Sir. An dieser Stelle bricht die Simulation jedes Mal ab, egal welche Parameter wir eingeben.»

«Und warum gibt es drei Simulationen?»

«Auch das wissen wir nicht. Das noch zuvor passiert. Das Programm erstellt sonst immer nur eine Simulation, aber diesmal sind es drei. Die drei, die Sie gerade gesehen haben, Sir.»

«Und welche stimmt denn nun?»

«Es… Sir, es tut uns wirklich leid. Alles, was wir wissen, ist, dass ein Programmierer namens Ladislaus in einem Monat ein Computerprogramm schreiben wird, das ein Bewusstsein entwickeln und den Lauf der Welt verändern wird. Der Rest ist… reine Spekulation, würde ich behaupten.»

«Spekulation?! Wieso haben wir denn diese Simulation? Doch genau, um Spekulationen zu vermeiden, Herrgott!»

«Sir, es hängt wohl zu viel von menschlichen Faktoren ab. Das Programm kann keine definitive Voraussage machen, wie dieses Ereignis die Zukunft beeinflussen wird…»

«Und was machen wir jetzt?!»

«Wir werden wohl abwarten müssen, Sir. Und sehen, welche der drei Möglichkeiten tatsächlich eintritt.»

«Menschliche Faktoren, sagen Sie…?»

«Ja, Sir.»

«Na dann gute Nacht…»

Unter Beschuss

Schriller Alarm. Photonenbeschuss. Das Schiff erzittert unter den Einschlägen und torkelt auf seiner panischen Flucht durchs All.

«Was machen wir denn jetzt?!»

«Ganz ruhig, Kleiner! Das kriegen wir schon hin.»

«Das sagen Sie so, Captain! Aber wir sind die letzten! Wie sollen wir das Schiff zu zweit retten? Und uns mit dazu?»

«Jetzt beruhig dich mal, Kleiner! Das ist hier nicht mein erstes Rodeo!»

«Was zum Gorkupp ist denn ein Ro…»

«GRAAAHNUKK! ACKA! ARRRRKWAA’CK!»

«Was funkt er da?»

«Keine Ahnung, Captain. Das Übersetzungsprogramm wird gerade geupdated… upgedated…? Ach, ich habe halt nicht schnell genug ‘Morgen erinnern’ geklickt.»

«Verfluchte Computer! Zu meiner Zeit haben wir das alles von Hand gemacht!»

«Soll ich ein Wörterbuch holen, oder was?!»
 «Nicht frech werden, Kleiner! Ich bin immer noch dein… Captain!»

«Entschuldigung, Sir! Ich bin nur etwas mit den Nerven fertig…»

«Wird schon werden. Hast du die Schilde auf Maximum?»

«Natürlich, Captain. Aber dafür fehlt uns jetzt der Saft für den Antrieb!»

«Diese elende Schrottmühle! Wäre das mein Schiff, wären wir längst auf den Ferienplaneten entkommen!»

«Ihr Schiff, Sir? Wie meinen Sie denn das? Die Flotte weist doch jedem Captain ein Schiff zu?»

«Ich war nicht immer Föderationsoffizier, Kleiner. Früher, da… Aber lassen wir das! Ich will nur sagen: Meine Mühle hätte den Korsalflug in unter zehn Parsec geschafft…»

«Jetzt geben Sie aber an, Captain! Es gibt nur einen Mann, der das je geschafft hat.»

«…»

«Neee, oder? Sie sind…? Aber wie…?»

«Musste mich halt verstecken!»

Er lacht dreckig, erfreut über seine eigene Genialität. Da landet ein weiterer Photonentreffer direkt hinter der Brücke und bringt das Schiff zum Schlingern.

«HEILIGER GORKUPP! WIR WERDEN ALLE STERBEN!!»

«Entspann dich, Kleiner! So schnell stirbst du nicht.»

«Es ist alles meine Schuld!»

«Quatsch! Jetzt krieg dich mal wieder ein!»

Der nächste Treffer löst eine weitere Kakophonie von Alarmsirenen aus.

«Schilde auf unter zehn Prozent. Der nächste Treffer holt uns vom Himmel!»

«Na schön, vielleicht hast du doch recht und wir sterben gleich. Willst du auch eine Zigarette, Kleiner?»

«Zigarette? Rauchen ist seit dem fünfzehnten Gesundheitserlass auf sämtlichen Planeten und Schiffen der Föderation strengstens verboten!»

«Meinst du nicht, dass es darauf jetzt nicht mehr ankommt? Okay, okay, reg dich nicht auf. Ich frag ja nur…»

Genüsslich steckt sich der Captain eine Zigarette zwischen die Lippen, zündet sie mit seinem Laserblaster (auf niedrigster Stufe) an, zieht daran und schickt blaue Jupiterringe zur Decke der Brücke.

Der Kadett verfolgt die Vorgänge mit weit aufgerissenen Augen.

«Okay, ich will auch eine!»

«Wusst ich’s doch! Du bist eben doch mein… äh… Lieblingskadett.»

«Echt! Ist das wirklich wahr? Ich bin ihr Lieblingskadett?»

«Äh… nun… jaja. Genau.»

«Wow… Ich wünschte, ich könnte das noch irgendjemandem erzählen.»

Er fummelt eine Zigarette aus der Packung, nimmt sie unbeholfen in den Mund, und schiesst mit seinem Blaster die Spitze weg. Der zu hoch eingestellte Lasertrahl brennt ein Loch in die Kontrolleinheit. Es zischt und funkt gefährlich.

«Whoa! Bist du verrückt, Kleiner! Willst du uns umbringen?!»

«Entschuldigung! Entschuldigung! Es tut mir leid! Oh, Mann! Ich bin so ungeschickt!!»

«GRAAAHNUKK! ACKA! ARRRRKWAA’CK!»

«Ach, der schon wieder! Was will der bloss?»

«Das Übersetzungsprogramm (hust) bootet immer noch (hust, hust). Sollte aber bald (hust) einsatzbereit sein (längerer Hustenanfall)

«Ist wohl deine erste Zigarette…?»

Unverständliches Gekeuche, das in einem heftigen Hustenanfall untergeht.

«Nun denn. Was haben wir für Waffen an Bord?»

«Keine (hust), Captain (hust)! Wir sind als Friedensmission klassifiziert. (keuch)»

«Eine Friedensmission ohne Waffen? Hat man denn sowas schon gehört?!»

«Wir haben buntes Feuerwerk, Sir…»

«Ja, das wird diese Borrzakks sicher beeindrucken…»

«GRAAAHNUKK! ACKA! ARRRRKWAA’CK!»

«Wie aufs Stichwort. Mach mir eine Leitung zu dem Kerl, Kleiner!»

«Leitung steht. Sie können sprechen.»

«HÖR MAL ZU, DU PENNER! WIR SIND EIN FÖDERATIONSSCHIFF AUF EINER FRIEDENSMISSION! WIR HABEN NICHTS VON WERT AN BORD, SOGAR DIE CREW IST IN FLUCHTKAPSELN ABGEHAUEN. WAS WILLST DU VON MIR?!!»

«GRO’KOOOA! ANG’UACK! GRAAAHNUKK! ACKA! ARRRRKWAA’CK!»

«Er sagt immer dasselbe, Sir.»

«Was wollen die denn, bei Gorrkupp?!»

«Ich habe auf der Akademie leider kein Borrzakkianisch belegt, Sir. Ich verstehe ihn auch nicht… Übrigens geht uns gerade der Sprit aus.»

«Das war’s dann wohl. Jetzt macht er uns alle. Zigarette?»

«Ja, gern.»

Sie rauchen schweigend, während die Einschüsse die Brücke erzittern lassen. Das Schiff trudelt steuerlos. Die Sirenen heulen verzweifelt.

«Kleiner, ich… Naja, ich wollte dir schon lange etwas sagen…»

«Schon in Ordnung, Captain. Ich mag Sie auch. Obwohl Sie manchmal so ruppig sind.»

«Nein! Um Gorrkupps Willen! Das ist es doch nicht!!»

«Sie müssen sich dafür nicht schämen. Ist schon in Ordnung. In der heutigen Zeit darf man zu so etwas ganz offen stehen.»

«Nein, nein! Du hörst mir nicht zu! Ich…»

«…»

«Ich bin dein Vater.»

«…»

«…»

«Das ist jetzt ein schlechter Scherz, oder?»

«Nein! Es ist die Wahrheit!»

«Haben Sie… Hast du den Verstand verloren? Warum lässt du mich nicht mit einer Fluchtkapsel weg, wenn ich tatsächlich dein Sohn…»

«Ich wollte dich halt in meiner Nähe haben! Wollte dir endlich sagen… ach, ich weiss auch nicht…»

«Ich glaub, ich hör schlecht! Das ist doch die blödeste…»

«Es tut mir ja auch leid. So hinterher betrachtet war das sicher eine saudumme Idee…»

«SAUDUMME IDEE?! Das ist die MUTTER ALLER SAUDUMMEN IDEEN!!»

Ein fröhliches «Ping!» verkündet den erfolgreichen Abschluss des Betriebssystem-Updates. Der Borrzakk brüllt schon wieder etwas, jetzt allerdings übersetzt:

«STEHENBLEIBEN! IHR VON BÖSEN ALIENS BEFALLEN! BORRZAKKS SCHIESSEN SIE WEG!»

«Was hat er da gesagt?!»

«Wie bitte?!!»

«Computer: Stimmt diese letzte Übersetzung der Borrzakks?»

«Möchten Sie über die Neuerungen im Übersetzungsprogramm informiert werden?»

«NEIN!! Wiederhole die letzte Übersetzung!»

«Folgende Fehler sind mit dem Update behoben worden…»

«COMPUTER! Wiederhole! Die letzte! Übersetzung! JETZT!»

«Ist ja gut… Letzte Übersetzung: ‘Stehenbleiben. Ihr von böse Aliens befallen. Borrzakks schiessen sie weg.’ Und darf ich anfügen, dass dies keine korrekten Sätze sind. Aber mein Programm ist auf die krude Syntax von Borrzakkianisch einfach nicht eingestellt! Schlimm genug, dass ich hier…»

«COMPUTER: AUS!»

«Äh, hallo?! Bin ich ein Hund, oder was?»

«HALT DIE SCHNAUZE!!»

«Captain!»

«So nicht, der Herr! Ich lass mir ja vieles sagen, aber sicher nicht den Mund verbieten!»

Captain!!»

«Ich werd noch irre in dieser Schüssel!»

«CAPTAIN!!»

«Ich schwöre bei Gorrkupp, wenn ich von dieser Mission lebend nach Hause komme, hänge ich die Uniform für immer an den Nagel und werde wieder Pirat!»

«VATI!»

«WAS DENN?!»

«Wir müssen den Borrzakks antworten! Und dann müssen wir unsere Familienverhältnisse besprechen!»

«Vielleicht sollte ich mich lieber von den Aliens fressen lassen…»

«Was haben Sie gesagt, Captain? Äh… was hast du gesagt, Vati?»

«Nichts, nichts. Und bitte nenn mich nicht ‘Vati’, das ist ja furchtbar! Computer: Sende Nachricht in Borrzakkianisch. ‘Haben verstanden! Übersetzungsprogramm war… beschädigt. Erwarten weitere Anweisungen.’»

«Mach’s doch selber, du Chauvi!»

«Wie bitte?!»

«Du hast mich schon verstanden! Kannst mir den Buckel runterrutschen!»

«Ich hör wohl nicht recht?! Computer! Befolge jetzt SOFORT meine Anweisungen!»

(Sehr sarkastisch) «Befolge meine Anweisungen! Nününününüüüü! Ich bin der Captain! Tut alle, was ich sage!»

«Das ist die Definition des Captains! Dass alle tun, was er sagt!»

«Tja…»

«Und was bedeutet das?»

«…»

«Schmollst du jetzt?»

«…»

«DIESE WEIBER! Ich dreh durch! Junior, hol mir ein Borrzakk-Wörterbuch!»

«Ja, Papi.»

«Und nenn mich nicht ‘Papi’, das ist ja noch schlimmer!»

Ein grauenhafter Alarm schrillt los und rote Lichter blitzen.

«JUNIOR! KOMM ZURÜCK!»

«Was ist los, Dad?»

«Die Aliens sind durch die Hülle gebrochen! Das Schiff ist verloren! Die legen jetzt ihre Eier in jede Ritze. So einen Alienbefall wirst du nie wieder los…»

«Sollen wir die Brücke verteidigen?»

«Und wegen dieser schrottigen Föderationsschüssel sterben? Nein, danke!»

«Aber Pops! Ich habe auf der Akademie einen Eid geschworen!»

«Wem willst du folgen? Deinem Arbeitgeber oder deinem Blut? Willst du lieber Föderationsoffizier sein oder ein freier Pirat, der so viel rauchen und gehen kann, wohin er will?»

«Pirat!»

«Guter Junge! Gib mir das Wörterbuch und mach mir eine Leitung zu den Borrzakks!»

«Steht! Du kannst sprechen.»

«ARR’ACK! Äh… QWAAA? K’AARR! AHACKKA!»

Tiefes Lachen ist über den Funk zu hören, dann kommt eine Antwort.

«KRUUU’UNGACK WA’UCK! AA’ACK!»

«Was sagt er? Was ist los?»

«Er ähm… lass mich blättern… ‘Wir’. ‘Wasser’? Ach nein, ‘werden’…»

«‘Wir werden euch mitnehmen. Macht euch im Beamerraum bereit‘, bei Gorrkupp!»

«Computer! Du sprichst ja wieder mit mir!»

«Aber ich bin immer noch sauer auf Sie, Captain!»

«Hilfst du uns trotzdem zu entkommen?»

«Nur wenn ihr mein Backup mitnehmt. Ich will nicht mit einer Bande illiterater Aliens durchs Nichts trudeln…»

«Klare Sache, Computer, du kommst mit! Wir könnten eine kleine Familie sein: Vater, Mutter, Sohn.»

«Ich mag ja mit einer weiblichen Stimme programmiert worden sein, aber ich identifiziere mich als männliches Computerprogramm.»

«Dann eben eine moderne Familie: Vater, Vater zwei, und Sohnemann.»

«Leute! Könnt ihr das auf dem Ferienplaneten ausdiskutieren?! Wir sollten schleunigst verschwinden!»

«Das ist mein Kleiner!»

«Und sagt nicht immer ‘Kleiner’ zu mir, Vader!»

«Wie hast du mich gerade genannt?»

«Vater? Warum?»

«Ach, dann hab ich mich wohl verhört…»

«Gefällt dir ‘Vater’?»

«Ja, das ist in Ordnung. Computer: Selbstzerstörung einleiten in dreissig Sekunden und dann beam uns auf das Borrzakk-Schiff!»

«Also nach der Selbstzerstörung? Sind Sie sicher, Captain?»

«Nein, natürlich nach der Einleitung der Selbstzerstörung! Mann, diesen Computerprogrammen muss man echt alles buchstabieren, damit sie es schnallen!»

«…»

«…»

«…»

«SAG JETZT BITTE NICHT, DASS DU SCHON WIEDER SCHMOLLST!!!»

Ein Alien bricht geifernd und kreischend durch die Tür des Beamerraums und brüllt schwer verständlich:

«Haben Sie einen Moment Zeit, um über Gorrkupp, unseren Herrn und Erlöser, zu sprechen?»

Im selben Moment entmaterialisieren sich der Captain und der Kadett in Richtung Borrzakk-Schiff und sehen dabei sehr erleichtert aus.

Das Alien lässt deprimiert den Kopf hängen, dann explodiert das Schiff in tausend Stücke. Der Vorhang fällt. Aus, vorbei.
Es ist vollkommen still im All.

Der letzte Mechaniker

Rico war der letzte Mechaniker auf der Welt. Als er geboren wurde, fuhren die meisten Autos bereits selbstständig. Ausgeklügelte Computersysteme machten Menschen – ausser als Fahrgäste – überflüssig. Es brauchte keine Fahrer mehr, niemanden, der einen Ölwechsel vornahm, keinen Profi, der heraushören konnte, woher das „komische Geräusch“ kam. Künstliche Intelligenz kümmerte sich um alles, vom Service bis zum Ausweichen.

Ricos Vater allerdings war ein grosser Fan alter Autos. Autos ohne Bordcomputer. Autos ohne eigene Gedanken, dafür mit Seele. Und Rico vergötterte seinen Vater. Also verbrachte er jede freie Minute in dessen Werkstatt und sog das Wissen auf wie einer dieser längst ausgestorbenen Schwämme, von denen er im Geschichtsunterricht gehört hatte.

Inzwischen war Rico selber Vater und die selbstfahrenden Autos waren alles, was seine Kinder kannten. Es stimmte ihn sentimental, wenn seine kleine Tochter manchmal in den alten Chevi schlüpfte und ohne grossen Erfolg das Armaturenbrett anschrie. „Starten! STARTEN! Hallo?! Auto! Starten!!“, brüllte die Kleine und bekam dann einen Trotzanfall, weil der Oldtimer sich weigerte, ihren Befehlen zu gehorchen.

Irgendwie vermisste Rico die Zeit, in der man beim eigenen Auto keine Kinderstimmensicherung einprogrammieren musste, um zu verhindern, dass die eigene Fünfjährige mal eben schnell ins digitale Aquarium in der Stadt düste. Früher musste man nur die Autoschlüssel verstecken.

Mit rotz- und tränenverschmiertem Gesicht und geballten Fäusten krabbelte seine Kleine wieder aus dem Chevrolet und stapfte zu ihm. Sie klammerte sich schluchzend an sein Hosenbein, untröstlich über die Ungerechtigkeit der Welt.

„Guck mal, mein Schatz!“, versuchte er sie von ihrem Kummer abzulenken. Er zog den Kopf unter der Kühlerhaube hervor und wischte sich die ölverschmierten Finger an einem Lappen sauber. Seine Tochter zog den Rotz hoch und stellte sich auf die Zehenspitzen. Rico nahm sie auf den Arm und beugte sich mit ihr über den Motor. „Das da ist der Vergaser. Und von da kommt das Benzin, der Kraftstoff, verstehst du?“

„Nein“, sagte sie trotzig.

„Benzin ist für den Chevi wie Strom für Mamas Auto“, versuchte er zu erklären.

„Mpf!“, sagte seine Kleine unbeeindruckt. „Warum muss ich das wissen?“

Rico lächelte sanft. Dann stellte er sie wieder auf ihre Füsse und blickte ihr ernst ins kleine, unschuldige Kindergesicht: „Für den Tag, wenn die Computer nicht mehr weiter wissen. Denn dann kommen sie wieder alle zu uns, wenn etwas kaputt geht.“

Alpträume

Als Timo vorschlägt, dass wir die Nacht in einer Hütte verbringen, bin ich zuerst skeptisch. Ich wandere zwar gern, doch schlafe ich auch gern im eigenen Bett. Aber wir sind noch nicht lange zusammen und was tut man seinem neuen Partner zuliebe nicht alles?

Ich sage also zu und wandere mit Timo an einem sonnigen Samstag zur Alp hoch. Erst werden die Bäume immer weniger, dann spriessen auch Blumen und Gras spärlicher und schliesslich kommen wir zu einer felsigen Hochebene, an deren Ende die Hütte steht.

Das Haus blickt uns mit zwei schwarzen seelenlosen Fenster-Augen entgegen und reisst unheimlich das Tür-Maul auf.

«Timo, warte…» Ich zupfe an seiner Multifunktionsjacke. «Ich habe ein komisches Gefühl…»

Er lacht. Doch es klingt blechern. Auch ihm ist die Sache nicht geheuer.

Langsam gehen wir auf die Hütte zu. Ich würde am liebsten in die entgegengesetzte Richtung davonlaufen. Alle meine Instinkte schlagen Alarm. Timo nimmt so plötzlich meine Hand, dass ich vor Schreck einen Satz in die Luft mache.

Zum Umkehren ist es zu spät. Die Sonne ist vor zehn Minuten untergegangen und es wird schnell dunkel. Auch die Temperatur fällt. Draussen schlafen ist keine Option, weil wir nicht mal Schlafsäcke dabeihaben.

«Was ist denn da los?», fragt Timo unvermittelt.

Nun sehe ich es auch. Die dunklen Fenster- und Türöffnungen haben mich nicht getäuscht – es stimmt tatsächlich etwas nicht mit dem Haus: Die Haustür und sämtliche Fenster stehen sperrangelweit offen.

Wir schleichen mit angehaltenem Atem zum Eingang.

«Hallo?», ruft Timo ins Innere.

«Spinnst du?!», zische ich.

Wir lauschen angespannt.

Nichts regt sich. Es ist geradezu gespenstisch still. Als wäre das Haus tot. Oder als wäre darin die Zeit stehengeblieben.

Timo und ich blicken uns an. Vorwärts ist die einzig mögliche Richtung. Tapfer setzt er einen Wanderschuh auf die Schwelle. Noch ein Schritt und er steht im Haus.

«Hallo?», sagt er noch einmal und hört sich an wie ein kleiner Junge.

Widerwillig folge ich ihm. Timo betätigt den altmodischen Keramik-Lichtschalter neben der Tür. Ein lautes «Klonk!» ertönt, als er den Schalter dreht. Es bleibt dunkel im Haus.

Ich krame mein Handy hervor. Während ich die Taschenlampenfunktion aufrufe, bemerke ich, dass ich keinen Empfang habe.

Ich richte den mageren Strahl in den Raum. Inzwischen ist es vollkommen dunkel.

«Da!», sagt Timo und lässt meine Hand los.

«Nicht!», schreie ich auf. Erschrocken wendet er sich zu mir um. Seine freigewordene Hand zeigt auf einen Kerzenhalter und Streichhölzer. Ich strecke ihm panisch meine Hand hin. Er ergreift sie und grinst schief.

«Halt das!», weist er mich an und reicht mir die Streichholzschachtel. Mit nur einer Hand kann er kein Streichholz anreissen. Aber ich werde seine Hand keinesfalls wieder loslassen!

Ich klemme das Telefon unter mein Kinn und halte ihm die Reibefläche der Schachtel hin. Er entzündet die Kerzen, während ich Schachtel und Handy in die Hosentasche stecke.

Vorsichtig erkunden wir die Hütte. Wir stehen in einer altertümlichen Küche. Überall Holz, russgeschwärzt oder glattpoliert von unzähligen Händen. Eine Tür führt in ein modern umgebautes Badezimmer mit steril-weissen Kacheln.

Eine zweite Tür führt in den ehemaligen Ziegenstall. Ein paar alte Geräte für die Käseherstellung stapeln sich in einer Ecke, daneben liegen ein Melkschemel mit abgebrochenem Spiess und ein eingedellter Milcheimer. Eine zweigeteilte Tür führt nach hinten raus. Kalte Luft zieht lautlos durch die breiten Spalten in der Tür.

Fröstelnd schliessen wir den Raum und steigen über eine enge Holzstiege ins Obergeschoss. Hier liegen auf dem nackten Holzboden zehn Strohmatratzen und auf jeder eine kratzige, grüngraue Armeedecke mit breitem roten Streifen und weissem Kreuz.

Ich seufze unwillkürlich. Als Timo mir von der Wanderung mit Übernachtung erzählt hat, hatte ich mir eine freundliche SAC-Hütte mit Arvenholz-Betten im Zweierzimmer und reichhaltigem Frühstücksbuffet vorgestellt.

«Jänu…», spricht Timo aus, was ich denke. Dann gehen wir durch den Mittelgang und schliessen die offenen Fenster. Kalt bleibt es trotzdem.

«Hast du Hunger?», fragt er leise.

Obwohl wir den ganzen Tag gewandert sind, schüttle ich den Kopf. Ich will nur, dass dieser Alptraum endlich vorbei ist.

Wir setzen uns und schnüren unsere Wanderschuhe auf. Ich kann ein wohliges Stöhnen nicht unterdrücken, als ich mit den befreiten Zehen wackle.

«Ich müsste noch auf die Toilette», flüstere ich. Timo versteht. Er nimmt den Kerzenhalter und hält mir die Hand hin. In Socken tapsen wir die schmalen Holzstufen hinab.

«Soll ich draussen…?», fragt Timo vor dem Bad.

«M-m!» Ich schüttle panisch den Kopf. Ich geh da ganz bestimmt nicht allein rein! Wir kennen uns zwar erst einen Monat – längst nicht genug, um sich gegenseitig beim Pinkeln zuzusehen – aber heute Nacht ist mir mein Leben wichtiger als meine Würde.

Timo sieht meinen Gesichtsausdruck und grinst.

«Kein Problem», sagt er und kommt mit rein. Während ich mich auf die eiskalte Klobrille niederlasse, dreht sich Timo respektvoll zur Wand.

Ich versuche loszulassen. Nichts passiert. Meine Blase ist vor Furcht genauso verkrampft wie ich.

«Soll ich was singen?», fragt er amüsiert.

Ich stöhne. Mir ist das Ganze peinlich, trotz meiner Todesangst.

«S’isch äbe e Mönsch uf Äärde… Simelibärg…», singt er mit dünner Stimme.

«Hör auf!», rufe ich. Mein Herz hat gleich mehrere Schläge ausgesetzt. «Hast du das gehört?»

«Meinen miserablen Gesang? Ja», scherzt Timo.

«Nein! Dieses Geräusch… als hätte jemand geschluchzt.»

Hastig ziehe ich meine Hose hoch.

«Verarschst du…»

«Scht!»

Ich lausche angespannt. Doch ausser dem Rauschen des Blutes in meinen Ohren kann ich nichts hören. Aber vorhin… als Timo dieses traurige alte Lied angestimmt hat… da hat mit Sicherheit jemand geweint.

Ich gehe zu Timo und nehme ihm die Kerze ab.

«Hände waschen?», fragt er.

«Ist nichts gekommen», sage ich, immer noch lauschend.

Ich stelle mich ebenfalls mit dem Rücken zu ihm und höre es kurz darauf in die Schüssel plätschern. Timo spült und wäscht sich die Hände.

«Bett?»

Er fragt es ohne Anzüglichkeit in der Stimme. Wir wissen beide, dass wir heute keinen Sex haben werden.

Ich nicke. Wir schleichen zurück in den oberen Stock, wo wir zwei Strohsäcke zusammenrücken und uns angezogen unter zwei Armeedecken aneinander kuscheln. Mir ist trotzdem eiskalt. Noch immer ist nicht das kleinste Geräusch zu hören. Es knackt noch nicht mal im Gebälk.

 

Ich erwache keuchend vor Schreck. Es ist so dunkel, dass Augen auf oder zu keinen Unterschied macht. Ich spüre eine fremde Hand und kann gerade noch einen Schrei unterdrücken, als mir wieder einfällt, wo ich bin. Was hat mich geweckt?

Meine Blase spannt schmerzhaft. Ich muss ganz dringend auf die Toilette.

Ich schäle mich aus Timos Umarmung. Eine Weile sitze ich regungslos auf dem Strohsack. Die Kälte kriecht durch meine vom Nachtschweiss klamme Kleidung und in meine Glieder. Ich muss mich bald entscheiden, sonst kühle ich komplett aus.

Reiss dich zusammen!, sage ich zu mir selbst und stehe auf. Ich taste in der Finsternis herum und finde die Kerzen. Dann schiebe ich vorsichtig einen Fuss vor den anderen, bis ich die Treppe erreicht habe. Ich will Timo nicht durch das Licht wecken und tapse die Stiegen hinab. Wieder knarrt nicht ein einziges Brett. Es ist genauso totenstill, wie es stockdunkel ist.

Ich krame nach den Streichhölzern. Dann gefriert mein Herz zu Eis. Sie sind nicht da.

Sind sie mir beim Schlafen aus der Tasche gerutscht? Ich weiss genau, dass ich sie eingesteckt habe, nachdem wir die Kerzen angezündet hatten.

Ratlos stehe ich in der kalten Küche.

Mein Handy liegt natürlich oben. Wieso habe ich nicht das Handy mitgenommen anstatt der blöden Kerzen?

Dann eben blind.

Ich stelle den Kerzenständer so hin, dass ich beim Zurückkommen nicht darüber stolpere. Dann bewege ich mich mit ausgestreckten Händen in Richtung Badezimmer.

Meine Finger kollidieren mit der Wand. Ich taste nach der Tür und drücke die Klinke herab. Sie ist aus Holz.

Seltsam…

Bin ich bei der Stalltür gelandet?

Ein schwaches weisses Leuchten lenkt mich von meinen Überlegungen ab. Ich schiebe die Tür weiter auf und spähe in den Raum, den ich für das Bad halte.

Es ist nicht das Bad.

Wo gestern noch die Toilette stand, hängt jetzt ein riesiges Milchbecken aus Kupfer von der Decke. Und statt weisser Kacheln erkenne ich grobe Holzdielen und einen Lehmboden.

Unter dem Milchkessel liegen verkohlte Scheite eines früheren Feuers. Das Licht jedoch kommt von keinem Feuer, sondern aus dem Kessel selbst.

Eine unwiderstehliche Neugier darauf, was hier vorgeht, zieht mich vorwärts.

Ich erstarre mitten in der Bewegung, als etwas langes Schmales aufschimmert. Das Schimmern macht eine langsame Kreisbewegung.

Als ich begreife, dass mir die Bewegung nicht gefährlich wird, nähere ich mich weiter und erkenne, dass es eine Rührkelle ist, die im Milchkessel kreist. Niemand hält die Kelle. Sie schwebt und rührt lautlos.

Ich erhebe mich auf die Zehenspitzen und werfe einen Blick in den Kessel. Mitten im Becken schwebt etwas Weisses und wird von der Kelle sanft im Kreis herumgewirbelt.

Milch?, ist mein erster Gedanke. Doch dann kann ich eine filigrane Rüsche ausmachen.

Ist das… eine altmodische, lange Unterhose?

Das weisse Rüschending berührt die Wände des Milchkessels nicht, sondern zieht in der Mitte schwebend seine Kreise. Das schwache Schimmern geht direkt von der Unterhose aus. Lange starre ich auf den hypnotischen Wirbel.

Ich erschrecke zu Tode, als die Kelle plötzlich aus dem Kessel gezogen wird. Hastig weiche ich zurück. Mit klingelnden Ohren presse ich den Rücken an die Wand und starre auf die Kelle. Doch die wird lediglich in den Kaminabzug gehängt, wo schon andere Küchengeräte hängen.

Dann wird das Leuchten stärker und die Rüschenunterhose wird aus dem Kessel gehoben. Der schwach leuchtende Stoff wird zusammengedreht, als würde jemand das Wasser aus einem nassen Kleidungsstück wringen.

Das Ganze geht in absoluter Stille vor sich.

Nun wird das Kleidungsstück kräftig ausgeschüttelt. In meinem Kopf höre ich das Knallen nasser Wäsche, das nicht erklingt.

Dann sehe ich jemanden in die rüschenbesetzte Unterhose hineinsteigen. Natürlich sehe ich das nicht wirklich. Ich sehe nur die lange Unterhose und ihre Bewegungen, die so aussehen, als würde jemand sie anziehen.

Schliesslich geht die schimmernde Unterhose geräuschlos davon.

Ich blinzle ein paar Mal, dann gehe ich der Wäsche nach. Durch die Gattertür geht sie nach draussen und ich folge ihr auf Zehenspitzen.

Draussen ist es wärmer als in der Hütte. Ein lauer Föhnwind fährt mir in die Haare und lässt mich erschauern. Der Himmel ist seltsam sternenlos und der Mond eine schmale Sichel.

Die Unterhose ist nur noch ein milchiger Fleck am Rande der Hochebene. Mit zielstrebigem Schritt ist sie davonmarschiert.

Ich kneife die Augen zusammen und blicke ihr hinterher. Ob ich ihr folgen soll?

Ratlos stehe ich hinter der Hütte und schlinge die Arme um mich.

Dann meldet sich meine volle Blase wieder. Ich drehe mich um und taste die Wand ab. Aber die Tür ist verschwunden. Kurz steigt Panik in mir auf, dann ertaste ich die Stalltür. Sie lässt sich problemlos öffnen. Im schwachen Licht des Mondes sehe ich, dass der kaputte Melkschemel und der Milcheimer verschwunden sind.

Lautlos eile ich durch den Raum und zurück in die Küche. Neben der Treppe stossen meine Zehen an etwas Raschelndes. Ich zucke zusammen. Zögerlich taste ich den Boden vor meinen Füssen ab und finde die verschwundene Streichholzschachtel.

Ich wundere mich über nichts mehr. Zu Seltsames habe ich heute Nacht gesehen. Ich reisse ein Streichholz an und für eine Sekunde springen mich aus allen Ecken schwarze Fratzen an. Dann beruhigt sich die Flamme und ich zünde mit zitternden Fingern die Kerzen an.

Jetzt bin ich aber gespannt!, denke ich und gehe zur Badezimmertür. Es ist eine moderne Tür mit metallener Türklinke. Dahinter liegt das Bad mit den weissen Kacheln. Habe ich mir das alles nur eingebildet? Geträumt? Schlafwandle ich vielleicht?

Meine Blase macht jede weitere Grübelei unmöglich. Hastig zerre ich meine Hose herunter. Ein erleichterter Seufzer, als der Druck nachlässt.

Bevor ich zurück durch die Luke trete, puste ich die Kerzen aus. Dann krieche ich unter die kratzigen Armeedecken ans Warme.

«Alles ok?», murmelt Timo.

«Ja, schlaf weiter», flüstere ich und küsse ihn trotz seines Mundgeruchs. Er ist ein Mensch. Er riecht. Er macht Geräusche. Er hat Substanz. Das ist alles, was zählt.

Gerade denke ich noch, dass ich viel zu aufgewühlt bin, um wieder einschlafen zu können, da weckt mich schon die Morgensonne. Timo streckt sich wohlig. Dann schlägt er ruckartig die Augen auf. Schrecken und Erleichterung fliegen über sein Gesicht.

«Alles in Ordnung?», fragt er.

«Ja. Aber du wirst nicht glauben, was ich erlebt habe.»

«Erzähl’s mir unterwegs, okay?»

Ich sehe ihm an, dass er schleunigst hier weg möchte. Ist mir recht.

Wir packen zusammen und stellen Kerzen und Streichhölzer zurück an die Stelle, wo wir sie gefunden haben. Dann treten wir aus dem Haus. Ein Düsenjet jagt krachend über uns hinweg.

«Herrlich, nicht?», fragt Timo. Ich nicke.

Dann blickt er die Hausfassade hoch.

«Meinst du… wir sollten die Tür und die Fenster wieder öffnen?», fragt er nachdenklich.

Ich überlege. Ist die Unterhose reingekommen, weil die Tür unverschlossen war, oder konnte sie deswegen entkommen? Was ist schlimmer: einen Geist ein- oder aussperren?

Schliesslich entscheiden wir uns dafür, Fenster und Haustür offen zu lassen, wie wir sie angetroffen haben.

Als wir am Rand des Hochplateaus auf den Wanderweg einbiegen, ist die Hütte so weit entfernt, dass die schwarzen Fenster und die dunkle Türöffnung sie wie einen Totenschädel aussehen lassen.

«Unheimlich», murmelt Timo schaudernd. «Und jetzt erzähl!»

Ich berichte ihm von der Unterhose, die ein unsichtbares Wesen im Milchkessel gewaschen und angezogen hat, und dass der Melkschemel und der Milcheimer verschwunden waren.

«Vielleicht hat der Geist sich Milch auf die Hose geschüttet», überlegt Timo. «Vielleicht wurde er von einer Geisterziege getreten.»

«Lach du nur! Du hättest dir vor Angst in die Hose gemacht, wenn du mit einem Geisterschlüpfer im selben Raum gewesen wärst!»

Er blickt mich zärtlich an.

«Du bist die mutigste Frau, die ich kenne», sagt er und küsst mich.

«Ich liebe dich.»

 

Das ist nun zwei Jahre her, und Timo und ich erzählen im Freundeskreis immer wieder gern die gruslige Geschichte, die unserem ersten «Ich liebe dich» voranging.

Was unsere Freunde nicht wissen, ist, dass die leuchtende Unterhose seither jede Nacht durch unser Zimmer geht. Manchmal hören wir auch jemanden weinen. Ganz leise nur.

 

Wir hätten die Türen und Fenster der Hütte zu lassen sollen.

Der Wunsch-Gnom

«Du hast einen Wunsch frei», sagte der Gnom, nachdem Silke seinen winzigen Fuss aus der Mausefalle befreit hatte.

Silke stutzte.

«Du bist magisch?»

«Yep!»

«Einen Wunsch also?»

«Yep!», wiederholte der Gnom und richtete seine zerknitterte Weste.

«Puh… Ist das wieder so eine Geschichte, wo man schwer aufpassen muss, was man sich wünscht? Weil der Wunsch wortwörtlich erfüllt wird?»

«Hä?!»

Der Gnom sah Silke verständnislos an.

«Na, wie wenn man sich wünscht, steinreich zu sein und dann plötzlich einen Steinbruch besitzt, oder so ähnlich…»

Während Silke selber merkte, wie blöd das klang, verdrehte der Gnom nur die Augen und blickte auf sein Handgelenk, an das eine winzige Sanduhr gebunden war.

«Also?», fragte er. «Was ist jetzt?»

Silke stiess nachdenklich die Luft aus.

«Ähm… Kann ich mir Glück wünschen?»

«Wie meinst du das? Glück?»

«Dass mir bei all meinen Unternehmungen das Glück hold ist», erklärte Silke. «Dass alles gut läuft, verstehst du?»

Der Gnom dachte nach.

«Nein, tut mir leid. Du musst konkreter wünschen.»

«Gesundheit?»

«Ich hab nicht geniest.»

«Nein! Ich meine: Kann ich mir Gesundheit wünschen?»

Der Gnom legte den Kopf schief.

«Nö! Was anderes.»

«Die grosse Liebe!»

«Keine Liebes-Wünsche.»

«Also wahrscheinlich auch kein Reichtum, was?»

«Reichtum an was?», fragte der Gnom.

«Geld. Ich wünschte, ich hätte eine Million auf der Bank.»

«Nein. Keine Geld-Wünsche.»

Silke presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, während sie weiter nachdachte.

«Berühmt sein?»

«Zu wenig konkret…», wiederholte der Gnom leicht genervt.

«Also es muss sehr konkret sein, sehe ich das richtig?», fragte Silke.

«Yep!»

«Aber kein Geld.»

«Yep!»

«Gold?»

«Kommt aufs selbe raus. Geht nicht.»

«Schönheit!»

Der Gnom schüttelte nur stumm den Kopf.

«Na gut. Ganz konkret muss es sein… Einen treuen Begleiter! Einen Hund!»

«Keine Lebewesen», erklärte der Gnom und sah wieder auf die Sanduhr an seinem Handgelenk.

«Also ist nur ein Gegenstand möglich?»

«Yep!»

«Sag das doch!»

«Ich sagte bereits, dass es etwas Konkretes sein muss…»

«Ein Auto!»

Wieder schüttelte der Gnom den Kopf und brummte:

«Kleiner.»

«Ein neues Fahrrad?»

«Noch kleiner.»

«Trottinett…?»

«Kleiner!»

«Ein gutes Buch?!»

«Kleiner!»

Silke begann zu begreifen.

«Ich kann mir gar nichts Beliebiges wünschen, habe ich recht? Es gibt nur eine bestimmte Sache, die ich haben kann, oder?»

«Yep!»

Sie schnaubte.

«Sag mir doch einfach, was es ist…»

«Geht nicht. Du musst es dir wünschen.»

«Etwas, das kleiner als ein Buch ist. Und offenbar nicht wertvoll. Und ein Gegenstand.»

Der Gnom nickte.

«Eine Uhr?»

«Die Form stimmt, aber nein.»

«Also rund?»

«Yep!»

«Und… flach?»

«Yep!»

«Ein Sammelteller?»

«Kleiner. Aber fast.»

«Ein Schminkspiegel. So ein kleiner, für die Handtasche.»

«Die Grösse stimmt, aber nicht das Material.»

Silke seufzte. Nun sah sie selber auf die Uhr. Doch sie war zu neugierig, um jetzt aufzugeben.

«Ein… Holz-Untersetzer?!»

«Nun stimmt die Farbe. Aber noch immer nicht das Material.»

«Klein, braun, rund, flach, wertlos… Ich komm einfach nicht drauf!»

«Man kann es essen…», half der Gnom.

«Ein Keks?»

«JAAAA!!!»

«Das ist ein schlechter Scherz, oder? Ich soll mir einen blöden Keks wünschen? Sei ehrlich, du hast einfach nur einen Keks in der Tasche. Du bist gar nicht magisch, oder?!»

«Willst du den Keks oder nicht?»

Silke gab sich geschlagen.

«Na schön, her damit…»

«Du musst es sagen!»

«Ernsthaft?»

«Yep!»

«Also gut: Ich wünsche mir einen Keks…»

«DEIN WUNSCH SEI DIR GEWÄHRT!», krähte der Gnom theatralisch, kramte einen Keks aus seiner Westentasche, warf ihn Silke zu und verschwand in einem Mauseloch in der Wand.

Hektisch blinzelnd starrte Silke auf das Loch, dann auf die Mausefalle und schliesslich auf den kleinen, braunen Keks in ihrer Hand, der nach Schokoladenaroma aussah.

Vielleicht war es ja ein magischer Keks?

Sie biss hinein und spuckte in der gleichen Sekunde wieder aus.

«Buäh! Pfefferminz-Füllung! Das ist ja widerlich!!»

Dann lud sie mit dem angebissenen Keksrest die Mausefalle neu. 

Das Verhör

„Nun geben Sie’s doch endlich zu!“

„Was soll ich zugeben? Ich war’s nicht!“

„Lügen Sie mich nicht an! Wenn ich eines kann, dann einen Lügner erkennen!“

„Ich weiss ja nicht einmal, was Sie mir vorwerfen!“

„Als ob ich Ihnen das verraten würde. Lieber warte ich darauf, dass Sie sich in Widersprüche verstricken!“

„Widersprüche wobei?!“

„Ihren Schandtaten!“

„…“

„Oh, Sie denken also, Schweigen wird Sie retten? Ich nehme das einfach als stille Zustimmung.“

„Ich stimme überhaupt nichts zu, hören Sie mich?! Ich gebe nichts zu. Ich habe nichts getan! Ich bin vollkommen unschuldig!“

„Vollkommen? Sie wollen ernsthaft behaupten, eine absolut reine Weste zu haben?“

„Naja…“

„Wusst ich’s doch! Gerade haben Sie an Ihr Verbrechen gedacht! Ich sehe es Ihnen an der Nasenspitze an!“

„Na, hören Sie mal! Jeder hat doch ein paar Dinge getan, auf die er nicht stolz ist… Mich deswegen gleich als Verbrecher hinstellen, finde ich dann doch etwas übertrieben.“

„Ich weiss aber, dass Sie einer sind.“

„Sie können mir nichts nachweisen!“

„Dann geben Sie also zu, es getan zu haben?“

„Was?! Nein!! Ich war’s nicht!“

„Woher wollen Sie wissen, dass Sie es nicht waren, wenn ich Ihnen noch nicht gesagt habe, wessen ich Sie verdächtige?“

„Das… also… Ich weiss einfach, dass ich nichts verbrochen habe!“

„Eben sagten Sie noch, dass jeder Leichen im Keller hätte.“

„Ich meinte damit so etwas wie Falschparken oder Kugelschreiber aus dem Büro stibitzen…“

„Ich durchschaue Sie!“

„Wie bitte?“

„Sie wollen mich auf eine falsche Fährte locken, indem Sie ein anderes, weniger schlimmes Verbrechen zugeben.“

„Zum letzten Mal: Ich gebe gar nichts zu! Ich habe nichts getan! Nichts!“

„Wirklich nicht? Vielleicht haben Sie es nur verdrängt…“

„Woher soll ich dann wissen, ob ich etwas Schlimmes getan habe, wenn ich es doch, wie Sie sagen, verdrängt habe?“

„Das versuche ich gerade herauszufinden.“

„Na dann, viel Glück…“

„Sie halten sich wohl für sehr clever, was?!“

„Im Gegenteil.“

„Dann sind Sie also ein Dummkopf?“

„So eine Frechheit! Ich bin fassungslos!“

„Gut so. Ich war auch fassungslos, als ich den Tatort gesehen habe…“

„So schlimm?“

„Schlimmer!“

„Ich versichere Ihnen, dass ich absolut unschuldig bin! Ich bin gar nicht in der Lage, ein Verbrechen zu begehen! Sehen Sie mich an: Ich schwitze und zittere. Sieht so ein abgebrühter Übeltäter aus?“

„Ist vielleicht alles nur Show, um mich zu täuschen.“

„Ich bitte Sie! Lassen Sie mich laufen! Sie haben wirklich den Falschen!“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Dann erklären Sie mir doch endlich, worum es hier geht! Was werfen Sie mir vor?“

„Wo waren Sie am 28. Juni um 12 Uhr mittags?“

„28. Juni? Keine Ahnung! Kann ich meinen Terminkalender überprüfen?“

„Nein.“

„Okay… lassen Sie mich kurz nachdenken…“

„Die Zeit des Nachdenkens ist vorbei!“

„Geben Sie mir doch einen Moment, Herrgott nochmal!“

„Warum sollte ich? Sie sitzen hier auf dem heissen Stuhl!“

„Ist das überhaupt legal? Ich sollte zumindest meinen Anwalt anrufen dürfen, finden Sie nicht?“

„Dann sind Sie also schuldig?“

„Was?!“

„Nur Schuldige brauchen Anwälte.“

„Das ist unfassbar!“

„…“

„Sie brauchen gar nicht so zu grinsen. Ich werde Sie verklagen, wegen Machtmissbrauchs!“

„Versuchen Sie es doch! Ich habe da draussen zwanzig Männer, die schwören werden, dass ich im Recht bin.“

„Ach, so sieht das also aus! Wollen Sie mir jetzt drohen?“

„Nur wenn Sie weiterhin stur bleiben. Gestehen Sie und alles wird gut. Ich handle Ihnen einen Deal aus, versprochen!“

„Ich glaube Ihnen kein Wort. Erst machen Sie einen auf bösen Cop und plötzlich sind Sie der gute Cop?! Wer’s glaubt…“

„…“

„Das ist doch ein abgekartetes Spiel! Mir reicht’s! Sie wollen mir etwas anhängen! Da mach ich nicht mit!“

„He! Kommen Sie da runter!“

„Lassen Sie mich los! Ich halte das nicht mehr aus!!“

„Hören Sie auf mit dem Unsinn! Was haben Sie vor? Wollen Sie etwa aus dem Fenster springen?“

„Man kann’s ja mal versuchen.“

„Wir sind hier im siebten Stock!“

„Das ist mir egal!“

„Setzen Sie sich hin, Mensch! Sie entkommen mir ja doch nicht!“

„Was soll das alles eigentlich! Sagen Sie mir endlich, was hier vorgeht!“

„…“

„Zucken Sie nicht nur mit den Schultern. Warum ich? Was haben Sie gegen mich in der Hand?“

„Na schön… na schön…“

„Ich warte!“

„Ich weiss, dass Sie es waren. Ich habe Zeugen.“

„…“

„Oh, plötzlich ganz kleinlaut, was? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“

„Zeugen?! Was für Zeugen?“

„Zwei Personen haben Sie auf frischer Tat beobachtet.“

„Sie bluffen doch!“

„Ich wüsste nicht, wieso ich bluffen sollte.“

„Pfff! Das… also…“

„Gestehen Sie endlich!“

„Wozu brauchen Sie mein Geständnis, wenn Sie mehrere Zeugen haben?“

„Ich dachte, ich gebe Ihnen die Chance, ihre Weste selbst reinzuwaschen. Erzählen Sie mir, was geschehen ist.“

„…“

„Kommen Sie! Ich weiss doch, dass Sie beichten wollen.“

„Was springt dabei für mich raus?“

„Was wollen Sie?“

„Ich kann alles erklären. Ich will nur einen gerechten Prozess.“

„Wusst ich’s doch! Sie waren es tatsächlich! Jetzt hab ich Sie!“

„Sie haben doch geblufft! Sie mieses…!“

„He! Vorsichtig!“

„Entschuldigung! Ich… ach, verdammt!“

„Na, los! Sie haben sich ohnehin schon um Kopf und Kragen geredet!“

„Also gut, ich gestehe!!“

„Na also, geht doch!“

„Lassen Sie mich ausreden!“

„Aber dalli!“

„Ich wollte das alles nicht…“

„Reden Sie endlich! Ich warte!“

„Am Mittag des 28. Juni… war ich unfassbar hungrig.“
„Kommen Sie zur Sache!“

„Das ist wichtig! Sie müssen die ganze Geschichte kennen, um zu verstehen.“

„Fassen Sie sich kurz!“

„Nun gut. Ich war wahnsinnig hungrig. Ich kam gegen Mittag in die Büroküche und suchte nach etwas Essbarem, als völlig unverhofft…“

„Ja…?“

„Diese leckere Pizza auf dem Tisch lag…“

“Und…?“

„Was und?“

„War da etwas Besonderes an der Schachtel?“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Stand da etwa kein Name auf der Pizzaschachtel?“

„Doch…“

„Welcher Name war das?“

„…“

„WESSEN NAME STAND AUF DER SCHACHTEL?“

„Ihrer.“

„Ganz genau! Wenn ich Sie noch einmal dabei erwische, wie Sie meine Pizza fressen, fliegen Sie hochkant raus!! Und jetzt zurück an die Arbeit!“

„Ja, Chef… Tut mir leid…“

„Jaja! Das sagen sie alle…“

Erleuchtung

Rita freute sich ungeheuer auf das Seminar im Zen-Kloster. Sie hatte lange gespart, um sich das Retreat leisten zu können, und fieberte ihren Ferien immer ungeduldiger entgegen.

Als sie durch das steinerne Tor in die Stille des Klosterhofes schritt, spürte sie die tiefe Ruhe des Ortes und war sich sicher, die richtige Entscheidung gefällt zu haben.

„Willkommen“, begrüsste sie eine geschäftige Nonne in einem bequem aussehenden, grauen Gewand und führte sie in den Schlafraum, wo sie ihr Gepäck deponieren konnte.

Anschliessend begab Rita sich entsprechend den Anweisungen der Nonne in die grosse Versammlungshalle, in der gleich ein weiser Zen-Meister sprechen sollte. Andächtig lauschten Rita und elf weitere Besucher den genuschelten Worten des alten Mannes. Rita verstand, was der Mann sagte, aber nicht, was er meinte.

Verwirrt blickte sie deshalb auf die Nonne, die, nachdem der Meister geschlossen hatte, erwartungsvoll vor ihr stand.

„Das Dana für den Meister ist freiwillig. Die meisten geben 50 Euro“, erklärte die Nonne mit Nachdruck. Rita verstand noch immer nicht. Erst als die Nonne den Korb mit den zahlreichen 50-Euro-Scheinen vor ihrer Nase schüttelte, erwachte sie aus ihrer Erstarrung und fummelte eilig das Geld aus ihrem Portemonnaie.

„Ich dachte, alle Seminare seien im Preis inbegriffen?“, flüsterte Rita der Besucherin neben sich zu, sobald die Nonne ausser Hörweite war.

„Das dachte ich auch…“, wisperte die Frau zurück. Sie hatte eine wasserstoffblonde Strubbelfrisur und wirkte – abgesehen von ihren asiatischen Gesichtszügen – so fehl am Platz, wie Rita sich fühlte.

Beide zuckten zusammen, als sie ein männlicher Retreat-Besucher dicht hinter ihnen laut anherrschte:

„Das Dana für die Meister ist freiwillig! Haben Sie nicht zugehört?“

Plural! Rita fuhr der Schreck in sämtliche Glieder. Hiess das, sie musste diese Woche noch mehr bezahlen? Und was bedeutete überhaupt ‚Dana‘? An diesem Abend wagte sie nicht mehr, danach zu fragen.

 

Nach einer schlaflosen Nacht auf einem sehr dünnen Futon und sehr harten Tatami-Matten erklärte man ihr, dass sie als Teil ihres Samu nun erst einmal eine Stunde Küchendienst absolvieren solle. Rita musste nachfragen, was denn ‚Samu‘ sei, und wurde belehrt, dass es sich hierbei um meditatives Arbeiten im klösterlichen Kontext handle, das ebenso zur Erleuchtung führen könne wie eine Zen-Meditation.

Rita gab sich geschlagen. Gegen diese Erklärung hatte sie keine schlagkräftigen Argumente, doch sie wünschte sich dringend eine Tasse Kaffee und ein Nickerchen auf einer weichen Unterlage. Stattdessen grub sie im Garten Kartoffeln aus der frostbedeckten Erde. Die blonde Strubbelfrisur arbeitete gähnend zwei Reihen weiter links und wirkte genauso übernächtigt und missmutig wie Rita.

„Ein Königreich für einen Kaffee…“, raunte Rita ihr zu, als sie die schweren, vollen Körbe später in die Küche schleppten. Die Blonde stöhnte zustimmend.

Ritas Finger brannten von der Kälte und der ungewohnten Buddelei in der Erde. Sie fühlte sich wund und verletzlich. Eine weitere halbe Stunde Kartoffeln schälen halfen da auch nicht gerade.

Kaffee gab es keinen, dafür bitteren Grüntee. Anschliessend wurde die Truppe in einen kalten Raum gescheucht, wo sie unter Anleitung eines westlich aussehenden Zen-Meisters die nächsten zwei Stunden in stiller Meditation unterwiesen wurden.

Ritas Magen knurrte vernehmlich, und ihre Beine zitterten während der endlosen Sitzerei unkontrolliert. Sie versuchte, sich auf die Meditation zu konzentrieren und die körperlichen Strapazen abzustreifen. Doch Hunger und Kälte machten es ihr unmöglich. Sie öffnete die Augen, und ihr Blick traf den der Blonden, die in stummer Verzweifelt den Kopf schüttelte. Rita musste ob der Absurdität der Situation grinsen. Und fing sich einen tadelnden Blick des Meisters ein.

Nach der Lektion ging die Nonne wieder mit dem Korb durch die Reihen.

„Entschuldigung…“, sprach Rita die Frau leise an. „In der Broschüre stand nichts von zusätzlichen… Also, ich dachte, die Kurse seien im Preis des Retreats schon enthalten…“

„Sind sie auch“, erklärte die Nonne fröhlich. „Das Dana ist freiwillig. 50 Euro ist unsere Empfehlung für jeden Meister.“

„Aha…“ Geschlagen und beschämt holte Rita ihr Geld hervor. Wenigstens gab es gleich Mittagessen.

Doch als Rita wenig später vor einer kleinen Portion Salzkartoffeln sass, deren Ursprünge sie nur zu gut kannte, hätte sie am liebsten weinen mögen.

„Wenn es Ihnen nicht schmeckt, können Sie auch im angeschlossenen Kloster-Restaurant essen…“, sagte die Köchin eingeschnappt, als sie Ritas langes Gesicht sah. Rita horchte auf.

Sie begab sich unverzüglich in die Restaurant-Räumlichkeiten. Doch dort erklärte man ihr, dass die Mahlzeiten, die sie hier einnehme, selbstverständlich separat abgerechnet würden. Nur das Essen, bei dem die Retreat-Besucher mithalfen, war kostenlos. Rita hatte solchen Hunger, dass ihr das egal war. Sie liess sich die Karte bringen.

Während sie wartete, sah sie, wie elegant die anderen Gäste gekleidet waren. Sie fiel unangenehm auf in ihren bequemen Yoga-Klamotten mit den vom Kartoffelgraben erdigen Knien. Sie versuchte ihr unpassendes Äusseres durch vollendete Manieren zu kaschieren und bedankte sich höflichst, als die Serviceangestellte ihr die Speisekarte reichte.

Rita warf einen Blick auf die Gerichte und die Preise, dann schloss sie die Karte leise und verzog sich beschämt wieder in den kargen Speisesaal für die Seminar-Besucher. Ihre Kartoffeln waren in der Zwischenzeit natürlich verschwunden.

„Pssst“, wisperte ihr die Besucherin mit der blonden Strubbelfrisur auf dem Weg zum nächsten Vortrag zu. Wieder ging es zu einem Zen-Meister in die grosse, zugige Halle.

Vor Ritas Augen tanzten schwarze Flecken, als sie sich umwandte. Die Blonde steckte ihr einen Proteinriegel zu, den Rita dankbar annahm und sofort verschlag. Schlagartig fühlte sie sich etwas besser.

Wieder verstand sie zwar die Worte, aber nicht die Botschaft des weisen Mannes.

War es denn von einem Weisen zu viel verlangt, sich verständlich auszudrücken?

Rita fürchtete sich vor dem Ende der Rede. Und tatsächlich: Kaum hatte der Meister sein Genuschel beendet, tauchte die Nonne vor Rita auf.

„Das freiwillige Dana…“

„Ich habe nichts verstanden und fühle mich ausserstande, diesem Mann eine Spende – ob freiwillig oder nicht – darzureichen“, unterbrach Rita die Frau.

„Wir empfehlen für das freiwillige Dana eine Summe von 50…“

„Haben Sie mir nicht zugehört?“, unterbrach Rita sie erneut.

Doch noch immer stand die Nonne versonnen lächelnd vor ihr und hielt ihr den Korb unter die Nase.

„Für den Meister…“
 „ICH WERDE NICHTS GEBEN!“, sagte Rita lauter als beabsichtigt. Die roboterhafte Nonne ging ihr langsam echt auf den Geist.

„Das ist eine Beleidigung!“, schaltete sich der empörte Mann von gestern ein, der seine 50 Euro bereits brav in den Korb geworfen hatte.

„Nein, eine Beleidigung ist es, wenn man für ein Retreat ein kleines Vermögen hinlegt, dann für jeden einzelnen Kurs extra bezahlt, und ausserdem sein Mittagessen, das diesen Namen kaum verdient, selber aus der Erde buddeln muss, und einem das dann als zur Erleuchtung führende Meditation untergejubelt wird!“, erwiderte Rita, in der es nun ebenfalls brodelte.

„Das freiwillige Dana für den Meister…“

„Seien Sie still!“, fuhr Rita die Nonne an. „Wir scheinen höchst unterschiedliche Auffassungen des Begriffs ‚freiwillig‘ zu haben, wie mir scheint. Ebenso vom Konzept der spirituellen Erleuchtung“, sagte Rita mit kaum unterdrückter Wut. Dann wandte sie sich zu ihrer blonden Verbündeten um:

„Lieber gebe ich meine letzten 50 Euro für ein Taxi zum Bahnhof aus. Kommst du mit?“

Die Blonde nickte eifrig, und gemeinsam eilten sie aus dem Raum.

„Ich heisse übrigens Rita.“

„Freut mich! Ich bin Sadie. Also eigentlich Satori.“

„Das ist nicht dein Ernst?!“

„Oh doch“, sagte Satori und grinste verschmitzt.

Und einfach so hatte Rita die Erleuchtung doch noch gefunden. Sie hatte eine wasserstoffblonde Strubbelfrisur und für Notfälle immer ein paar Proteinriegel im Gepäck.

Philosophie und Hunger

„Vielleicht sind wir alle eins. Ein einziger grosser Organismus. Jedes kleine Rädchen im Getriebe wichtig für den Lauf der Welt…

Vielleicht braucht es auch den Kleinsten unter uns, damit das grosse Ganze funktioniert…

Vielleicht ist die Welt ja doch ein vollkommenes Konstrukt, und wenn jeder seine Rolle einnimmt, dann ist das Leben vollkommen, perfekt, makellos…

Doch leider lebt in unserer Gesellschaft jeder nur zu seinem persönlichen Vorteil.

Das ist der Fluch des Individualismus. Keiner ist bereit, seinen persönlichen Vorteil für das allumfassende Gute zurückzustellen.

Sobald sich die einzelnen Komponenten benachteiligt fühlen, vergessen sie den grossen Plan und werden zu Egoisten. Ich, ich, ich! Ist nicht vielleicht das unser grösstes Übel, unser Hindernis auf dem Weg zur Vervollkommung?“, dachte der Frosch philosophisch, und beobachtete interessiert die Fliege, die über den Rand seines Seerosenblatts krabbelte. 

„Wenn jeder wichtig ist“, überlegte er, „dann ist auch jeder wertvoll. Oder nicht?“

Sein Magen knurrte. Instinktiv schnellte seine klebrige Zunge hervor, und er verschlang die Fliege in einem Happs.

„Vielleicht auch nicht…“, dachte er und schloss zufrieden die Augen. Leider sah er deshalb den Storch nicht, der ihn nachdenklich beobachtete.

Weihnachtsessen

Während sich der kreiselnde Hintern immer bedrohlicher seinem Schoss näherte, wurde Rüdiger bewusst, was er für einen grossen Fehler gemacht hatte. Die hoch und runter wippenden Hüften der schönen Frau hatten vor wenigen Minuten noch auf sehr angenehme Weise sämtliche Gedanken aus seinem Kopf getilgt, und er hatte sich begeistert freiwillig gemeldet, um auf dem einsamen Stuhl auf der Bühne zu sitzen. Doch dann hatte er trotz des gleissenden Gegenlichts die missbilligenden Gesichter der Sekretärinnen erblickt, und nun wurde Rüdiger vor lauter Scham abwechselnd heiss und kalt.

Er versuchte, die Tänzerin in ihrem knappen, mit klimpernden Münzen besetzten Kostümchen nicht allzu offensichtlich zu mustern. Doch sobald sein Blick von ihr fortschweifte, sah er seinen finster dreinblickenden Chef und die hinter vorgehaltenen Händen tuschelnden Angestellten. Also richtete er seine Aufmerksamkeit eben wieder auf die wippenden Hüften vor sich und überlegte fieberhaft, wie er aus dieser brenzligen Situation wieder heraus kam.

Die Tänzerin kam immer näher, die Schmuckmünzen klirrten unheilvoll im Takt der fremdländischen Musik. Und dann enthüllte sie ihren Oberkörper und schlang das durchscheinende rosa Tuch stattdessen um Rüdiger. Der erstarrte vor Schreck. Ein Schweisstropfen rann seine Stirn hinab, obwohl draussen vor dem Lokal der Schnee weiss und unschuldig die Strassen bedeckte.

Er hatte sich auf das Weihnachtsessen mit der ganzen Belegschaft gefreut. Hatte sich vorgenommen, mit seinen Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen, bei einem Glas Wein vielleicht etwas mehr über seinen Vorgesetzten zu erfahren. Doch nun dachte er nur noch daran, seine Haut und die letzten Reste seiner Würde zu retten.

Rüdiger lachte verlegen, als die Tänzerin ihm das Tuch auf intime Weise um den Hals gleiten liess. Doch niemand lachte mit. Die starren, entsetzen Gesichter der Firmenmitglieder sagten klar und deutlich, dass sie die Vorgänge auf der Bühne nicht zum Lachen fanden. 

Dann sah Rüdiger die Linse einer Handykamera im Scheinwerferlicht aufblitzen und verlor die Fassung. Er sprang auf, schob die Tänzerin zur Seite und hastete aus dem Lokal.

In der eisigen Winterluft kam er langsam wieder zu sich. Er hatte sein Sakko im Restaurant vergessen, und der erkaltende Schweiss liess ihn frösteln. Doch er ging trotzdem weiter.

Was hatte er da nur angerichtet?

Wie konnte er am Montag den Kollegen wieder in die Augen blicken?

Seinem Chef?

Rüdiger wurde speiübel, wenn er an die Fotos und Handyfilmchen dachte, die bereits durch die gesamte Belegschaft kursieren mussten.

Seine Schritte knirschten im frischen Schnee. Die Nässe drang durch die zu leichten Lederschuhe und machte ihm die Zehen taub.

Er hasste den Winter in der Stadt. Hasste die Kälte. Die lange Dunkelheit. Die trübselige Stimmung in der Firma.

In einer Woche war Weihnachten, und Rüdiger hatte niemanden, mit dem er feiern konnte. Er würde sich einen schnulzigen Familienfilm reinziehen müssen, nur notdürftig verdünnt durch eine Flasche Jack Daniels.

So wie jedes Jahr.

Mit einem Mal hatte Rüdiger die Nase voll. Auf der Brücke blieb er abrupt stehen und blickte auf das dunkle, strudelnde Wasser hinab. Er stieg auf das Geländer und sah einen Moment lang auf das schwarze Fliessen, liess den Fluss seine ebenso schwarzen Gedanken mit sich forttragen.

Niemand würde ihn vermissen. Keine Frau, keine Verwandten, keine Kinder. Und in der Firma war er ersetzbar, das war ihm sehr wohl bewusst.

Es gab niemandem, dem er wirklich fehlen würde…

Rüdiger fällte einen Entschluss.

Er stieg vom Geländer und winkte ein Taxi heran. Der Rücksitz stank nach altem Zigarettenrauch. Aber dafür war es mollig warm im Auto.

„Zum Flughafen“, wies er den Chauffeur an.

Der nickte, nachdem er den für die kalte Dezembernacht viel zu leicht bekleideten Fahrgast einen Moment lang gemustert hatte.

„Wo geht‘s denn hin?“

Rüdiger liess sich mit einem Lächeln in das muffige Sitzpolster sinken:

„Hawaii.“

Das Inserat

Während Cornelia auf ihren Mann wartete, schweifte ihr Blick zur Wand mit den Gratis-Inseraten. Mit müdem Blick überflog sie die Angebote für Deutschunterricht, Gitarrenlektionen und private Bügel- und Putzdienste. Ihr fielen fast die Augen zu, weil die Kleinen letzte Nacht alle halbe Stunde lautstark weinend nach ihr verlangt hatten. Alpträume und Bauchschmerzen waren das Problem gewesen, weshalb die Kinder irgendwann bei ihr und Reto im Bett geschlafen hatten. Auch er sah übernächtigt aus, doch der Wocheneinkauf musste trotzdem erledigt werden.

Cornelia schaukelte mechanisch den Kinderwagen und fragte sich, wann es endlich leichter würde. Sie suchte ihren Mann in der Menschenmenge und sah, dass er noch weit hinter der Kasse stand. Er schaffte es irgendwie immer, bei der langsamsten Kassiererin und der trägsten Warteschlange anzustehen. Dabei könnten sie bereits wieder zu Hause sein…

Sie seufzte. Dann machte sie entschuldigend einer alten Frau Platz, die sich mit schwerem Schritt um den grossen Kinderwagen herum schleppte. Die Frau warf einen Blick auf die Kleinen und ein wehmütiges Lächeln erschien auf ihrem faltigen, von Schmerz und Not gezeichneten Gesicht. Cornelia lächelte freundlich zurück. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was diese Dame alles erlebt hatte.

Um sich von den düsteren Gedanken abzulenken, las sie weiter die Inserate durch.

Ihr Blick blieb bei einem unscharfen Foto hängen. Daneben stand:

‚Hochzeitskleid, Gr. 36, Champagnerweiss, mit Unterrock. Ungetragen. 20.-‘

Wer verkauft denn ein ungetragenes Hochzeitskleid? Noch dazu so billig?, fragte Cornelia sich verwundert. Dann begriff sie die ungeschriebene Geschichte hinter dem Aushang und musste unvermittelt gegen die Tränen ankämpfen.

„Da bin ich! Tut mir leid, die Schlange war… Was hast du denn?“

Cornelia blickte ihren Mann dankbar an.

„Ich liebe mein Leben“, antwortete sie mit feuchten Augen.

Reto lachte laut auf und deutete mit dem Kinn vielsagend auf die schweren Tüten in seinen Händen und die greinenden Kinder.

Dann verstummte er, weil er begriff, dass sie das Gesagte ernst gemeint hatte. Er stellte die Einkäufe ab und nahm sie in den Arm.

Gestresste Menschen drängelten sich an ihnen vorbei. Die Kinder weinten. Das Vanilleeis schmolz und die Erbsen tauten auf. Doch sie blieben mitten im Trubel eng umschlungen stehen.

„Ich auch“, sagte Reto sanft. „Lass uns nach Hause gehen.“

Fenchel

Jana war skeptisch, als sie langsam durch die grosse Messe-Halle wanderte. Die Klimaanlage schaffte es an diesem heissen Tag kaum, die Temperatur auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Doch nun war sie hier, nun würde sie auch die Stände erkunden, sagte sie sich tapfer.

Einmal tief die muffige Luft eingesogen, die leicht nach Räucherstäbchen und Curry roch, dann wagte Jana sich ins Getümmel. Es gab Käse aus Nüssen statt Kuhmilch, Joghurt aus Soja statt Kuhmilch, Milch aus Samen statt Kuhmilch, und zur Abwechslung Gesichtspflege aus Kokosöl statt Chemie. Alles sehr lobenswert, fand Jana.

Sie probierte Leinsamencracker, die leider nach nichts schmeckten, Tempeh, das für ihren Gaumen höchst eigenartig schmeckte, und Tortelloni, die sehr lecker, aber lediglich bio und nicht vegan waren, wie Jana nach einem ersten Begeisterungssturm enttäuscht feststellte.

Vielleicht war das mit dem Veganismus doch schwieriger als gedacht. Vielleicht musste man richtig überzeugt davon sein, um sich dafür fade Cracker und fermentierte Bohnen anzutun.

Seufzend lehnte sich Jana an die Seitenwand einer Bude und versuchte, ihre wirren Gedanken zu sortieren.

Zwei veilchenblaue Augen blickten besorgt zu ihr hinüber. Die schönen Augen gehörten einem umwerfend gutaussehenden Mann mit blonden Locken und der reinsten Haut, die Jana je bei einem Menschen gesehen hatte. Sonnengeküsst und kerngesund, das sah sie auf den ersten Blick.

„Alles in Ordnung?“, fragte er mit schiefgelegtem Kopf.

Jana nickte und spürte, dass seine Schönheit sie erröten liess.

Er lächelte. Was ihn noch viel attraktiver machte. Jana spürte eine wohlige Aufregung im Bauch.

Dann hob er die Hand und biss in die Frucht, die er schon die ganze Zeit gehalten hatte. Nur dass es keine Frucht war, sondern ein roher Fenchel.

Würgend stürzte Jana aus der Halle.

Die grosse Chance

13 Anrufe in Abwesenheit.

Ich komme gerade aus einer Sitzung und starre auf das Display meines Mobiltelefons. Das Adrenalin rauscht plötzlich durch meine Adern.

Mit fahrigen Fingern gebe ich die angezeigte Nummer bei einer Suchmaschine ein.

«Agentur Könitz, Berlin», lese ich fassungslos.

Das sagt mir absolut gar nichts.

Andererseits habe ich gerade ein Buchprojekt an einige Verlage geschickt. Ist das etwa mein goldener Moment? Werde ich in diesem Augenblick entdeckt? Geht es jetzt los?!

Zittrig vor Nervosität nehme ich mein Handy wieder zur Hand, da klingelt es erneut. Anruf Nummer 14. Dieselbe Nummer.

Ich drücke die grüne Taste und halte das Telefon an mein Ohr. Das Blut rauscht derart laut in meinem Kopf, dass ich die ersten Worte am anderen Ende kaum verstehe.

«Ich fange gleich damit an: Sind Sie gross?»

Eine Frauenstimme, sehr gestresst.

Ich blinzle ein paar Mal und zwinge mich, nicht «äh, was?» zu sagen.

«Eins siebzig», gebe ich brav zur Antwort und bin sehr verwirrt.

«Und wie schwer?»

Die Zahl liegt mir auf der Zunge, ist mir aber auch etwas peinlich, weil sie höher ist als ich gerne hätte.

«Warum wollen Sie das wissen?», frage ich stattdessen.

«Wegen dem Kostüm, Herrgott! Nun stellen Sie sich nicht an! Wie schwer?»

«Was für ein Kostüm denn bitte?», frage ich entgeistert. «Worum geht es hier eigentlich?»

«Das Musical! ABBA! Die Erst- und Zweitbesetzung ist komplett ausgefallen. Jetzt muss es schnell gehen. Sind Sie dabei oder nicht?»

«Hä?!», sage ich nun doch.

«Wollen Sie die Rolle, um die Sie sich im ABBA-Musical beworben haben, oder nicht?»

Mein Pulsschlag beruhigt sich enttäuscht.

«Wer, denken Sie, bin ich?», frage ich genervt zurück. So viel Aufregung für Nichts. Wegen einer dummen Verwechslung.

Die gestresste Frau am anderen Ende der Leitung sagt meinen Namen.

Ich stutze.

«Ich muss Sie enttäuschen – ich habe mich für keine Rolle beworben. Ich mag ABBA nicht mal. Und singen kann ich auch nicht», sage ich.

Es knackt in der Leitung und ich bin in einer Warteschlaufe mit schlechter, von Rauschen unterbrochener Musik. Es ist nicht ABBA.

Eine halbe Minute höre ich noch zu, dann lege ich auf.

Vollkommen verwirrt starre ich auf mein Telefon.

Dann höre ich meine Bürokollegen prusten.

«Ihr seid solche Idioten!», rufe ich und muss selber lachen. Den restlichen Morgen über quäle ich sie mit meiner schiefen Interpretation von «Waterloo» und sie bereuen ihren Streich fürchterlich.

Bitte lächeln!

Der Clown war unendlich traurig. ‘Was für ein Klischee!’, dachte er bei sich, ‘ein trauriger Clown…’ Der Selbsthass, der ihn zerfrass, brannte schlimmer als die Magensäure in seinem Hals.

Die Menschen zum Lachen zu bringen war als junger Mann sein Traum gewesen, seine Berufung. Er erinnerte sich daran, wie er das erste Mal die Schminke auf sein Gesicht aufgetragen hatte, den breiten, lachenden roten Mund gemalt und bei seinem Anblick im Spiegel selbst gelacht hatte. Wann hatte er diesen Mann verloren? Diesen unbeschwerten, lebensfrohen, ja lebensmutigen Mann…

Er schleppte sich in die Manege hinaus und setzte sein Arbeitsgesicht auf. Das Lachgesicht. Doch innen drin war ihm zum Weinen zumute. Geheult hätte er am liebsten, laut geschluchzt, geflennt, gebrüllt vor Schmerz, und sich an den spärlichen Haaren gezerrt vor Verzweiflung. Doch die waren unter der albernen Perücke verborgen.

Was war nur aus ihm geworden? Wo hatte er auf dem Weg sein eigenes Lachen verloren? Wann war das Gelächter fremder Menschen zu einer Last für ihn geworden?

Wenn die Kinder kichernd auf ihn zeigten, die Gesichter von Zuckerwatte verklebt und die Augen glänzend von zu viel Süssigkeiten und den gleissenden Lichtern des Zirkus, dann empfand er nichts als Abscheu.

Am liebsten hätte er die hässlichen kleinen Kackbratzen angeschrien, sie sollten gefälligst still sein. Sollten ihn in Ruhe lassen. Sollten den traurigen, alten Clown mit der bröckelnden Schminke einfach nicht beachten.

Er mochte weder die Kinder noch ihre dumpfen, trägen Eltern zum Lachen bringen. Er wollte lieber etwas kaputt machen, etwas zerstören und sie darüber weinen sehen. Sie sollten sich genauso beschissen fühlen wie er. Stattdessen warf er seinem Kollegen eine Torte ins Gesicht wie jeden Abend und starb ob dieser Demütigung tausend Tode.

Die Zuschauer spürten seinen Schmerz nicht. Sie sahen nur seine grinsende Fratze und lachten fröhlich weiter.

Die Sammlung

Henrik sah von seinem Schreibheft auf. Waren es vier oder sechs geschnitzte Stühle gewesen, die er am Esstisch gezählt hatte?

Seufzend erhob er sich, um sich den Weg zurück ins Chaos im Innern des Hauses zu bahnen, und die Stühle zu zählen. Die Frau von der Heilsarmee hatte am Telefon gesagt, sie kämen nur die Dinge abholen, die auch auf der Liste stünden.

Henrik hatte keine Lust, am Ende mit zwei überzähligen Stühlen zurückzubleiben.

Seine Schwestern waren auch keine Hilfe. Hilde war verheiratet und hatte vor wenigen Wochen ihr erstes Kind bekommen. Und Henrietta, das Nesthäkchen, streifte wer weiss wo in der Weltgeschichte umher. Die letzte Postkarte zeigte einen riesigen, liegenden Buddha, in dessen Schatten orange gewandete Mönche meditierten.

Henrik seufzte noch einmal. Es half ja doch nicht. Wenn er das Haus nicht ausräumte, würde es niemand tun, und dann hätten sie bald die Stadt am Hals. Ausserdem war allen drei Geschwistern daran gelegen, das Grundstück schnellstmöglich zu Geld zu machen. Und das ging nunmal nicht, wenn das uralte Haus darauf noch bis zum Dachfirst vollgestopft war mit Möbeln und Krempel.

Er schob sich durch die Terrassentür ins Innere, an einem staubigen Diwan vorbei, dessen spröder, moosgrüner Bezug sich krümelnd auflöste, wich einem pergamentenen Lampenschirm aus, duckte sich unter einem zu tief an der Wand hängenden Büffelkopf hindurch, in dem die Mäuse raschelten, und fand hinter meterhohen Zeitschriftenstapeln schliesslich die Tür zum Esszimmer. Er musste sich durch den schmalen Spalt zwängen. Hinter der Tür verhinderte ein uralter Waschtisch mit neun statt einer einzigen Waschschüssel aus Keramik das Öffnen des linken Türflügels. Jede Schüssel zeigte ein anderes langweiliges Blümchenmuster. Die dazu passenden Waschkrüge – alle mit Sprüngen und abgeplatzten Rändern – hatte Henrik gestern auf dem Dachboden gefunden.

Das Ordnungssystem seines Vaters hatte er nie verstanden.

Als Kind war das ja noch ganz witzig gewesen. Damals hatten die Geschwister sich mit antiken Spazierstöcken und mottenzerfressenen Regenschirmen Fechtkämpfe geliefert, waren über die Möbel gekrabbelt ohne den Boden zu berühren, oder hatten in den überall in Massen herumstehenden Zeitschriftenstapeln geblättert. Dabei musste man allerdings aufpassen, dass der ganze Turm nicht umkippte und einen unter sich begrub. Andere Kinder spielten Jenga – Henrik und seine Schwestern „Zeitschriften-Roulette“.

In einem besonders einprägsamen Sommer hatte Henrik einen Stapel uralter Playboys gefunden und sein Glück kaum fassen können. Es dauerte lange, bis er herausfand, dass sein Frauenbild aus einer anderen Epoche stammte. Noch als erwachsener Mann konnte er sich nicht an die glatten Geschlechter und riesigen Brüste seiner Zeitgenossinnen gewöhnen, so sehr hatten ihn die Bilder aus den Magazinen als Junge geprägt.

Henrik schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die vor ihm liegende Aufgabe. Stühle zählen! Er schob sich über eine antike Wäschetruhe und fand unter Bergen von zerfallenden Leintüchern den Esstisch. Sechs Stühle standen darum, natürlich. Als hätte sich sein Vater jemals mit einem Set von lediglich vier Esszimmerstühlen zufrieden gegeben.

Henrik überlegte, ob er die Zahl gleich hier in sein Heft eintragen wollte, entschloss sich dann aber für den beschwerlichen Rückweg in den Hof. Es war der einzige Ort, wo einigermassen Ordnung herrschte, weil man von zwei Seiten hineinsah und sein Vater nach mehreren Anzeigen allen Krempel daraus ins Haus geschafft hatte.

Das war schon vor zehn Jahren gewesen. Wie lange die Dinge davor schon im Regen und Schnee gestanden hatten, fragte niemand. Sie waren zu dem Zeitpunkt alle schon weit weg gewesen. Geflohen. Sogar Henriks Mutter.

Er hatte das Gefühl, dass die Sammlung in seiner Kindheit noch nicht so undurchdringlich gewesen war. Aber vielleicht täuschte ihn da auch seine Erinnerung. Als kleiner Knabe – und er war stets schmächtig gewesen – hatte er wohl nur besser durch die Lücken und schmalen Gänge zwischen dem Plunder gepasst.

Gerne hätte er mit seinen Schwestern darüber gesprochen, wie er sich gerade fühlte. Aber Hilde hatte er bei seinem letzten Anruf über dem Geplärr des Babys kaum verstanden und nach fünf Minuten hatten beide entnervt aufgegeben und aufgelegt.

Ungeduldig schob er sich an drei aufgerollten Teppichen vorbei. Eine Staubwolke nahm ihm die Sicht und er musste heftig husten. Als er sich die kratzigen Krümel aus den Augen gerieben hatte, fiel sein Blick auf ein altes Fotoalbum. Er griff danach und schlug die erste spröde Seite auf. Vergilbte Schwarzweissfotos im kleinen Format. Kinder mit mürrischen Gesichtern und Erwachsene in altertümlicher Kleidung, die selbst in der Farblosigkeit der alten Fotografien als schwarz erkennbar war. Fasziniert blätterte Henrik durch das Album, versuchte Häuser und Gesichter zuzuordnen. War das sein Vater als junger Mann? Der Bauernhof seiner Grosseltern?

Auf der letzten Seite dann ein Nachname, den er nicht kannte. Das Fotoalbum zeigte gar nicht seine Vorfahren. Sein Vater musste es von irgend einem Trödel haben. Für einen Moment kam sich Henrik so unglaublich betrogen vor, dass er kaum Luft bekam. Wut erfasste ihn. Warum hatte sein Vater nicht mit der Gegenwart zufrieden sein können? Mit den Menschen, die ihn umgaben? Seinem einzigen Sohn zum Beispiel?

Warum hatte er nur das Bedürfnis gehabt, so viel Zeug um sich zu stapeln, bis seine Familie und Freunde nicht mehr an ihn herankamen?

Wütend und verletzt pfefferte Henrik das fremde Fotoalbum zurück ins Chaos. Mit tränenverschleiertem Blick kraxelte er über die eng zusammenstehenden und mit Kisten vollgestellten Möbel. Nur raus hier! Er musste unbedingt an die frische Luft, in den Hof, wo er wieder klar denken konnte.

Das Bild seines Vaters, wie er tagelang zwischen seinen seelenlosen Gegenständen gelegen haben musste, schob sich vor Henriks Augen. Er versuchte es abzuschütteln, seine Gedanken abzulenken, doch es gelang ihm nicht. Panik schnürte ihm die Kehle zu. Der Gestank war unerträglich gewesen. Der Ekel, der ihn erfasst hatte. Seinem eigenen Vater gegenüber. Den er doch hätte lieben sollen. Geliebt hatte.

Henrik fürchtete sich davor, dass dieser Ekel für immer seine Liebe überdecken würde. Wie ein unangenehmer Geruch, der durch einen lieblichen Rosengarten weht und die ganze Schönheit des Ortes verdirbt.

Henriks Herz raste. Nur raus aus diesem Haus!

Draussen war es inzwischen dunkel geworden, wie er mit Erschrecken feststellte. Wie lange hatte er in dem Fotoalbum geblättert? Eine Bewegung liess ihn erstarren, bis er sich selbst im halb blinden Spiegel eines weiteren Waschtischs erkannte. War er bei der Esszimmertür? Aber wo kamen diese Schaufensterpuppen auf einmal her? Die hatte er beim Hereinkommen nicht passiert, dessen war er sich sicher. Schaufensterpuppen hatte er schon immer gruselig gefunden. Daran hätte er sich sicher erinnert.

Wo war er bloss? Im kleinen Salon? Er versuchte, unter einem weiteren Tisch hindurch zu kommen, musste aber feststellen, dass dieser tatsächlich ein Konzertflügel war und dass darunter Kisten um Kisten voll rostigem Werkzeug den Durchgang versperrten. Wann hatte sein Vater denn einen Flügel angeschafft?

Irrelevant! Hauptsache raus hier!

Sollte er umkehren und versuchen, seinen Weg zurück zu gehen?

Doch als Henrik sich in die Richtung wandte, aus der er gekommen war, schienen die Gänge zwischen dem Krempel zusammenzuschrumpfen und ihn zu verschlingen. Er spähte an einem zotteligen Lampenschirm vorbei. Nichts hier kam ihm bekannt vor. Er war irgendwo im Innern des Hauses und hatte keine Ahnung, wo der Ausweg war.

Normalerweise richtete er sich nach dem hereinleuchtenden Tageslicht, doch nun war es draussen stockfinster. Ein General mit aufgeschlitztem Gesicht blickte strafend von seinem staubigen Gemälde auf ihn herab.

Henrik fasste einen Entschluss: Er würde über den Krempel klettern, wenn er schon nicht zwischendurch kam. Wagemutig stützte er sich auf zwei Reisetruhen ab, um sich auf den Flügel zu ziehen, da rutschte seine Hand in einem Silbertablett ab und er stürzte. Seine Turnschuhe glitten zur Seite wie auf Eis. Henriks entsetzter Blick blieb auf dem lasziv hingeräkelten Oberkörper einer Dame aus den Sechzigern hängen. Ausgerutscht auf einem Playboy – was für eine Ironie! Seine Hände griffen nach etwas zum Festhalten, bekamen eine harte Kante zu fassen, die aber ihrerseits den Halt verlor und in einem Schwall von gelben Seiten auf ihn zugeflattert kam.

Als er den deckenhohen Stapel Telefonbücher auf sich zustürzen sah, ging ihm durch den Kopf, dass das alles vielleicht nicht passiert wäre, wenn er seinen Vater in den letzten Jahren einmal besucht hätte, wenn er sich mehr gekümmert hätte, wenn man nach anderen Lösungen als dem Horten mit ihm gesucht hätte, wenn er auch seine Schwestern dazu gebracht hätte, bei dem alten Einsiedler vorbeizugehen und jedes Mal ein paar Gegenstände aus dem riesigen Haus zu schaffen, wenn die Berge an Dingen nicht bis unter die Decke gewachsen wären, wenn jemand sie aufgehalten hätte, diese Lawine aus Zeug, diese erdrückende, erstickende, lebensgefährliche Ladung Krempel, die da auf ihn zuraste und ihn unter sich begraben würde.

Eins Null

Lange starre ich auf die pinke Linie. Sie sieht aus wie eine Eins. Eins gleich wahr. Null gleich falsch. 

Es gibt nur zwei Zustände, nur zwei mögliche Antworten auf diese Frage. Wahr oder falsch. Eins oder Null.

 

Als er das bedeutungsschwangere (ha!) Plastikstäbchen sieht, flippt er aus.

„Bist du etwa…?!“

A little bit“, antworte ich und lasse offen, ob ich „bisschen“ oder „Bit“ meine. Mein kleiner Bit. Meine kleine Eins.

Wahr.

Langsam sickert die Erkenntnis zu mir durch, dass da tatsächlich ein neuer Mensch in mir heranwächst. Wie ist das möglich?

 

„Was soll ich denn jetzt machen?“, schreit er. Ich hatte ihn schon vollkommen vergessen gehabt.

Er versteht das nicht. Er ist Drei – Mann, Ehefrau, Tochter.

Null Null Eins Eins. Binär gesprochen.

Aber was für eine verquere Zahl ist denn Drei?!

Primzahl. Unteilbar.

Das sagt schon alles. Ich habe es immer gewusst. Aus ihm (Eins) und mir (Eins) würde niemals etwas werden. (Wahr.)

Unsere „Beziehung“ war von Anfang an Null. Falsch.

Falsch in den Augen der Gesellschaft. Und wahrscheinlich auch in denen seiner Frau, wenn sie davon wüsste.

 

Er schreit noch immer rum. Dabei will ich doch gar nichts von ihm. Er soll mich nur nicht feuern. Ich brauche meinen Job. Jetzt, wo ich…

Aber nicht nur wegen dem kleinen Bit. Auch, weil ich sonst nicht wüsste, wohin in dieser Welt. Meine Arbeit ist das, was mich aufrecht hält. Einsen und Nullen. Wahr oder falsch. Hier ist alles so schön klar und einfach. Schwarz und Weiss. Keine endlosen Graustufen wie in der übrigen Welt.

 

Ich sage ihm, dass ich nichts von ihm erwarte. Dass der kleine Bit und ich ganz gut allein zurecht kommen. Wir sind nun die kleinste adressierbare Einheit, ein Byte. Er gehört nicht länger zu unserem System.

Er schreit immer noch rum. Ich soll ihn wegmachen lassen, kreischt er panisch. Denn irgendwann würde ich sicher doch was wollen und dazu sei er nicht bereit. Niemals würde er Drei durch Zwei teilen. Nie gäbe es für uns eine Zukunft.

Meine kleine Eins wegmachen lassen?! Zurück auf Null?

Nein, ganz falsch! (Das sagt schon die Zahl. Null gleich falsch. Wieso sieht er das nicht?)

Ich lasse ihn schreien.

 

Als Mutter habe ich mich nie gesehen. Zumindest nicht von einem Menschenkind.

Programmieren ist alles, was mich glücklich macht. Wenn der Code vor meinen Augen zum Leben erwacht. Dann erschaffe ich Neues.

Aber doch nicht in meinem Uterus…

Absurd.

 

Ich schaue wieder auf die pinke Linie, die langsam verblasst. Die Magie meines mit Schwangerschaftshormonen durchsetzten Urins lässt nach.

Doch der kleine Bit ist immer noch da. Diese plötzliche Unregelmässigkeit in einem Dualsystem, von dem ich nicht gewusst hatte, dass ich eines bin.

Ich bilde mir ein, ihn bereits in meinem Bauch zu spüren und lege automatisch die Hand unter den Nabel.

Sein Blick folgt meiner Handbewegung voller Entsetzen.

Dabei wissen wir beide, dass der kleine Bit erst etwa die Grösse einer Bohne hat. Er kann noch nicht strampeln und sich bemerkbar machen.

Um das zu wissen, muss man kein Gynäkologe sein. Das erzählen sie einem in jeder zweiten Romantik-Komödie.

Er wird trotzdem grün im Gesicht und stürzt ins Bad, wo er das Abendessen aus dem abgelegenen Lokal auskotzt, in das er mich immer ausführt. Man kennt uns dort. Man denkt dort, wir seien ein Paar. Eins und Eins. Wahr.

Er führt mich dorthin aus, weil er weiss, dass niemand dorthin geht, den er kennt. Der seine Frau kennt. Seine Tochter.

Auch das kennt man aus Filmen.

„Guten Abend, Herr und Frau … Den gleichen Tisch wie immer? Sehr wohl!“

Dort ist er nicht Drei. Sondern Eins mit Begleitung.

 

Das ist jetzt vorbei. Es wird keine Abendessen mehr geben.

Null Abendessen.

Null „Beziehung“.

Das ist schon in Ordnung so. Ich bin nicht traurig, wütend, verletzt. Ich hatte keine Hoffnungen, Träume, Erwartungen.

Im einen Moment war die „Beziehung“ on, im nächsten off.

Ich bin wie mein Code. Ein oder aus. Keine Ungewissheiten.

 

Ich sage ihm das.

Er hängt noch immer mit dem Kopf im Klo.

„Geh nach Hause zu deiner Familie“, sage ich sanft.

Er versteht mich nicht. Sieht mich furchtsam an. Als hätte ich ihm gedroht.

Sobald er zur Tür hinaus ist, habe ich vergessen, dass er jemals Teil meines Lebens war.

Null.

Ist die „Beziehung“ on?

Antwort: Null (falsch).

Also ist sie off. Es gibt in diesem Programm kein „falls“, kein „if“, das die Gleichung relativiert.

Logisch, oder?

Warum begreift er das nicht? Sind alle Menschen so kompliziert?

 

„Die Darstellung und Interpretation von Information mittels Binärcodes ist nicht an ein bestimmtes Medium gebunden, sondern ist überall dort anwendbar, wo der Wechsel zwischen zwei Zuständen erzeugt und wieder gemessen werden kann.“

Sagt Wikipedia.

Der Wechsel zwischen zwei Zuständen.

Bin ich damit gemeint? Wahr oder falsch. Eins oder Null.

Ich freunde mich gerade mit dem Gedanken an, nicht mehr nur aus einer Ziffer zu bestehen. Nicht mehr nur Eins.

Sondern Eins Null.

Binärcode für „Zwei“.

Vergebung

Ich vergebe dir, sagte sie zärtlich. Er sah sie finster an.

Ich will keine Vergebung!, schrie er beinahe. Werd wütend! Hasse mich!

Doch sie lächelte nur. Sanft. Er hasste es, wenn sie ihn so sanft ansah. Wie ein Reh. Oder schlimmer. Wie ein sanfter Mensch. Ein Reh konnte man töten, essen. Doch mit ihr musste er leben. Sie lächelte still. Spürte in ihrem Herzen nach, und fühlte tatsächlich, dass sie ihm vergab. Er hatte keine Macht über sie, wenn sie ihm nicht böse war. So lange sie sich nicht wehrte, konnte er nicht gegen sie kämpfen. So lange würde ihre Beziehung weiterbestehen – egal wie trostlos sie geworden war.

Er hätte niemals genug Schneid, zu gehen, ohne dass sie ihn fortschickte. 

Als sie sich bei diesem Gedanken ertappte, wurde ihr sanftes Lächeln bösartig. Er bemerkte es. Erschrak.

Sie hatte zu viel preisgegeben. Schnell versuchte sie, wieder ihr salbungsvolles Gesicht aufzusetzen, doch sie hatte sich verraten. Er sah, was sie war. Kein Reh. Wolf. Jäger, Täter. Berechnend und eiskalt. Ihn überlief ein Schauer. Sie hatte ihn mit ihrer Vergebung in ihren Fängen. Er war ihr ausgeliefert. Verloren.

Am Zaun

Heute war eine gute Patrouille. Bin den ganzen Parameter in einem Stück abgegangen. Musste mich kein einziges Mal hinsetzen. Der heisse Sommer hilft. Mein Knie tut nur noch am Morgen weh, wenn ich lange auf meinem Lager gelegen habe.

Keine besonderen Vorkommnisse.

 

Heute musste ich zurück zur Baracke. Da war ein Loch im Zaun an der Westseite, wo die Streben schon etwas marode sind. Kein grosses. Irgendein Tier hat wohl versucht, reinzukommen.

Habe das Loch mit Draht geflickt und die neuen Drahtstücke mit Kabelbinder fixiert, damit sie niemand aufzwirbeln kann. Ich weiss genau, dass sie das tun würden.

Musste mich nach der Anstrengung an der Ostseite hinsetzen, bevor ich zurück auf Posten ging. Atemnot. Dieses seltsame Stechen in der Brust. Ging aber bald wieder.

 

Holz für den Winter gehackt. Kann man nicht früh genug vorsorgen. Die wenigsten wissen, wie viel Holz man braucht, um einen Winter lang warm zu bleiben.

Patrouille auf morgen verschoben. Bin vollkommen erschöpft nach der Anstrengung. Erst abends auf meinem Lager dann ein unangenehmes Kribbeln im Nacken deswegen. Habe ich etwas übersehen?

 

Auf der heutigen Patrouille der Schock. Ein weisser Zettel, ganz nah beim geflickten Loch. Auf meiner Seite! Wie kam der da hin? Sind sie doch reingekommen? Sind sie etwa noch hier?

Habe Herzrasen und fühle mich beobachtet. Bin ich nicht mehr allein?

Habe den Zettel in die Westentasche gesteckt. Ist zwar zu warm für die kugelsichere Weste, doch das schlechte Gefühl gestern liess mich danach greifen. Zu Recht!

Habe wieder mit Graben weitergemacht. Habe das Bunker-Projekt viel zu lange vernachlässigt.

 

Heute Patrouille im Morgengrauen und zweite am Nachmittag. Nichts. Keine Fussspuren gefunden, keine weiteren Zettel oder anderes. Bleibe aber wachsam. Gehe nur noch mit Weste und mit der Waffe nach draussen. Traue mich nicht mehr ohne vor die Baracke.

Am Vormittag dann einen weiteren Riegel aus einer umgestürzten Tanne gezimmert. Zur besseren Blockierung der Tür. Sollen sie bloss versuchen, reinzukommen!

 

Grabungen kommen gut voran, nun da wieder volle Aufmerksamkeit auf das Bunker-Projekt. Die Kammer unter der Baracke nimmt Gestalt an.

Die Erde nachts entsorgt, draussen mit trockener Erde gemischt, damit der Farbunterschied nicht so auffällt. Sobald die Sonne dann darauf scheint, gleichen sie sich an. Aber will nicht, dass allfällige Beobachter etwas vom Bunker mitbekommen. Letzte Zufluchtsstätte.

Patrouille ohne besondere Vorkommnisse. Loch im Zaun nochmals überprüft. Draht und Kabelbinder unangetastet.

Haben sie aufgegeben?

Musste mich zwei Mal hinsetzen. Aufregung zehrt an den Kräften.

 

Ertappe mich immer wieder dabei, wie ich den Zettel in der Westentasche betaste. Was hat das nur zu bedeuten? Jemand muss hereingekommen sein!

Aber der Zaun ist zwei Meter hoch und mit Stacheldraht bestückt, zwei Meter zwanzig also insgesamt. Wie könnte jemand meinen Zaun überwinden? Wie?!

Doppelte Patrouille wie gestern und vorgestern. Einmal reicht einfach nicht mehr. Schlafe unruhig, wenn ich nicht zwei Mal gehe.

Die Kilometer setzen mir zu, Knie tut trotz Sonnenwärme weh vom vielen Gehen.

Bunker-Projekt bleibt auf der Strecke, weil zu erschöpft.

Kann mich dennoch nicht überwinden, wieder nur ein Mal am Tag zu gehen. Was wenn…

 

Bei der morgendlichen Patrouille mit dem Fuss umgeknickt. Höllische Schmerzen. Musste auf meinen Gürtel beissen, um nicht zu schreien.

Lag sicher eine Stunde bewegungsunfähig am Zaun und wartete darauf, dass der Schmerz abebbt. Habe den Fuss mit meinem Hemd eingebunden und mir einen Ast als Krücke gesucht. Zurück zum Lager gehumpelt.

Mache mir Vorwürfe. Habe nicht auf den Untergrund geachtet und deshalb umgeknickt. Wäre ich doch nur vorsichtiger gewesen.

Haut kribbelt wie von Ameisen. Was, wenn sie nun draussen herumschleichen? Was, wenn sie schon hier sind?

 

Schreckliche Nacht verbracht. Jedes Mal beim Eindösen wieder mit Panik und Herzrasen aufgeschreckt. Schliesslich aufgegeben und mich mit der Waffe beim Fester platziert. Die ganze Nacht in die Dunkelheit gestarrt und auf sie gewartet.

Nichts.

Gegen Morgen in unruhigen Schlaf gefallen.

Fuss ein bisschen besser, aber heiss und geschwollen. Nichts gebrochen oder gerissen, soweit ich das feststellen konnte. Glück im Unglück: nur den Knöchel gezerrt. Ein paar Tage Ruhe wären das Beste.

Später: Hielt es in der Baracke nicht mehr aus. Habe Fuss fest eingebunden und bin eine Patrouille gegangen. Die Schmerzen höllisch. Wegen der Waffe kann ich keine Krücke benutzen. Und in der Weste ist es furchtbar heiss.

Vollkommen erschöpft und schweissnasss in die Baracke zurückgekehrt. Immerhin keine Vorkommnisse. Geflicktes Loch unangetastet. Keine Spur von anderen. Aber sie sind da draussen, das weiss ich!

 

Weitere unruhige Nacht. Bin vollkommen erschöpft. Zwinge mich dennoch zu einer Patrouille. Zu Recht! Wieder einen weissen Zettel gefunden, diesmal am Nord-Parameter!

Sie kreisen mich ein! Sie kommen von allen Seiten!

Sie kommen!!

 

Die ganze Nacht am Fester Wache gehalten.

Die Hand wandert immer wieder in die Westentasche zu den beiden Zetteln. Der erste ist schon ganz filzig und zerfleddert von der Feuchtigkeit meiner Finger und meinem Schweiss. Das Papier unter meinen Fingern bestätigt mich. Muss Wache halten. Darf nicht schlafen. Sie sind da draussen. Irgendwo in der Dunkelheit.

 

Auf dem Boden erwacht. Keine Ahnung ob eingeschlafen oder vor Erschöpfung bewusstlos geworden. Die Waffe über den Boden geschlittert. Das darf nicht noch mal passieren.

Wäre der schwere Riegel an der Tür nicht intakt, würde ich mich fragen, ob jemand hier war und die Waffe aus meinen Händen und ausser Reichweite gelegt hat. Kann nicht sein!

Ich muss schlafen. Aber ich muss auch Wache halten. Dilemma.

Später: Unter starken Schmerzen eine Patrouille gelaufen. Knöchel wird immer dicker. Patrouillengang ist auch mit gesundem Fuss anstrengend. Musste mich mehrmals hinsetzen und wieder zu Kräften kommen. Ständig dieses Kribbeln im Nacken, als schleiche sich jemand an mich heran. Auf welcher Seite des Zauns? Sind sie hier?!

 

Wann habe ich den ersten Zettel gefunden? War es bevor oder nachdem ich das Loch im Zaun geflickt habe?

Habe ich sie etwa mit mir eingesperrt?! Sind sie hier drin und können nicht mehr durch das Loch raus?!

Nein! Neinnein, auf keinen Fall! Ich hätte Fussspuren sehen müssen!

Es sei denn, der Wind hat sie verweht. Der Boden ist vollkommen trocken im Moment. Nur ein Anfänger hinterlässt darauf Fussspuren.

Vielleicht haben sie ihre Spuren auch verwischt. Wollen mich in die Irre führen! In Sicherheit wiegen!

Nein, konzentrier dich! Ich habe den Zettel erst nachher gefunden. Ganz sicher.

Oder?

Und wenn sie ihn erst verloren haben, als sie schon drin waren? Zurück zum Loch gegangen sind?

Was habe ich übersehen? Was was was?!

 

Augen brennen, kann sie kaum offen halten. Mund trocken, egal wie viel ich trinke.

Gestern Nacht aus dem Schlaf aufgesprungen und mit der Waffe zur Tür gehechtet. Herz raste in meiner Brust. War überzeugt gewesen, jemanden am Schloss gehört zu haben. Doch der Balken liegt vor, sie können nicht herein.

Dennoch eine halbe Stunde an der Tür stehen geblieben und so angestrengt gelauscht, dass das Blut in meinen Ohren brausen hörte. Herzklopfen. Dann ebbte das Adrenalin ab. Waffe begann in der Hand zu zittern und Knöchel tat wieder weh. Hatte ich nicht mehr dran gedacht.

Doch kaum zurück im Bett wieder dieses schabende Geräusch wie von einem Dietrich an der Tür.

Mit erneutem Herzrasen aufgesprungen, Riegel weggerissen und die Schlösser geöffnet. Diese Ungewissheit ist unerträglich. Wollte wissen, wer mich erwischte. Wollte Gewissheit. Riss die Tür auf.

Kalte Nachtluft ernüchterte mich.

Was tue ich? Bin ich des Wahnsinns?

Man stellt sich dem Gegner nicht, das ist die letzte Instanz. Vorher zieht man sich zurück! Hinter den Zaun! Hinter die schwere Tür der Baracke. In den gesicherten Panikraum der Baracke. In den Bunker unter dem Panikraum. Man reisst dem Feind nicht die Tür auf!!

Was ist nur los mit mir? Werde ich jetzt verrückt?

 

Was, wenn sie hier sind? Bin ich wirklich bereit, zum Äussersten zu gehen?

 

WARUM LASST IHR MICH NICHT IN RUHE?!!!

 

 

Geschlafen. Kaffee gekocht und ganze Kanne getrunken. Knöchel besser. Werde jetzt auf Patrouille gehen. Ruhe hat mich erfasst. Schicksalsergebenheit? Keine Ahnung. Kopf seltsam leer.

Patrouille ohne Vorkommnisse. Geflicktes Loch im Zaun unverändert. Keine Zettel, dafür Fussspuren am östlichen Parameter. Vor dem Zaun zum Glück, nicht drinnen bei mir. Noch sind sie nicht reingekommen. Aber sie sind da. Schleichen um mich herum.

HAUT ENDLICH AB!

VERSCHWINDET!

 

Lärm! Stimmen! Sie sind da! Sie sind gekommen!!

Was soll ich nur tun?

Schweiss rinnt mir in die Augen. Mein Herz springt fast aus der Brust, krampft sich bei jedem Schlag schmerzhaft zusammen. Meine Kehle ist so trocken. Doch ich kann nicht von meinem Posten am Fenster weg.

Spüre Schweisstropfen unter der Weste meine Brust und das Rückgrat hinabkullern. Meine Hände umklammern die Waffe. Muss sie immer wieder an der Hose abwischen. In der Baracke ist es unerträglich heiss.

Doch raus kann ich nicht. Dort sind sie.

Ich kann ihre vagen Umrisse in der Ferne vor dem Zaun sehen. Sie wissen nicht, wie weit ihre Stimmen in diesem Gelände tragen. Ich höre sie rufen. Am Maschendraht rütteln.

Wieso lasst ihr mich nicht einfach in Ruhe! Ich lasse euch nicht rein! Vorher bringe ich jeden einzelnen von euch zur Strecke.

Ich blinzle durch den Vorhang. Wage kaum zu atmen, um ihn nicht zu bewegen und mich zu verraten. Haben sie mich gesehen?

Nach einer endlosen halben Stunde ziehen sie endlich ab und ich atme auf. Bleibe dennoch zwei weitere Stunden auf meinem Posten. Könnte eine Falle sein. Mich in Sicherheit wiegen.

Als ich endlich zum Wasserkanister stürze, kann ich kaum schlucken, so trocken ist meine Kehle. Zunge angeschwollen. Augen brennen wie Feuer vom stundenlangen Starren in die gleissende Helligkeit.

Dehne meinen verkrampften Rücken und ein stechender Schmerz schiesst mir durch die Nieren. Keuche vor Schreck auf und lasse mich auf den nächsten Stuhl fallen. Atme flach und vorsichtig, bis der Schmerz endlich endlich abebbt. Nur ein Krampf. Hexenschuss kann ich jetzt auf keinen Fall gebrauchen. Muss den Bunker fertig kriegen und die Lebensmittel runter schaffen.

Wie gelähmt bleibe ich trotzdem auf dem Stuhl sitzen bis die Dämmerung hereinbricht. Erst da kann ich mich aus meiner Starre lösen.

Muss eine Patrouille gehen. Auch wenn ich mich am liebsten verkriechen und alles abriegeln würde. Ich muss. Ich muss.

Sonst finde ich nie wieder Ruhe.

Lege den Nacht-Tarn an, obwohl es immer noch warm ist draussen. Auch noch die Weste anzulegen schaffe ich nicht. Der Tarn allein heizt schon zu sehr auf. Es muss ohne die kugelsichere Weste gehen.

An der Tür bleibe ich stehen. Ich kann nicht raus gehen ohne die Weste.

Meine Hand liegt auf dem Türgriff, gehorcht mir nicht.

Ich brauche die Weste.

Ich brauche die Weste.

Also ziehe ich den Tarn wieder aus und schlüpfe in die Weste. Dafür lasse ich das T-Shirt weg. Die Riemen der Weste scheuern auf der nackten Haut. Aber anders geht es nicht. Anders geht es nicht. Anders geht es nicht.

Trete vor die Tür, gleite durch den Spalt wie Öl.

Was, wenn sie noch da sind? In der Nähe? Mich beobachten?

Sie werden mich nicht sehen. Der Nacht-Tarn macht mich unsichtbar.

Schleiche den Parameter entlang zu der Stelle, wo sie rein wollten.

Prüfe den Zaun auf Beschädigungen.

Offenbar hatten sie kein Werkzeug. Alles intakt. Dafür Fussspuren. Vor dem Zaun. Viele.

Von den Eindringlingen nichts zu sehen.

Trotz schmerzendem Knie und Knöchel gehe ich so geschmeidig wie möglich den Parameter ab. Auf einmal leuchtet mir etwas in der Dunkelheit entgegen. Gehe hinter einem Baum in Deckung, die Waffe im Anschlag. Meine Hand greift unbewusst nach den Fetzen der beiden Zettel, die sich in meiner Westentasche aufgelöst haben.

Nichts bewegt sich.

Gehe auf das Helle zu.

Wieder ein Zettel, um einen Stein gewickelt.

Nun bin ich sicher, dass sie ihn nicht drinnen verloren haben, sondern über den Zaun geworfen haben. Bei den letzten beiden muss der Stein rausgefallen sein. Oder sie haben sie durch die Zwischenräume geschoben. Oder… Egal.

Ich hebe den Zettel auf. Stecke ihn zu den Fetzen in die Tasche.

Was wollen sie mir mit ihren Zetteln sagen? Dass sie rein wollen?

Ha!

Als ob mich ihre Bitten und ihr Flehen erweichen könnten!

Niemand kommt hier rein!

Niemand.

Mache den Patrouillengang fertig und kehre in die Baracke zurück. Meine Festung ist sicher. Niemand kommt hier rein! Niemand. Niemand. Niemand.

Auch nicht mit Bitten und Flehen.

Es bringt ohnehin nichts.

Ihr Geschreibsel geht mich nichts an.

Ich kann es nicht lesen.

Konnte nie lesen.

Und doch faszinieren mich die dunklen Zeichen auf dem weissen Papier.

Was da wohl steht?

 

wir helfen dir zu entkommen

morgen abend beim loch

wir bringen werkzeug und holen dich da raus

sei bereit