Gesprächspartner

Etwas verschlafen trotte ich an einem verregneten Sonntagmorgen zum Kiosk direkt bei mir um die Ecke. Ich stelle mich an. Der Verkäufer ist wie so oft mit diesem älteren Wesen ins Gespräch vertieft, bei dem ich nie genau weiss, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Stark übergewichtig, sehr weite, schwarze Klamotten, struppige graue Haare, weder kurz noch lang, ein verlebtes, von Schmerzen gezeichnetes Gesicht.

Vielleicht hat das Wesen sein Geschlecht bereits hinter sich und versucht einfach nur noch, irgendwie durch den Tag zu kommen. Die Gespräche mit dem Kioskverkäufer scheinen dabei zu helfen, deshalb warte ich geduldig, bis sie fertig sind.

In der Hand des Wesens liegt schlaff eine lederne Hundeleine. Und am Ende der Leine liegt der fast ebenso alte, nun ergraute, ehemals schwarze Hund des Wesens auf dem Boden und blickt zu mir hoch.

«Hallo Hund», sage ich freundlich. Allerdings nur in meinem Kopf. Der Hund hört mich trotzdem und blinzelt voller Hoffnung.

«Hallo», grüsst er zurück. Ebenfalls in meinem Kopf.

Ich mag Hunde. Wir verstehen uns.

«Wie geht es dir?», frage ich besorgt. Er wirkt erschöpft. Vielleicht hat er ebenfalls Schmerzen, genau wie das Wesen.

«Ganz gut», antwortet der Hund aber tapfer.

«Mal schnuppern?», frage ich vorsichtig und halte ihm meine Hand in Nasennähe, Knöchel voraus. Schnuppern ist ganz wichtig. Damit entscheidet ein Hund, ob er einen mag oder nicht. Ist beim Menschen genauso, nur schnuppern die weniger offensichtlich.

Der Hund schnuppert zögerlich. Dann hellt sich sein Gesicht auf und ein gaaanz leichtes Schwanzwedeln setzt ein. Unbewusst.

«Freund», sagt er.

Ich lächle ihn an.

«Ja. Freund. Bisschen kraulen?»

Sein Blick folgt meiner Hand ängstlich, als ich sie an seinem Gesicht vorbei bewege. Doch sobald ich ihn an der angenehmen Stelle hinter dem Ohr kratze, entspannt er sich.

«Schön!», sagt er. Und dann: «Genau da!»

Er steht sogar auf und kommt einen leicht humpelnden Schritt auf mich zu.

Ich bin eine Weltklasse-Kraulerin. Woher ich das weiss? Der Hund kommt noch näher und drückt seinen Körper an mein Bein, als wolle er mich adoptieren.

«Mehr!», bittet er geniesserisch. Natürlich, Hund, keine Frage!

Ich spüre seine trockene Haut zwischen den groben Haaren, sein spröde gewordenes Fell, die zuverlässige Wärme seines Körpers. Wenn es jemals einen weisen Hund gab auf dieser Welt, dann diesen.

«Ich muss bald gehen», sagt der Hund unvermittelt. Dann blickt er aus seinen melancholischen, alten Augen zu mir hoch.

«Macht doch nichts», sage ich. «Dann kraule ich dich eben beim nächsten Mal wieder.»

Der Hund lächelt traurig, als wäre ich noch sehr sehr jung und wüsste noch so gut wie nichts von der Welt und dem Leben.

«Nein. Ich muss bald gehen», wiederholt er, und diesmal verstehe ich.

Das Wesen ruckt einmal fordernd an der Leine und zieht den Hund von mir fort. Es hat sein Gespräch beendet und trottet nun zurück in sein Zuhause. Der Hund tapst mit unsicheren Schritten neben dem Wesen her. Im Gehen blickt er sich noch ein letztes Mal nach mir um.

«Danke fürs Kraulen», ruft er mir zu.

Dann verschwinden die beiden um eine Ecke, und ich stehe vor dem Kiosk und weine wie ein kleines Kind.

Das Problem

„Ich habe ein Problem.“

„Was?“

„Ich kann nicht darüber reden.“

„Kannst du nicht oder willst du nicht?“

„Beides.“

„Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun?“

„Du musst raten.“

„Wie bitte? Ich muss dein Problem erraten?“

„Ja.“

„Das ist doch blödsinnig!“

„Ist es nicht. Es ist mir ernst.“

„Ist es wirklich wichtig?“

„Ja.“

„Nicht nur eine deiner Flausen?“

„Nein. Versprochen.“

„Also: ein ernstes, wichtiges Problem.“

„Genau.“

„Kannst du mir irgendeinen Anhaltspunkt geben?“

„Inwiefern?“

„Na, wo ich mit raten anfangen soll.“

„Warum?“

„Na, weil du ja alles mögliche haben könntest! Von Ausschlag bis schwanger ist alles denkbar.“

„Eher schwanger als Ausschlag.“

„‘Eher‘ schwanger?!!“

„Ja.“

„Bist du schwanger?!“

„Nein.“

„Sicher nicht?“

„Nein, sicher nicht.“

„Uff…“

„Rate!“

„Ja, puh… also eher schwanger als Ausschlag… Und es geht um dich, korrekt?“

„Korrekt.“

„Und du hast dieses Problem.“

„Genau.“

„Und das Problem ist schlimm. Es belastet dich.“

„Naja… ‚belasten‘ ist vielleicht zu viel gesagt.“

„Du hast also ein Problem, das dir aber nicht das Leben schwer macht.“

„Wie man’s nimmt.“

„Bitte entscheide dich. Ich verzweifle sonst.“

„Es macht mir das Leben schwer, bis du das Problem erraten hast.“

„Es geht also um mich?“

„…“

„Bei deinem Problem?“

„Ja.“

„Warum war da diese bedeutungsschwangere Pause?“

„Ich bin nicht schwanger.“

„Ja, das hatten wir geklärt. Aber warum war da diese Pause, nachdem ich gefragt hatte, ob es um mich geht?“

„Weil es tatsächlich um dich geht. Aber ich weiss nicht, ob du das Problem auch hast.“

„Na, Hämorrhoiden können es dann nicht sein.“

„Pff! Nein!“

„Also du hast ein Problem. Und dieses Problem betrifft mich. Und du weisst nicht, ob ich dasselbe Problem auch habe.“

„Ja.“

„Ist es denn kein Problem mehr, wenn ich es auch habe.“

„Nein.“

„Was nein?“

„Wenn du dasselbe Problem auch hast, ist es kein Problem mehr.“

„Ist es Herpes?“

„Nein!!“

„Ich gebe auf…“

„Nein, gib nicht auf! Du bist ganz nah dran!“

„Tatsächlich?“

„Denk in anderen Bahnen!“

„Na schön, ein letzter Versuch. Du hast ein Problem. Es macht dir das Leben schwer, aber auch nicht. Und wenn ich das Problem auch habe, ist es keines mehr… hm…“

„…“

„Guck mich nicht so an!“

„…“

„Was?!“

„…“

„Bist du in mich verliebt?“

„…“

„Ist es das?“

„…“

„Das ist es, oder?“

„…“

„Hei… sieh mich an.“

„…“

„Du hast kein Problem.“

Das Geburtstagsfest

Manuela stand mit den Girlanden in der Hand auf der Leiter und fragte sich, was mit dem ganzen Zeug passieren würde, wenn sie sich jetzt den Hals brach.

Sie plante die Party seit Wochen, Monaten, ja eigentlich schon seit Jahren. Sie fürchtete sich schon seit Mitte zwanzig davor, vierzig zu werden, und hatte sich fest vorgenommen, diesen einen runden Geburtstag mit einem rauschenden Fest zu begehen.

Je näher der Termin rückte, desto dringlicher wurde ihre Sehnsucht nach einem schönen Erlebnis an diesem für sie doch eher deprimierenden Tag. Ihr Freund verstand die ganze Aufregung überhaupt nicht.

«Ich bin schon vierzig und bin trotzdem ein geiler Typ!», sagte er eines Tages zu ihr, als sie ihm mit Tränen in den Augen ihre Sorgen beichtete.

«Ja, aber…», stammelte sie und brach ab, weil ihr kein gutes Argument einfiel.

«Ich weiss, bei Frauen ist das was anderes», sagte er. «Aber du bist doch auch noch ganz ordentlich in Schuss.»

Offenbar dachte er tatsächlich, dass das ein Kompliment war. Manuela zog die Nase hoch und ging in die Küche, um das Geschirr zu spülen.

Seit sie im letzten Jahr auf einer Mottoparty zum Thema «20er Jahre» gewesen war, wünschte sie sich, ihrer Geburtstagfeier ebenfalls einen roten Faden zu verleihen. Lange trug sie sich mit dem Gedanken, einen Schwarz-Weiss-Ball zu veranstalten. Doch Dietmar, ihr Freund, war strikt dagegen.

«Du erwartest doch wohl nicht, dass ich den ganzen Abend im Frack rumlaufe wie ein scheiss Pinguin?!»

«Na, wenn du das nicht möchtest, dann kannst du ja auch…»

«Nein!», unterbrach Dietmar sie. «Mach was anderes!»

Und dann, als sie eines Nachts nicht schlafen konnte und sich im Bett herumwälzte, kam ihr die zündende Idee. Kein Schwarz-Weiss-Ball, sondern eine Farbenparty. In ihrer Lieblingsfarbe Blau!

Dazu konnte nicht einmal Dietmar Nein sagen, denn es bedeutete, dass er auch in Blue Jeans und T-Shirt kommen konnte!

Manuela wurde vor Freude über den Geistesblitz ganz übermütig. Sie sprang aus dem Bett und holte einen Schreibblock, um all die Ideen festzuhalten, die ihr auf einmal kamen.

Sie liess eine mit blauer Lebensmittelfarbe eingefärbte Torte backen, bestellte im Internet blaue Girlanden und Lampions, nähte blaue Tischdecken, besorgte blaues Partygeschirr – aus Pappe, aber immerhin!, stellte zwei Tage vor der Party weisse Rosen in blaue Tinte, und suchte einen blauen Lidschatten aus, der nicht ganz so sehr nach 80er Jahren aussah.

Die Einladungskarten waren natürlich auch blau: Hellblau mit dunkelblauer Schrift sogar. All ihre Freunde und Familienmitglieder waren begeistert und sagten zu. Einige berichteten schon ganz aufgeregt von ihren Kostümen. Manuelas Vater holte seinen dunkelblauen Hochzeitsfrack aus dem Schrank. Ihre beste Freundin färbte ein beiges Cocktailkleid in der Badewanne um. Und ein besonders humorvolles Freundespaar versprach sogar, als Schlumpf-Pärchen zu kommen.

Manuela war gerührt und erleichtert. Ihr Geburtstag würde etwas ganz Besonderes werden. Und wenn sie jemals wieder den Blues wegen ihres Alters bekommen sollte, würde sie sich einfach die tollen Fotos von ihrem blauen Fest ansehen und sich wieder freuen.

Als Geschenk an sich selbst plünderte sie ihr Sparkonto und liess sich von einer Schneiderin eine blau glitzernde, bodenlange Robe mit hoch geschlitztem Bein anfertigen. Sie würde der Star des Abends sein!

Für Dietmar nähte die Schneiderin aus den Stoffresten eine Fliege. Manuela war sich zwar noch nicht sicher, ob sie ihrem Freund die Glitzer-Fliege tatsächlich geben sollte. Immerhin hatte er schon beim Frack ein Theater gemacht. Schliesslich überwog aber ihre Freude an ihren Plänen und sie überreichte ihm die blaue Fliege mit einem breiten Grinsen.

«Was ist das denn, um Gottes willen?!», fragte Dietmar entsetzt und hielt die Fliege mit spitzen Fingern von sich weg.

«Damit wir im Partnerlook gehen können», sagte Manuela ausgelassen. Sie war übermütig und aufgeregt. Die Party war dieses Wochenende.

«Na, mal sehen», brummte Dietmar und stopfte die Fliege grob in seine Hosentasche.

«Du musst sie ja nicht tragen, wenn du nicht willst», lenkte Manuela zärtlich ein.

«Doch, doch! Das lenkt vielleicht von deinem breiten Hintern ab», sagte Dietmar und lachte spöttisch.

Manuela hätte gerne etwas erwidert, doch sie hatte nun mal tatsächlich einen breiten Hintern. Und ausserdem freute sie sich, dass Dietmar schon fast zugesagt hatte, die Fliege zu tragen.

Am Samstag gab Manuela ihrem Garten, in dem das Fest stattfinden sollte, den letzten Schliff. Die Girlanden hingen an Ort und Stelle, die blauen Rosen waren überall verteilt, blaue Kerzen tauchten den Garten in schimmerndes Licht, und das blaue Geschirr auf den blauen Tischdecken sah spitze aus. Manuela zupfte ein letztes Mal an den riesigen Schleifen aus blauem Tüll, die sie an sämtlichen Pfosten, Stuhlbeinen und Bäumen angebracht hatte. Dann ging sie nach drinnen, um in ihre blaue Glitzerrobe zu schlüpfen.

Das Kleid schlotterte ein bisschen um ihre Mitte. Offenbar hatte sie durch die Vorfreude oder den Stress ein paar Kilo abgenommen. Manuela freute es, denn das hiess, dass sie später zwei Stücke der blauen Torte essen konnte, die vor einer Stunde geliefert worden war. Die Kuchenbäckerin hatte Fondant in verschiedene Blautöne gefärbt, in Streifen gewalkt und damit den dreistöckigen Geburtstagskuchen überzogen. Es war ein Meisterwerk. Zuoberst thronte eine grosse, aus blau gefärbter Schokolade gegossene 40.

Manuela legte den blauen Lidschatten auf und fällte einen Entschluss: Als sie fertig geschminkt war, ging sie in den Garten und zupfte die blaue 40 vom Kuchen. Sie zerbröckelte die böse Zahl in den Abfalleimer und wusch sich die Hände. Jetzt fühlte sie sich unbesiegbar.

Kurz darauf klingelte es und die ersten Gäste trafen ein. Alle hatten sich an das Motto gehalten und trugen Blau in allen Variationen. Manuelas kreativere Freundinnen hatten sich mit Pfauenfedern geschmückt, andere hatten blaue Schals um ihre Schultern drapiert oder trugen bunt gemixt alle blauen Klamotten, die sie im Schrank hatten finden können.

Schlumpf und Schlumpfine kamen sehr gut an und waren beliebte Selfie-Partner. Und jeder machte Manuela Komplimente zu ihrem sagenhaften Kleid. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Die Party war der absolute Knaller!

«Wo ist denn Dietmar?», fragte ihre Mutter und zupfte eine non-existente Fluse von Manuelas Kleid. Manuelas Mutter hatte die seltene Gabe, ihr Gegenüber schrumpfen zu lassen, bis kaum noch etwas von ihm übrig war. Diese Wirkung war im Übrigen voll beabsichtigt.

«Er kommt später, hatte noch eine wichtige Konferenzschaltung», log das Geburtstagskind. Ihre gute Laune bröckelte.

«Ach so?», erwiderte ihre Mutter. Manuela konnte sehen, dass sie ihr nicht glaubte. Doch sie würde vor ihrer Mutter sicher nicht zugeben, dass ihr langjähriger Freund ihren Geburtstag UND ihre Party vergessen hatte.

Manuela entschuldigte sich und strebte zum Kuchentisch. Während sie sich ein riesiges Stück Torte auf einen Teller lud, holte sie ihr Mobiltelefon hervor und schrieb Dietmar:

«Wo steckst du? Party ist in vollem Gange. Alle fragen nach dir. Bitte beeil dich.»

Sie sah auf ihren Teller und stellte fest, dass sie das ganze Stück gegessen hatte, ohne etwas davon mitzubekommen. Also holte sie sich noch ein Stück, das sie bewusster ass. Hinterher hatte sie Bauchschmerzen, fühlte sich aber auch getröstet.

Dietmar antwortete nicht auf ihre Nachricht. Doch als Manuela Vater gerade einen Toast auf seine Tochter aussprach, hörte Manuela einen Schlüssel im Schloss und kurz darauf drückte jemand wiederholt und lange auf die Türklingel.

Manuela sah ihren Vater entschuldigend an und verwünschte Dietmar dafür, dass er ihr diesen schönen Moment kaputt machte.

Sie ging zur Tür und öffnete. Dietmar rauschte genervt an ihr vorbei.

«Was lässt du denn den Schlüssel stecken? Wolltest du mich etwas aussperren?», keifte er.

«Nein, tut mir leid, natürlich nicht. Ich habe nicht… was hast du denn an?!»

Dietmar starrte sie irritiert an und sah dann an seinem roten T-Shirt und den olivgrünen Khakishorts herab.

«Was?! Ich hab’ die blöde Fliege irgendwo verlegt…», brummte er und stapfte missmutig in den Garten hinaus.

Sein Outfit sah schrecklich aus. Die Farben bissen sich und er war der Einzige auf dem Fest, der nicht in Blau gekleidet war. Wenn er wenigstens Jeans getragen hätte. Oder Orange, um als Komplementärfarbe zu gehen. Aber nein! Manuela traute ihm sogar zu, dass er das schreckliche T-Shirt und die uralten Khakis gerade deshalb angezogen hatte, weil sie nicht zum Thema passten.

Frustriert kehrte auch sie auf das Fest zurück. Sie holte sich ein drittes Stück Kuchen und beobachtete Dietmar dabei, wie er in kürzester Zeit zwei Gläser Champagner in sich hineinschüttete. Dann verlor sie ihn im Getümmel der Party aus den Augen. Sie wurde erst eine Stunde später wieder auf ihn aufmerksam, als er beinahe eine Prügelei mit ihrem Cousin anfing. Offenbar hatten die beiden eine Meinungsverschiedenheit gehabt und Dietmar war plötzlich handgreiflich geworden.

«Manu, sprich mit deinem Freund!», forderte in diesem Moment ihre beste Freundin im umgefärbten Cocktailkleid. «Hör mal, er hat mir vorhin an den Hintern gefasst. Und jetzt hätte er sich beinahe mit Steffen geprügelt. Das geht doch nicht.»

«Was?!» Manuela war entsetzt. Sie packte Dietmar am Ellbogen und zerrte ihn trotz seiner Protestrufe in die Küche.

«Was ist los mit dir? Ich weiss ja, dass du immer hinter anderen Frauen her bist. Aber dich hier prügeln? Geht’s noch?», flüsterte sie aufgebracht.

Dietmar seinerseits hielt es nicht für nötig, seine Stimme zu senken:

«Was spielst’n dich so auf? Bissu meine Mutter, odr wus?»

«Und dann schaffst du es noch nicht einmal, dich dem Motto entsprechend zu kleiden», platzte Manuela nun endgültig der Kragen. «War es wirklich zu viel verlangt, sich eine Jeans und ein blaues Hemd oder meinetwegen ein T-Shirt anzuziehen?!»

Dietmar sah sie genervt an, wobei sein Blick verschwamm und er ziemlich schief an ihr vorbeischielte. Dann lallte er mit schwerer Zunge:

«Was wills’n? Ich binndoch blau!»

Manuela machte noch in derselben Sekunde mit ihm Schluss.
Es wurde der schönste Geburtstag ihres Lebens.

Die letzte Stelle

Als ich die Meldung über Emma Haruka Iwao in den Nachrichten sehe, spucke ich vor Wut auf den Boden.

„Meister! Was ist los?“

Mein Leibdiener kommt sofort angerannt und blickt mich fragend an. Ich funkle weiter den Bildschirm an. Dieses impertinente Weibsstück, das aussieht wie ein Mann mit Perücke, besitzt doch tatschlich die Frechheit zu behaupten, den Weltrekord im Berechnen von Pi gebrochen zu haben. Lachhaft!

„Ach so…“ sagt mein Leibdiener verstehend, als er die Meldung sieht.

Ich bezweifle, dass er tatsächlich versteht. Er ist genauso beschränkt wie meine restlichen Untergebenen. Ich könnte wetten, dass sie bis heute alle dachten, Pi hätte nur zwei Stellen hinter dem Komma… Unfassbar, womit ich mich täglich herumschlagen muss.

„Regt Euch nicht auf, Meister!“, sagt mein Leibdiener sanft. Ich funkle ihn mit Mördermiene an, damit er seine dumme Klappe hält.

Ich habe Pi schon vor Jahren bis auf die vorletzte Stelle berechnet und bin der Unendlichkeit damit deutlich näher auf der Spur als diese Emma Haruka Iwao es jemals sein wird. Aber ich arbeite eben nicht für Google. Ich bin nicht medientauglich. Deshalb widmet man mir keinen Filmbeitrag mit dummen Erklärungen für die verblödete Durchschnittbevölkerung, die das Ausmass dieser Zahlenreihe nicht im mindesten zu erfassen vermag.

Sobald ich die Reihe vollständig geknackt habe, wird sich mir niemand mehr in den Weg stellen können. Dann werde ich sämtliche computergesteuerten Systeme in meiner Gewalt haben. Ich werde Zugriff auf jeden Computer, jedes Telefon, jeden Wasserkocher und jedes Fitnessarmband am Handgelenk einer unwissenden Kakerlake von Mensch haben und die ganze Welt kontrollieren. Das Universum wird mir gehören. Es ist nur eine Frage der Zeit.

„Möchten Durchlaucht nach dem Abendessen ein Bad nehmen?“, fragt mein Leibdiener unterwürfig.

Mit Mühe gelingt es mir, meine Gedanken zu sammeln und auf dieses unbedeutende Insekt von einem Menschen zu fokussieren.

Ich kann mich doch jetzt nicht mit Albernheiten wie Baden befassen, wenn sie mir dicht auf den Fersen sind! Ich muss Berechnungen anstellen! Ich muss meine Pläne mit neuem Elan vorantreiben, bevor mir diese Tech-Giganten das Wasser abgraben.

Ich schüttle entschieden den Kopf und denke an Pi. Wenn ich den Algorithmus exter…

Dieser impertinente Diener unterbricht meine Gedanken schon wieder! Was will er denn jetzt von mir?!

Speisesaal? Welcher Speisesaal? Ich kann jetzt nicht essen! Ich muss mich um meine Berechnungen kümmern!

Nun wagt es dieser Wurm auch noch, mich anzufassen!

„Meister! Ich bitte Euch, folgt mir zum Abendessen“, fleht er.

Was hat er nur mit seinem tumben Abendessen?! Sieht er nicht, dass ich Wichtigeres zu tun habe?!

Ich schüttle ihn ab und starre ihn erbost an. Wenn er es wagt, mich noch einmal anzufassen, dann werde ich ihn…

„Na komm, Jacke, ich hab jetzt keine Lust mehr“, sagt er genervt.

Er besitzt die unverfrorene Frechheit, genervt zu sein? Wenn hier einer genervt sein darf, dann bin ja wohl ich das! Und was erdreistet er sich, mich nicht mit meinem Titel anzureden, sondern mit diesem blödsinnigen Spitznamen, den sie mir hinter meinem Rücken gegeben haben?! Sie denken tatsächlich, dass ich sie nicht höre, wenn sie über mich – ihren Gott – lästern.

Der Diener zerrt an mir.

Ich werde ihn enthaupten lassen! Vierteilen! Meinen Haien zum Frass vorwerfen!!

„Ist ja gut, Jacke, es tut mir leid. Komm jetzt mit, grosser Meister, sonst muss ich den Pfleger mit der Spritze kommen lassen…“

Würdevoll erhobenen Hauptes begebe ich mich an seiner Seite in den kargen Raum, wo meine Untertanen schon regungslos vor Ehrfurcht meiner Ankunft entgegenfiebern. Sie wagen es noch nicht einmal, zu klatschen, als ich in den Saal schreite.

Meine Nase juckt. Aber ich kann mich nicht kratzen, wenn meine Hände festgebunden sind. Also reibe ich meine Nase an der Schulter meines Leibdieners.

Er zuckt zurück, dann lacht er. Er kratzt meine Nase und sogleich geht es mir besser. Wofür hat man schliesslich Untergebene?

„Sag doch was, Jacke!“, sagt mein Diener ironisch und grinst blöde.

Haha, guter Witz, Sklave!

Der Diebstahl

„Lebende Dinosaurier! Jetzt im Saurier-Museum Königsfelden!“

Herbert traute seinen Augen kaum, als er die Schlagzeile las. Er zerrte der verdatterten Frau die Illustrierte aus den Händen und starrte auf die Anzeige. Seit Kopf weigerte sich, aus den Worten eine sinnvolle Botschaft zusammenzufügen. Bevor die aufgebrachte Frau ihm aber ihr Magazin wieder entriss, hatte er zumindest begriffen, dass man sich zur Besichtigung der beiden Tiere anmelden musste.

Er liess seinen vollen Einkaufskorb an der Kasse stehen und stürzte aus dem Geschäft. Keine fünf Minuten später war er zurück an seinem Arbeitsplatz im Museum der Natur Gotha und klickte frenetisch mit der Maus herum, bis sein träger, alter Computer endlich zum Leben erwachte. Er öffnete mit zittrigen Händen ein Browserfenster und gab ins Suchfeld „Saurier Museum Königsfelden“ ein.

„Nun mach schon!“, schrie er den Bildschirm an, weil der altersschwache PC endlos lange rechnete.

„Also hör mal“, entrüstete sich Beatrice, die sich mit ihm eines der kleinen, muffigen Büros teilte.

„Was ist denn…“, setzte sie an. Doch Herbert winkte gereizt ab. „Warte!“

Sein Computer lud mit unerträglicher Langsamkeit die Homepage des Saurier-Museums Königsfelden und da war es: Das Tambacher Liebespaar. Sein Tambacher Liebespaar! Seine Dinosaurier!

Nur dass sie auf diesem Foto keine Skelette auf rötlichem Stein waren, sondern zwei echte Echsen, die in einem Terrarium die Köpfe aneinander hielten.

Vermutlich hatte sie jemand so arrangiert, damit sie wie der sensationelle Fund vom Bromacker aussahen.

Herbert beugte sich so weit vor, bis seine Nase fast den Bildschirm berührte. Krampfhaft versuchte er Details auf der Fotografie zu erkennen. Waren die Tiere wirklich echt? Oder hatte er es mit geschickt gebauten Attrappen zu tun? Vielleicht sogar mit Roboter-Echsen?

Die Pixel verschwammen vor seinen Augen und er spürte, wie sich eine Migräne ankündigte. Es half nichts. Er musste sich anmelden und die Tiere live sehen, um sich von ihrer Echtheit zu überzeugen.

Hastig klickte er auf der Homepage herum und geriet erneut in Raserei, als er den Link für die Anmeldung nicht finden konnte. Schliesslich kam er auf die richtige Seite und hackte seinen Vor- und Nachnamen in die dafür vorgesehenen Felder. Als Besuchsdatum wählte er den nächsten freien Termin aus, der dennoch erst in zwei Wochen war.

 

Die nächsten vierzehn Tage war er absolut unausstehlich. Beatrice verkroch sich hinter ihren Aktenstapeln oder ging gleich ganz aus dem Büro, wenn er mit seiner geballten Stinklaune zur Arbeit erschien.

Monika, Herberts Frau, hatte die Nase nach zwei Tagen ebenfalls gestrichen voll und warf ihn aus dem gemeinsamen Schlafzimmer. Polternd und zeternd verzog Herbert sich aufs Sofa. Wieso konnten die Frauen nicht verstehen, wie wichtig ihm die Sache war? Konnte es sein, dass ihnen das Ausmass des Ganzen nicht bewusst war? Oder schlimmer noch: egal?

Es kam so weit, dass sowohl Herbert als auch Monika ihre Ehe hinterfragten, und Beatrice bei der Museumsleitung ein anderes Büro beantragte.

Als der Tag des Besuchs im Museum Königsfelden endlich da war, atmeten alle Beteiligten auf.

Herbert packte Unterlagen, Fotokamera, Notizpapier und Stifte zusammen und machte sich nervös wie ein Grundschüler mit dem Zug auf den Weg. Vor dem Saurier-Museum wurde ihm bewusst, dass der Vergleich mit dem Grundschüler gar nicht so falsch gewesen war. Mehrere Schulklasssen hatten sich auf dem kleinen Platz vor dem Museum zusammengedrängt und warteten johlend und kreischend auf den Einlass. Unerträglich langsam setzten sich die Massen schliesslich in Bewegung. Als Herbert, der mit den Nerven bereits vollkommen am Ende war, endlich die Türen erreichte, sah er auch den Grund: Jeder einzelne Besucher wurde auf einer Liste abgehakt.

Er nannte dem humorlosen Securitymann seinen Namen. Dieser blätterte geduldig in seinen Unterlagen, fand Herberts Anmeldung, hakte ihn ab, und wies ihn an, durch die Sicherheitsschranke zu treten.

Herbert war drin. Er atmete auf, wurde jedoch im selben Moment von zwei sich balgenden Zweitklässlern angerempelt.

„He! Habt ihr keine Manieren!“, schrie er die beiden Jungen an, die erschrocken von ihrer Prügelei abliessen. Herbert erntete einen entrüsteten Blick ihrer Klassenlehrerin, doch das war ihm egal. Er wollte jetzt endlich diese Saurier sehen, verdammt nochmal!

Bevor es so weit war, wurden die Besucher in Gruppen durch das Museum geschleust und eine unmotivierte junge Frau erzählte von Knochenfunden, Ausgrabungsstätten, der Restauration und wie Wissenschaftler anhand der Abdrücke herauszufinden versuchten, wie die Dinosaurier tatsächlich ausgesehen hatten.

Sie erklärte sicher schon seit zehn Minuten den Unterschied zwischen Haut, Schuppen und Federn, als Herbert der Kragen platzte.

„Wann sehen wir endlich die echten Dinosaurier?“, fiel er der Führerin ins Wort. Ein vielstimmiges „Jaaa!“ schallte aus der Gruppe, und Herbert fühlte sich ein kleines bisschen stolz, dass er den Nerv all dieser Kinder getroffen hatte. Er kam sich vor wie ihr Anführer, das Ober-Kind, der Dinosaurier-Freak-König.

Die junge Frau schaute ihn missbilligend an. Dann presste sie zwischen den Zähnen hervor:

„Wir sehen die Dinosaurier, wenn wir an der Reihe sind. Und jetzt sind wir wieder still und hören zu.“

Einige Kinder kicherten, weil Herbert – ein Erwachsener – Schelte bekommen hatte. Herbert selber fühlte sich vor den Kopf gestossen. Was fiel dieser dummen Kuh ein, ihn wie ein Kind zu behandeln?

Schmollend liess er sich ans Ende der Gruppe zurückfallen und überlegte kurz, ob er sich allein davonstehlen und die Saurier suchen sollte. Dummerweise hatte er keine Ahnung, in welchem Winkel des Museums die Tiere gehalten wurden. Also trottete er frustriert hinter seiner Gruppe her.

Eine geschlagene Stunde später schien ihr Zeitfenster endlich erreicht zu sein. Die träge Führerin erwachte plötzlich zum Leben und scheuchte sie mit ungekannter Hektik durch einen Gang und in einen grösseren Raum, der zur Hälfte von einem Terrarium eingenommen wurde. Auf lehmigem Grund wuchsen einige seltsam anmutende Pflanzen und ein kleiner Tümpel verströmte einen strengen Geruch.

Die Kinder hatten sich kreischend an die dicke Scheibe geworfen und verschmierten nun mit ihren fettigen Fingern und laufenden Nasen das Glas.

Herbert drängelte sich nach vorne. Er schob Kinder und Lehrerinnen aus dem Weg, bis er endlich vor dem Terrarium stand. Kein Lebewesen war zu sehen.

Fünfzehn Minuten lang suchte er panisch das Gehege ab, doch die Saurier liessen sich nicht blicken.

„Die wollen wohl heute nicht rauskommen. Vorher war gerade Fütterung, wahrscheinlich schlafen sie jetzt irgendwo“, sagte die Führerin mit zurückgekehrter Lethargie. „Dann wollen wir mal weiter.“

„Was? Aber…“ Herbert wollte nicht glauben, dass alles umsonst gewesen sein sollte. Er musste diese Tiere sehen!

Die Lehrpersonen scheuchten die Kinder aus dem Raum. Enttäuschte Gesichter, aber keines so hoffnungslos wie das von Herbert.

„Da!“, schrie auf einmal ein kleines Mädchen und zeigte auf einen unscheinbaren Steinhaufen. Und tatsächlich: Dort kam soeben eine Echse hervorgekrochen.

Herbert stand der Mund offen, als auch die zweite Echse aus ihrem Versteck kam.

„Weiter geht’s!“, rief die Führerin ungeduldig. Herbert merkte, dass er der letzte im Raum war.

„Ich muss nur… Ich will…“, stammelte er abgelenkt und zeigte auf die beiden Echsen, die tatsächlich wie eine Fleisch-und-Blut-Version des Tambacher Liebespaares aussahen.

„Kommen Sie endlich! Die nächste Gruppe wartet schon!“

„Aber…“

Sie zerrte ihn am Ellbogen aus dem Raum. Herbert hob unbeholfen die Kamera und drückte in die ungefähre Himmelsrichtung der Echsen ab. Zu Hause sollte er später den verschmierten graugrünen Fleck betrachten und sich lange fragen, ob dieser tatsächlich seine Echsen darstellte oder nicht.

 

Monika und Beatrice machten sich Sorgen.

Seit Herbert aus dem Saurier-Museum zurück war, wirkte er vollkommen neben sich. Er ass nicht, er schlief kaum, und wenn man ihn ansprach, dauerte es eine Weile, bis er einen wahrnahm. Seine Antworten waren zerstreut und unzusammenhängend und er hatte mindestens fünf Kilo abgenommen.

Ständig lief er mit einer Fotografie herum, auf der nur ein verschmierter Fleck zu sehen war.

So aufgelöst hatten sie ihn zuletzt erlebt, als das echte Tambacher Liebespaar aus dem Museum gestohlen worden war. Ein Jahr später waren die Fossilien wieder aufgetaucht, mit erheblichen Schäden an den versteinerten Knochen der beiden Tiere. Man hatte nie herausgefunden, ob die Abtragung des Materials beim Transport geschehen oder mit Absicht vorgenommen worden war. Die Museumsleitung hatte ein intaktes Modell des Fossilienfundes nach Fotos anfertigen lassen. Das beschädigte Original nahm der Freistaat Thüringen in Gewahrsam.

„Möchtest du etwas Suppe, mein Schatz?“, fragte Monika besorgt.

Herbert brummte, die verschwommene Fotografie vor sich auf dem Esstisch.

„War das ein Ja oder ein Nein?“ Monika wartete seine Antwort nicht ab. Es kam ohnehin keine. Sie stellte einfach einen Teller Tomatensuppe neben ihren Ehemann auf den Tisch.

Geistesabwesend nahm Herbert den Löffel, hob ihn aus dem Teller, liess ihn in der Luft verharren. Monika konnte es nicht mehr mit ansehen. Sie ging mit Beatrice zum Yoga.

Als sie zwei Stunden später wieder nach Hause kam, stand die Suppe unberührt auf dem Tisch. Es hatte sich eine Haut auf der Oberfläche gebildet. Der Löffel und Herbert waren verschwunden.

 

„Unbekannte Echsenart vernichtet Taubenpopulation in Königsfelden!“

Wäre der Name der Stadt nicht in der Schlagzeile aufgetaucht, hätte Herbert sie wohl nicht erfasst. So aber griff er sich eine Zeitung aus dem Ständer und warf dem Kioskbetreiber ein paar Münzen zu.

Wieder einmal hastete er ins Büro, wo er im Internet nach besseren Fotos der Echsen suchte. Trotz seines Alters war Herbert mit Facebook, Twitter und Co. vertraut, und es dauerte keine halbe Stunde, bis er Schnappschüsse von Königsfeldener Einwohnern gefunden hatte, die die Echsen in ihren Hinterhöfen und Kellern entdeckt und fotografiert hatten. Das Bild in der Zeitung kam ihm dagegen vor wie die verwischten „Beweisfotos“ von Yeti, Nessie und Konsorten. Doch diese Echsen waren echt. Und eines sah er auf den ersten Blick ganz genau: Das waren Tambacher Liebespaar-Echsen!

Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die gestohlenen Fossilien. Die beschädigten Knochen. Und dieser Artikel, den er letzte Woche online gelesen hatte über diese neue Klon-Methode, die kein lebendiges Material mehr benötigte – nur ein paar Zellen, egal welchen Ursprungs…

„Diese verdammten Schweine“, murmelte Herbert entgeistert vor sich hin.

„Also entschuldige mal!“, ereiferte sich Beatrice, die doch kein anderes Büro bekommen hatte.

„Die haben die Dinosaurier geklont…“

„‘Jurassic Park‘ meinst du?“, fragte Beatrice verwirrt.

„Nein… Königsfelden…“

„Den Film kenne ich nicht, tut mir leid.“

„Mir auch“, sagte Herbert, dann fing er leise an zu weinen.

Die grosse Chance

13 Anrufe in Abwesenheit.

Ich komme gerade aus einer Sitzung und starre auf das Display meines Mobiltelefons. Das Adrenalin rauscht plötzlich durch meine Adern.

Mit fahrigen Fingern gebe ich die angezeigte Nummer bei einer Suchmaschine ein.

«Agentur Könitz, Berlin», lese ich fassungslos.

Das sagt mir absolut gar nichts.

Andererseits habe ich gerade ein Buchprojekt an einige Verlage geschickt. Ist das etwa mein goldener Moment? Werde ich in diesem Augenblick entdeckt? Geht es jetzt los?!

Zittrig vor Nervosität nehme ich mein Handy wieder zur Hand, da klingelt es erneut. Anruf Nummer 14. Dieselbe Nummer.

Ich drücke die grüne Taste und halte das Telefon an mein Ohr. Das Blut rauscht derart laut in meinem Kopf, dass ich die ersten Worte am anderen Ende kaum verstehe.

«Ich fange gleich damit an: Sind Sie gross?»

Eine Frauenstimme, sehr gestresst.

Ich blinzle ein paar Mal und zwinge mich, nicht «äh, was?» zu sagen.

«Eins siebzig», gebe ich brav zur Antwort und bin sehr verwirrt.

«Und wie schwer?»

Die Zahl liegt mir auf der Zunge, ist mir aber auch etwas peinlich, weil sie höher ist als ich gerne hätte.

«Warum wollen Sie das wissen?», frage ich stattdessen.

«Wegen dem Kostüm, Herrgott! Nun stellen Sie sich nicht an! Wie schwer?»

«Was für ein Kostüm denn bitte?», frage ich entgeistert. «Worum geht es hier eigentlich?»

«Das Musical! ABBA! Die Erst- und Zweitbesetzung ist komplett ausgefallen. Jetzt muss es schnell gehen. Sind Sie dabei oder nicht?»

«Hä?!», sage ich nun doch.

«Wollen Sie die Rolle, um die Sie sich im ABBA-Musical beworben haben, oder nicht?»

Mein Pulsschlag beruhigt sich enttäuscht.

«Wer, denken Sie, bin ich?», frage ich genervt zurück. So viel Aufregung für Nichts. Wegen einer dummen Verwechslung.

Die gestresste Frau am anderen Ende der Leitung sagt meinen Namen.

Ich stutze.

«Ich muss Sie enttäuschen – ich habe mich für keine Rolle beworben. Ich mag ABBA nicht mal. Und singen kann ich auch nicht», sage ich.

Es knackt in der Leitung und ich bin in einer Warteschlaufe mit schlechter, von Rauschen unterbrochener Musik. Es ist nicht ABBA.

Eine halbe Minute höre ich noch zu, dann lege ich auf.

Vollkommen verwirrt starre ich auf mein Telefon.

Dann höre ich meine Bürokollegen prusten.

«Ihr seid solche Idioten!», rufe ich und muss selber lachen. Den restlichen Morgen über quäle ich sie mit meiner schiefen Interpretation von «Waterloo» und sie bereuen ihren Streich fürchterlich.

Bitte lächeln!

Der Clown war unendlich traurig. ‘Was für ein Klischee!’, dachte er bei sich, ‘ein trauriger Clown…’ Der Selbsthass, der ihn zerfrass, brannte schlimmer als die Magensäure in seinem Hals.

Die Menschen zum Lachen zu bringen war als junger Mann sein Traum gewesen, seine Berufung. Er erinnerte sich daran, wie er das erste Mal die Schminke auf sein Gesicht aufgetragen hatte, den breiten, lachenden roten Mund gemalt und bei seinem Anblick im Spiegel selbst gelacht hatte. Wann hatte er diesen Mann verloren? Diesen unbeschwerten, lebensfrohen, ja lebensmutigen Mann…

Er schleppte sich in die Manege hinaus und setzte sein Arbeitsgesicht auf. Das Lachgesicht. Doch innen drin war ihm zum Weinen zumute. Geheult hätte er am liebsten, laut geschluchzt, geflennt, gebrüllt vor Schmerz, und sich an den spärlichen Haaren gezerrt vor Verzweiflung. Doch die waren unter der albernen Perücke verborgen.

Was war nur aus ihm geworden? Wo hatte er auf dem Weg sein eigenes Lachen verloren? Wann war das Gelächter fremder Menschen zu einer Last für ihn geworden?

Wenn die Kinder kichernd auf ihn zeigten, die Gesichter von Zuckerwatte verklebt und die Augen glänzend von zu viel Süssigkeiten und den gleissenden Lichtern des Zirkus, dann empfand er nichts als Abscheu.

Am liebsten hätte er die hässlichen kleinen Kackbratzen angeschrien, sie sollten gefälligst still sein. Sollten ihn in Ruhe lassen. Sollten den traurigen, alten Clown mit der bröckelnden Schminke einfach nicht beachten.

Er mochte weder die Kinder noch ihre dumpfen, trägen Eltern zum Lachen bringen. Er wollte lieber etwas kaputt machen, etwas zerstören und sie darüber weinen sehen. Sie sollten sich genauso beschissen fühlen wie er. Stattdessen warf er seinem Kollegen eine Torte ins Gesicht wie jeden Abend und starb ob dieser Demütigung tausend Tode.

Die Zuschauer spürten seinen Schmerz nicht. Sie sahen nur seine grinsende Fratze und lachten fröhlich weiter.

Eins Null

Lange starre ich auf die pinke Linie. Sie sieht aus wie eine Eins. Eins gleich wahr. Null gleich falsch. 

Es gibt nur zwei Zustände, nur zwei mögliche Antworten auf diese Frage. Wahr oder falsch. Eins oder Null.

 

Als er das bedeutungsschwangere (ha!) Plastikstäbchen sieht, flippt er aus.

„Bist du etwa…?!“

A little bit“, antworte ich und lasse offen, ob ich „bisschen“ oder „Bit“ meine. Mein kleiner Bit. Meine kleine Eins.

Wahr.

Langsam sickert die Erkenntnis zu mir durch, dass da tatsächlich ein neuer Mensch in mir heranwächst. Wie ist das möglich?

 

„Was soll ich denn jetzt machen?“, schreit er. Ich hatte ihn schon vollkommen vergessen gehabt.

Er versteht das nicht. Er ist Drei – Mann, Ehefrau, Tochter.

Null Null Eins Eins. Binär gesprochen.

Aber was für eine verquere Zahl ist denn Drei?!

Primzahl. Unteilbar.

Das sagt schon alles. Ich habe es immer gewusst. Aus ihm (Eins) und mir (Eins) würde niemals etwas werden. (Wahr.)

Unsere „Beziehung“ war von Anfang an Null. Falsch.

Falsch in den Augen der Gesellschaft. Und wahrscheinlich auch in denen seiner Frau, wenn sie davon wüsste.

 

Er schreit noch immer rum. Dabei will ich doch gar nichts von ihm. Er soll mich nur nicht feuern. Ich brauche meinen Job. Jetzt, wo ich…

Aber nicht nur wegen dem kleinen Bit. Auch, weil ich sonst nicht wüsste, wohin in dieser Welt. Meine Arbeit ist das, was mich aufrecht hält. Einsen und Nullen. Wahr oder falsch. Hier ist alles so schön klar und einfach. Schwarz und Weiss. Keine endlosen Graustufen wie in der übrigen Welt.

 

Ich sage ihm, dass ich nichts von ihm erwarte. Dass der kleine Bit und ich ganz gut allein zurecht kommen. Wir sind nun die kleinste adressierbare Einheit, ein Byte. Er gehört nicht länger zu unserem System.

Er schreit immer noch rum. Ich soll ihn wegmachen lassen, kreischt er panisch. Denn irgendwann würde ich sicher doch was wollen und dazu sei er nicht bereit. Niemals würde er Drei durch Zwei teilen. Nie gäbe es für uns eine Zukunft.

Meine kleine Eins wegmachen lassen?! Zurück auf Null?

Nein, ganz falsch! (Das sagt schon die Zahl. Null gleich falsch. Wieso sieht er das nicht?)

Ich lasse ihn schreien.

 

Als Mutter habe ich mich nie gesehen. Zumindest nicht von einem Menschenkind.

Programmieren ist alles, was mich glücklich macht. Wenn der Code vor meinen Augen zum Leben erwacht. Dann erschaffe ich Neues.

Aber doch nicht in meinem Uterus…

Absurd.

 

Ich schaue wieder auf die pinke Linie, die langsam verblasst. Die Magie meines mit Schwangerschaftshormonen durchsetzten Urins lässt nach.

Doch der kleine Bit ist immer noch da. Diese plötzliche Unregelmässigkeit in einem Dualsystem, von dem ich nicht gewusst hatte, dass ich eines bin.

Ich bilde mir ein, ihn bereits in meinem Bauch zu spüren und lege automatisch die Hand unter den Nabel.

Sein Blick folgt meiner Handbewegung voller Entsetzen.

Dabei wissen wir beide, dass der kleine Bit erst etwa die Grösse einer Bohne hat. Er kann noch nicht strampeln und sich bemerkbar machen.

Um das zu wissen, muss man kein Gynäkologe sein. Das erzählen sie einem in jeder zweiten Romantik-Komödie.

Er wird trotzdem grün im Gesicht und stürzt ins Bad, wo er das Abendessen aus dem abgelegenen Lokal auskotzt, in das er mich immer ausführt. Man kennt uns dort. Man denkt dort, wir seien ein Paar. Eins und Eins. Wahr.

Er führt mich dorthin aus, weil er weiss, dass niemand dorthin geht, den er kennt. Der seine Frau kennt. Seine Tochter.

Auch das kennt man aus Filmen.

„Guten Abend, Herr und Frau … Den gleichen Tisch wie immer? Sehr wohl!“

Dort ist er nicht Drei. Sondern Eins mit Begleitung.

 

Das ist jetzt vorbei. Es wird keine Abendessen mehr geben.

Null Abendessen.

Null „Beziehung“.

Das ist schon in Ordnung so. Ich bin nicht traurig, wütend, verletzt. Ich hatte keine Hoffnungen, Träume, Erwartungen.

Im einen Moment war die „Beziehung“ on, im nächsten off.

Ich bin wie mein Code. Ein oder aus. Keine Ungewissheiten.

 

Ich sage ihm das.

Er hängt noch immer mit dem Kopf im Klo.

„Geh nach Hause zu deiner Familie“, sage ich sanft.

Er versteht mich nicht. Sieht mich furchtsam an. Als hätte ich ihm gedroht.

Sobald er zur Tür hinaus ist, habe ich vergessen, dass er jemals Teil meines Lebens war.

Null.

Ist die „Beziehung“ on?

Antwort: Null (falsch).

Also ist sie off. Es gibt in diesem Programm kein „falls“, kein „if“, das die Gleichung relativiert.

Logisch, oder?

Warum begreift er das nicht? Sind alle Menschen so kompliziert?

 

„Die Darstellung und Interpretation von Information mittels Binärcodes ist nicht an ein bestimmtes Medium gebunden, sondern ist überall dort anwendbar, wo der Wechsel zwischen zwei Zuständen erzeugt und wieder gemessen werden kann.“

Sagt Wikipedia.

Der Wechsel zwischen zwei Zuständen.

Bin ich damit gemeint? Wahr oder falsch. Eins oder Null.

Ich freunde mich gerade mit dem Gedanken an, nicht mehr nur aus einer Ziffer zu bestehen. Nicht mehr nur Eins.

Sondern Eins Null.

Binärcode für „Zwei“.

Die Sammlung

Henrik sah von seinem Schreibheft auf. Waren es vier oder sechs geschnitzte Stühle gewesen, die er am Esstisch gezählt hatte?

Seufzend erhob er sich, um sich den Weg zurück ins Chaos im Innern des Hauses zu bahnen, und die Stühle zu zählen. Die Frau von der Heilsarmee hatte am Telefon gesagt, sie kämen nur die Dinge abholen, die auch auf der Liste stünden.

Henrik hatte keine Lust, am Ende mit zwei überzähligen Stühlen zurückzubleiben.

Seine Schwestern waren auch keine Hilfe. Hilde war verheiratet und hatte vor wenigen Wochen ihr erstes Kind bekommen. Und Henrietta, das Nesthäkchen, streifte wer weiss wo in der Weltgeschichte umher. Die letzte Postkarte zeigte einen riesigen, liegenden Buddha, in dessen Schatten orange gewandete Mönche meditierten.

Henrik seufzte noch einmal. Es half ja doch nicht. Wenn er das Haus nicht ausräumte, würde es niemand tun, und dann hätten sie bald die Stadt am Hals. Ausserdem war allen drei Geschwistern daran gelegen, das Grundstück schnellstmöglich zu Geld zu machen. Und das ging nunmal nicht, wenn das uralte Haus darauf noch bis zum Dachfirst vollgestopft war mit Möbeln und Krempel.

Er schob sich durch die Terrassentür ins Innere, an einem staubigen Diwan vorbei, dessen spröder, moosgrüner Bezug sich krümelnd auflöste, wich einem pergamentenen Lampenschirm aus, duckte sich unter einem zu tief an der Wand hängenden Büffelkopf hindurch, in dem die Mäuse raschelten, und fand hinter meterhohen Zeitschriftenstapeln schliesslich die Tür zum Esszimmer. Er musste sich durch den schmalen Spalt zwängen. Hinter der Tür verhinderte ein uralter Waschtisch mit neun statt einer einzigen Waschschüssel aus Keramik das Öffnen des linken Türflügels. Jede Schüssel zeigte ein anderes langweiliges Blümchenmuster. Die dazu passenden Waschkrüge – alle mit Sprüngen und abgeplatzten Rändern – hatte Henrik gestern auf dem Dachboden gefunden.

Das Ordnungssystem seines Vaters hatte er nie verstanden.

Als Kind war das ja noch ganz witzig gewesen. Damals hatten die Geschwister sich mit antiken Spazierstöcken und mottenzerfressenen Regenschirmen Fechtkämpfe geliefert, waren über die Möbel gekrabbelt ohne den Boden zu berühren, oder hatten in den überall in Massen herumstehenden Zeitschriftenstapeln geblättert. Dabei musste man allerdings aufpassen, dass der ganze Turm nicht umkippte und einen unter sich begrub. Andere Kinder spielten Jenga – Henrik und seine Schwestern „Zeitschriften-Roulette“.

In einem besonders einprägsamen Sommer hatte Henrik einen Stapel uralter Playboys gefunden und sein Glück kaum fassen können. Es dauerte lange, bis er herausfand, dass sein Frauenbild aus einer anderen Epoche stammte. Noch als erwachsener Mann konnte er sich nicht an die glatten Geschlechter und riesigen Brüste seiner Zeitgenossinnen gewöhnen, so sehr hatten ihn die Bilder aus den Magazinen als Junge geprägt.

Henrik schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die vor ihm liegende Aufgabe. Stühle zählen! Er schob sich über eine antike Wäschetruhe und fand unter Bergen von zerfallenden Leintüchern den Esstisch. Sechs Stühle standen darum, natürlich. Als hätte sich sein Vater jemals mit einem Set von lediglich vier Esszimmerstühlen zufrieden gegeben.

Henrik überlegte, ob er die Zahl gleich hier in sein Heft eintragen wollte, entschloss sich dann aber für den beschwerlichen Rückweg in den Hof. Es war der einzige Ort, wo einigermassen Ordnung herrschte, weil man von zwei Seiten hineinsah und sein Vater nach mehreren Anzeigen allen Krempel daraus ins Haus geschafft hatte.

Das war schon vor zehn Jahren gewesen. Wie lange die Dinge davor schon im Regen und Schnee gestanden hatten, fragte niemand. Sie waren zu dem Zeitpunkt alle schon weit weg gewesen. Geflohen. Sogar Henriks Mutter.

Er hatte das Gefühl, dass die Sammlung in seiner Kindheit noch nicht so undurchdringlich gewesen war. Aber vielleicht täuschte ihn da auch seine Erinnerung. Als kleiner Knabe – und er war stets schmächtig gewesen – hatte er wohl nur besser durch die Lücken und schmalen Gänge zwischen dem Plunder gepasst.

Gerne hätte er mit seinen Schwestern darüber gesprochen, wie er sich gerade fühlte. Aber Hilde hatte er bei seinem letzten Anruf über dem Geplärr des Babys kaum verstanden und nach fünf Minuten hatten beide entnervt aufgegeben und aufgelegt.

Ungeduldig schob er sich an drei aufgerollten Teppichen vorbei. Eine Staubwolke nahm ihm die Sicht und er musste heftig husten. Als er sich die kratzigen Krümel aus den Augen gerieben hatte, fiel sein Blick auf ein altes Fotoalbum. Er griff danach und schlug die erste spröde Seite auf. Vergilbte Schwarzweissfotos im kleinen Format. Kinder mit mürrischen Gesichtern und Erwachsene in altertümlicher Kleidung, die selbst in der Farblosigkeit der alten Fotografien als schwarz erkennbar war. Fasziniert blätterte Henrik durch das Album, versuchte Häuser und Gesichter zuzuordnen. War das sein Vater als junger Mann? Der Bauernhof seiner Grosseltern?

Auf der letzten Seite dann ein Nachname, den er nicht kannte. Das Fotoalbum zeigte gar nicht seine Vorfahren. Sein Vater musste es von irgend einem Trödel haben. Für einen Moment kam sich Henrik so unglaublich betrogen vor, dass er kaum Luft bekam. Wut erfasste ihn. Warum hatte sein Vater nicht mit der Gegenwart zufrieden sein können? Mit den Menschen, die ihn umgaben? Seinem einzigen Sohn zum Beispiel?

Warum hatte er nur das Bedürfnis gehabt, so viel Zeug um sich zu stapeln, bis seine Familie und Freunde nicht mehr an ihn herankamen?

Wütend und verletzt pfefferte Henrik das fremde Fotoalbum zurück ins Chaos. Mit tränenverschleiertem Blick kraxelte er über die eng zusammenstehenden und mit Kisten vollgestellten Möbel. Nur raus hier! Er musste unbedingt an die frische Luft, in den Hof, wo er wieder klar denken konnte.

Das Bild seines Vaters, wie er tagelang zwischen seinen seelenlosen Gegenständen gelegen haben musste, schob sich vor Henriks Augen. Er versuchte es abzuschütteln, seine Gedanken abzulenken, doch es gelang ihm nicht. Panik schnürte ihm die Kehle zu. Der Gestank war unerträglich gewesen. Der Ekel, der ihn erfasst hatte. Seinem eigenen Vater gegenüber. Den er doch hätte lieben sollen. Geliebt hatte.

Henrik fürchtete sich davor, dass dieser Ekel für immer seine Liebe überdecken würde. Wie ein unangenehmer Geruch, der durch einen lieblichen Rosengarten weht und die ganze Schönheit des Ortes verdirbt.

Henriks Herz raste. Nur raus aus diesem Haus!

Draussen war es inzwischen dunkel geworden, wie er mit Erschrecken feststellte. Wie lange hatte er in dem Fotoalbum geblättert? Eine Bewegung liess ihn erstarren, bis er sich selbst im halb blinden Spiegel eines weiteren Waschtischs erkannte. War er bei der Esszimmertür? Aber wo kamen diese Schaufensterpuppen auf einmal her? Die hatte er beim Hereinkommen nicht passiert, dessen war er sich sicher. Schaufensterpuppen hatte er schon immer gruselig gefunden. Daran hätte er sich sicher erinnert.

Wo war er bloss? Im kleinen Salon? Er versuchte, unter einem weiteren Tisch hindurch zu kommen, musste aber feststellen, dass dieser tatsächlich ein Konzertflügel war und dass darunter Kisten um Kisten voll rostigem Werkzeug den Durchgang versperrten. Wann hatte sein Vater denn einen Flügel angeschafft?

Irrelevant! Hauptsache raus hier!

Sollte er umkehren und versuchen, seinen Weg zurück zu gehen?

Doch als Henrik sich in die Richtung wandte, aus der er gekommen war, schienen die Gänge zwischen dem Krempel zusammenzuschrumpfen und ihn zu verschlingen. Er spähte an einem zotteligen Lampenschirm vorbei. Nichts hier kam ihm bekannt vor. Er war irgendwo im Innern des Hauses und hatte keine Ahnung, wo der Ausweg war.

Normalerweise richtete er sich nach dem hereinleuchtenden Tageslicht, doch nun war es draussen stockfinster. Ein General mit aufgeschlitztem Gesicht blickte strafend von seinem staubigen Gemälde auf ihn herab.

Henrik fasste einen Entschluss: Er würde über den Krempel klettern, wenn er schon nicht zwischendurch kam. Wagemutig stützte er sich auf zwei Reisetruhen ab, um sich auf den Flügel zu ziehen, da rutschte seine Hand in einem Silbertablett ab und er stürzte. Seine Turnschuhe glitten zur Seite wie auf Eis. Henriks entsetzter Blick blieb auf dem lasziv hingeräkelten Oberkörper einer Dame aus den Sechzigern hängen. Ausgerutscht auf einem Playboy – was für eine Ironie! Seine Hände griffen nach etwas zum Festhalten, bekamen eine harte Kante zu fassen, die aber ihrerseits den Halt verlor und in einem Schwall von gelben Seiten auf ihn zugeflattert kam.

Als er den deckenhohen Stapel Telefonbücher auf sich zustürzen sah, ging ihm durch den Kopf, dass das alles vielleicht nicht passiert wäre, wenn er seinen Vater in den letzten Jahren einmal besucht hätte, wenn er sich mehr gekümmert hätte, wenn man nach anderen Lösungen als dem Horten mit ihm gesucht hätte, wenn er auch seine Schwestern dazu gebracht hätte, bei dem alten Einsiedler vorbeizugehen und jedes Mal ein paar Gegenstände aus dem riesigen Haus zu schaffen, wenn die Berge an Dingen nicht bis unter die Decke gewachsen wären, wenn jemand sie aufgehalten hätte, diese Lawine aus Zeug, diese erdrückende, erstickende, lebensgefährliche Ladung Krempel, die da auf ihn zuraste und ihn unter sich begraben würde.

Vergebung

Ich vergebe dir, sagte sie zärtlich. Er sah sie finster an.

Ich will keine Vergebung!, schrie er beinahe. Werd wütend! Hasse mich!

Doch sie lächelte nur. Sanft. Er hasste es, wenn sie ihn so sanft ansah. Wie ein Reh. Oder schlimmer. Wie ein sanfter Mensch. Ein Reh konnte man töten, essen. Doch mit ihr musste er leben. Sie lächelte still. Spürte in ihrem Herzen nach, und fühlte tatsächlich, dass sie ihm vergab. Er hatte keine Macht über sie, wenn sie ihm nicht böse war. So lange sie sich nicht wehrte, konnte er nicht gegen sie kämpfen. So lange würde ihre Beziehung weiterbestehen – egal wie trostlos sie geworden war.

Er hätte niemals genug Schneid, zu gehen, ohne dass sie ihn fortschickte. 

Als sie sich bei diesem Gedanken ertappte, wurde ihr sanftes Lächeln bösartig. Er bemerkte es. Erschrak.

Sie hatte zu viel preisgegeben. Schnell versuchte sie, wieder ihr salbungsvolles Gesicht aufzusetzen, doch sie hatte sich verraten. Er sah, was sie war. Kein Reh. Wolf. Jäger, Täter. Berechnend und eiskalt. Ihn überlief ein Schauer. Sie hatte ihn mit ihrer Vergebung in ihren Fängen. Er war ihr ausgeliefert. Verloren.

Das Verhör

«Nun geben Sie’s doch endlich zu!»

«Was soll ich zugeben? Ich war’s nicht!»

«Lügen Sie mich doch nicht an! Wenn ich eines kann, dann einen Lügner erkennen!»

«Ich weiss ja noch nicht einmal, was Sie mir vorwerfen!»

«Als ob ich Ihnen das verraten würde. Neinnein, lieber warte ich, dass Sie sich in Widersprüche verstricken!»

«Widersprüche wobei?!!»

«Ihren Schandtaten! Ha!»

«…»

«Oh, Sie denken, Schweigen wird Sie retten? Ich nehme das einfach als stille Zustimmung.»

«Ich stimme überhaupt nichts zu, hören Sie mich?! Ich gebe nichts zu. Ich habe nichts getan! Ich bin vollkommen unschuldig!»

«Wo waren Sie am 28. April um 12 Uhr mittags?»

«28. April? Keine Ahnung! Kann ich meine Agenda überprüfen?»

«Nein.»

«Ok… lassen Sie mich nur kurz nachdenken.»

«Die Zeit des Nachdenkens ist vorbei!»

«Geben Sie mir doch einen Moment, Herrgott nochmal!»

«Warum sollte ich? Sie sitzen hier auf dem heissen Stuhl!»

«Ist das überhaupt legal? Ich sollte zumindest meinen Anwalt anrufen dürfen, finden Sie nicht?»

«Dann sind Sie also schuldig?»

«Was?!!»

«Nur Schuldige brauchen Anwälte.»

«Das ist unfassbar!»

«…»

«Sie brauchen gar nicht so zu grinsen. Ich werde Sie verklagen, wegen Machtmissbrauchs!»

«Versuchen Sie es doch! Ich habe da draussen zwanzig Kollegen, die schwören werden, dass ich im Recht bin.»

«Ach, so sieht das also aus! Wollen Sie mir jetzt drohen?»

«Nur wenn Sie weiterhin stur sind. Gestehen Sie und alles wird gut. Ich handle Ihnen einen guten Deal aus, versprochen!»

«Ich glaube Ihnen kein Wort. Erst machen Sie einen auf bösen Cop, und plötzlich sind Sie der gute Cop?!»

«…»

«Zucken Sie nicht nur mit den Schultern. Sagen Sie mir, was hier vorgeht!»

«Na schön… na schön…»

«Ich warte!»

«Ich weiss, dass Sie es waren. Ich habe Zeugen.»

«…»

«Oh, plötzlich ganz kleinlaut, was?! Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?»

«Zeugen?! Was für Zeugen?»

«Zwei Personen haben Sie auf frischer Tat beobachtet.»

«Sie bluffen doch!»

«Ich wüsste nicht, wieso ich bluffen sollte.»

«Pfff! Das… also…»

«Gestehen Sie endlich!»

«Wozu brauchen Sie mein Geständnis, wenn Sie mehrere Zeugen haben?»

«Ich dachte, ich gebe Ihnen die Chance, ihre Weste selbst reinzuwaschen. Erzählen Sie mir, was geschehen ist.»

«…»

«Kommen Sie! Ich weiss doch, dass Sie beichten wollen!»

«Was springt dabei für mich raus?»

«Was wollen Sie?»

«Ich kann alles erklären. Ich will nur einen gerechten Prozess.»

«Wusst ich’s doch! Sie waren es tatsächlich!»

«Sie haben doch geblufft! Sie mieses…!»

«He! Vorsichtig!»

«Entschuldigung! Ich… ach, verdammt!»

«Na, los! Sie haben sich ohnehin schon um Kopf und Kragen geredet!»

«Also gut, ich gestehe!!»

«…»

«Ich wollte das alles nicht…»

«Ich warte. Beginnen Sie von vorne.»

«Am Mittag des 28. April… war ich unfassbar hungrig.»
 «Kommen Sie zur Sache!»

«Das ist wichtig! Sie müssen die ganze Geschichte kennen, um zu verstehen!»

«Fassen Sie sich kurz!»

«Nun gut. Ich war wahnsinnig hungrig. Ich kam gegen Mittag in die Büroküche und suchte nach etwas Essbarem, als völlig unverhofft…»

«Ja…?»

«Diese Pizza im Kühlschrank lag…»

«Und…?»

«Was?»

«War da kein Name auf der Pizzaschachtel?»

«Doch…»

«Welcher Name war das?»

«…»

«WESSEN NAME STAND AUF DER SCHACHTEL?»

«Ihrer.»

«Ganz genau! Wenn ich Sie noch einmal dabei erwische, wie Sie meine Pizza fressen, fliegen Sie hochkant raus!! Und jetzt zurück an die Arbeit!»

«Ja, Chef… Tut mir leid…»

«Jaja! Das sagen sie alle…»

Am Zaun

Heute war eine gute Patrouille. Bin den ganzen Parameter in einem Stück abgegangen. Musste mich kein einziges Mal hinsetzen. Der heisse Sommer hilft. Mein Knie tut nur noch am Morgen weh, wenn ich lange auf meinem Lager gelegen habe.

Keine besonderen Vorkommnisse.

 

Heute musste ich zurück zur Baracke. Da war ein Loch im Zaun an der Westseite, wo die Streben schon etwas marode sind. Kein grosses. Irgendein Tier hat wohl versucht, reinzukommen.

Habe das Loch mit Draht geflickt und die neuen Drahtstücke mit Kabelbinder fixiert, damit sie niemand aufzwirbeln kann. Ich weiss genau, dass sie das tun würden.

Musste mich nach der Anstrengung an der Ostseite hinsetzen, bevor ich zurück auf Posten ging. Atemnot. Dieses seltsame Stechen in der Brust. Ging aber bald wieder.

 

Holz für den Winter gehackt. Kann man nicht früh genug vorsorgen. Die wenigsten wissen, wie viel Holz man braucht, um einen Winter lang warm zu bleiben.

Patrouille auf morgen verschoben. Bin vollkommen erschöpft nach der Anstrengung. Erst abends auf meinem Lager dann ein unangenehmes Kribbeln im Nacken deswegen. Habe ich etwas übersehen?

 

Auf der heutigen Patrouille der Schock. Ein weisser Zettel, ganz nah beim geflickten Loch. Auf meiner Seite! Wie kam der da hin? Sind sie doch reingekommen? Sind sie etwa noch hier?

Habe Herzrasen und fühle mich beobachtet. Bin ich nicht mehr allein?

Habe den Zettel in die Westentasche gesteckt. Ist zwar zu warm für die kugelsichere Weste, doch das schlechte Gefühl gestern liess mich danach greifen. Zu Recht!

Habe wieder mit Graben weitergemacht. Habe das Bunker-Projekt viel zu lange vernachlässigt.

 

Heute Patrouille im Morgengrauen und zweite am Nachmittag. Nichts. Keine Fussspuren gefunden, keine weiteren Zettel oder anderes. Bleibe aber wachsam. Gehe nur noch mit Weste und mit der Waffe nach draussen. Traue mich nicht mehr ohne vor die Baracke.

Am Vormittag dann einen weiteren Riegel aus einer umgestürzten Tanne gezimmert. Zur besseren Blockierung der Tür. Sollen sie bloss versuchen, reinzukommen!

 

Grabungen kommen gut voran, nun da wieder volle Aufmerksamkeit auf das Bunker-Projekt. Die Kammer unter der Baracke nimmt Gestalt an.

Die Erde nachts entsorgt, draussen mit trockener Erde gemischt, damit der Farbunterschied nicht so auffällt. Sobald die Sonne dann darauf scheint, gleichen sie sich an. Aber will nicht, dass allfällige Beobachter etwas vom Bunker mitbekommen. Letzte Zufluchtsstätte.

Patrouille ohne besondere Vorkommnisse. Loch im Zaun nochmals überprüft. Draht und Kabelbinder unangetastet.

Haben sie aufgegeben?

Musste mich zwei Mal hinsetzen. Aufregung zehrt an den Kräften.

 

Ertappe mich immer wieder dabei, wie ich den Zettel in der Westentasche betaste. Was hat das nur zu bedeuten? Jemand muss hereingekommen sein!

Aber der Zaun ist zwei Meter hoch und mit Stacheldraht bestückt, zwei Meter zwanzig also insgesamt. Wie könnte jemand meinen Zaun überwinden? Wie?!

Doppelte Patrouille wie gestern und vorgestern. Einmal reicht einfach nicht mehr. Schlafe unruhig, wenn ich nicht zwei Mal gehe.

Die Kilometer setzen mir zu, Knie tut trotz Sonnenwärme weh vom vielen Gehen.

Bunker-Projekt bleibt auf der Strecke, weil zu erschöpft.

Kann mich dennoch nicht überwinden, wieder nur ein Mal am Tag zu gehen. Was wenn…

 

Bei der morgendlichen Patrouille mit dem Fuss umgeknickt. Höllische Schmerzen. Musste auf meinen Gürtel beissen, um nicht zu schreien.

Lag sicher eine Stunde bewegungsunfähig am Zaun und wartete darauf, dass der Schmerz abebbt. Habe den Fuss mit meinem Hemd eingebunden und mir einen Ast als Krücke gesucht. Zurück zum Lager gehumpelt.

Mache mir Vorwürfe. Habe nicht auf den Untergrund geachtet und deshalb umgeknickt. Wäre ich doch nur vorsichtiger gewesen.

Haut kribbelt wie von Ameisen. Was, wenn sie nun draussen herumschleichen? Was, wenn sie schon hier sind?

 

Schreckliche Nacht verbracht. Jedes Mal beim Eindösen wieder mit Panik und Herzrasen aufgeschreckt. Schliesslich aufgegeben und mich mit der Waffe beim Fester platziert. Die ganze Nacht in die Dunkelheit gestarrt und auf sie gewartet.

Nichts.

Gegen Morgen in unruhigen Schlaf gefallen.

Fuss ein bisschen besser, aber heiss und geschwollen. Nichts gebrochen oder gerissen, soweit ich das feststellen konnte. Glück im Unglück: nur den Knöchel gezerrt. Ein paar Tage Ruhe wären das Beste.

Später: Hielt es in der Baracke nicht mehr aus. Habe Fuss fest eingebunden und bin eine Patrouille gegangen. Die Schmerzen höllisch. Wegen der Waffe kann ich keine Krücke benutzen. Und in der Weste ist es furchtbar heiss.

Vollkommen erschöpft und schweissnasss in die Baracke zurückgekehrt. Immerhin keine Vorkommnisse. Geflicktes Loch unangetastet. Keine Spur von anderen. Aber sie sind da draussen, das weiss ich!

 

Weitere unruhige Nacht. Bin vollkommen erschöpft. Zwinge mich dennoch zu einer Patrouille. Zu Recht! Wieder einen weissen Zettel gefunden, diesmal am Nord-Parameter!

Sie kreisen mich ein! Sie kommen von allen Seiten!

Sie kommen!!

 

Die ganze Nacht am Fester Wache gehalten.

Die Hand wandert immer wieder in die Westentasche zu den beiden Zetteln. Der erste ist schon ganz filzig und zerfleddert von der Feuchtigkeit meiner Finger und meinem Schweiss. Das Papier unter meinen Fingern bestätigt mich. Muss Wache halten. Darf nicht schlafen. Sie sind da draussen. Irgendwo in der Dunkelheit.

 

Auf dem Boden erwacht. Keine Ahnung ob eingeschlafen oder vor Erschöpfung bewusstlos geworden. Die Waffe über den Boden geschlittert. Das darf nicht noch mal passieren.

Wäre der schwere Riegel an der Tür nicht intakt, würde ich mich fragen, ob jemand hier war und die Waffe aus meinen Händen und ausser Reichweite gelegt hat. Kann nicht sein!

Ich muss schlafen. Aber ich muss auch Wache halten. Dilemma.

Später: Unter starken Schmerzen eine Patrouille gelaufen. Knöchel wird immer dicker. Patrouillengang ist auch mit gesundem Fuss anstrengend. Musste mich mehrmals hinsetzen und wieder zu Kräften kommen. Ständig dieses Kribbeln im Nacken, als schleiche sich jemand an mich heran. Auf welcher Seite des Zauns? Sind sie hier?!

 

Wann habe ich den ersten Zettel gefunden? War es bevor oder nachdem ich das Loch im Zaun geflickt habe?

Habe ich sie etwa mit mir eingesperrt?! Sind sie hier drin und können nicht mehr durch das Loch raus?!

Nein! Neinnein, auf keinen Fall! Ich hätte Fussspuren sehen müssen!

Es sei denn, der Wind hat sie verweht. Der Boden ist vollkommen trocken im Moment. Nur ein Anfänger hinterlässt darauf Fussspuren.

Vielleicht haben sie ihre Spuren auch verwischt. Wollen mich in die Irre führen! In Sicherheit wiegen!

Nein, konzentrier dich! Ich habe den Zettel erst nachher gefunden. Ganz sicher.

Oder?

Und wenn sie ihn erst verloren haben, als sie schon drin waren? Zurück zum Loch gegangen sind?

Was habe ich übersehen? Was was was?!

 

Augen brennen, kann sie kaum offen halten. Mund trocken, egal wie viel ich trinke.

Gestern Nacht aus dem Schlaf aufgesprungen und mit der Waffe zur Tür gehechtet. Herz raste in meiner Brust. War überzeugt gewesen, jemanden am Schloss gehört zu haben. Doch der Balken liegt vor, sie können nicht herein.

Dennoch eine halbe Stunde an der Tür stehen geblieben und so angestrengt gelauscht, dass das Blut in meinen Ohren brausen hörte. Herzklopfen. Dann ebbte das Adrenalin ab. Waffe begann in der Hand zu zittern und Knöchel tat wieder weh. Hatte ich nicht mehr dran gedacht.

Doch kaum zurück im Bett wieder dieses schabende Geräusch wie von einem Dietrich an der Tür.

Mit erneutem Herzrasen aufgesprungen, Riegel weggerissen und die Schlösser geöffnet. Diese Ungewissheit ist unerträglich. Wollte wissen, wer mich erwischte. Wollte Gewissheit. Riss die Tür auf.

Kalte Nachtluft ernüchterte mich.

Was tue ich? Bin ich des Wahnsinns?

Man stellt sich dem Gegner nicht, das ist die letzte Instanz. Vorher zieht man sich zurück! Hinter den Zaun! Hinter die schwere Tür der Baracke. In den gesicherten Panikraum der Baracke. In den Bunker unter dem Panikraum. Man reisst dem Feind nicht die Tür auf!!

Was ist nur los mit mir? Werde ich jetzt verrückt?

 

Was, wenn sie hier sind? Bin ich wirklich bereit, zum Äussersten zu gehen?

 

WARUM LASST IHR MICH NICHT IN RUHE?!!!

 

 

Geschlafen. Kaffee gekocht und ganze Kanne getrunken. Knöchel besser. Werde jetzt auf Patrouille gehen. Ruhe hat mich erfasst. Schicksalsergebenheit? Keine Ahnung. Kopf seltsam leer.

Patrouille ohne Vorkommnisse. Geflicktes Loch im Zaun unverändert. Keine Zettel, dafür Fussspuren am östlichen Parameter. Vor dem Zaun zum Glück, nicht drinnen bei mir. Noch sind sie nicht reingekommen. Aber sie sind da. Schleichen um mich herum.

HAUT ENDLICH AB!

VERSCHWINDET!

 

Lärm! Stimmen! Sie sind da! Sie sind gekommen!!

Was soll ich nur tun?

Schweiss rinnt mir in die Augen. Mein Herz springt fast aus der Brust, krampft sich bei jedem Schlag schmerzhaft zusammen. Meine Kehle ist so trocken. Doch ich kann nicht von meinem Posten am Fenster weg.

Spüre Schweisstropfen unter der Weste meine Brust und das Rückgrat hinabkullern. Meine Hände umklammern die Waffe. Muss sie immer wieder an der Hose abwischen. In der Baracke ist es unerträglich heiss.

Doch raus kann ich nicht. Dort sind sie.

Ich kann ihre vagen Umrisse in der Ferne vor dem Zaun sehen. Sie wissen nicht, wie weit ihre Stimmen in diesem Gelände tragen. Ich höre sie rufen. Am Maschendraht rütteln.

Wieso lasst ihr mich nicht einfach in Ruhe! Ich lasse euch nicht rein! Vorher bringe ich jeden einzelnen von euch zur Strecke.

Ich blinzle durch den Vorhang. Wage kaum zu atmen, um ihn nicht zu bewegen und mich zu verraten. Haben sie mich gesehen?

Nach einer endlosen halben Stunde ziehen sie endlich ab und ich atme auf. Bleibe dennoch zwei weitere Stunden auf meinem Posten. Könnte eine Falle sein. Mich in Sicherheit wiegen.

Als ich endlich zum Wasserkanister stürze, kann ich kaum schlucken, so trocken ist meine Kehle. Zunge angeschwollen. Augen brennen wie Feuer vom stundenlangen Starren in die gleissende Helligkeit.

Dehne meinen verkrampften Rücken und ein stechender Schmerz schiesst mir durch die Nieren. Keuche vor Schreck auf und lasse mich auf den nächsten Stuhl fallen. Atme flach und vorsichtig, bis der Schmerz endlich endlich abebbt. Nur ein Krampf. Hexenschuss kann ich jetzt auf keinen Fall gebrauchen. Muss den Bunker fertig kriegen und die Lebensmittel runter schaffen.

Wie gelähmt bleibe ich trotzdem auf dem Stuhl sitzen bis die Dämmerung hereinbricht. Erst da kann ich mich aus meiner Starre lösen.

Muss eine Patrouille gehen. Auch wenn ich mich am liebsten verkriechen und alles abriegeln würde. Ich muss. Ich muss.

Sonst finde ich nie wieder Ruhe.

Lege den Nacht-Tarn an, obwohl es immer noch warm ist draussen. Auch noch die Weste anzulegen schaffe ich nicht. Der Tarn allein heizt schon zu sehr auf. Es muss ohne die kugelsichere Weste gehen.

An der Tür bleibe ich stehen. Ich kann nicht raus gehen ohne die Weste.

Meine Hand liegt auf dem Türgriff, gehorcht mir nicht.

Ich brauche die Weste.

Ich brauche die Weste.

Also ziehe ich den Tarn wieder aus und schlüpfe in die Weste. Dafür lasse ich das T-Shirt weg. Die Riemen der Weste scheuern auf der nackten Haut. Aber anders geht es nicht. Anders geht es nicht. Anders geht es nicht.

Trete vor die Tür, gleite durch den Spalt wie Öl.

Was, wenn sie noch da sind? In der Nähe? Mich beobachten?

Sie werden mich nicht sehen. Der Nacht-Tarn macht mich unsichtbar.

Schleiche den Parameter entlang zu der Stelle, wo sie rein wollten.

Prüfe den Zaun auf Beschädigungen.

Offenbar hatten sie kein Werkzeug. Alles intakt. Dafür Fussspuren. Vor dem Zaun. Viele.

Von den Eindringlingen nichts zu sehen.

Trotz schmerzendem Knie und Knöchel gehe ich so geschmeidig wie möglich den Parameter ab. Auf einmal leuchtet mir etwas in der Dunkelheit entgegen. Gehe hinter einem Baum in Deckung, die Waffe im Anschlag. Meine Hand greift unbewusst nach den Fetzen der beiden Zettel, die sich in meiner Westentasche aufgelöst haben.

Nichts bewegt sich.

Gehe auf das Helle zu.

Wieder ein Zettel, um einen Stein gewickelt.

Nun bin ich sicher, dass sie ihn nicht drinnen verloren haben, sondern über den Zaun geworfen haben. Bei den letzten beiden muss der Stein rausgefallen sein. Oder sie haben sie durch die Zwischenräume geschoben. Oder… Egal.

Ich hebe den Zettel auf. Stecke ihn zu den Fetzen in die Tasche.

Was wollen sie mir mit ihren Zetteln sagen? Dass sie rein wollen?

Ha!

Als ob mich ihre Bitten und ihr Flehen erweichen könnten!

Niemand kommt hier rein!

Niemand.

Mache den Patrouillengang fertig und kehre in die Baracke zurück. Meine Festung ist sicher. Niemand kommt hier rein! Niemand. Niemand. Niemand.

Auch nicht mit Bitten und Flehen.

Es bringt ohnehin nichts.

Ihr Geschreibsel geht mich nichts an.

Ich kann es nicht lesen.

Konnte nie lesen.

Und doch faszinieren mich die dunklen Zeichen auf dem weissen Papier.

Was da wohl steht?

 

wir helfen dir zu entkommen

morgen abend beim loch

wir bringen werkzeug und holen dich da raus

sei bereit